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Full text of "Kleine historische romane"

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AUGUST STRINDBERG 

KLEINE HISTORISCHE 
ROMANE 



VERDEUTSCHT VON 

EMIL SCHERINO 




1920 

GEORG MOLLER VERLAG MÜNCHEN 



Deutsche Originalausgabe gleichzeitig mit der 
schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von 
Emil Schering als Übersetzer vom Dichter selbst 
veranstaltet. Geschützt durch die Gesetze und 
Verträge. Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen 

gegenüber Manuskript. ♦ 

13. bis 17. Tausend. 



Copyright 1920 by Georg Müller Verlag Akt.-Ges., 
München, 



TSCHANDALA 

(1889) 



Strindberg, Kleine historiache Roman© ^i; 



Erstes Kapitel 

Der gelehrte Magister Andreas Törner sass an 
einem Apriltage gegen Ende des 17. Jahrhunderts 
in seiner Stube in einem Fachwerkhause der Kleinen 
Graubrüderstrasse zu Lund und hing 'schwermütigen 
iGedanken nach. Die Studenten der kürzlich ge- 
stifteten Universität, zum grössten Teile Dänen, die 
schwedische Sprache und schwedische Sitten lernen 
sollten, hatten wie gewöhnlich Unfug angestellt und 
Ulk getrieben, sich abor so Idug dabei benommen, 
dass die Schuldigen nicht ertappt werden konnten. 
Der Magister, der nie aufs Katheder stieg, ohne eine 
geladene Reiterpistole aus seiner hinteren Tasche 
hervorzuholen und sie ostentativ neben sein Was- 
serglas zu legen, hatte heute gleich bei Beginn der 
Vorlesung das Malheur gehabt, sich auf den Fuss- 
boden zu setzen, weil der Stuhl zerbrochen und 
nur ganz schwach zusammengeleimt war. Eine Hei- 
terkeit war dabei nicht zum Ausbruch gekommen, 
leider nicht; denn nun konnte er niemanden die 
Sache entgelten lassen, und Untersuchungen nach 
dem Übeltäter anzustellen, hiesse scharf in die leere 
Luft schiessen. 

Der Missmut des Magisters hatte auch eben erst 
neue Nahrung erhalten; er hatte gedacht, da sich 
das Semester seinem Ende näherte, den Sommer 
in Växjö zubringen zu können, wo er zu Hause war, 

1* 



KLEINE HISTORISCHE ROMANE 



— Ich habe ein Schloss! rief er endlich aus. 
Der Magister rümpfte die Nase. 

— Das heisst, wenn man so wünscht. Darf ich 
sonst fragen, was der Herr haben will? 

— Ich will nur eine gute Wohnung mit Garten 
haben . . . 

— Ja, ich bin Gärtner, fiel der Unbekannte ein. 
Der Magister dachte, seine weisse Hautfarbe deute 

nicht darauf, dass er im Garten arbeite, Hess aber 
das Wort durchgehen. 

— Seid Ihr der Besitzer? fing er wieder an. 

— Nein, das bin ich nicht, ich bin nur der Ver- 
walter, aber die Baronin sitzt unten im Wagen, wenn 
sich der Herr Magister hinunter bemühen wollen. 

Als der Magister hinunter kam, unterhandelte die 
sogenannte Baronin schon mit seiner Frau. Die 
„Baronin*' sass in einer grossen Karosse aus der 
Zeit der Königin Christine; zwei lächeriiche Pferde 
trugen ein Geschirr, das mit der Freiherrnkrone v^- 
sehen war. Auf dem Kutschbock sass ein Mann, 
der mit einer papageifarbenen Livree bekleidet war; 
jedes Mal, wenn er sich nach der Herrschaft umsah, 
grinste er geringschätzig. Die Baronin sah recht 
seltsam aus, äusserst simpel, trug aber ein Pracht- 
gewand aus der Zeit der letzten Vormundschafts- 
regierung. 

Da keine ordentlichen Verhandlungen stattfinden 
konnten, bevor die Mieter nicht die Wohnung be- 
sichtigt hatten, wurden der Magister und seine Frau 
eingeladen, in den Wagen zu steigen und an Ort 
und Stelle zu fahren: es sei eine Meile ausserhalb 
der Stadt an der grossen Heerstrasse zwischen 
Landskrona und Hälsingborg. 

Während die Gesellschaft auf dem schmutzigen 
Wege dahin fuhr, hatte Magister Törner Zeit, seine 
künftigen Wirte zu betrachten. Die Baronin hatte ein 



TSCHANDALA 



sonnenverbranntes rundes Katzengesicht mit Fisch- 
augen und schlechten Vorderzähnen. Sie sah aus 
wie eine Grünkramhökerin oder Gärtnerfrau; kein 
einziger Zug verriet Bildung. Der Gärtner oder 
Verwalter wechselte jede fünfte Minute seinen Aus- 
druck. Sein bleiches Gesicht war zu bleich für einen 
Nordländer, seine grossen braunen Augen mit weit- 
aufgesperrten Pupillen blickten meist gegen den 
Boden oder nach den Seiten. Die Kleider sassen 
ihm schlecht: die Jacke guckte über den Kragen 
des Mantels heraus; um den Hals trug er ein Tuch 
aus rotem Sammet mit Goldstickerei, das aussah, 
als sei es aus einem Messgewande oder einem Kissen 
geschnitten. Die hirschledernen Handschuhe waren 
augenscheinlich zu gross und wurden aus- und an- 
gezogen, als genierten sie; als sie ein Mal auf den 
Knien liegen blieben, bemerkte der Magister einen 
grossen Diamantring an einer schmutzigen unge- 
pflegten Hand. Der Stein war zu gross, um echt 
zu sein, wenn auch die Fassung wohl wirkliches 
Gold war. An dem breitkrempigen Hute sass eine 
Hahnenfeder, die nichts dort zu tun hatte, und die 
Perücke sah aus, als sei sie aus Rosshaar gesponnen. 

Nachdem man eine Weile geschwiegen hatte, 
glaubte die Baronin sich angenehm machen zu müs- 
sen, aber niemand konnte hören, was sie sagte, 
weil der Wagen stark rasselte; der Magister sah 
nur ihr garstiges Lächeln über den schwarzen 
Zähnen, hörte ihre heisere Stimme, die wohl von 
durchzechten Nächten heiser geworden war, und 
fühlte, wie sich ihre Kaltwasserblicke auf ihn rich- 
teten. Er hätte gern zum Fenster hinausgesehen, 
aber das sass zu niedrig, und er war so festgeklemmt 
im Wagensitz gegenüber der vierzigjährigen Dame, 
dass er ihr ins Gesicht sehen und mit seinem Mienen- 
spiel zu erkennen geben musste, dass er ihr Ge- 



KLEINE HISTORISCHE ROMANE 



plapper anhörte. Die Landschaft sah auf beiden 
Seiten des Weges verwüstet und öde aus; man fuhr 
an Schlossruinen vorbei und halb niedergebrannte 
Windmühlen zeigten das ganze Radwerk in der 
klaren Frühlingsluft. Die Gesprächsstoffe, die zur 
Hand lagen, konnten xier Eintracht gefährlich wer- 
den, und man nahm von neuem zum Schweigen 
als dem sichersten Ausweg seine Zuflucht. 

Nachdem man eine Stunde gefahren war, näherte 
sich der Wagen einem grossen Buchenwalde, der 
sich über den schwachen Landrücken zwischen Land- 
krona und Hälsingborg erstreckte. Nach einer wei- 
teren Viertelstunde hielt der Wagen vor einem hohen 
eisernen Tor, das an zwei massiven, mit Obelisken 
und Kugeln versehenen Steinpfeilern hing. 

Die Gesellschaft stieg aus und die Baronin schellte 
mit einer alten Tischglocke. Deren Klang wurde 
von einem dumpfen Hundegebell beantwortet, das 
aus der Erde zu kommen schien, ein vielfaches 
merkwürdig gedämpftes Gebell wie von einer Jagd, 
die weit entfernt im Walde stattfindet. Der Ver- 
walter wandte sich verlegen ab, aber der Kutscher 
grinste offen, als habe er etwas Böses getan. Die 
Baronin schellte noch ein Mal, und heraus kam ein 
drolliges Bürschlein von liederlichem Aussehen; es 
sah aus wie ein Mohr, der das Lachen kaum unter- 
drücken konnte. 

Der Magister, der wieder das geheimnisvolle 
Hundegeheul hörte, nahm sich die Freiheit, zu fragen, 
ob man viele Hunde halte; darauf antwortete die 
Baronin, der Gewohnheit des Hauses getreu, mit 
einer Frage: 

— Liebt Ihr Hunde nicht? 

— Ich verabscheue Hunde, antwortete der Ma- 
gister. 

— Das passt ausgezeichnet, denn wir haben nur 



TSCHANDALA 



einen Kettenhund, der immer an der Kette liegt, 
und dann einen kleinen, der den ganzen Tag auf 
dem Bette schläft, antwortete die immer entgegen- 
kommende Baronin, während der Kutscher ganz 
ungeniert grinste und der Mohrenbengel aussah, als 
habe er Herzweh gehabt. 

Inzwischen war das Tor geöffnet worden und 
durch eine schwarze Fichtenallee wanderte man zum 
Schlosse hinauf. Es war ein dunkles Flügelgebäude, 
recht einfach, schien einem Kronvogt oder dessen- 
gleichen gehört zu haben. Aber in den Ecken hatte 
man vier Bodenräume angebaut, die als Türme 
dienten, und vor der mangelhaften Treppe war ein 
Torgebäude in unbekanntem Stile aufgemauert. Alles 
sah baufällig aus; die Dachrinnen waren undicht, 
der Kalk blätterte von den Mauern ab. Die einen 
Fensterrahmen waren grün gestrichen, die andern 
weiss, als habe die Farbe nicht gereicht; in der 
Kellerwohnung hatte man mitten in der Fassade 
ein Fenster herausgenommen, und so konnte man 
eine Hobelbank mit Tischlergeräten sehen. Durch 
die Allee war tnan in Schmutz gegangen und Schmutz 
lag in Haufen vor der Tür. Schmutzig waren 
die Türpfosten, schmutzig die Fensterscheiben, 
schmutzig das Türschloss — und zwar so schmutzig, 
dass der Magister seiner Frau andeutete, sie müssten 
umkehren. Aber es war jetzt zu spät und man wollte 
die Leute nicht verletzen. 

Nachdem man eine halbe Stunde nach dem 
Schlüssel gesucht hatte, konnte die Tür endlich ge- 
öffnet werden. Man trat in einen hässlichen Haus- 
flur, aus dem ein Gestank von verfaultem Fleisch 
oder feuchten Hunden den Eintretenden entgegen- 
schlug. Eine enge Holztreppe, die aussah, als sei 
sie seit Jahr und Tag nicht gescheuert worden, 
führte zur Wohnung hinauf. Das Geländer hing 



10 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

lose herab, war dafür aber mit rotem Sammet über- 
kleidet, den Messingstifte festhielten; doch reichte 
der Sammet nur halb die Treppe hinauf. Oben war 
das Geländer bloss, schmutzigbraun, mit einer selbst- 
bereiteten Farbe beschmiert und trug Spuren von 
ungewaschenen Händen. 

Als die Gesellschaft den Flur des oberen Stock- 
werks erreicht hatte, musste man über Farbentöpfe, 
Bierfässer, Mauerkellen und Eisenschrot klettern. 
Der Magister wurde zornig und wollte seiner Wege 
gehen, da aber wurde er mit einer Sturzsee von 
Entschuldigungen überschüttet: man bessere aus 
und dergleichen. Im nächsten Augenblick war man 
in einem grossen prachtvollen Saale, den Sonnen- 
schein erfüllte. Da klärte sich das Gesicht des Ma- 
gisters auf, besonders als er eine Tür auf einen 
Balkon hinausführen sah, der das Dach der grossen 
Haustür bildete. 

Der Saal war bis zur Mannshöhe mit Eichenholz 
getäfelt; die Decke mit Arabesken gegipst und mit 
Malereien verziert. Die geschliffenen Prismen einer 
alten Glaskrone brachen die Sonnenstrahlen in allen 
Farben des Regenbogens und warfen sie auf den 
kolossalen Kamin, der mit einem zerbrochenen Wap- 
pen geschmückt war. Die Möblierung entsprach 
nicht der Ausschmückung des stattlichen Raumes 
und bestand fast nur aus Musikinstrumenten in 
mangelhaftem Zustande. Ein hinkendes Klavier mit 
wenig Saiten, eine mit Hanflitzen bespannte Harfe, 
eine Laute, eine Geige, eine Posaune waren im 
Zimmer verstreut. Auf einem elenden Tische standen 
zwei halbgeleerte Gläser, die Ringe abgesetzt hatten ; 
neben ihnen lagen Brotrinden und eine Speck- 
schwarte als Reste einer Mahlzeit, die jemand auf 
der schmutzigen Tischecke eingenommen hatte. 

Der Boden wir mit Kalk und Lehm beschmiert 



TSCHANDALA H 



und von Erdklumpen, die Spuren von Holzschuhen 
trugen, befleckt. Was aber im höchsten Grade den 
Aufenthalt im Zimmer unangenehm machte, war ein 
durchdringender Gestank: dieselbe Mischung von 
Spülwasser, unreiner Wäsche, alten Kleidern, ver- 
faultem Fleisch und nassen Hunden, die der Magister 
schon auf der Treppe gespürt hatte. Von der ver- 
dorbenen Luft halb erstickt, öffnete er die Balkon- 
tür und Hess den Frühlingswind einströmen. Die 
Baronin merkte, welchen unangenehmen Eindruck 
das Haus machte und entfernte sich, um ein Glas 
Wein zu holen. Sobald der Verwalter sich von 
Zeugen befreit fühlte, Hess er seine Zunge frei laufen. 

Dieses Schloss sei von König Christian dem 
Vierten gebaut worden, erzählte er, und diesen Saal 
habe AUerhöchstderselbe selbst bewohnt, weshalb 
er auch der Königssaal genannt werde. Der Gross- 
vater der Baronin sei Hofmann bei König Christian 
gewesen, und ihm sei dieses Schloss mit den dazu 
gehörenden Vorwerken verliehen worden; nachdem 
aber das Land erobert, habe er natürlich die Vor- 
werke abgeben müssen. Die Baronin besitze jetzt 
nur diesen Hof, beziehe aber grosse Renten ; sie 
lebe zurückgezogen und verkehre nicht mit den Nach- 
barn, weil sie die Dänen nicht leiden könne; ihre 
Mutter sei nämHch Russin gewesen — oder auch 
aus anderen Gründen, die der Verwalter jedoch nicht 
erklären könne; jedenfalls würden hier im Hause 
die Schweden nicht gehasst, im Gegenteil. Der Ver- 
walter habe sich noch nie so wohl gefühlt wie unter 
der schwedischen Herrschaft, und die Dänen in 
der Gegend hassten und verabscheuten ihn, ohne 
dass er die Veranlassung näher angeben wolle. 

Nachdem man die übrigen Zimmer besehen hatte, 
kehrte man in den Königssaal zurück, wo sich die 
Baronin schon mit einer Kanne Wein und Gläsern 



12 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

eingefunden hatte. .Während der Wein eingeschenkt 
wurde, ging der Verwalter, ohne dass man es 
merkte, zu einer grossen Uhr, die an der Wand 
stand, und zog an einer Schnur, worauf die Uhr 
ein italienisches Menuett spielte. Dann trank man 
den Wein, aber der Magister wendete sich ab und 
spuckte seinen auf den Balkon, während der Ver- 
walter den Wein als echt rühmte und behauptete, 
er habe ihn direkt aus Frankreich verschrieben; 
was schwer zu bestreiten war, wenn der Magister 
auch dachte, er schmecke nach faulen Äpfeln. 

Als man nach dem Preise der Wohnung fragte, 
wurde der so niedrig angesetzt, dass keine Mei- 
nungsverschiedenheit darüber entstehen konnte. So 
ging man eine Treppe höher, um sich die künftige 
Studierstube des Magisters anzusehen. Die Über- 
raschung war gross, als man durch einen Boden 
wanderte, der mit allen möghchen Hausgeräten, 
Kisten, Möbeln, eisernen Geräten, hölzernen Gegen- 
ständen, tönernen Gefässen, Kleidern, Lumpen, zer- 
schlagenen Gläsern, Tür- und Fensterrahmen, Werk- 
zeugen angefüllt war — alles verschieden und alles 
mehr oder weniger beschädigt. 

Die Verwunderung nahm nicht ab, als man in die 
Turmzimmer kam. Da waren Garderoben mit Ko- 
stümen aus der Zeit Gustavs I. und seiner Nach- 
folger, Hüte, Perücken, Sonnenschirme, Kisten, 
Heüigenschreine, Bücher und Papiere. Als der Ma- 
gister drei Zimmer gesehen hatte und das vierte 
zu sehen wünschte, erhielt er den Bescheid, in dem 
wohne der Verwalter, und man wisse nicht, wo der 
Schlüssel sei. So musste er sich für eines der drei 
zugänglichen Zimmer entscheiden, für den Fall, 
dass man einig wurde. 

Dann ging man in den Garten hinunter. Es war 
ein grosses Grundstück mit vielen Obstbäumen und 



TSCHANDALA 13 



vielen Beerenbüschen ; die Beete waren mit niedrigen 
Buchsbaumhecken eingefaßt, und Spaliergänge, 
Gartenhäuschen und Rasenplätze gab es. Mitten 
im Parke lag ein Karpfenteich, in dem alle möglichen 
Fische sein sollten, sogar Hechte; was dem Ma- 
gister etwas unglaublich vorkam, da auch Karpfen 
und Krebse darin sein sollten. Im Teiche lag ein 
Tempel, zu dem eine Brücke führte. Hier ^and 
ein halber Springbrunnen aus Marmor, der Sockel 
zu einer Statue, ein zerschlagener Delfter Topf, das 
Stück eines Sonnenzeigers. Alles sah verfallen aus; 
die Bäume waren zusammengewachsen und warfen 
bereits Schatten, obwohl das Laub noch nicht grünte. 
Die Wege waren zugewachsen, die Spaliere verfault, 
alles war mit Unkraut bedeckt und verwildert. Aber 
der Verwalter wusste auf alle Fragen zu antworten; 
bemerkte ganz richtig, ein Garten wirke erst, wenn 
er gegraben und bestellt sei; der winterliche Schnee 
habe das meiste verdorben, aber jetzt im Frühling 
würden drei Gärtner kommen, und dann würde es 
anders werden. Der Magister Hess mit sich reden, 
und als er das Treibhaus sah, wo schon Melonen 
zwischen blühenden Pflanzen aller Art wuchsen und 
der Kerbel zollhoch stand, fand er Gefallen an dem 
Hofe. 

Nachdem sie den Garten besichtigt, gingen sie 
wieder hinauf in den Königssaal, wo die Damen 
über Küche und Haushalt geplaudert hatten. Der 
Verwalter füllte wieder die Weingläser; die Baronin 
holte einen kleinen Kasten, aus dem sie eine Dreh- 
orgel nahm, kniete nieder und spielte eine Gavotte 
aus dem berühmten Ballett der Königin Christine. 
Während des Spiels verschwand der Verwalter. 

Der Magister und seine Frau tauschten erstaunte 
Blicke aus über die sonderbaren Menschen und 
flüsterten sich verstohlen Bemerkungen zu über all 



14 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

das Geheimnisvolle, was sie gesehen und gehört 
hatten. Eine Baronin, die im Schmutz kniete und 
Drehorgel spielte, wie eine Zigeunerin gekleidet war, 
sich weder gewaschen noch gekämmt hatte, nicht 
mehr daran dachte, zu welchem Zweck die Gäste 
gekommen waren, wie ein Trinker das Glas bis 
auf den Grund leerte — das war, milde gesagt, 
etwas ungewöhnlich. 

iWährend sie darüber nachdenken, tritt der kleine 
Mohr ein und bringt einen Tisch mit einer un- 
sauberen Decke. Er stellt den Tisch mitten ins 
Zimmer und bedeckt ihn mit einigen Gegenständen 
von seltsamem Aussehen. Darauf erscheint der Ver- 
walter wieder, im Kostüm eines Taschenspielers, 
einen Zauberstab in der Hand. 

Der Magister glaubt jetzt, er sei in ein Irren- 
haus gekommen, wird aber in seinem Verdacht vom 
Verwalter unterbrochen, der mit großen Worten ver- 
kündet, er verwalte nicht nur den Hof, sondern sei 
auch Zauberkünstler; als solcher habe er die größten 
Städte von Europa besucht und außerordentliches 
Glück gemacht. 

»Während die Baronin unverdrossen ihren Leier- 
kasten dreht, singt der Verwalter zu dieser Beglei- 
tung ein Lied vom Grafen von Luxemburg, der 
im Bunde mit dem Teufel und mit Giftmischerinnen 
steht. Sein Aussehen hatte er jetzt vollständig ge- 
ändert, und der demütige Gärtner focht mit den 
Armen wie ein Wilder, rollte die Augen und zeigte 
seine grossen w.eissen Zähne. 

— Er sieht aus wie der Teufel selbst, flüsterte 
Frau Törner dem Magister zu und wollte fortgehen ; 
aber der Magister, der sonst nicht ängstlich war, 
riet ab, die Wirte zu unterbrechen, da man nicht 
wissen könne, in was für ein Haus man geraten, 
ob es Verrückte oder Banditen seien. 



TSCHANDALA 15 



Wieder wechselt der Verwalter seine Maske und 
nimmt mit groben Gebärden die Manieren des 
liebenswürdigen Taschenspielers an. Er will jede 
.Wette eingehen, dass er aus seinem Hut eine Kanne 
Glühwein hervorzaubern kann. Der Magister, der 
diese Kunst und noch schwierigere kann, spielt den 
Erstaunten und geht die Wette ein. Der Wein kommt 
wirklich hervor, und der Verwalter ist stolz auf seine 
eingebildete Geschicklichkeit, während die Baronin 
bewundernd in die Hände klatscht. 

Inzwischen ist die Sonne untergegangen und der 
Abend bricht an. Der Magister bittet, aufbrechen 
zu dürfen, um vor der Nacht nach Hause zu kommen. 
Wirklich gibt der Verwalter Befehl, die Pferde an- 
zuspannen. Aber während man auf den Wagen 
wartet, macht der Taschenspieler das eine Kunst- 
stück nach dem andern ; alle aber sind von der dürf- 
tigsten Art, wie ein Jahrmarktsgaukler sie zu bieten 
pflegt. 

Eine Stunde ist vergangen, und der Wagen ist 
noch nicht vorgefahren. Da wird der Magister zornig 
und sagt, er wolle fort, auch wenn er sich in der 
nächsten Schenke einen Wagen mieten müsse. Seine 
Frau hat gefroren, und da sie kränklich ist, glaubt 
sie, sie seien in einen Hinterhalt gelockt. Der Ver- 
walter spielt den Ritter, hilft der Frau in den Mantel, 
füllt noch ein Mal die Gläser. Dabei legt er, schein- 
bar ohne Absicht, seinen Arm um die Taille der 
Baronin, die berauscht zu sein scheint. Die Däm- 
merung hat sich aufs Land gesenkt, und man trennt 
sich, ohne etwas Bestimmtes über die Wohnung 
abgemacht zu haben; doch hat der Magister ver- 
sprochen, in acht Tagen Bescheid zu geben. 

Auf der Treppe hört man von neuem das unter- 
irdische Hundegebell; als der Magister stehen bleibt 
und lauscht, fährt er zurück, denn ein Schrei ertönt 



16 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

draussen auf dem Hofe, ein Schrei wie von einem 
erschrockenen Kinde, einem sterbenden Fuchs oder 
einer Frau in Kindesnöten. 

— Was ist das? fragte er den Verwalter. 

— Was? fragte der, immer der Gewohnheit des 
Hauses getreu, nicht zu antworten. 

— Habt Ihr nicht den Schrei gehört? 

— Nein. 

Der Magister fasste seinen Hagedornstock fester 
und fixierte den Mann, um zu sehen, ob er log. 
Dann ging er hinunter. Der Wagen war vorgefahren, 
und der immer grinsende Kutscher stand daneben; 
mit Mühe hielt er das Lachen zurück, indem er sich 
stellte, als reibe er die Pferde mit seinem Rockärmel 
ab. Und jetzt sah der Magister, dass die Pferde nur 
aus Haut und Knochen bestanden; dass das Fell, 
das einst weiss gewesen, jetzt beinahe gelb geworden 
war und grosse schwarze, braune, rotgelbe Flecken 
hatte, an denen der Schmutz wie Schorf hing. 

Nachdem der Verwalter wieder und wieder ver- 
sichert hattCj dieser Hof sei der beste, der stillste., 
der billigste, den sie finden könnten, fuhren der Ma- 
gister und seine Frau davon, fest entschlossen, ihren 
Fuss nicht mehr in dieses Haus zu setzen. 



ZweitesKapitel. 

Am nächsten Morgen ging Magister Törner in 
Lund zu dem Krämer, um sich nach dem Hofe 
„Bögely", den dieser ihm empfohlen, zu erkundigen. 
Der Krämer lächelte und gab zu, dass die Leute 
etwas seltsam und „apart" seien, meinte aber, dass 
man nie etwas Böses über sie gehört habe. Der 
Mann stamme von Zigeunern ab und sei als Kut- 
scher zur Baronin gekommen, sei dann zum Ver- 
walter aufgestiegen und schliesslich ihr GeHebter 
geworden. Ihr Vater sei auch ein kurioser Mensch 
gewesen, der Holzschuhe und Lumpen getragen 
habe; ihre Mutter habe zuzeiten an Geistesstörung 
gelitten; auch sei die Ehe so unglücklich gewesen, 
dass die Eltern in ihr Testament die Bedingung 
setzten, die Tochter dürfe sich nicht verheiraten, 
falls sie nicht ihr Erbe verwirken wolle. 

Der Magister glaubte genug gehört zu haben und 
wollte die ganze Sache fallen lassen, als sei es etwas 
Gleichgültiges, das ihn nichts anging. 

Aber mit der Macht des Geheimnisvollen und Un- 
gewöhnlichen drängte sich ihm der Anblick des 
dunklen Hauses wieder auf. Als der Frühling in 
den ersten Tagen des Mai endlich kam, ohne dass 
der Magister eine passende Sommerwohnung ge- 
funden hatte, fasste er einen raschen Entschluss 
und mietete „Bögely". Am meisten lockte ihn viel- 
leicht dabei die Erinnerung an den weitgestreckten 

Strindberg, Kleine liistorisclje Romane 



18 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

alten Garten, wo er seltene Pflanzen zu finden hoffte, 
sowohl für sein Lehrfach, die Wirtschaft, wie für die 
Materia medica. 

Als dann die Störche kamen und die Nachtigall 
schlug, nahm der Magister alles Seine und alle 
Seinen, verliess die Stadt und zog in das geheimnis- 
volle Haus ein. 

Alles befand sich in demselben Zustande wie 
früher, und acht Tage waren nötig, um zu fegen, 
zu scheuern, aufzuräumen. Alles war verfallen; an 
den Fenstern fehlten die Haken und mehrere Schei- 
ben waren durch Blech ersetzt; die Türen hingen 
an einer Angel, alle Schlösser waren entzwei, so 
dass der Magister bei offenen Türen schlafen musste ; 
da er aber wusste, dass die Hausbewohner harmlose 
Menschen waren und in guten Verhältnissen lebten, 
nährte er keinen Verdacht, sondern Hess die Bum- 
melei gehen, nachdem er vergeblich gebeten hatte, 
einen Schlosser kommen zu lassen. 

Auf den Spaziergängen, die er jetzt an den schönen 
Frühlingstagen im Garten unternahm, machte er 
indessen die eine Entdeckung nach der andern, die 
ihn in dem Glauben bestärkten, er habe es aller- 
dings mit einem halbverrückten Menschen zu tun, 
zugleich aber auch mit einem Lügner. Tag für 
Tag merkte er, daß die Anzahl der Hunde wuchs: 
als acht Tage vergangen waren, streiften acht 
grössere und kleinere Hunde umher, lagen auf den 
Treppen, bellten Sonne, Wind, Krähen an, alles, 
was in ihren Gesichtskreis kam. Und alle sahen 
verhungert aus, wie schlecht ausgestopfte Tiere vom 
Theatrum Zoologicum. Die Hausbewohner hatten 
also frech gelogen, und der Magister wäre wütend 
geworden, wenn nicht Jensen so demütig ausge- 
sehen und sich alle Mühe gegeben hätte, liebens- 
würdig zu sein. 



TSCHANDALA 19 



Ein Hinterhof trennte den Stall vom Wohnhause: 
das war ein Prachtstück von Unordnung. Da wan- 
derten die Tiere durcheinander wie in Noahs 
Arche: zwei Färsen, mager wie Meerkatzen, eine 
Kuh ohne Euter, drei Gäule, Hühner, Enten, Puter. 
Und auf dem Dache des Abtritts, der den Hof 
auf der einen Seite begrenzte, war ein Kaninchen- 
haus eingerichtet, mit einem Gitter versehen, um 
die Tiere gegen die Hunde zu schützen. 

Obgleich Jensen und die Baronin beständig davon 
sprachen, wie sehr sie Tiere liebten, bekamen diese 
fast nichts zu fressen; die Pferde kauten Häcksel 
ohne Hafer, die Kühe leckten das Moos und den 
Schimmel von den Wänden oder zogen die Stroh- 
halme aus dem verfaulten Stalldach; das Federvieh 
schlug sich um den Dünger. Im Stalle lag keine 
Streu, sondern die Tiere schliefen auf ihrem Mist. 
Mitten in diesem Elend spazierten jedoch zwei 
Pfauen und zeigten ihren Staat den neidischen 
Putern, die nicht faul waren, ihnen in den Kamm 
zu fliegen. 

Der Magister setzt seine Untersuchungen fort und 
kommt zu dem Kellerfenster an der Fassade des 
Hauses, wo er die HobelHank gesehen hat. Als er 
hineinblickt, sieht er das grinsende Gesicht des 
Kutschers und hinter diesem im Halbdunkel ein 
zweites mit rotem Bart. 

— Zum Teufel, habt ihr hier auch eine Tischler- 
werkstätte? fragt Magister Andreas erstaunt, als er 
den in Livree gekleideten Kutscher dort mit einem 
Hobel in Ausfallstellung stehen sah. 

— Ja, was hat man nicht alles hier im Hause! 
antwortet Madsen und macht ein pfiffiges Gesicht, 
aber das soll natürlich niemand erfahren. 

— Wer besorgt denn die Landwirtschaft und die 
Tiere ? 



20 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Das tut wohl Iwan, glaube ich. 

— Wer ist Iwan? 

— Das soll der Bruder des Verwalters sein, be- 
hauptet man. 

-- Der Kleine? 

-Ja. 

— Aber ist denn der Verwalter nicht Landwirt? 
fragt der Magister von neuem, immer verblüffter 
über diesen Haushalt, der so voller Überraschungen 
war. 

— Der Verwalter soll Stuhlmacher sein, antwortet 
Madsen, und ein lautes Lachen ist aus dem Keller 
zu hören. 

Der Magister wollte sich nicht zum Vertrauten 
oder Mitschuldigen der Dienstboten machen, des- 
halb unterbrach er das Verhör und ging in den 
Garten. Der Monat Mai war schon weit vorgerückt, 
aber noch war kein Spaten in die Erde gekommen. 
Das Unkraut stand hoch, und Tussilago hatte schon 
ausgeblüht und Samen angesetzt. Als er zum Treib- 
hause hinunter kam, sah er, dass die Melonen ver- 
trocknet waren und ellenhohes Unkraut die Blumen 
verbarg. Da er es schade fand, dass die Arbeit 
von Monaten auf diese Weise vergeudet wurde, öff- 
nete der Magister die Tür und ging hinein, um zu 
retten, was noch zu retten war. Erst jetzt, als er 
hineinkam, entdeckte er, dass es kein gemauertes 
Treibhaus sondern ein Bretterschuppen war, über 
einer Erdhöhle gebaut und mit Stroh und Erde 
gedeckt: Wind und Regen hatten freien Zutritt. 
Ofen und Wärmeleitung waren allerdings vorhanden, 
aber alles sah wie Schwindel aus; die Fenster 
waren von den Mistbeeten genommen, und diese 
lagen offen und vernachlässigt da, ohne dass ein 
Same in sie hineingekommen wäre. 

Der Magister begann das Unkraut auszureissen ; 



TSCHANDALA 21 



noch war er nicht weit damit gekommen, als er etwas 
Kaltes und Unangenehmes seinen Hals berühren 
fühlte. Er drehte sich hastig um, indem er zur Seite 
trat, und gewahrte eine grosse schwarze Ringel- 
natter, die vom Dach herabhing und mit der aus- 
gestreckten Zunge spielte. Der Magister hob augen- 
blickUch den Spaten, um das Tier zu erschlagen, 
aber im selben AugenbUck hörte er eine ängstliche 
Stimme von der Tür bitten: 

— Um des Himmels willen, schlagt meine Natter 
nicht tot! 

Es war der Verwalter. 

— Warum soll ich sie nicht totschlagen? fragte 
der Magister erstaunt. 

— Weil die Natter ein heiliges Tier ist und Glück 
bringt. 

— Es gibt keine heiligen Tiere mehr, antwortete 
der Magister, der im geheimen Anhänger der Philo- 
sophie des Cartesius war. Wenn sie Glück bringen 
soll, so ist es jedenfalls hier nicht zu merken. War- 
um habt Ihr die Melonen nicht begossen? 

Der Verwalter überlegte einen Augenblick, dann 
antwortete er: 

— Ja, das ist eine Sorte, die kein Wasser braucht. 

— Was ist das für eine Sorte? 

— Das sind haarlemer Melonen! antwortete der 
Verwalter, der Zeit gefunden hatte, sich auszureden. 

Der Magister musste sich seine Unwissenheit ge- 
stehen und blieb die Antwort schuldig. 

Erst als sie aus dem Treibhause herausgekommen 
waren, merkte er, dass sich der Verwalter den Bart 
abrasiert hatte: dadurch waren zwei grosse Lippen 
mit einer Menge spielender Züge sichtbar geworden. 
Ausserdem trug er eine gelbe Sammetjacke mit 
blauem Halstuch, eine seltsame Mütze, wie sie nur 
Rosstäuscher benutzen, mit einer Pfauenfeder; dazu 



^2 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

kamen rote Strümpfe und eine blonde Perücke. Es 
war schwer, ihn wieder zu erkennen. 

Der Magister begleitete ihn durch den Garten, 
zeigte auf die Verwüstung und fragte, ob die Beete 
nicht bald umgegraben würden. 

— - Ja freilich, und fein wird es werden, wenn ich 
nur den richtigen Gärtner von Rosenborg bei Kopen- 
hagen kriegen könnte; aber der ist augenblicklich 
nicht frei. 

Sie schritten gerade über zwei lange Gartenbeete, 
aus denen unter Kletten und Wolfsmilch lange 
grüne Stengel in die Höhe schössen. Der Magister 
wurde auf sie aufmerksam. 

— Was? Lasst Ihr Euern Spargel in die freie 
Luft hinauf schiessen? rief er aus. Warum macht 
Ihr nichts dabei? 

Der Verwalter trommelte mit den Fingern auf 
seinem Kinn herum, schob die Oberlippe vor, um 
altklug auszusehen, und antwortete: 

— Nein, wir ernten sie dieses Jahr nicht, denn 
sie werden besser, wenn sie einen Sommer über 
stehen bleiben. 

— Ja, aber ich habe gehört, dass sie holzig 
werden, wenn man sie nicht pflegt und sticht, er- 
widerte Magister Andreas. 

— Mag sein, dass es weiter nördlich so ist, meinte 
der Verwalter; aber in diesem lockeren Boden ist 
es vielleicht etwas anderes, antwortete der niemals 
um eine Antwort Verlegene. 

Und sie gingen weiter. Als sie durch den Garten 
gekommen waren und die Felder erreichten, er- 
wartete den verblüfften Magister eine neue Über- 
raschung. So weit das Auge reichte, erstreckte sich 
ein ebener Acker mit dem schönsten Boden; davon 
aber lagen vier Fünftel brach und waren mit Un- 
kraut bewachsen; ein Teil des Restes war Gras- 



TSCHANDALA 23 



boden. ein Teil zeigte etwas grüne Mischsaat, und 
auf dem letzten Stück war schliesslich Iwan mit 
einer Egge beschäftigt. 

— Habt Ihr noch nicht gesäet? wagte Magister 
Andreas von neuem zu fragen, ohne seiner Frage 
jedoch einen vorwurfsvollen Ton zu geben. 

— Nein, antwortete der Verwalter flink nach 
seiner eingelernten Gewohnheit, ohne aber zu wis- 
sen, wie er sich jetzt ausreden solle. Nein, wir 
säen immer spät; dann kann man sicher sein, dass 
die Aussaat nicht verfault. 

— Das ist höchst seltsam! erwiderte der Ma- 
gister. Ist das eine neue Methode? 

— Ja, eine ganz neue. 

Sie gingen weiter über die Felder und blieben 
beim Grünfutter stehen. Es war eine Mischung von 
Roggen und Gerste, Disteln und Zichorie, Rüben 
üÄd Erbsen; ja, sogar Porree war darunter. Der 
Magister lachte heimlich, wollte aber nichts dazu 
sagen. 

. — Wo habt Ihr Eure Landwirtschaft gelernt? 
fragte er, um etwas zu fragen. 

Ein unangenehmes Schweigen trat ein. 

— Ich habe beim Grafen Bille-Brahe auf Fünen 
gelernt. 

— Und Ihr bestellt Euern Hof ohne Leute? 

— Ich bestelle ihn selbst, und Iwan bestellt ihn 
auch, und er kann tüchtig arbeiten, so klein er ist. 

— Wer ist Iwan? fragte der Magister, um zu 
sehen, wie weit der Verwalter seine dumme Frech- 
heit treiben würde. 

— Er ist ein armer Kätnersohn aus der Gegend 
von Landskrona, dem ich weitergeholfen habe, ant- 
wortete der Zigeuner. 

In diesem Augenblick fuhr die Egge vorbei, über 
den ungepflügten Boden hoppsend; obendrauf lag 



24 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Iwan, die Zügel um den Nacken, und sang aus 
voller Kehle. 

Der Magister hatte genug gesehen; aber es war 
ihm nicht gelungen, herauszubekommen, mit was 
für Leuten er es zu tun hatte: ob es verrückte 
Menschen oder Banditen oder beides waren. 



Die Baronin Hess sich einige Wochen lang nicht 
sehen; es hiess, sie sei krank; trotzdem wurde in 
ihrem Zimmer die halbe Nacht gespielt und ge- 
sungen. Und dem Magister fiel es auf, dass man 
den Verwalter niemals auf aeine Bodenkammer 
hinaufgehen hörte. Als er gelegentlich Iwan fragte, 
wo der Verwalter wohne, zeigte dieser auf ein 
Fenster im ersten Stock. Das war eben das Zim- 
mer, das die Baronin bewohnte; und die Tür ging 
auf denselben Flur, der zur Wohnung des Magisters 
hinaufführte. Die Tür war immer geschlossen, und 
wenn der Magister oder jemand aus seinem Haushalt 
anklopfte, um nach einem von den Hausgenossen 
zu fragen, wurde die Tür erst nach langem Klopfen 
geöffnet, und dann nur ganz wenig; den Bescheid 
erhielt man durch die Türspalte, während eine 
Menge Hunde wild lärmten. Wer zufällig ins Zim- 
mer hatte bUcken können, hatte nur etwas Kohl- 
schwarzes gesehen und einen unerträglichen Ge- 
stank gerochen. 

Eines Tages, als der Magister in seinem grossen 
Saale sass, hörte er hinter der geschlossenen Tür, 
die in das Zimmer der Baronin führte, einen Hahn 
krähen. Das Dienstmädchen behauptete, sie habe 
darin auch Zicklein meckern und Tauben gurren 
gehört. Da man nun aber ein Mal draussen war 
und der Vertrag bis zum 1. Oktober lief, machte 
man es sich zur Regel, sich nicht in fremde An- 



TSCHANDALA 25 



gelegenheiten zu mischen, noch durch zudringUche 
Nachforschungen Misstrauen und Groll zu erregen. 
Trotz diesen guten Vorsätzen hatte Magister 
Törner einen harten Kampf mit seiner Neugier zu 
bestehen. Zur Forschung erzogen, gab er niemals 
eine Untersuchung auf, bis er nicht den Kern der 
Sache gefunden hatte; und alles, was ihm beim 
ersten Blick unerklärhch vorkam, reizte in hohem 
Grade seine Forscherlust. So ging es ihm jetzt mit 
dem geheimnisvollen Hause und dessen seltsamen 
Bewohnern. Eine Baronin, die Vermögen besass, 
es aber gern schmutzig und unbequem um sich 
hatte; ein Tierfreund, der seine Tiere verhungern 
Hess; ein Zigeuner, der Stuhlmacher, Bönhase, 
Taschenspieler, Gärtner und Landwirt war, aber 
nicht einmal einen Fensterhaken machen konnte, 
der nichts von Spargeln verstand, noch wusste, 
wann Roggen gesäet werden soll; der bei jedem 
Wort, das er sprach, log; der sich verkleidete und 
zwei Male am Tage seine Gestalt wechselte — 
da war viel zu forschen und zu ergründen. Da er 
von seinem Turmfenster Hof, Garten und Felder 
überblicken konnte, seine Fenster ausserdem über 
denen der Baronin lagen, hatte er eine gute Ge- 
legenheit, zu beobachten und zu lauschen. Sein Ge- 
wissen machte ihm allerdings Vorwürfe, dass er 
seine Nase in fremde Angelegenheiten stecke; aber 
er sollte ja von Amts wegen in Erfahrung bringen, 
wie das Volk dachte; auch wollte er sein^ et- 
waigen Entdeckungen nicht anders verwerten als 
zu seinem eigenen Vergnügen. 



Drittes Kapitel 

An einem Vormittage im Juni, als die Sonne hoch 
am Himmel stand und die Uhr elf sein mochte, lag 
Magister Andreas in seinem Turmzimmer und 
rauchte die Pfeife. Es war eine stürmische Nacht 
unten bei der Baronin gewesen, denn der Verwalter 
hatte bis zum Morgen gesungen, gespielt und ge- 
trunken. Darauf war es bis jetzt still gewesen, das 
heisst unten in der Wohnung, aber keineswegs 
draussen auf dem Hofe. Die Pferde stampften vor 
Hunger im Stalle und bissen in die Krippen, die Kuh 
brüllte, die Ziegen meckerten, die Hähne krähten, 
die Puter glucksten und die Pfaue schrien wie be- 
sessen. So hatten sie es sechs Stunden gemacht, 
seit Sonnenaufgang. 

Schliesslich wird ein Fenster geöffnet und die 
schwarze Hühnerdiebperücke des Verwalters guckt 
heraus; einen Augenblick später zeigt sich seine 
gelbe Jacke unten auf dem Hofe. Er öffnet zuerst 
eine kleine Luke für die Hühner, die so eifrig in 
die Sonne hineinstürzen, dass sie zu zweien in der 
Luke hängen bleiben ; sobald sie heraus sind, erobern 
sie den Dunghaufen. Dann kommen die Enten ge- 
watschelt, spülen den Hals mit einer braunen 
Flüssigkeit, die sich in den Radspuren gesammelt 
hat, und eröffnen die Belagerung des Dunghaufens, 
von dem sie die Hühner vertreiben, indem sie sie 
in den Schwanz beissen. Die Pfaue sehen eine 



28 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

»Weile hochmütig zu, wie die Enten reines Haus 
machen; dann laufen sie Sturm gegen den Dung- 
haufen, wischen mit ihren langen Schwanzfedern 
den Enten über den Schnabel und beissen sie mit 
ihren Raub vögelschnäb ein in den Nacken. Als sie 
die Position oben auf dem Haufen erobert haben, 
hissen sie ihre Flagge, drehen sich im Triumph 
rings herum, indem sie mit ihren schokoladenfarbigen 
Wunderflügeln schlagen, und stossen in die Trom- 
pete, um die Puter zum Zweikampf herauszufordern. 
Die lassen nicht auf sich warten, und die beiden 
Hähne beugen den Nacken zurück, pumpen rotes 
Blut in die Brustkrause, spannen die Flügel wie 
Schilde und springen auf den weichen Wall hinauf. 
Aber sie können nicht wenden, und so greifen sie 
mit Flügeln und Sporen von der Seite an; und wenn 
die Pfaue nicht standhalten können, erheben sie sich 
und fliegen ein Stück weiter, ohne jedoch den Dung- 
haufen aufzugeben. 

Der Verwalter, der jetzt die Pferde herausgelassen 
hat, nimmt eine Peitsche, und mit einigen gut ge- 
zielten Klapsen auf ihre Halssäcke bringt er die 
Puter zum Schweigen. ^^ 

Die Pferde gehen umher und schnuppern nach 
Strohhalmen, ohne einen zu finden. Die Kuh kommt 
heraus und legt sich sofort nieder. Die Ziegen nagen 
an der Tür des Abtritts, die aus nicht abgerindeten 
Buchenlatten zusammengenagelt ist. Der ganze Hof 
ist jetzt ein Wirrwarr von Tieren. 

Der Verwalter nimmt jetzt eine Sense auf den 
Nacken und geht auf die Felder hinaus. Der Magiste 
kann sehen, wie er auf den halbhohen Roggen ein 
haut, bis er einen kleinen Haufen abgemäht hat 
der wird auf eine Karre geladen. Iwan ist dazu 
gekommen und hilft die Karre auf den Hof fahren 
Dort entsteht jetzt ein Leben! Die Pferde beissen 



TSCHANDALA 29 



und schlagen sich, die Kuh richtet sich auf, die 
Ziegen erheben sich auf den Hinterbeinen und 
reissen von der Karre nieder, soviel sie kriegen 
können. 

Unterdessen steigt der Verwralter auf das Dach 
des Abtritts und gibt den Kaninchen einen Arm voll 
Grünes. Dann legt er sich im Sonnenschein auf den 
Rücken; aber die Peitsche behält er in der Hand: 
wenn sich die Tiere zu toll ums Futter schlagen, 
knallt er. 

Dann kommt die Baronin, in einem himmelblauen 
Kleide, eine Bernsteinkette um den blossen Hals, 
Holzschuhe an den Füssen; sie trägt ein Spülfass, 
in das sie melken will. Sie ist weder gekämmt noch 
gewaschen und kratzt sich zuweilen den Kopf, als 
machten ihr schwierige Gedanken zu schaffen. Die 
Kuh ist störrisch und gibt keine Milch, aber gemelkt 
wird doch. Als die Baronin ihre Verwunderung 
darüber ausspricht, dass keine Milch kommt, ant- 
wortet der Verwalter von seiner Schlafstelle mür- 
risch, die Kuh trage sicher ein Kalb, und dann könne 
sie keine Milch geben. Die Baronin untersucht die 
Kuh oberflächlich, kann aber zu keiner Gewissheit 
kommen. Dann wird es wieder still auf dem Hofe, 
und der Verwalter auf dem Dache fällt in Schlaf, 
behält aber die Peitsche in der Hand. 

Da der Schlafende gerade unter ihm lag, konnte der 
Magister jetzt dessen Gesicht betrachten, während 
es nicht von einem wachen Willen beherrscht wurde. 
Es waren totenbleiche Züge, wilde Linien, die gegen 
einander zu kämpfen schienen, tiefe Furchen, von 
Lastern und Leidenschaften ausgehöhlt; unter den 
Augenlidern zeichneten sich die großen Augapfel 
ab, die noch unter ihrer Decke die Unruhe des 
Blickes verbergen zu wollen schienen. 

Die Kaninchen umschlichen den Schlafenden, be- 



30 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

schnupperten ihn und hüpften dann zurück unter 
einige Bretter; kamen wieder hervor, rochen an 
den Kleidern und rümpften die Nase; spitzten die 
Ohren und legten sie zusammen, wenn sie den Be- 
trunkenen im Schlafe stöhnen hörten. 

So weit war der Magister in seinem Studium des 
Mannes gekommen, dass er Gründe zu haben 
glaubte, ihn für lügnerisch und diebisch zu halten. 
Jede Auskunft, die der Magister ihm über Gartenbau 
und Landwirtschaft gegeben, hatte der Verwalter 
benutzt, aber ohne es einzugestehen, wem er dafür 
zu danken hatte, und ohne danke zu sagen. So 
hatte er, wie der Magister geraten, die Melonen so- 
wohl begossen wie beschnitten, prahlte aber nachher 
selbst mit seiner Weisheit. So hatte er eines Tages 
Spargel gestochen und zeigte dann mit triumphie- 
rendem Gesicht, dass er Spargel zu behandeln ver- 
stehe. Der Magister hatte ihn wie immer gut- 
mütig angehört, sich selbst aber gefragt, wie 
ein Zigeuner, der sich einbildete, recht schlau 
zu sein, so dumm sein konnte, dass er glaubte, 
man könne weder denken noch begreifen. Auf 
der andern Seite hatte der Verwalter dem Ma- 
gister eine hündische Ergebenheit bekundet, wie 
man sie einem Menschen gegenüber zeigt, von dem 
man Geschenke empfangen hat, den man ungestraft 
anführen kann, dem man sehr viel Uneigennützigkeit 
und Ehrlichkeit zutraut. Der Zigeuner liebte ihn, 
wie er versicherte, und ehrte ihn wie ein mit höherem 
Wissen ausgerüstetes Wesen, das mit vollen Händen 
Ratschläge erteilte, die zu wirtschaftlichen Vorteilen 
benutzt werden konnten. Selbst unter lauter Zi- 
geunern aufgewachsen, beugte er sich vor einem 
Menschen, dem er keine Lüge zutraute; aber in 
seiner Bewunderung lag auch etwas Mitleid mit 
diesem Menschen, der nicht Verstand genug bcsass, 



TSCHANDALA 31 



um die List eines andern zu durchschauen. Und 
seiner diebischen Natur getreu, konnte er es nicht 
lassen, seinen uneigennützigen Wohltäter und Freund 
zu betrügen. So hatte der Magister entdeckt, daß der 
Wein, den der Verwalter aus Frankreich eingeführt 
haben wollte, nichts anderes war als Apfelwein, den 
er selbst aus verfaulten Früchten kelterte — ver- 
faulten, weil dann ein dicker brauner Saft herausrann, 
der dem spanischen Alicante glich ; den verwechselte 
er nämlich mit französischem Wein. Hatte der Ma- 
gister den Verwalter gebeten, ihm Esswaren ein- 
zukaufen, brachte dieser stets verdorbene Waren, 
und zwar zum höchsten Preise. Die Erlaubnis, einige 
Blätter von der Petersilie zu pflücken, die halbwild 
unter dem Unkraut des Gartens wuchs, kostete drei- 
mal so viel wie die Petersilie auf dem Markte in 
Lund. Kamen dazu eine Menge Kleinigkeiten, die 
der Verwalter nach dem Vertrage zu leisten hatte, 
von denen er sich aber drückte — so glaubte der 
Magister genügend Material zu haben, um den Mann 
beurteilen zu können. Aber er wurde nicht zornig 
auf den armen Teufel. Da er wusste, wie die 
Menschennatur von Verhältnissen und Erziehung, 
von Nation und Rasse abhängig ist, war es ihm 
nur interessant, dieses Beispiel eines Paria anzu- 
sehen, der eine gewisse Stellung in der Gesellschaft 
erreicht hatte; aus Armut hatte er sich zu Wohl- 
stand aufgeschwungen und sich mit der Tochter 
einer angeblich altadeligen Familie verbunden. 

Als der Magister um zwölf Uhr zu Mittag gegessen 
hatte und wieder in seine Turmkammer hinauf kam, 
lag der Verwalter noch ruhig unten bei seinen Ka- 
ninchen und schlief. Von dem Geräusch, das der 
Magister mit dem Fenster machte, erwachte er, rieb 
sich die Augen, rief Iwan und befahl, alle Pferde vor 
die Walze zu spannen. Darauf sprang er vom Dache 



32 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

herunter, nahm einen Sack mit Aussaat und ging 
aufs Feld hinaus. ' 

Der Magister sah eine Weile dem drolligen Schau- 
spiele zu, wie der Zigeuner in seiner gelben Jacke 
auf dem ungepflügten Felde, das Iwan so geeggt 
hatte, dass die Disteln mit den Wurzeln nach oben 
lagen, säte. Mit gravitätischen Schritten ging er 
dahin und machte grosse Taschenspielergebärden 
mit der Hand, wenn er die Saat ausstreute, während 
sich die Lippen bewegten, als sage er etwas her. 
Als er so eine halbe Stunde spazieren gegangen 
war, hörte er auf, als sei er müde geworden; pfiff 
Iwan, der mit dem Dreigespann vorfuhr; schwang 
sich in den Sitz der Walze, ergriff Zügel und Peitsche 
und knallte. Das war ein Schauspiel! Der Zigeuner, 
in seinem brabantischen Hut mit der Pfauenfeder, 
oben auf der Walze ; die Pferde, mager wie Skelette, 
in funkelndem Geschirr, dessen freiherrliche Kronen 
und Quasten leuchteten — es war nämlich nur eine 
Garnitur vorhanden. Im vollen Galopp zog das 
Dreigespann die Walze hinter sich her wie eine 
Kanone, die zum Treffen fährt. In einer Viertel- 
stunde war die Arbeit fertig. 

Es war kurz vor Mittsommer, als er zwei Scheffel 
Hafer in ungepflügten Boden säte. 

Nachdem er sich so angestrengt hatte, ging er 
in das Gartenhaus am Teiche und ließ sich eine 
Kanne Bier geben. Bei der sass er drei Stunden und 
guckte sich die Karpfen an. Dann befahl er ein 
Reitpferd und trabte davon, der Küste zu. 

Abends, wenn die Sonne dem Untergang nahe 
war und der Magister zu Abend gegessen hatte, 
ging er gewöhnlich in den Garten hinunter, allein, 
denn seine Frau war beständig krank und die Kinder 
kamen früh ins Bett. In dem zugewachsenen schmut- 



TSCHANDALA 33 



zigen Garten umherzugehen, war ihm eine Qual: 
der einzige reine und trockene Platz, den er finden 
konnte, war das Lusthaus am Teiche. Dort hatte 
er mit der Hechtangel einen ganzen Monat versucht, 
die angebUchen Hechte zu fischen, bis sich Iwan 
eines Tages verschwatzte und erzählte, es seien 
niemals Hechte im Teich gewesen, auch keine 
Krebse. Diese Mitteilung machte indessen keinen 
Eindruck mehr auf den Magister; er wusste jetzt ja, 
was er vom Verwalter zu halten hatte. 

Während er dort sass und auf die Nachtigall hörte, 
die in den Johannisbeeren schlug; während ihn die 
Verwüstung, die Vernachlässigung und der unerträg- 
liche Schmutz bedrückten, hörte er einen lärmenden 
Gesang, der sich aus der dunklen Tiefe einer Ahorn- 
allee näherte, bis die gelbe Jacke des Verwalters 
im roten Lichte des Sonnenunterganges sichtbar 
wurde. 

„Ich bin der Graf von Luxemburg, traralalala, 
lalalala!" sang er mit vollem Halse und grüsste 
in der zierHchen Manier eines Hofmannes, wenn 
auch übertrieben und geschmacklos. Er war ganz 
weiss im Gesicht, als habe er eine grössere 
Schlägerei mitgemacht; die Augen rollten und 
sprühten Feuer, und seine Lippen waren blau- 
schwarz. Hinter ihm kam Iwan, als Page gekleidet, 
den Degen an der Seite, und trug ein Tablett mit 
einem Weinkruge und grüngelben Gläsern. 

Der Magister sah angstvoll auf den schreckHchen 
Wein und die schmutzigen Gläser, aber er wollte 
weder noch durfte er die Einladung abschlagen. 

Der Verwalter schien aufgeregt und ziemHch be- 
trunken zu sein. Zuerst sprach er übermütig und 
sehr laut. 

— Ihr langweilt Euch, Herr Magister! Aber jetzt 
kommt bald der Gärtner von Christiansborg, und 

Strindberg, Kleine historische Romane 3 



34 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

dann wird es anders werden ! Das ist der vornehmste 
Gärtner in den drei nordischen Reichen, und er 
soll hundert Taler im Monat haben, ausser freier 
Kost! prahlte er. 

— Aber sagt mir doch, fiel Magister Andreas ihm 
ins Wort, gibt es hier in der Gegend keine 
Menschen, mit denen man verkehren kann? 

— Nicht einen einzigen, versicherte der Zigeuner. 
Das ist das schlimmste Pack! Und die tollsten 
Schwedenhasser! Nein, mit denen dürft Ihr Euch 
wirklich nicht abgeben, Herr Magister; glaubt mir 
auf mein Wort, ich bin Euer Freund, denn ich bin 
gewissermassen auch Schwede! Meine Grossmutter 
war nämlich Schwedin, und mein Grossvater war 
Franzose — und die Franzosen sind die vornehmste 
von allen Nationen. Un ^ ; !i fühle es, dass ich von 
französischer Abstan: . g bin und schwedisches 
Blut in meinen Adern habe, und ich hasse die Dänen, 
ich hasse sie! schrie er und erhob sich mit blut- 
rünstigen Augen. Ab€r sie hassen mich wieder! 
Das will ich meinen! fügte er mit Überzeugung 
und zischender Stimme hinzu. 

Iwan, der mit einer Kredenz aus Silber wieder- 
gekommen war, hatte diese auf den Tisch gestellt 
und sich dann ebenfalls gesetzt. Als der Verwalter 
das sah, erhob er die Hand und gab dem Jungen 
eine Backfeige, dass er von der Bank aufflog. 

— Bleib dort stehen, du Hund! brüllte er, als 
Iwan gehen wollte. Bleib dort stehen und halte die 
Kanne! 

Der Magister hatte beschlossen, gelegentlich den 
Zigeuner seine Geheimnisse ausplaudern zu lassen; 
um aber sein Misstrauen einzuschläfern, machte er 
ein zustimmendes und teilnehmendes Gesicht, warf 
ein bedeutungsloses aber aufmunterndes Wort hin, 
spielte vor allem die Rolle des aufmerksamen Zu- 



TSCHANDALA 33 



hörers, des dankbaren Schülers, der andächtig auf 
die unvergleichliche Weisheit des Erfahrenen lauscht. 

— Maxima debetur pueris reverentia, das heisst: 
Kinder sind uns Älteren die grösste Ehrerbietung 
schuldig, zitierte er, als billige er es, dass der Zi- 
geuner seinen Bruder so schändlich behandelte. 

Der Zigeuner ging in die Falle; nachdem er noch 
ein Glas geleert hatte, wurde er offenherzig. 

— Seht Ihr, Herr Magister, ich bin von geringer 
Herkunft, aber ich habe Talente, und die können 
die Leute nicht leiden. Ich v^ar Stuhlmachergesell in 
Kopenhagen; als ich siebzehn Jahre alt wurde, war 
ich der geschickteste in meiner Kunst. Aber ich 
konnte mir das Bürgerrecht nicht erwerben, denn 
ich war zu jung. Als ich doch eine Werkstätte auf- 
machte, kamen Polizei und Altermann und wollten 
sie schliessen ; da aber wurde ich wild und warf alle 
hinaus ; ich nahm den einen und schlug mit ihm den 
andern, bis die Wache kam und mich ins Loch 
steckte. Da glaubten sie, sie hätten mich, aber ich 
war schlauer als sie — ich wandte mich an den Rat 
des Königs, ich wandte mich an den König selbst, 
und Polizei wie Altermann mussten mit langer Nase 
abziehen: ich kam los! Seit dem Tage hasst die 
Polizei mich, aber sie kann mir nichts anhabtn; 
kein Mensch auf Erden kann mir ein Haar auf dem 
Kopfe krümmen, und wer es versucht, der ist ein 
Mann des Todes! Ich habe im Gefängnis gesessen, 
das gebe ich zu, aber ich bin nicht bestraft, niemals ! 
Ihr seid ein Ehrenmann, Ihr werdet meinem Worte 
glauben! Denn ich liebe Euch wie einen Bruder, 
einen Freund! Ich liebe Euch, weil Ihr der erste 
Mensch seid, der mich wie einen Menschen be- 
handelt hat. Ihr wisst nicht, wie boshaft meine Nach- 
barn gegen mich gewesen sind, seit ich hierher ge- 
kommen bin ! Entweder machen sie sich lustig über 

3* 



36 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

-mich oder sie ärgern mich ; bald reissen sie die Um- 
friedigung ein und lassen ihr Vieh über die Grenze 
gehen, bald stehlen sie wie Raben; meinen Pferden 
legen sie Steine auf den Weg, damit sie stolpern! 
Und dabei habe ich ihnen nur Gutes getan! Oh, 
ich habe viele Tausend Taler ohne Zinsen ver- 
liehen, und die kriege ich niemals wieder. Und 
die Baronin, die gut ist wie das reinste Gold (hier 
schrie er, um im Hause gehört zu werden), hat die 
Armen der Gegend jahrelang .genährt und ge- 
kleidet; die aber schämen sich nicht, sie zu be- 
stehlen. Sie ist ein Engel, eine reine und gerechte 
Frau, an der kein Flecken ist, wenn man sie auch 
so niedrig, so niedrig verleumdet! Aber das ist 
nur Neid, Herr Magister, nur Neid, weil sie mit 
niemandem verkehren will und sich mit ihren Tieren, 
die sie mehr als alles andere liebt, einschHesst; 
und die Tiere, die sind viel besser als Menschen 
— viel besser! Die sind dankbar und verstehen eine 
Wohltat zu schätzen, aber das tun die Menschen 
nicht. O pfui, wie erbärmlich die Menschen sind! 

Er hatte so gesprochen, dass ihm der Schaum um 
den Mund stand. Dem Magister, der seine Lügen- 
texte bereits übersetzen konnte, war der Mann schon 
viel klarer geworden. 

Auf einen Wink des Zigeuners holte Iwan die 
Drehorgel und stellte sie auf die Steinbank. Da 
der Verwalter sich erleichtert fühlte, nachdem er 
alle bösen Gedanken, die der Magister über ihn 
hegen konnte, verjagt zu haben glaubte, musste er 
diesen frohen Gefühlen .Luft machen. Zugleich 
wollte er dem Magister seine Überlegenheit in der 
Musik zeigen, vielleicht auch die Gelegenheit be- 
nutzen, um etwas Geheimnisvolles anzudeuten, das 
ihm gerade fehlte oder wenigstens nur in recht dürf- 
tiger Form vorhanden war. 



TSCHANDALA 37 



Mit schriller roher Stimme und einem Ausdruck, 
der etwas Übernatürliches vorstellen sollte, aber 
nur an einen Marktschreier erinnerte, begann er 
sein Lieblingslied, während Iwan die Drehorgel 
spielte: 

Ich bin der Graf von Luxemburg 
tralalalalalä lalalä 

und jage Tage, Nächte durch; 

der tiefe Wald mich an sich zieht, 

auf Höhen singe ich mein Lied. 

Doch wer mein Hörn vernimmt, wird stumm 

sogleich : 

ich stamm' wie Satan aus dem Höllenreich. 

Dann folgten mehrere Strophen über das geheim- 
nisvolle Leben, das der zu jener Zeit so berüchtigte 
Graf Luxemburg mit Banditen und Giftmischerinnen 
führte. Mit der wunderbaren Rettung aus den 
Klauen der Polizei und der Hexenkommission schloss 
das Lied. 

Von dem Wein und dem Lied berauscht, begann 
der Zigeuner weich zu werden, und in einem An- 
fall von Edelmut bot er Iwan sein Glas an. Iwan 
leerte es, indem er den Kopf entblösste und die 
Knie beugte, wie es einem Pagen anstand. Trotz- 
dem er kläglich und verhungert aussah, tat er dies 
mit solcher Grazie, dass der Magister sich veran- 
lasst sah, ihn mit einem aufmunternden Blick zu 
belohnen. Da konnte der Zigeuner seine Freude 
und seinen Stolz nicht mehr zurückhalten, sondern 
vergass seine früheren Lügen und platzte los: 

— Das ist mein Bruder, müssen Herr Magister 
wissen. Ich erziehe ihn streng, denn er soll ein 
grosser Mann werden — vielleicht Reichsadmiral! 

Mit Eifer verbreitete sich der Magister über die 
schnelle Entwicklung, welche die Seemacht im 



38 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Norden genommen hatte, und über die glänzende 
Laufbahn, die dieser edle Beruf jetzt gegen früher 
biete; gab gute Ratschläge und Winke, wie ein 
junger Mann sich benehmen, welche Wege er ein- 
schlagen, was für Kenntnisse er erwerben müsse, 
um Seeoffizier zu werden. 

Unterdessen war es Nacht geworden, aber der 
helle Sommerhimmel gab noch so viel Licht, dass 
der Magister sehen konnte, wie die Baronin durch 
die Ahornallee angeschlichen kam. Der Verwalter 
hatte sie bereits gesehen; mit dem Hute in der 
Hand ging er ihr auf der Brücke entgegen, hiess 
sie willkommen und fragte sie, ob sie in der Ge- 
sellschaft des Magisters ein Glas trinken wolle. Die 
Baronin dankte und setzte sich ; nach Bauernart trank 
sie aus dem Glase des Verwalters ; sie schien bereits 
etwas berauscht zu sein. Der Zigeuner wusste nicht, 
auf welchem Fusse er stehen sollte. Auf der einen 
Seite wollte er sich selbst ehren, indem er seiner 
Geliebten die höchste Achtung bezeigte; auf der 
andern Seite wollte er damit prahlen, dass er zu 
d^r vornehmen Dame in vertrauten Beziehungen 
stehe; das konnte er nur durch eine Zudringlich- 
keit andeuten, die zuweilen unschicklich wurde. So 
reichte er ihr das eine Mal das Glas, indem er 
ein Knie beugte und den Kopf entblösste; dann 
fasste er sie um den Leib, indem er sich stellte, 
als geschehe es aus Unachtsamkeit; die Titel wech- 
selten zwischen Euer Gnaden und du auf eine recht 
dumme Art. 

Nachdem die Baronin eine Weile prahlerisch von 
ihren hohen Vorfahren erzählt, die unter Christian IV. 
gedient hatten — das war der einzige König, den 
sie und der Verwalter kannten — bat sie den Zi- 
geuner, den sie Jensen nannte, das Lied vom Grafen 
von Luxemburg zu singen. 



TSCHANDALA 39 



Der Graf von Luxemburg schien so in den Köpfen 
beider zu spuken, dass der Magister unruhig wurde. 
Als der Zigeuner jetzt das Lied noch ein Mal sang 
und Blicke geheimen Einverständnisses der Ba- 
ronin zuwarf, lachte diese laut auf, als trage er etwas 
ganz Besonderes vor. Als das Lied zu Ende war, 
fragte sie den Magister, ob er es liebe. Der ant- 
wortete, Jensen sei ein grosser und eminenter 
Sänger, der verdiene, der berühmten Kapelle des 
Königs anzugehören. Darüber freute sich der Zi- 
geuner ganz närrisch und sang noch ein Lied, vom 
Eulenspiegel; als er damit fertig war, rezitierte er, 
ohne erst zu fragen, die ganze Sage vom Fortunatus 
mit dem Glückshut. 

Der Magister fand den Auftritt unerträglich und 
fragte sich, wie er dasitzen und einen eingebildeten, 
aber talentlosen - Strassengaukler ruhig anhören 
könne. Er erhob sich schhessHch und sagte gute 
Nacht. Die Gesellschaft brach auf, ufid man ging 
zusammen durch den Garten. An den unsicheren 
Bewegungen des Verwalters und der Baronin konnte 
der Magister sehen, dass sie bedeutend überladen 
waren; da sie viele Sachen zu tragen hatten, bot der 
Magister seine Hilfe an und nahm Kanne und Krug. 
Als man im Flur ankam, öffnete die Baronin, alle 
Vorsichtsmassregeln vergessend, ihre Küchentür und 
bat den Magister höflich, einzutreten. 

— Hier sieht es so unordentlich aus, sagte sie 
entschuldigend, aber Ihr seid ein netter Mensch, 
Herr Magister, und übrigens könnt Ihr jetzt meine 
Tierchen sehen. 

Der Anblick, der sich jetzt dem nicht eingeweihten 
Besucher bot, überstieg alles, was er sich in seinen 
wildesten Träumen hätte vorstellen können. 

Es war eine vollständige Hexenküche. Wände, 
Boden und Decke waren schwarz und glänzten von 



40 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Russ. Auf dem Herde standen zwischen Kochtöpfen 
und Speiseresten viele Glasflaschen und Retorten 
zu alchemistischem Gebrauche. Auf dem Boden 
lagen Haufen von Rüben, Kohl und Zwiebeln; an 
einer Wand hing eine Hammelbrust, und zwar so 
hoch, dass die Hunde nicht herankommen konnten. 
Die Hunde umsprangen die Eintretenden, wedelten 
mit dem Schwänze und beschnüffelten die Strümpfe 
des Fremden. Auf einem Schlafsofa lag ein junger 
Menschenkörper unter einem Laken: nur einen zot- 
tigen Hinterkopf konnte man sehen. Auf die Lehne 
war ein Hahn aufgeflogen; er begann zu krähen, 
als der Zigeuner ein Talglicht anzündete. 

— Das ist mein altes Engelchen, schäkerte die 
Baronin mit dem bunten Tier, das sie in ihre Arme 
genommen hatte. Habt Ihr, Herr Magister, schon 
einen Hahn gesehen, der zwanzig Jahre alt und 
blind ist? 

Das bösartige Tier hieb nach dem Finger des 
Magisters, den dieser ausgestreckt hatte, um es am 
Halse zu kitzeln. 

Eine zweite Tür wurde geöffnet, und man trat 
in ein kleineres Zimmer. Das erste, was in die Augen 
fiel, war ein übermässig grosses Bett mit' Betthimmel 
und Gardinen. Im Bette standen zwei gelbe dänische 
Hunde und pflanzten sich fort, ohne dass jemand 
davon Notiz nahm. Das einzige Fenster des 
Zimmers war mit Zeisigen und Turteltauben in 
Bauern besetzt. An der Decke hing ein ausgestopfter 
Storch mit ausgebreiteten Flügeln, der eine ver- 
trocknete Kreuzotter im Schnabel hielt. In einer 
Ecke lagen zwei grosse magere Hunde neben einem 
Bauer mit Küken ; in einem Korbe schlief eine Katze 
mit sechs Jungen; und aus einer Truhe holte die 
Baronin eine Brut junger Enten hervor. 

Alle diese Tiere verbreiteten natürlich einen furcht- 



TSCHANDALA 41 



baren Gestank, und der Boden war mit Unrat be- 
sudelt. 

Nachdem die Baronin alle ihre Lieblinge ge- 
zeigt hatte, öffnete sie die Tür zum dritten Zimmer, 
obwohl ihr der Zigeuner durch unzweideutige Gri- 
massen zu verstehen gab, dass sie es nicht tun 
solle, und Hess den Magister dort eintreten. Und er 
befand sich in einem grossen Saal, der so mit Möbeln 
und allerhand Gegenständen vollgepfropft war, dass 
kaum ein freier Fleck übrig blieb. Auf den Boden 
konnte man keinen Fuss setzen, ohne auf etwas zu 
treten: da lagen Haufen von Kleidern und Putz, 
Büchern, Bildern und Karten; in den Fenstern 
standen Becher, Vasen, Kochgefässe ; an den Wänden 
drängten sich Schränke, Stühle, Schreibtische durch- 
einander und übereinander. Das ganze Zimmer sah 
aus wie eine Trödelbude, aber nicht wie ein Wohn- 
zimmer. 

Nachdem der Magister alles besichtigt hatte, wurde 
er eingeladen, in der Schlafstube Platz zu nehmen 
und ein Glas Wein von einer noch feineren Sorte 
zu trinken. Da die Nacht ein Mal verloren war, 
denn bald musste der Tag anbrechen, ergötzte es 
den Magister, die Geheimnisse dieser Menschen zu 
erfahren. 

Der Zigeuner goss die Gläser voll und begann von 
neuem zu prahlen; schwatzte von seinen Gütern, 
seinem Hof, seinen Tieren. Nachdem er so eine 
Weile renommiert hatte, fuhr wieder der Teufel 
des Hochmuts in ihn hinein und er wollte singen. 
Aber der Magister war es müde geworden, der Narr 
eines solchen Lumpen zu sein; er nahm die Laute, 
die unbenutzt dastand, stimmte sie und reichte sie 
dem Zigeuner. Mit unzufriedener Miene schob der 
sie zurück, indem er die demütigende Erklärung ab- 
gab, er könne sie nicht spielen. Der Magister ver- 



42 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

suchte es mit Geige und Harfe, aber das Ergebnis 
war dasselbe. 

— Aber Frau Baronin spielen doch? fragte er, 
sich an diese wendend. 

Nein, sie spiele auch nicht. 

Um sich zu rächen, fragte der Verwalter spöttisch, 
ob nicht der Herr Magister selbst spielen wolle, 
worauf dieser damit antwortete, dass er eine Ga- 
votte spielte. 

Der Verwalter hörte mit Andacht zu, sah aber 
niedergeschlagen aus; war unangenehm überrascht, 
als sei er vom Magister angeführt worden. 

Darauf sang der Magister und begleitete sich auf 
der Harfe ; spielte Tänze auf der VioHne ; schliesslich 
erzählte er ein Märchen. 

Die Baronin war entzückt, aber der Zigeuner sass 
wie ein begossener Pudel da; er brannte darauf, die 
Herausforderung zum Sängerstreit anzunehmen. 

Als der Magister eine Pause machte, sprang er 
auf, räusperte sich und rief aus: 

— Jetzt möchte ich auch eine Nummer vortragen ! 

— Schweig still, Jensen, mit deinem Luxemburger! 
unterbrach die Baronin ihn. 

Der Zigeuner schäumte vor Neid und Wut und 
sann auf Rache. 

— Ja, Magister Andreas ist ja ein wirklicher Zau- 
berer! rief er aus; aber Küken aus einem Hute 
nehmen, das kann er doch nicht! 

— Kann ich nicht? Doch, mein guter Jensen, 
ich kann alle seine Künste und noch andere dazu! 
antwortete der Magister gutmütig. 

— Das wollen wir doch erst sehen! Das wollen 
wir doch erst sehen! rief die Baronin und schlug die 
Hände zusammen. 

Der Magister Hess sich eine Weile bitten; darauf 
holte er aus der Tasche eine kleine Flasche und 



tSCHANDALA 43 



eine Feder und bat um etwas Briefpapier. Die Flüs- 
sigkeit in der Flasche war farblos, und als er ge- 
schrieben hatte, war nicht eine Spur von Schrift 
zu sehen. Darauf versiegelte er den Brief mit Harz. 
Als er das getan hatte, bat er den Zigeuner, den Brief 
zu öffnen und zu lesen. 

Der Zigeuner, der wirklich lesen konnte, wurde 
ganz weiss im Gesicht, als er dieses Wort erblickte, 
das jetzt sehr deutlich in blauer Schrift hervortrat; 
während die Baronin vergebens dessen Bedeutung zu 
erraten suchte, wechselten der Zigeuner und der 
Magister einen Blick, der nichts Gutes verkündigte. 

— Nein, aber was steht denn da? fragte die Ba- 
ronin, die immer neugieriger wurde. 

— Da steht nur ein lateinisches Wort, Romani, 
das Römer bedeutet, antwortete der Magister, wäh- 
rend er mit seinem einen Auge den Zigeuner ver- 
stehen Hess, dass^er sehr wohl wisse, dass Romani 
auch der Name ist, den sich die Zigeuner selbst 
geben. 

Der Verwalter kämpfte einen inneren Kampf aus, 
ob er sich ergeben oder Widerstand leisten solle; 
der Magister brachte ihn ja um die persönlichen Vor- 
züge, die er der Baronin gegenüber besass ; aber ein 
brennender Durst, in den Besitz dieser Kenntnisse 
zu gelangen, trieb ihn dazu, nachzugeben. 

— Es kostet wohl viel Geld, solche Tinte? fragte 
er, zugleich mürrisch wie untertänig. 

— Nein, die kostet nichts, antwortete der Ma- 
gister. Ihr könnt selbst in den Garten gehen und 
die Blume pflücken, die Ringelblume heisst, und 
ihren Saft auspressen. 

— Ringelblume, wiederholte der Zigeuner. Aber 
die Formel, die man dabei sprechen muss? 

— Die Formel? Glaubt Ihr wirkHch im Ernst, 
dass ich mich mit Zaubersprüchen und Beschwörung 



44 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

befasse? Ich will Euch eins sagen, Jenseh! Wenn 
ich hätte vorgeben wollen, ich besässe Kenntnis 
von verborgenen Dingen, hätte ich Euch niemals die 
Flasche gezeigt, sondern ein Stück Papier bereit 
gehalten, das schon beschrieben war. Und dann 
hätte ich Euch belogen und Euch gesagt, da stehe 
nichts geschrieben, indem ich Euch das weisse Papier 
zeigte; und dann hätte ich gesprochen: pax — 
max — nis ~ skaris. Nun aber zeige ich Euch den 
Saft der Ringelblume und sage: so und so ist dieser 
Saft beschaffen; wenn ich die Wärme des Lacks 
auf ihn einwirken lasse, so wird er blau. Warum 
er blau vWrd, ist mehr als ich weiss; ich weiss nur, 
dass er blau wird! 

Der Zigeuner vermochte nicht zu verstehen, wie 
jemand so wertvolle Künste weitergeben konnte, die 
doch bei Verschreibungen zu stillen Vorbehalten 
anzuwenden waren. Aber es quälte ihn noch in 
der Seele, dass er in diesem Wettstreit den kür- 
zeren gezogen; hatte er sich doch solange einbilden 
dürfen, er sei der stärkere; plötzlich fuhr er auf, 
holte ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche 
und schrie: 

— Passt auf, Magister, ich werde Euch weissagen ! 

— Das könnt Ihr nicht, antwortete der Magister 
mit vornehmer Überlegenheit. 

— Kann ich nicht? zischte der Zigeuner, der 
sich in dieser Kunst für vollkommen hielt. 

— Nein, das könnt Ihr nicht! versicherte der 
Magister. Ihr könnt es nicht, weil Ihr mich nicht 
kennt, meine Eltern, meine Frau, meine Kinder, 
meine Vorgesetzten nicht kennt, denn von all diesen 
ist ein Teil meines Schicksals abhängig. Ihr könnt 
mir nicht weissagen, weil Ihr nicht ahnt, was ich 
weiss und kann; keine Begriffe davon habt, was 
zurzeit draussen in der Welt geschieht; nicht wisst, 



TSCHANDALA 45 



wie das Schicksal der Menschen gelenkt wird ! Aber 
ich kann Euch weissagen, ohne Karten, ohne Zauber- 
sprüche! Wollt Ihr es glauben? 

Der Zigeuner war auf einen Stuhl niedergesunken 
und wand seinen Körper, wie sich die Schlange 
unter dem Absatz eines Stiefels windet. 

— Hm! So, Ihr könnt mir weissagen! flammte 
er wieder auf. 

— Ja, weil ich Euch kenne, antwortete der Ma- 
gister ruhig und bestimmt. 

— Ihr, Ihr wisst nichts von mir, nicht das Ge- 
ringste! schrie der Zigeuner, einen letzten Versuch 
der Verteidigung machend. 

— So? Nicht? schloss der Magister den Wort- 
wechsel, indem er mit seinem Tonfall andeutete, 
dass er mehr wisse, als er eigentlich wusste. 

Darauf erhob er sich. 

Die Sonne war aufgegangen und fiel durch die 
Gardinen ins Zimmer. Die Turteltauben gurrten 
und die Zeisige sangen. Die Baronin war auf ihrem 
Stuhl eingeschlummert, und Iwan lag in dem grossen 
Bett zwischen den beiden braunen Hunden und 
schnarchte. 

Der Zigeuner wollte mehr Wein eingiessen, aber 
der Magister sagte bestimmt nein, worauf sein Wirt 
ihn in die Küche hinaus begleitete. 

Dort sass jetzt auf dem Bettrande ein junges 
halbbekleidetes Mädchen und zog sich die Strümpfe 
an; verwundert starrte sie auf den Fremden und 
vergass, ihre Reize zu verhüllen. 

— Scliamst du dich nicht, Dirne! schrie der Zi- 
geuner und gab ihr eine Ohrfeige, worauf er eine 
Decke über sie warf. 

Der Magister beeilte sich, Abschied zu nehmen, 
und ging auf seine Kammer hinauf, um nach der 
durchwachten Nacht sich auszuschlafen. 



Viertes Kapitel 

Magister Törner hatte nach der merkwürdigen 
Nacht, die er unten bei der Baronin zugebracht hatte, 
keinen Schlaf finden können. Er fragte sich mehrere 
Male, "wie es zugegangen war, dass seine Seele 
mit einem so niedrig stehenden Menschen in Be- 
rührung hatte kommen können, dass seine Gedanken 
sich mit ihm beschäftigten, mochte er wach liegen 
oder schlafen. Konnte es eine Folge des allgemeinen 
Gesetzes der Anziehung sein, nach dem Fluiden in 
verschie^denen Tierkörpern einander anziehen? 
Treibt dieses Gesetz die Menschen dazu, einander 
zu suchen ? Schafft es Leitung oder Rapport zwischen 
allen Individuen? Die Einsamkeit, die Gewohnheit, 
täglich mehrere Male nur ein und dieselbe Person 
zu treffen; die Fähigkeit, sich anzupassen, die den 
Verkehr zwischen den Menschen möghch macht; 
das Interesse, in die geheimen Werkstätten der Seele 
zu schauen, und zwar besonders in eine Seele von 
ungewöhnlicher Beschaffenheit, die auf der nie- 
drigsten Stufe stand, und die ein Magister der Uni- 
versität nicht oft in seinem Leben studieren konnte 
— all das hatte bewirkt, dass sich der Zigeuner in 
die Gedanken des Magisters gedrängt und sich darin 
festgebohrt hatte als ein integrierender Bestandteil, 
den er nicht wieder vertreiben konnte. 

Der Magister hatte, um selbst Frieden zu haben, 
den Verkehr indifferent halten wollen, aber diese 



48 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Nacht waren ihre Seelen einen Augenblick zu- 
sammengestossen, ein Funke war von dem einen 
zum andern übergesprungen, die Interessen hatten 
sich gekreuzt, und Streit lag in der Luft. Der Ma- 
gister war es müde geworden, den Tropf zu be- 
wundern, hatte seine Überlegenheit gezeigt, ohne 
ihn ganz zu ducken; war aber so unvorsichtig ge- 
wesen, anzudeuten, dass er sich mit der Person 
und den Angelegenheiten des andern beschäftigt 
habe. Der Zigeuner, der sich hinter seinen Lügen 
gut verschanzt glaubte, hatte seinen Irrtum ein- 
gesehen, ein Auge auf sich ruhen gefühlt, einen 
Finger in seinen Eingeweiden gespürt: so war er 
aus seiner Sicherheit erwacht. Der Magister merkte 
das. Da er nicht Zeit und Kräfte verHeren, sich 
nicht in einen zwecklosen Streit mit einem klein- 
lichen und ehrlosen Menschen einlassen wollte, be- 
schloss er, ihn von neuem einzuschläfern und den 
unvermeidlichen Verkehr in so gleichgültige und 
freundschaftliche Formen wie möglich zu kleiden, 
sich in sich selbst zurückzuziehen und die Augen 
zu schliessen für alles, was er sehen und hören 
werde. 

Mit diesem Vorsatz ging er am Sonntagmorgen in 
den Garten hinunter, um einen Spaziergang zu 
machen. Es war jetzt Juni geworden, aber noch war 
kein Land umgegraben, und jede Hoffnung, etwas 
gepflanzt zu sehen, war vorbei. 

Färsen, Ziegen, Schafe und Pferde waren an den 
Obstbäumen angebunden und weideten das Unkraut 
ab. Die Ziegen standen auf den Hinterbeinen und 
benagten kostbare Büsche und junge Obstbäume; 
die Wege waren vom Vieh beschmutzt, die Buchs- 
baumhecken niedergetreten, die Hühner frassen die 
unreifen Johannisbeeren, und in den Kirschbäumen 
heckten Elstern und Stare. Es war ein Greuel der 



TSCHANDALA 49 



Verwüstung! Der Magister vermochte nicht zu be- 
greifen, wie diese Menschen, die Geldmittel be- 
sassen, das ruhig ansehen konnten. Wenn sie schon 
das Einkommen nicht nötig hatten, so müssten sie 
doch wenigstens das Vergnügen geniessen wollen, 
im Garten spazieren zu gehen. Und dieses fette 
Unkraut, das so dunkel und giftig aussah, erhöhte 
den Eindruck von Schmutz, den die Unsauberkeit 
der Tiere, die zertretenen Beete, die schwarzen 
Maulwurfshaufen, die morschen Zweige und das 
braune Laub vom vorigen Jahre machten. 

Klette und Nessel, die immer den Entleerungen 
der Menschen folgen, standen da, mehrere Ellen 
hoch, und verrieten, was man zu verbergen pflegt; 
die Disteln hatten, von den Feldern vertrieben, 
sich hier niedergelassen; Huflattich, den die Leute 
Füllhorn nennen, weil er so unglaublich fruchtbar 
ist, hatte sich in grossen graugrünen Matten aus- 
gebreitet ; in den dunkelsten Winkeln hatte sich, 
wie die Werke der Finsternis, das garstige Bilsen- 
kraut versteckt, mit seiner kadavergelben Blüte, die 
an Leichen und geronnenes Blut erinnert. Der Ma- 
gister dachte an die Gefahren, die das giftige Kraut 
für seine Kinder bedeutete, erhob seinen Stock und 
richtete ein Blutbad unter dem Teufelszeug an. Da 
war die jammernde Stimme des Zigeuners hinter 
einem Busche zu hören. Der Magister war nicht 
besonders überrascht: er war jetzt so gewohnt, 
diesen schleichenden Schatten hinter Büschen und 
Zäunen auftauchen und wieder verschwinden zu 
sehen — überall, wo etwas war, hinter dem man 
sich verbergen konnte. 

— Schlagt nicht mein Bilsenkraut, Magister, bat 
der Zigeuner. 

— Ist das auch heilig? antwortete der, scherzend 
auf den Natternmord anspielend. 

Striu(3berg, Kleine historische Romane 4 



50 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Nein, das ist es nicht, aber ich hebe den 
Samen auf! 

— Was macht Ihr denn damit? fragte der Ma- 
gister. 

— Der ist gut für viele Dinge, antwortete der 
Zigeuner mit einem tückischen Blick, der andeuten 
sollte, dass er mehr wisse, als er sagen wollte. 

Der Magister erinnerte sich später an diesen Vor- 
fall mit dem Bilsenkraut und glaubte dadurch seinen 
ersten Eindruck bestätigt zu sehen, dass etwas Ver- 
dächtiges über den Bewohnern des Hauses und 
ihrem Treiben lag. 

Indessen war dies nur die Einleitung zu dem, was 
der Zigeuner sagen wollte; denn er ergriff sofort 
die Gelegenheit, das giftige Kraut in Verbindung 
mit etwas anderem zu bringen, das ihm auf dem 
Herzen zu liegen schien. 

— Hier ist übrigens mancher, fing er wieder mit 
nachdenklicher Miene an und schob die Lippen auf 
eine tiefsinnige, geheimnisvolle Art vor, wie er 
immer tat, wenn er log; hier ist mancher, der eine 
Portion Bilsenkraut gebrauchen könnte. 

— Was meint Ihr damit? rief der Magister, der 
sich verlegen fühlte, wie jemand, den man ungerecht 
verdächtigt oder bedroht. Was ist vorgefallen? 

— Ja, das ist vorgefallen, dass jemand heute 
morgen den einen Pfau gestohlen hat, sagte der 
Zigeuner mit so starker Betonung, dass der Schul- 
dige sich getroffen fühlen musste. 

Der Magister lächelte bei dem Gedanken, dass 
er in Verdacht kommen könne, Hess sich aber sofort 
verlocken, die Sache zu erörtern, obgleich sie ihn 
nichts anging. Das Mystische des Vorfalles selbst, 
dass ein Pfau am hellen Vormittage, dicht unter 
den Fenstern des Hauses und von dem abgeschlos- 
senen Hofe, wo die Hausbewohner kamen und 



TSCHANDALA 51 



gingen, gestohlen werden konnte — all das machte 
er sofort geltend, als schon die Baronin, Iwan und 
die zottige Magd herbeikamen und über den Ver- 
lust des Vogels klagten. 

Der Verdacht fiel bald auf den einen, bald auf 
den andern; der Platz wurde untersucht, und man 
fand ein Stück von dem langen Schwänze des Vogels. 

— Es ist natürlich der Fuchs, versicherte die Ba- 
ronin; der pflegt immer die Schwänze der Hühner 
zu zerzausen. 

Der Zigeuner ging scheinbar auf diese Ansicht 
ein, schien aber doch unschlüssig zu sein, was er 
denken solle, und Hess die andern sprechen. Der 
Magister hielt es für ganz unglaublich, dass der 
Fuchs sich mitten am hellen Tage auf den Hof 
gewagt haben sollte; er hatte ja die Nacht, da die 
Pfaue draussen schliefen. 

Nachdem man die Sache lang und breit erörtert 
hatte, blieb der Magister wieder allein mit dem 
Zigeuner. 

Der Magister war der Meinung, nur einer von 
den Hausbewohnern habe den Diebstahl verüben 
können. Als sie das Personal durchgingen, musste 
der Verdacht natürlich auf die beiden fast immer 
unsichtbaren Tischler fallen. Sobald aber das Ge- 
spräch diese Richtung einschlug, machte der Zi- 
geuner plötzlich kehrt. 

— Nein, davon kann nicht die Rede sein; die 
Tischler sind ehrlich; aber ein anderer ist sicher 
der Schuldige, nämlich der Torhüter, der im nächsten 
Hause wohnt. 

Der Magister konnte sich nicht denken, dass ein 
Fremder am hellen Tage über die Steinmauer klet- 
tern und von dem Hofe einen Pfau stehlen könne, 
wollte aber durch Widerspruch die Sache nicht noch 
verwickelter machen; darum Hess er das Gespräch 

4* 



52 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

fallen und ging auf sein Zimmer hinauf, unangenehm 
berührt von dem ganzen Abenteuer, das er nicht 
erklären konnte. 

Als er am Abend wieder in den Garten kam, 
traf er den Zigeuner, der herumbummelte. Da er 
nicht wusste, was er mit ihm sprechen solle, musste 
er wieder nach dem Pfau fragen. Sie waren in die 
Nähe des Puterhauses gekommen: der Hahn war 
schon hineingekrochen, während die Hühner unter 
einem kleinen Strohdache brüteten. Der Magister 
Hess nun die Äußerung fallen, es sei für einen Men- 
schen unmöglich, einen Pfau mit den Händen zu 
greifen. 

— Das kann man allerdings, antwortete der Zi- 
geuner, dessen Widerspruchslust geweckt zu sein 
schien. Kann man einen Puter nehmen, so kann 
man auch einen Pfau greifen. 

Und im Nu hatte er die Arme um den bösartigen 
Vogel geschlagen und drückte ihn dicht an sich, 
als sei es eine junge Katze; um weiter zu beweisen, 
dass der Torhüter den Diebstahl ausgeführt haben 
könnte, versicherte er, Leute gesehen zu haben, 
die eine Taube auf dem Boden fangen konnten. 
Übrigens gebe es Leute, die viele Künste verständen ; 
er kenne — das heisst, habe von Leuten gehört, die 
fremde Hühner und Enten an sich lockten, indem 
sie Gerste in langen Streifen ausstreuten. Die Durch- 
triebensten von allen aber seien die Pferdehändler. 
Im vorigen Jahre hätten sie ein rotes Pferd beim 
Nachbar, dem Bauern oben am Kreuzwege, ge- 
stohlen, und man habe keine Spur mehr von dem 
Pferde gesehen. Aber er wisse wohl, wie sie es 
machten. Sie könnten die Farbe eines Pferdes ver- 
ändern, indem sie es mit einem Mittel einschmiertexi, 
von dem die Haare ausfallen; die neuen Haare 
hätten dann niemals dieselbe Farbe wie die aus- 



TSCHANDALA 53 



gefallenien ; auch könne man immer durch einige 
Schnitte mit dem Messer dem Pferde eine Blesse 
geben, denn die geschnittenen Stellen würden immer 
weiss. 

Das waren so neue und unbekannte Dinge für 
den Magister, dass er in seinem Eifer zu fragen 
vergass, wo der Verwalter alle diese Kenntnisse her 
habe. Und sie gingen weiter, vertieften sich in ein 
Gespräch, das den Zigeuner sehr zu interessieren 
schien. Sie kamen auf Diebstahl im allgemeinen 
zu sprechen, und der Zigeuner sagte, er verachte 
die Diebe, weil sie sich gewöhnHch nicht auf die 
beiden wichtigsten Punkte bei allem Stehlen ver- 
ständen. 

— Was sind denn das für Punkte? fragte der 
Magister in einem möglichst unschuldigen Tone, 
während sie sich auf eine Steinbank am Rande des 
Teiches setzten. 

— Ja, sagte der Zigeuner, nachdem er einen 
Augenblick überlegt hatte, der eine ist, niemals Mit- 
schuldige zu haben, und der zweite, zwei Zeugen 
bereit zu halten. 

— Ihr meint, um das Alibi bezeugen zu lassen? 
Wisst Ihr, was das bedeutet? 

Der Zigeuner sah einige Sekunden nachdenklich 
aus und schien vom Alibi nichts zu wissen, wollte 
aber, wie gewöhnlich, nicht seine Unwissenheit ver- 
raten; darum antwortete er: 

— Sagt erst, was Ihr mit — hm meint, dann 
werde ich Euch meine Meinung sagen. 

— Das Alibi, dozierte der Magister, ist das wich- 
tigste bei jeder Verteidigung; wenn ich beweisen 
kann, dass ich zu der bestimmten Zeit anderswo 
gewesen bin, so muss ich freigesprochen werden. 

— Das wollte ich gerade sagen, unterbrach ihn 
der Zigeuner, eifrig lauschend, während sein bleiches 



54 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Gesicht unverstellte Freude ausdrückte. Aber, fuhr 
er fort, allein sein, ist doch die erste Reg'el bei 
allem Diebstahl. 

— Mag sein, antwortete der Magister, aber wich- 
tiger ist doch, unter keiner Form ein Corpus delicti 
zurücklassen. Wisst Ihr, was ein Corpus delicti ist? 

Ja, das wisse er so ziemlich, könne es aber nicht 
gut ausdrücken; darum wolle er gern erst des Ma- 
gisters Ansicht hören; dann würde er sagen, ob er 
dasselbe meine. 

-— Corpus delicti, antwortete der Magister, der 
kürzlich die Rechte studiert hatte, kann ein Gegen- 
stand sein, der sich im Besitz des Verhafteten be- 
findet, oder auch ein Gegenstand, den der Dieb 
an der Stelle, wo er den Diebstahl beging, zurück- 
gelassen hat — oder eine Waffe, wenn es sich um 
einen Mord handelt, fügte er hinzu. Habt Ihr das 
gemeint? 

— Ja, beinahe, antwortete der Zigeuner rasch, 
aber mit langem Gesicht. 

— Ferner, fuhr der Magister fort, der sich ein- 
bildete, auf dem Katheder zu stehen — eine gefähr- 
liche Gewohnheit bei ihm — ferner muss der Ver- 
haftete Einzelheiten zugeben, aber die Hauptsache 
leugnen. Der Mörder muss zugeben, dass er an 
der Mordstelle gewesen ist, falls ihn jemand gesehen 
hat, aber er muss immer mit einem Schein von 
Wahrheit behaupten können, dass er dort etwas 
anderes zu tun hatte. Das Dümmste, was man tun 
kann, ist, alles leugnen; da verwickelt man sich nur 
in Widersprüche. Und das Allerdümmste ist, nicht 
die Zunge im Zaum zu halten, sondern seiner Er- 
regung in Drohungen und Wünschen Luft zu 
machen; dann kann man, auch wenn man unschuldig 
ist, für Dinge verurteilt werden, die man nie be- 
gangen hat. Ihr seid ein unvorsichtiger Mensch, 



TSCHANDALA 55 



Jensen! Neulich spracht Ihr den Wunsch aus, der 
Blitz möge in den Stall einschlagen, auf dass Ihr 
mit der Versicherungssumme einen neuen bauen 
könntet. Wie, wenn nun der Stall heute nacht nieder- 
brennen würde! Ich müsste Euch natürHch sofort 
in Verdacht haben, da Ihr den Wunsch geäussert habt, 
es möge geschehen, und da der Brand für Euch 
vorteilhaft ist ; ohne dass , Ihr deshalb schuldig zu 
sein braucht. 

— Würdet Ihr mich anzeigen? fragte der Zigeuner 
hastig. 

Der Magister musste nachdenken, und das tat 
er gründlich. 

— Seht Ihr, nahm er schliesslich das Wort, es 
gibt etwas, das man Andeutungen, und etwas, das 
man Anzeige nennt. Andeutungen heisst, dass ich 
Verdacht habe und den Behörden privatim diesen 
Verdacht in der Absicht mitteile, dass sie selbst 
untersuchen ; erst auf diese Untersuchung hin dürfen 
sie verhaften. Aber — fuhr er fort — in unserm 
Rechtswesen gibt es so viel Veraltetes und Schlech- 
tes, besonders im Verfahren, dass ich für meinen 
Teil manches geändert sehen möchte. Sagt mir 
eins, wollt Ihr nicht andeuten, dass der Torhüter 
den Vogel gestohlen haben könne? 

Der Zigeuner antwortete hastig: 

— Nein, das wage ich nicht, er steht sich zu gut 
mit den Behörden. 

— Ihr müsstet Euch auch gut mit ihnen stellen, 
antwortete der Magister, der dem andern eine Mah- 
nung erteilen wollte. Und ich verstehe nicht, wie 
Ihr den hassen könnt, der Euer Eigentum beschützt, 
ohne den Ihr keine einzige Nacht ruhig schlafen 
könnt. 

Der Zigeuner stiess Verwünschungen gegen den 
Torhüter aus, gab zu verstehen, dass er der grösste 



56 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Lump sei, den man sich denken könne; erhitzte 
sich so sehr, das es ihm schliessHch entschlüpfte, 
er wünsche, der Kerl läge mit abgeschnittenem Halse 
am Rande eines Grabens. Darauf hielt er plötzlich 
an und brachte das Gespräch von neuem auf Ver- 
brechen und Verbrecher im allgemeinen. Der Ma- 
gister, dem sich ein neuer, unbekannter Gesichts- 
kreis öffnete, wunderte sich, dass der Zigeuner, 
der den Torhüter in Verdacht hatte, diesen nicht 
anzeige, und beschloss, zu erforschen, ob es viel- 
leicht ein geheimes Motiv gäbe, weshalb der Zi- 
geuner den Nachbar nicht anzurühren wagte. Er 
schlug daher wieder seinen dozierenden Ton an, 
als fahre er in seinem Vortrage über Rechtswesen 
und Rechtspflege fort, und zwar in rein philosophi- 
scher Art. 

— Sehr gewöhnlich ist es, dass durchtriebene Ver- 
brecher die Person in die Sache implizieren, die 
der gefährlichste Zeuge werden kann. 

— Was heisst impHzieren? fragte der Zigeuner 
eifrig und neugierig. 

— Es gibt viele Arten, zu implizieren. Eine Art 
ist, den Zeugen, den man fürchtet, so viel von den 
Vorbereitungen zu dem Verbrechen sehen zu lassen, 
dass der Täter von ihm sagen kann, er sei ein- 
geweiht gewesen und habe das Verbrechen eine 
Zeitlang verschwiegen; zugleich aber darf man nicht 
so viel sehen lassen, dass der Zeuge die Sache 
den Behörden anzuzeigen wagt. Begreift Ihr das 
Dilemma oder die Schlinge? Ob der Zeuge angibt 
oder nicht angibt, er ist in die Sache verwickelt, 
in sie impliziert. 

— Das ist grossartig! schrie der Zigeuner ausser 
sich. Das ist grossartig! Und sein Gesicht strahlte 
vor Entzücken. 

— Eine andere Art, fuhr der Magister fort, die 



TSCHANDALA 57 



Verbrecher von Rang auch zu benutzen pflegen, ist, 
den Zeugen im vorau? inhabil zu machen suchen. 
Wisst Ihr, was inhabil ist? Inhabil ist, wer in Ver- 
wandtschaft oder nur Verlobung oder in anderer 
Verbindung mit dem Angeklagten steht; ferner gilt 
der Zeuge für inhabil, der ein offenbarer Feind oder 
Neider des Beschuldigten ist. So würden Eure Tisch- 
ler als Zeugen gegen den Torhüter inhabil sein, 
wenn es zu beweisen wäre, dass sie in Feindschaft 
mit ihm gelebt hätten. 

— Nein, ist das wirklich wahr? schrie der Zi- 
geuner und wollte die Hand des Magisters ergreifen. 
Wieviel Bücher Ihr gelesen und studiert haben müsst, 
um über so viel Bescheid zu wissen! 

Darauf bereute er, sich entzückt gezeigt zu haben, 
und der Hochmutsteufel fuhr wieder in ihn. 

— Ja, ich muss Euch übrigens sagen, dass ich 
auch eine ganze Menge gelesen habe, erklärte er; 
Ihr habt vielleicht nicht das Geschichtenbuch vom 
Grafen von Luxemburg gelesen? 

— Nein, das habe ich nicht, antwortete der Ma- 
gister der Wahrheit gemäss. Aber ich habe von 
ihm sprechen hören, und ich habe das Lied von Euch 
gehört. 

— Das ist ein Buch, das könnt Ihr mir glauben, 
sagte der Zigeuner und machte sich wichtig über des 
andern Unwissenheit; das ist ein Buch, aus dem 
jeder Mensch etwas lernen kann, und dann ist es 
so unterhaltend. Denkt nur, ein Graf, der stiehlt 
und mordet und den die Polizei nicht fassen kann, 
so gern sie auch möchte! Das war ein verschlagener 
Kerl, das könnt Ihr mir glauben. Denkt Euch, er 
ging auf Kirchhöfe und Galgenhöhen, wo man 
Leichen einscharrt, und vergiftete mit dem Leichen- 
gift Nadeln; diese Nadeln befestigte er auf dem 
Stuhle dessen, den er umbringen wollte. Wenn er 



58 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

etwas nahm, so nahm er nie etwas anderes als Geld ; 
das kann man ja nicht wieder erkennen, das geht, 
wie es gekommen ist; aber Kleinodien und Juwelen 
nahm er niemals; wenn also die Polizei kam und 
Haussuchung hielt, war nicht das geringste zu 
finden ! 

Er hatte mit Wärme gesprochen, hielt jetzt aber 
plötzlich inne, als bereue er, was er gesagt hatte. 

Um den begangenen Fehler zu bemänteln, wandte 
er sich ärgerlich gegen das Torwächterhäuschen, das 
durch die Büsche schimmerte, ballte die Faust und 
schalt : 

— Ja, es gibt viele Lumpe in dieser Welt, und 
dieser Torhüter, das ist ein boshafter Geselle! 

Dem Magister war nicht wohl zumute nach diesem 
Gespräch : wenn er an alles dachte, was er im Laufe 
des Abends gesagt hatte, so bereute er die Hälfte; 
unruhig ging er zu Bett. 



Fünftes Kapitel 

Acht Tage später machte Magister Törner seinen 
gewöhnlichen Morgenspaziergang in recht bedrückter 
Stimmung; die letzte Woche war reich an Vor- 
fällen gewesen, die auch das Gleichgewicht einer 
ruhigeren Natur hätten erschüttern können. Am Tage 
nach seinem Gespräch über Verbrechen und Ver- 
brecher hatte der Magister auf seiner Wanderung im 
Walde einige blaue Brustfedern des gestohlenen 
Pfaues gefunden und sie mit nach Hause gebracht; 
hatte seinen Fund gezeigt und damit geglaubt, den 
Torhüter von Verdacht zu reinigen, da die Beute 
so gut wie bewies, dass der Fuchs der Schuldige 
war. Aber man hatte seine Behauptungen mit Miß- 
trauen aufgenommen, und der Zigeuner hatte ein- 
gewendet, durchtriebene Spitzbuben verständen 
immer, die Aufmerksamkeit abzulenken und ein 
falsches „Corpus delictum" anzubringen. Da be- 
kam der Magister seine Lehren zum ersten Mal 
zu hören — Corpus delictum! 

Aber am nächsten Morgen hatte der Magister 
einige Federn der Schlagflügel gefunden, die mit 
einem Messer scharf abgeschnitten waren; als er 
die nach Hause brachte, triumphierte der Zigeuner 
und erklärte, der Fuchs trage kein Messer in der 
Tasche. 

In der nächsten Nacht war der Puterhahn ge- 
stohlen, ohne dass man eine Spur von ihm ent- 
decken konnte. 



60 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Am folgenden Abend hatte der Magister zusammen 
mit dem Zigeuner am eisernen Tor gestanden, als 
der Sohn des Richters, der Gutsbesitzer war, vor- 
beiritt*, der hielt sein Pferd an und fragte höflich, 
ob er den Enterich kaufen könne, den er auf dem 
Rasen herumwatscheln sah. Der Zigeuner antwortete 
ihm höfUch, er könne ihn nicht verkaufen. 

In der Nacht verschwand der Enterich. 

Einige Umstände waren dabei, welche die Vor- 
fälle recht unerklärlich machten. Wenn der Fuchs 
den Puterhahn genommen hatte, der in einem 
Schuppen auf seinem Pflock sass und sich verteidigen 
konnte, warum hatte er dann nicht das Huhn ge- 
nommen, das im Stroh auf dem offenen Hofe brütete; 
zumal sachverständige Leute versicherten, der Fuchs 
könne keinen Puterhahn nehmen, wohl aber ein 
Huhn! Ferner: warum wurde der Enterich gerade 
in der Nacht gestohlen, nachdem der Sohn des 
Richters dagewesen war. Ein so reicher und vor- 
nehmer Mann konnte nicht in Verdacht kommen, 
und niemand auf dem Hofe wagte etwas in der 
Art anzudeuten. Lag etwas dahinter oder war es 
nur ein zufälliges Zusammentreffen? Aber die Fe- 
dern, die mit offenbarer Absicht dem Magister in 
den Weg gelegt waren, damit er sie finden sollte? 
Was lag darin für eine Absicht? Wenn der Tor- 
hüter der Dieb war, würde er doch nicht Beweise 
hinlegen, dass es nicht der Fuchs gewesen sein 
konnte! Ebensowenig würden es die Tischler tun, 
wenn sie die Schuldigen waren. Wer hatte also 
die Federn hingelegt, und in welcher Absicht? 
Lauter Rätsel! 

Auch waren in diesen Tagen sowohl der Vogt 
wie der Gewaltiger nach Bögely gekommen, um 
den Ort zu untersuchen, wo die Diebstähle begangen 
waren. Die Baronin und der Zigeuner hatten dem 



TSCHANDALA 61 



Vogt einen festlichen Empfang bereitet, hatten ihm 
Wein vorgesetzt und den Magister holen lassen; 
den stellten sie als eifrigen Freund der Dänen vor, 
rühmten ihn und prahlten mit ihm unmässig, als 
wollten sie Gold von ihm schaben, um sich selbst 
damit zu vergolden. Der Zigeuner hatte den Ma- 
gister sogar seinen guten und intimen Freund, 
seinen Lehrer, seinen Vertrauten genannt. Der Ma- 
gister fühlte sich beklommen und wies diese Schmei- 
cheleien zurück, so weit er es konnte, ohne zu ver- 
letzen. Und das merkwürdigste war, dass sich genau 
dieselbe Vorstellung wiederholte, als kurz darauf 
der Gewaltiger zu Besuch kam. 

Darauf war plötzlich der Torhüter vor den Rich- 
ter von Hälsingborg geladen worden, nicht weil 
er die Vögel, sondern einige Bohlen gestohlen hatte. 
Dafür sollte er in Arrest genommen werden, als 
sich auf ein Mal der Zigeuner, der geklagt hatte, 
edelmütig zeigte und auf jede Strafe verzichtete. 
Mit Tränen in den Augen dankte der Torhüter 
seinem Wohltäter, den auch der Richter wegen 
seiner schönen Handlung rühmte. 

Aber einen Tag, bevor die Parteien vor Ge- 
richt erschienen, waren die beiden Tischler ver- 
schwunden und durch zwei neue ersetzt, die aus- 
drücklichen Befehl erhielten, die Hütte des Tor- 
hüters nicht zu betreten: der verkaufte nämlich 
heimlich Schnaps, ohne Erlaubnis zu haben. 

Die Ereignisse hatten sich so gehäuft, dass Ma- 
gister Törner nicht hatte mitkommen und Bedeu- 
tung wie Zusammenhang erforschen können, am 
wenigsten von dem letzten Vorfall, der ihn mehr 
überraschte als alle anderen zusammen. Eines Mor- 
gens hatte er nämlich das krauslockige Mädchen 
auf seiner Kammer getroffen, wie es sein Bett 
machte; als er seine Frau fragte, erfuhr er, dass 



62 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

sie das Mädchen auf Empfehlung des Verwalters, 
bei dem sie sich nach einer Magd erkundigt, in 
Dienst genommen habe. Dazu kam, dass diese 
Magd von den« Tischlern im Hause die Schwester 
des Zigeuners genannt wurde; davon wollte dieser 
jedoch nichts wissen, vielmehr musste sie wie Iwan 
den Bruder Monsieur titulieren. 

Als der Magister durch den Buchenwald gekom- 
men war und den Fichtenpark betrat, wo ein über- 
deckter Pfad von jungen Fichten den Wanderer 
auf eine Höhe führte — dort hatte er die Federn 
gefunden — hatte er seine Eindrücke einigermassen 
geordnet. Vor allem war ihm klar geworden, dass 
hier im Hause geheimnisvolle Dinge vorgingen, 
dass man ein Netz um ihn spann, zu dem er viel- 
leicht selbst, ohne es zu wissen, das Garn ge- 
liefert hatte. 

Was man für Absichten hatte, konnte er nicht 
ergründen, denn der Zigeuner machte Seitensprünge 
wie der Hase im Schnee, und der Magister ver- 
mochte den Launen seines verworrenen Gehirns 
nicht zu folgen. Aber gegen seinen Verdacht konnte 
er nur einen einzigen Gegengrund aufstellen: die 
guten wirtschaftlichen Verhältnisse des Mannes, die 
ihn von der Versuchung, ein Dieb zu werden, ab- 
halten mussten. 

Zwischen dem Zigeuner und dem Magister hatte 
während der letzten Tage ein gutes Verhältnis ge- 
herrscht, ja freundschaftlicher als sonst von Seiten 
des ersten; aber der selbstsichere Ton, den der 
Zigeuner in der ersten Zeit angenommen hatte, kam 
jetzt wieder, da der Magister ihn nicht mehr mit 
unerbetener Weisheit, sei es in Musik, Landwirt- 
schaft oder Zauberkünsten, bedrückte. 

Die Baronin zeigte sich niemals, und Gesang und 
Musik waren unten verstummt; daraus schloss der 



TSCHANDALA 63 



Magister, dass der Zigeuner als Künstler keinen 
Eindruck mehr auf seine Liebste machte; aber er 
musste daraus auch die für ihn unangenehme Schluss- 
folgerung ziehen, dass von jenem Abend, als er 
den Charlatan überglänzt hatte, etwas Groll beim 
Zigeuner zurückgeblieben war. 

Durch die jungen Fichten schien die Sonne auf 
den Waldpfad nieder, und der Magister betrachtete 
die frischen Fussspuren, die sich in den herab- 
gefallenen Nadeln abzeichneten und die nicht seine 
eigenen sein konnten, als im selben Augenblick eine 
Elster aus dem dichten Buschwerk aufflog und 
schreiend über den Fichtenwipfeln verschwand. Der 
Magister blieb mit einem Ruck stehen, starrte in 
das Dunkel hinein und erblickte das Nest, das 
zwischen Stamm und Zweig einer jungen Fichte 
gebaut war. Ein Bündel Sonnenstrahlen fiel hinein 
und warf ein gelbgrünes Licht auf die Stämme. 
Plötzlich bUeb der Blick des Magisters an einem 
Baume hängen, in dessen Rinde mit einem scharfen 
Messer verschiedene Zeichen eingeschnitten waren, 
und zwar so tief, dass das weisse Holz durch- 
schien und das Harz in Tränen und Streifen bis 
an den Fuss der Fichte geflossen war. 

Der Magister betrachtete die recht deutlichen Zei- 
chen, deren Ausführung von grosser Übung und 
einer sicheren Hand zeugte. Was ihm zuerst auf- 
fiel, war ihre Ähnlichkeit mit den Zeichen, welche 
die wilden indianischen Volksstämme im Westen 
gebrauchten und die in einer Reisebeschreibung von 
Neu-Schweden am Delawareflusse abgebildet waren. 
Aber es fiel ihm nicht ein, die beiden Schriftarten 
miteinander in Verbindung zu bringen. Doch konnte 
er so viel verstehen, dass Bildschrift oder Hiero- 
glyphen bei allen Völkern verwandt sind; da er 
hier eine Hand, einen Schlüssel und ein Auge ab- 



64 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

gebildet sah, schloss er, durch Vergleich, Unter- 
suchung und Kombination werde es möglich sein, 
diese Zeichen zu deuten ; so konnte er Geheimnissen 
auf die Spur kommen, die ihn vielleicht mehr an- 
gingen, als er glauben wollte. Er nahm sein Notiz- 
buch und zeichnete die Hieroglyphen so genau wie 
er konnte ab. Statt aber nach Hause zu gehen, 
nachdem er den Pfad bis zur Pforte zurückgegangen 
war, wanderte er weiter, um einen Beschluss ins 
Werk zu setzen, den er lange genährt hatte: er 
wollte seinen Nachbar besuchen, um sich nach den 
Menschen, bei denen er wohnte, zu erkundigen; 
diese Leute schienen geheime Pläne mit ihm vor- 
zuhaben und ihn in ihre Angelegenheiten ziehen zu 
wollen. 

Er war indessen fest entschlossen, kein böses 
Wort von seinem Wirt zu sagen, noch den geringsten 
Verdacht auf ihn zu werfen, als er eine halbe Stunde 
später in den Flur des Hofbesitzers Virup trat. Er 
traf eine Magd, die er bat, seinen Besuch anzumelden. 

Als er ins Wohnzimmer kam, sah er den Wirt auf 
der Ofenbank sitzen und mit seinen scharfen grauen 
Augen den Eintretenden mustern. Er stand nicht 
auf, bat nur um Entschuldigung, dass er sitzen 
bleibe, weil er die Gicht habe. 

Der Magister wusste sofort, was die Gicht zu 
bedeuten hatte: die sollte die Unhöflichkeit be- 
mänteln; er nahm daher ohne weiteres im besten 
Lehnstuhle Platz und behielt den Hut auf, sich 
damit entschuldigend, dass er an Kopfschmerzen 
leide. 

Dann trug er sein Anliegen vor. 

— Ich komme, äusserte er, um meinen Nachbar 
zu begrüssen und um einen Dienst zu erbitten. Ihr 
wisst vermutlich, wer ich bin, aber sicher nicht, 
was ich hier in der Gegend auszurichten habe. 



TSCHANDALA 65 



Ich bin indessen auch Pflanzensammler und muss 
dabei zuweilen über Umzäunungen steigen und 
fremden Boden betreten; erlaubt Ihr, dass ich auf 
Eure Felder gehe, wenn ich verspreche, nicht auf 
die Saat zu treten? 

Ohne Bedenken gab der Hofbesitzer seine Er- 
laubnis, nicht gewohnt, dass ein Feind so höflich 
war; ja, er kam ihm so weit entgegen, dass er 
sich selbst bemühte, das Gespräch, das ihn anfangs 
nicht gelockt zu haben schien, fortzusetzen. 

— Nun, knüpfte er an, Ihr wohnt also auf Bögely ; 
was haltet Ihr von Euerm Wirt? 

Auf diese Frage gerade hatte der Magister ge- 
wartet, und er griff begehrlich danach : 

— Ein flinker Kerl, so weit ich urteilen kann. 

— Etwas Lump, nicht wahr? grinste der Hof- 
besitzer. 

— Das habe ich nicht bemerkt, antwortete der 
Magister. 

— Er bringt ja das Geld der Baronin durch und 
ruiniert das Gut. 

— Meint Ihr das wirklich? fragte der Magister, 
fest entschlossen, durch Widerspruch die Wahrheit 
herauszuholen. Er ist ja Verwalter, ohne einen Ge- 
halt zu beziehen, und geht selbst wie ein Knecht 
hinter dem Pflug, mäht Gras und tränkt das Vieh; 
er verdient sich also sein Brot, sollte ich meinen. 

— Ja, ich weiss, dass Ihr gut Freund mit ihm 
seid, antwortete der Vollbauer, und darum will ich 
nichts Böses von ihm sagen! 

Jetzt wurde dem Magister bange! Gut Freund 
mit ihm! Aber es war noch zu früh, sich aus dem 
Feuer zu ziehen. 

— Sein Freund! Was meint Ihr damit? Freund- 
schaft kann nur zwischen Personen des gleichen 
Bildungsgrades existieren, zitierte er aus Ciceros 

Strindberg, Kleine^historische Eomane 5 



66 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Schrift De Amicitia, und mit einer Vertraulichkeit 
habe ich den Verwalter nicht beehrt. 

— Ich weiss natürlich weiter nichts, als was man 
erzählt, antwortete der Vollbauer und sah viel- 
sagend aus. Hier in der Gegend hält man ihn für 
den grössten Spitzbuben, der je in Schuhen gegangen 
ist! Kommt die Baronin nicht bis MichaeHs ins 
Armenhaus, so ist es wahrhaftig ein Wunder. 

— Nein, was Ihr sagt! Glaubt Ihr das wirklich? 
rief der Magister. Ist die Baronin denn nicht wohl- 
habend? 

— Ja, sie hat ja Manches besessen, aber das hat 
dieser Geselle verschleudert; es ist schon so weit ge- 
kommen, dass man Steuer und Wegegelder pfänden 
muss. Aber er ist ein verschlagener Kerl: wenn der 
Vogt kommt und das Vieh nehmen will, so gehören 
sie Jensen. 

Der Magister sah bestätigt, was für ihn das wich- 
tigste war, worauf sich sein ganzer Argwohn auf- 
baute: dass die Baronin verarmt war. Und jetzt 
begriff er, warum der Hof verfiel, warum man ver- 
dorbenes Essen kochte, warum . . . Da stockte er; 
um nicht in die Versuchung zu kommen, seine Ge- 
danken laut zu entwickeln, fragte er nicht weiter, 
sondern stand auf, dankte für den freundHchen Emp- 
fang und nahm Abschied. 

Der Hofbesitzer war erstaunt, dass das Gespräch 
so schnell alDgebrochen wurde, und erhob sich, ohne 
an seine Gicht zu denken, und begleitete den Gast 
hinaus. 

Im Flur fiel es dem Magister ein, dass er alles 
sagen und energisch jeden Verdacht, er sei der 
Freund des Zigeuners, zurückweisen müsse. Das 
konnten die Leute leicht glauben, wenn er nicht 
diese Verdächtigung, die der Vollbauer vielleicht 
in guter Absicht ausgesprochen hatte, ein für alle 



TSCHANDALA 67 



Male erledigte. Aber der eine Gedanke kreuzte den 
andern, auch drückte das Gesicht des Mannes bereits 
eine solche Kälte aus, dass er nichts hervorbringen 
konnte, sondern den Hut zog und ging. 

Er hatte das Gefühl, er habe eine Dummheit be- 
gangen, als er durch die Pforte schritt, um über die 
Wiese nach Hause zu wandern. Aber es war zu 
spät, um umzukehren, besonders da er den Zigeuner 
vorm Garten Wache halten sah, und er wahrschein- 
lich schon von ihm entdeckt war. 

Gern hätte er eine Begegnung mit Jensen ver- 
mieden, da er von dem Nachbar kam, vor dem er 
gewarnt worden; aber zu entkommen, war nicht 
mehr möglich; er konnte nur direkt auf den Feind 
losgehen. 

Jensen schritt mit gebeugtem Kopfe einher, hielt 
eine Stange in der Hand und vermass scheinbar 
den Boden; dass er den Magister kommen sah, 
davon Hess er sich nichts merken. 

Der grüsste laut mit einem Guten Morgen. Der 
Zigeuner spielte den Erstaunten, sagte aber nichts; 
weshalb der Magister beschloss, direkt auf die Sache 
loszugehen und alles zu sagen, was er sagen konnte, 
ohne dass die Wahrheit gar zu deutlich herauskam. 

— Ich bin bei unserem Nachbarn gewesen, um 
ihn um die Erlaubnis zu bitten, über sein Feld gehen 
zu dürfen, erklärte er. 

Der Zigeuner zwang sich zu einem Lächeln, das 
freundlich sein sollte, zugleich aber auch gleichgültig, 
und schwieg. 

Sich zurückziehen konnte der Magister nicht mehr ; 
er musste weiter, auch wenn er irre gehen sollte; 
und das tat er denn auch gründlich, denn ein un- 
widerstehliches Bedürfnis, sich zu entschuldigen, kam 
plötzlich über ihn. 

— Ihr habt keine Freunde hier in der Gegend, 

5* 



68 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Jensen, sagte er. Der Hofbesitzer hat nicht gut von 
Euch gesprochen. 

^- Das will ich glauben ! antwortete der Zigeuner. 
Er hatte es auf die Baronin und ihr Geld abgesehen ; 
nachdem er aber einen Korb bekommen hat, lässt er 
seinen Ärger auf mich aus. 

Das ist sicher eine Lüge, dachte der Magister, 
der schon wusste, dass der Zigeuner seinen Schmutz 
immer an andern abwischte; aber er stellte sich, als 
glaube er an die Beschuldigung. 

— Das habe ich ihm auch gesagt, fuhr er fort; und 
ich habe ihm noch mehr gesagt, weil ich hören 
konnte, dass er neidisch war. Ich rühmte Euch, 
Jensen, als einen flinken Burschen und einen un- 
eigennützigen Menschen, der selbst auf dem Felde 
arbeite, obgleich er Verwalter sei, und das tue kein 
anderer Verwalter im ganzen Lande. Ich gab ihm 
zu verstehen, dass die Baronin Euch nicht sehr 
gut gesinnt sein könne, da sie Euch so ohne Lohn 
schuften lasse. 

Der Zigeuner Hess sich anführen, denn er glaubte 
unbedingt, dass der Magister nicht lügen könne, 
da er bisher nicht gelogen hatte; erfreut, dass es 
ihm gelungen, dem Magister seine Lügen einzureden, 
ergriff er dessen Hand und drückte sie mit unver- 
stellter Bewegung, sein Glück preisend, dass er end- 
lich einen ehrHchen Menschen gefunden habe, der 
gut von ihm spreche. Und er gab seiner Rührung 
nach, öffnete sein Herz, erzählte von den Missernten 
der letzten Jahre, die sie ruiniert ;• von boshaften 
Menschen, die sie um Darlehen geprellt; von der 
Sorge, die es ihm mache, jede Woche für Menschen 
und Tiere Nahrung schaffen zu müssen; von allem, 
das Mitleid mit seiner Person und seiner Stellung 
erregen konnte. 

Der Magister benutzte die Gelegenheit, da der 



TSCHANDALA 69 



Mann weich war und auf einen guten Rat hörte, 
und warf ihm seine Torheit vor, den Boden, der doch 
Brot geben könne, nicht zu bestellen; er suchte ihn 
zu überzeugen, dass es sparsamer sei, Leute für die 
Bestellung zu mieten, als selbst seine Zeit damit 
zu verlieren. 

— Wenn Ihr Euch auf eine Bank legt, eine Pfeife 
raucht und Eure Leute beaufsichtigt, so ist das 
viel mehr wert, als wenn Ihr, ein Städter mit feinen 
Gewohnheiten, Euch abarbeitet, schloss er seine 
Erm.ahnung. 

Dieser Vorschlag, sich auf eine Bank zu legen 
und eine Pfeife zu rauchen, musste dem Zigeuner 
ausserordentlich gefallen haben; zum ersten Male 
gab er zu, der Magister sei ein weiser Mann, voll 
guter Ratschläge, die er dankbar benutzen wolle. 

Der Magister verliess seinen dankbaren Schüler 
mit dem Mitleid, das man für einen Unglücklichen 
empfindet, und mit der Befriedigung, einem Men- 
schen geholfen zu haben. Jetzt fühlte er sich sicherer 
dem Zigeuner gegenüber, und da er ihn nicht mehr 
fürchtete, verschwand auch der Groll über kleine 
Unbilden und Unverschämtheiten; ja, er vergass 
seinen ganzen Verdacht, der doch eben bestätigt 
worden war durch die Auskunft, die er über die 
schlechten Vermögensverhältnisse des Mannes er- 
halten hatte. 

Besonders edelmütig gestimmt, ging er durch den 
Garten, als er jemand neben dem Sonnenzeiger auf 
dem Gesicht Hegen sah ; es wardie kraushaarige Magd. 

— Warum liegst du hier, Magelone? fragte er, 
erstaunt, das Mädchen um diese Zeit, wo sie sein 
Zimmer aufzuräumen pflegte, im Garten zu finden. 

Das Mädchen erhob sich langsam; mit der Hand 
ihre von Tränen schwarz gestreiften Backen und 
geröteten Augen bedeckend, schluchzte sie : 



1b KLEINE Historische römahe 

— Die gnädige Frau hat mich fortgejagt! 

— Warum denn, mein Kind? fragte der Magister 
weiter. 

Die Magd schwieg eine Weile, dann schluchzte sie 
hervor: 

— Die gnädige Frau sagt, ich sei nicht fein genug, 
aber ich habe nur das Kleid, in dem ich gehe und 
stehe, und das ist nicht meine Schuld. 

Der Magister sah das zottige Mädchen an, das sehr 
schmutzig war, aber zwei Perlenhalsbänder und 
Ringe in den Ohren trug. Obgleich er sich sehr 
wohl denken konnte, wie die Sache in Wirklichkeit 
lag, hatte er nicht das Herz, ihr zu sagen, was 
er dachte; er bat sie daher, seiner Frau nicht böse 
zu sein: die sei sehr krank und habe es sicher 
nicht schlimm gemeint. 

Die Magd bhckte den Magister durch die ge- 
spreizten Finger an und fragte mit bittender Stimme: 

— Aber der Herr Magister nimmt mich wohl 
wieder an? 

— Ja, siehst du, in diese Dinge mische ich mich 
nicht; die besorgt meine Frau! antwortete er und 
setzte seinen Weg fort, verstimmt über diesen Ver- 
such, ihn in einen Zwist hineinzuziehen, der ihn 
nichts anging. 

Als er an die Treppe kam, stand sein Kinder- 
mädchen dort und klopfte Betten. 

— Was ist mit Magelone vorgefallen? fragte er. 

— Ja, das ist ein nettes Mädchen! Sie hat Un- 
geziefer in die Betten gebracht, und den Kindern hat 
sie einen Ausschlag verschafft. Gnädige Frau hat 
ihr oft verboten, die Kinder zu küssen, aber sie 
tut es doch. Als ihr aufgesagt wurde, fauchte sie 
wie eine Katze und schwur und fluchte, das solle 
das schwedische Pack schon bezahlen. 



TSCHANDALA 71 



Während das Mädchen seinem Verdruss Luft 
machte, merkte der Magister, dass sich im Zimmer 
der Baronin etwas hinter der Gardine bewegte ; man 
lauschte also. 

— Das ist eine unangenehme Geschichte, sagte 
der Magister wie für sich, während er auf seine 
Stube hinaufging; unruhige Ahnungen erfüllten ihn, 
denn er wusste, dass die Zigeuner sich rächen, wenn 
sie gekränkt werden; dachte aber an das freund- 
schaftliche Gespräch, das er eben mit dem Bruder 
gehabt hatte. 

Dann zogen seine Gedanken weiter zurück zu dem 
Morgenbesuch, den er dem Nachbar gemacht, zu 
den geheimnisvollen Inschriften, die er gesehen hatte. 
Und all das Lichtscheue und Ungemütliche, das sich 
im Hause zutrug, rollte sich vor ihm auf; ein heftiges 
Verlangen ergriff ihn, aus allem herauszukommen, 
und er fasste den Entschluss, fortzureisen, wohin es 
auch sei, nur so schnell wie möglich fort ! 

Hier, das fühlte er, wurden Ränke gesponnen, die 
sich um ihn zusammenzogen und ihn zu ersticken 
drohten. 



^ 



Sechstes Kapitel 

»Während der acht Tage, die der Magister warten 
musste, um Antwort zu erhalten auf sein Gesuch, 
die Gegend verlassen zu dürfen, waren neue und 
unerwartete Ereignisse auf dem Hofe vorgefallen. 

Ein Knecht und ein Gärtner waren gekommen. 
Der Knecht merkte bald, dass der Verwalter seine 
Arbeit nicht verstand, legte sich auf die faule Haut 
und fing einen Liebeshandel mit dem zottigen 
Mädchen an. Und der Gärtner, der einsah, dass es 
zum Graben zu spät sei, es auch nicht der Mühe 
für wert hielt, ordentlich zuzugreifen, da er es 
allein nicht schaffen konnte, sass meistens in den 
Kirschbäumen und pflückte die Kirschen, die schon 
auf den Zweigen zu faulen anfingen. 

Der Zigeuner selbst lag auf einer Bank und rauchte 
Pfeife, den improvisierten Rat des Magisters treu 
befolgend; und wenn er nicht schlief oder rauchte, 
trank er oder ritt aus, und zwar meistens nachts. 
Dem Magister gegenüber tat er überlegen und hoch- 
mütig, entwickelte gewaltige Pläne, wie das Gut 
zu verbessern sei, und machte grossartige Vorschläge, 
wie man den Garten erweitern könne. Dass die 
Schwester aus dem Dienst entlassen war, erwähnte 
er mit keinem Worte, aber eine wilde Glut brannte 
in seinen Augen, wenn er jemand vom Haushalte des 
Magisters traf; dessen Kinder und Dienstmädchen 
mussten sich jetzt vor den Hunden in acht nehmen. 



?4 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

die von Iwan und Magelone aus allen möglichen 
Winkeln auf sie gehetzt wurden. Schliesslich wagte 
man die Kinder nicht mehr allein in den Garten 
zu lassen ; sie mussten in den Zimmern bleiben, wenn 
das Kindermädchen nicht mit ihnen ausgehen konnte. 

Als der Magister dem Zigeuner erklärte, er wolle 
ausziehen, hatte dieser nicht die Geduld, ihn zu 
Ende zu hören, sondern verriet sich sofort, indem 
er mit boshaftem Grinsen auf den Vertrag wies. 
Augenblicklich antwortete der Magister, der Ver- 
trag könne ihn nicht zwingen, bis zum Oktober 
wohnen zu bleiben, sondern nur so lange die Miete 
zu zahlen. 

Die Kündigung hatte trotzdem das Verhältnis 
noch gespannter gemacht, wenn auch der Zigeuner 
diesen Mann, der sich von einer Zahlverpflichtung 
nicht zu drücken suchte, bewundern musste. 

Die Lust fortzuziehen war bei dem Magister noch 
grösser geworden, nachdem er eine recht beun- 
ruhigende Entdeckung gemacht hatte. Trotzdem er 
monatelang darum gebeten, hatte er noch immer 
nicht ein Schloss für sein Zimmer erhalten : Tag 
und Nacht musste er es offen lassen. An einem 
Nachmittage hatte er bemerkt, dass jemand sein 
Zimmer betreten und seine Bücher angerührt hatte, 
während er fort gewesen war. Er entdeckte, dass 
seihe Abhandlung über die Probierkunst verkehrt 
zurückgestellt war und Spuren von schmutzigen 
Fingern trug. Der Zigeuner war also dort gewesen: 
statt um das Buch zu bitten, eine Bitte, die ihm 
nicht verweigert worden wäre, hatte er, aus reiner 
Lust am Stehlen, die Lektüre gestohlen. Ärgerlich 
Hess der Magister einen Schlosser holen ; den schickte 
er dann zur Baronin, damit die ihn bezahle; was 
sie auch tat. Als er aber dem Zigeuner in gleich- 
gültigem Tone sagte, was er getan habe, konnte 



TSCHANDALA t5 



dieser seinen Verdruss oder seine Verlegenheit nicht 
verbergen, denn er verstand wohl, dass er entdeckt 
war. 

Die Luft war jetzt so geladen, dass man jeden 
Augenblick eine Explosion erwarten konnte; aber 
man suchte auf beiden Seiten den Ausbruch des 
Streites zu vermeiden, da ja die Trennung so nahe 
bevorstand. Und die Sehnsucht nach diesem Augen- 
blick ergriff den Magister besonders heftig, als zwei 
neue Vorfälle eintrafen, die ihn um so unangenehmer 
berührten, als ihm der Ruin des Hauses jetzt be- 
kannt war. 

Eines Morgens kam er in den Garten und sah 
die beiden Tischler in grösster Eile einen Dung- 
wagen in Form eines Sarges mit schräg aufsteigen- 
dem Deckel zimmern. Um etwas zu sagen, scherzte 
der Magister: 

— Was wollt ihr mit diesem Sarg machen? 
Der eine Tischler war schlagfertig und antwortete 

ebenfalls scherzhaft: 

— Es ist wohl nicht das erste Mal, dass man 
eine Leiche in solch einem Dungwagen ifortgebracht 
hat. 

— Was meint Ihr damit? fragte der Magister, 
der heraushörte, dass etwas Ernst hinter der Ant- 
wort lag. 

— Ich meine, dass man im Dung\vagen zuweilen 
eine Kinderleiche findet! sagte der Tischler. Mein 
Vater war Gefangenwärter, und da kriegt man ja 
manches zu hören. 

Der Zigeuner hatte still dabei gestanden und auf 
die Erde gesehen. Jetzt schlug er die Augen auf 
und unterbrach das unangenehme Gespräch. 

— Der Garten soll in Ordnung gebracht werden, 
und ich will Dung holen lassen, aus dem Reiterstall 
von Landskrona, mit dem ich abgeschlossen habe. 



76 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Diesen unbedeutenden Vorfall hätte der Magister 
nicht weiter . beachtet, wenn er nicht auf seinem 
Spaziergange den Gärtner am Treibhause getroffen 
hätte. 

— Wollt Ihr die Erde mitten im Sommer düngen ? 
fragte er ihn, ohne eigentlich etwas Neues wissen 
zu wollen. 

— Ja, eine solche Landwirtschaft ist mir noch 
nicht vorgekommen, aber der Verwalter sagt, er 
habe mit dem königlichen Stall von Hälsingborg 
bestimmte Abrede getroffen, und er wolle nicht 
warten ! 

— Was? begann der Magister, brach aber so- 
fort ab, fest entschlossen, nichts zu sagen, was die 
Lügenhaftigkeit des Zigeuners verraten konnte. 

In der nächsten Nacht, als der Wagen fertig ge- 
worden war, erwachte Magister Törner von einem 
Geräusch, das vom Boden kam. Er richtete sich 
auf und lauschte scharf, ob er sich vielleicht ver- 
hört habe; bald aber war er überzeugt, dass sich 
jemand auf dem Boden befand und etwas vorhatte, 
das er verbergen wollte; dass man sich nämhch die 
Mühe machte, leise zu gehen, um die Schlafenden 
nicht zu wecken, daran war nicht zu denken. Es 
klang, als schleppe man etwas Schweres fort und 
stosse dabei an die vielen Gegenstände, die auf dem 
Boden angehäuft waren. 

An Diebe dachte er nicht einen AugenbUck; denn 
alle Hunde waren am Abend losgelassen worden 
und hatten das ganze Gebiet des Gutes abgesucht; 
auch hatte der Zigeuner rings um das Haus einige 
Pistolenschüsse abgegeben, um etwaige in der 
Nähe befindhche Nachtwanderer zu warnen. 

Um zu erfahren, ob es Hausbewohner seien und 
ob diese ihr Treiben verheimlichen wollten oder 
nicht, stand er auf und fragte durch die Tür, ob 



TSCHANDALA 77 



jemand draussen sei. Überraschen wollte er sie 
nicht, um sie nicht zu einer Notwehr zu zwingen, 
die gefähdich werden konnte. Als er hörte, dass 
es sofort still wurde, sagte er laut zu sich selbst: 
„Ich muss geträumt haben!" damit man draussen 
glaube, er habe sich anführen lassen. 

Dann legte er sich wieder, stellte sich, als schlafe 
er ein, und schnarchte laut. 

Nach einer Weile begann das Geräusch auf dem 
Boden wieder, und schleichende Schritte gingen die 
Treppe hinunter. 

Die Gedanken des Magisters flogen hierhin und 
dorthin, kehrten aber immer wieder zu dem Dung- 
wagen zurück, der ohne sichtbare Veranlassung in 
solcher Eile verfertigt worden war; kreisten um 
das vierte Turmzimmer, das er noch nie gesehen 
hatte, wo aber der Zigeuner angeblich wohnen 
wollte; verweilten einen Augenblick bei den lüg- 
nerischen und sich widersprechenden Angaben, wo- 
her der Dung geholt werden sollte; und blieben 
schHesslich dabei stehen, dass man die Hunde am 
letzten Abend hinausgelassen hatte. 

Das Schlaffieber erhitzte seine Phantasie: alte 
Sagen von eingesperrten und verhungerten Erben 
tanzten in seinem erhitzten Gehirn ; Diebsgeschichten 
und Schmugglerhistorien älteren und jüngeren Da- 
tums tauchten in seinem Gedächtnis auf, aber er ver- 
jagte sie ebenso schnell, wie sie gekommen waren. 

Sollte er jetzt das Fenster öffnen und die Unter- 
suchung fortsetzen? Das wagte er nicht, denn ver- 
raten, dass er sie beobachtete, war gefährhcher als 
alles andere. 

Er drehte sich nach der Wand und schHef bald 
ein. Als er wieder erwachte, stand die Sonne schon 
hoch am Himmel. 



78 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Die Vorfälk der Nacht waren ihm so lebendig 
und klar geblieben, dass er nicht daran dachte, zur 
Tagesordnung überzugehen; sein Schweigen würde 
mehr Misstrauen wecken als sein Sprechen. So- 
bald er daher die Baronin traf, grüsste er freund- 
lich und fragte, ob sie in der Nacht das Geräusch 
auf dem Boden gehört hätte. 

— Nein, ich habe nichts gehört. 

— Oh; ich hatte solche Angst, sagte der Magister 
mit seiner unschuldigsten Miene; ich glaubte, es 
seien Diebe. 

— Nein, wie könnt Ihr so etwas glauben! Wie 
sollten die ins Haus gekommen sein? fragte die 
Baronin mit geheucheltem Erschrecken. 

— Sie hätten über den Kirschbaum hineinklettern 
können. 

— Nein, das kann ich nicht glauben. Es sind 
wohl die Katzen gewesen, antwortete die Baronin. 
Ich muss Ihnen nämUch sagen, dass ich die Boden- 
tür gestern abend offen gelassen habe. Es sind 
so viel Ratten dort oben, dass sie allen Vorrat auf- 
fressen. 

Weiter wollte der Magister nicht gehen, sondern 
stellte sich, als glaube er an die Katzen; ja, er 
suchte selbst Gründe zu finden, die dafür sprachen ; 
im Innern aber war er nun überzeugt, dass man 
den nächtlichen Besuch verbergen wolle. 

Doch, wendete seine scharfe Logik ein, weil man 
etwas vor fremden Menschen verbirgt, braucht es 
noch kein Verbrechen zu sein. Man verbirgt seine 
Verhältnisse, seine Armut, seine FamiÜengeheim- 
nisse, seine Sorgen : warum sollte es gerade ein Ver- 
brechen sein? 

Als er in den Garten kam, war der Dungwagen 
fort. Und vom Gärtner erfuhr er, dass der Verwalter 
nach Dänemark gefahren sei, um Hühner zu kaufen. 



TSCHANDALA 79 



Er wollte nicht weiter fragen, aber eins war 
sicher : der Dungwagen war fort, und nach Dänemark 
war er nicht gebracht worden. War es also nicht 
wahr, dass der Zigeuner nach Dänemark gefahren 
war? 

Eine Weile später spannte man die grosse Ka- 
rosse an, und die Baronin fuhr mit Magelone und 
Iwan davon; wie man sagte, nach Landskrona, um 
einen Tierbändiger zu sehen; Magelone habe näm- 
lich Geburtstag. 

Erst in der Nacht kamen sie nach Hause, so 
müde oder so berauscht, dass sie im Wagen sitzen 
blieben und schliefen, bis es heller Tag war. Als 
der Magister ausging, fand er die sonderbare Ge- 
sellschaft mitten in der Sonne schnarchen. Die 
Baronin kam zuerst zum Bewusstsein, hörte die Kühe 
brüllen und erinnerte sich, dass sie vierundzwanzig 
Stunden lang nicht gemolken waren. Sie steckte 
ihr Kleid auf und setzte sich in voller Gala hin, 
um sie zu melken. 

Während der Zeit war Magelone erwacht. Sich 
den Schlaf aus den Augen reibend, näherte sie sich 
dem Magister mit geheimnisvoller Miene und be- 
gann mit stotternder Stimme, unsicherem Blick und 
unruhigem Körper zu erzählen: 

— Könnt Ihr Euch denken, Herr Magister, wir 
haben den Pfau beim Tierbändiger gesehen. 

— Nein wirklich? 

— Ja, er kannte die Frau Baronin sofort wieder 
und kam zu ihr, um sich Brot geben zu lassen. 

— Aber Kind, woran habt ihr ihn denn erkannt, 
fragte der Magister, der noch an die Geschichte 
glaubte. 

— Er hatte keinen Schwanz, und die Baronin 
kennt ihre Tiere ganz genau. Aber, fügte sie hinzu, 
Ihr dürft es Jensen nicht erzählen. 



80 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Die Baronin rief sie, und das Gespräch war zu 
Ende. 

Jetzt erwachte der Magister zur Besinnung und 
fragte sich: erstens, wie konnte der Vogel dort sein, 
wenn die Brustfedern mit daranhängender Haut im 
Walde gefunden waren? Zweitens, warum sollte 
Jensen nichts davon erfahren? 

War das Ganze eine grosse und schlecht aus- 
gedachte Lüge? Oder glaubten sie wirklich, es sei 
der Vogel gewesen, und hatte die Schwester ihren 
Bruder im Verdacht, ihn gestohlen zu haben? 

Die Gedanken dieser Menschen machten solche 
Sprünge, dass es schwer war, ihnen zu folgen. Und 
da sich jetzt die Stunde der Befreiung näherte, 
wollte der Magister seinen Kopf nicht zerbrechen, 
um über eine Sache, die ihn nichts anging, klar zu 
werden. Aber der Gedanke kehrte zurück, verlangte 
Antwort, bis er zornig wurde, dass seine Intelligenz 
auf diese Weise gezwungen war, sich mit den Baga- 
tellen unbedeutender Menschen abzugeben. Es ging 
ihn nichts an, w^er den Vogel gestohlen hatte; es 
hatte nicht die geringste Bedeutung für sein Leben, 
wie es sich mit der Sache verhielt oder nicht ver- 
hielt, und doch verlor er die Kraft seines Gehirns, 
um darüber klar zu werden. Diese drei Monate, 
die er von gebildeten Menschen getrennt gewesen 
und mit niedrig stehenden Wesen eingeschlossen 
war, hatten ihn verändert, ohne dass er es gemerkt 
hatte. Während sich seine Gedanken früher nur 
mit den höchsten Fragen des Lebens befassten und 
die Rätsel des Daseins und Weltalls zu durchdringen 
suchten, gaben sie sich jetzt mit Bagatellen ab und 
stellten Schlussfolgerungen auf, um zu ermitteln, wer 
einen Vogel gestohlen hatte. Die kleinen Sorgen 
von andern hatten seine Seele in Besitz genommen: 
er konnte keine Kuh brüllen hören, ohne sich zu 



TSCHANDALA 81 



fragen, ob man sie zu melken vergessen habe; kein 
Feld mit Unkraut sehen, ohne es jäten zu wollen. 
Hörte er den Zigeuner ausfahren, fragte er sich, 
wohin er wolle; sah er die Tischler eine Arbeit be- 
ginnen, grübelte er, was dahinter Hege. Äusserte 
der Zigeuner ein bedeutungsloses Wort, forschte er 
genau nach, was jener damit meine und wieviel 
davon Lüge sei. 

Wenn er sich selbst beobachtete, entdeckte er, 
dass er von dem Zigeuner Gebärden angenommen, 
dessen Stimme Tonfälle entliehen und, was schlim- 
mer war, dänische Worte und Wendungen in seine 
Sprache gemengt hatte. Er hatte so lange mit diesen 
Kindern geplappert, dass er nicht mehr rein sprach; 
er hatte sich so lange zu ihnen niedergebeugt, dass 
er einen krummen Rücken bekommen; er hatte so 
lange lügnerische Reden anhören müssen, dass er 
alle Menschen für Lügner hielt. Und er, der starke 
Mann, der niemals offenen Streit gefürchtet hatte, 
merkte jetzt, wie der Mut ihn verliess, wie Feig- 
heit und Furcht ihn beschlichen, da er mit unsicht- 
baren Mächten und Feinden kämpfte, die ihm über- 
legen waren, weil sie sich nicht scheuten, Waffen 
zu benutzen, die er verschmähte. 

Und dann kam wieder die Geschichte des Mäd- 
chens und machte ihm Kopfschmerzen. — Log sie? 
— Ja ! Denn ein Tierbändiger kauft keinen Pfau 
ohne Schwanz, und der Pfau lässt den Schwanz 
erst im Herbst fallen. — Warum log sie? — Wollte 
sie, der Magister solle den Torhüter für schuldig 
halten? Oder warum sonst? — Aber warum sollte 
er es nicht Jensen erzählen? — Oder war es gerade 
ihre Absicht, dass er es Jensen sagen sollte? Glaubte 
sie, sie könne ihn am sichersten verlocken, die Sache 
zu erzählen, wenn sie ihn bitte, sie geheimzuhalten ? 
So von ihrer eigenen schlechten Natur auf andere 

Strindberg, Kleine historische Romano 6 



82 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

schliessend? Meinte sie, die Versuchung zu klat- 
schen würde stärker werden, wenn sie verbiete, 
davon zu sprechen? Es war ihm nicht möglich, 
einen Sinn darin zu finden oder zur Klarheit darüber 
zukommen, und darum ritt ihn das Ganze wie ein Alp. 

Am Abend kam der Zigeuner nach Hause und 
brachte auf seinem Schiebkarren ein grosses Bauer 
mit fünfundsiebzig jungen Hühnern mit. Der Ma- 
gister stand draussen auf dem Hofe, als er anlangte, 
und musste gleich eine lange Geschichte von der 
Reise anhören. Auf dem Schiff zwischen Helsingör 
und Hälsingborg, sagte der Zigeuner, seien ihm 
fünfundzwanzig Hühner entschlüpft und in die See 
geflogen. Obwohl das ein fühlbarer Verlust für ihn 
sein musste, schien er nicht im mindesten traurig 
darüber zu sein. Nachdem er eingestanden hatte, 
dass er ruiniert sei, war er nämlich als reicher Mann 
aufgetreten, für den keine Summe zu gross war; und 
Iwan hatte dem Kindermädchen des Magisters die 
Lüge erzählen müssen, er habe einen hohen Gewinn 
in der grossen Amsterdamer Lotterie gezogen. 

Als der Zigeuner sich einen AugenbHck entfernte, 
wollte der Magister, indem er Worte des Bedauerns 
zu den umstehenden Knechten äusserte, das Loch 
untersuchen, durch das die Hühner entflohen sein 
sollten. Aber einer von den Tischlern machte sofort 
ein misstrauisches Gesicht und Hess sich schliesslich 
die halblauten Worte entschlüpfen : 

— Die Vögel sind wohl in seine eigene Tasche 
geflogen ! 

Seine eigenen Leute hatten also den Zigeuner in 
Verdacht, dass er die Baronin bestehle. 

Man konnte also annehmen, dass er auch den 
Pfau gestohlen hatte. War er wirklich so erbärm- 
lich, dass er sich nicht schämte, die Schuld auf 
Unschuldige zu schieben? 



TSCHANDALA 83 



Ein solcher Ekel überkam den Magister, dass er 
fortging. Er. lenkte seine Schritte auf die grosse 
Landstrasse, wo es rein und trocken war. Da es 
dämmerte und der reitende Postbote jeden Augen- 
blick zu erwarten war, beschloss er, ihm entgegen- 
zugehen. Die Strasse lief zwischen Weidenbäumen 
gerade wie ein Strich auf die Höhen von Lund zu, 
und der Magister konnte auf die Entfernung von 
einer halben Meile einen Reiter bemerken, der auf 
ihn zu geritten kam. Bald sah er nur Kopf und 
Schultern, wenn der Reiter sich in einer Senkung 
befand, bald war die ganze Gestalt auf dem 
schweren Pferde zu sehen. Die Abendsonne fiel dem 
Reiter entgegen, und der Magister wunderte sich, 
dass der Helm nicht blinkte. Aber nach einer Weile 
sah er, dass der Reiter einen Hut trug, also der 
Postbote nicht sein konnte. Da er sich so lange 
in gespannter Erwartung befunden hatte, versetzte 
ihn die Enttäuschung in schlechte Laune. Er kehrte 
um und hörte gleichgültig, wie sich der Reiter näherte. 

— Heh, alter Freund! erschallte eine kräftige 
Stimme, während gleichzeitig das Pferd dem Ma- 
gister Törner einen freundschaftlichen Puff mit der 
Nase gab. 

— Nein, bist du es, edler Bureus? rief der Ma- 
gister aus und ergriff die Hand des Freundes, über- 
wältigt von der Freude, einen Seelenverwandten zu 
sehen; wie ein Schiffbrüchiger, der Landsleute trifft, 
oder ein entsprungener Hund, der seinen Herrn 
wiederfindet, überhäufte er seinen Gast mit Aus- 
drücken des Entzückens, indem er in einen Strom 
von zusammenhanglosen Worten ausbrach und vor 
Schluchzen beinahe erstickte. 

— Und bringst du gute Botschaft vom Consi- 
storium academicum? fragte er schliesslich, als er 
etwas zur Besinnung gekommen war. 

6* 



84 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Leider nein, mein alter Freund! antwortete 
der Adjunkt Bürens und reichte ihm einen Brief. 
Ich komme im Gegenteil, um dich zu inspizieren 
und dir einen Bericht darüber abzufordern, was 
die Landbevölkerung in deinem Revier denkt und 
spricht 

Magister Törner Hess den Kopf sinken, als habe 
er einen Schlag über den Scheitel erhalten; dann 
richtete er sich wieder auf, ergriff das Pferd beim 
Zaum und führte es durchs Tor, wo alle Hunde 
des Hofes auf sie zu stürzten; in Form von Fuss- 
tritten bekamen sie den Zorn des wütenden Ma- 
gisters zu spüren. 

Da die Kinder und seine kranke Frau schon zu 
Bett gegangen waren, musste Magister Törner seinen 
Freund bitten, Abendbrot unten im Lusthause zu 
essen. Dort zündeten sie einige Laternen an und 
fingen an zu plaudern, während sie auf das Essen 
warteten. 

In einer ununterbrochenen, langen Erzählung be- 
richtete Magister Törner von seinen Leiden, seinen 
Verdriesslichkeiten, seiner Angst; als er aber schliess- 
lich die Gründe für seinen Verdacht einzeln aus- 
einanderzusetzen begann, unterbrach ihn der Freund : 

— Du bist krank, Andreas. 

— Ich? rief der Magister erstaunt. 

— Ja! Die Einsamkeit und schlechte Gesellschaft 
haben dich verrückt gemacht, und die Furcht vor 
dem Unbekannten hat dir jede Kraft geraubt. Du 
wohnst bei einer Diebesbande, das ist alles, was 
ich sagen kann. 

— Glaubst du? Glaubst du das wirklich? rief 
Magister Törner aus. Gott sei gelobt, dann habe 
ich keine Furcht mehr. Was ich nämlich am meisten 

Jürchtete, war, dass ich an krankhafter Einbildung 
leiden und unschuldigen Menschen unrecht tun 



TSCHANDALA 85 



könnte! Gott sei gelobt! Aber sag mir, fuhr er 
fort, du hast ja philologiam studiert, kannst du mir 
erklären, was diese Zeichen bedeuten, die ich auf 
einem Baumstamm im Walde gefunden habe? 

Er holte sein Notizbuch hervor und zeigte die 
Figuren. 

Der Adjunkt warf einen flüchtigen BHck auf die 
Zeichnung. 

— Es ist recht eigentümlich, sagte er, dass alle 
niedrig stehenden Menschen, welcher Nation sie auch 
angehören^ genau dieselben Erfindungen machen. 
Wenn diese Hand, dieser Schlüssel, dieses Auge von 
einem Westindier oder einem Ägypter oder einem 
Chinesen gezeichnet wären, würde ich sie ebenso 
leicht wie jetzt deuten können. Die Hand steht hier 
verbal und bedeutet: nehmen; der Schlüssel wahr- 
scheinlich: aufschliessen, und da hier die Rede von 
Dieben ist: fremde Schlösser öffnen; und das Auge 
schliesslich bedeutet wohl nichts anderes als sehen. 
Warte einen Augenblick! 

Der Adjunkt hielt die Hand vor die Augen, als 
wolle er in seinem Innern die Bedeutung der drei 
Zeichen verbinden ; nach einigen Minuten erklärte er : 

— Es bedeutet: der Diebstahl ist begangen, und 
man hat uns im Auge! — Mit andern Worten, sie 
misstrauen dir! — Weisst du, was du tun musst, 
um sie in Sicherheit zu wiegen und sie dann ein- 
zuschüchtern ? 

Der Magister antwortete nein und wartete mit ge- 
spannter Aufmerksamkeit die nähere Erklärung ab. 

— Ich nehme an, du gehst in den Wald und 
schneidest mit deinem Messer zum Beispiel einen 
Pfeil quer durch das Auge. Auch wenn das nicht 
genau in die Diebessprache passt, so werden sie doch 
sofort die Bedeutung verstehen: das Auge ist ge- 
blendet ; übersetzt, heisst das : man sieht nichts mehr, 



86 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

man ist angeführt. Auf diese Weise hast du freie 
Hände, sie zu beobachten, bis du den Gewaltiger 
holen und die ganze Bande ins Gefängnis setzen 
lässt. 

Der Adjunkt hatte eben seine Erklärung beendet, 
als die Mägde mit dem Abendbrot kamen und den 
Tisch deckten. Hinter ihnen aber tauchte die Gestalt 
des Zigeuners auf in der gelben Jacke und dem Hut 
mit der Pfauenfeder. Er schien Abendtoilette ge- 
macht zu haben, aus irgendwelchen Gründen ; 
schwankte an den Tisch heran und grüsste, ohne den 
Hut abzunehmen, den Adjunkt vertraulich. Der brach 
in ein lautes Lachen aus. Der Zigeuner war be- 
trunken, und die Augen rollten im Kopfe. Mit der 
einen Hand stützte er sich auf den Tisch, kreuzte 
die Beine und schwatzte darauf los, als sei er ein- 
geladen. 

— Schönes Wetter heute abend! begann er. 

— Bitte, versieh dich! unterbrach ihn Magister 
Andreas und bot seinem Freunde ein Gericht an, 
ohne auf den Zigeuner, dessen Augen funkelten, zu 
achten. 

Die Herren speisten, aber der Schmarotzer machte 
keine Miene zu gehen. 

— Dein Wohl, alter Freund, und willkommen! 
grüsste Magister Andreas und goss Bier ein. 

-— Dein Wohl, Kamerad ! antwortete der Magister. 

Wie ein angeschossener Luchs kroch der Zigeuner 
an die Wand zurück, gab aber noch nicht die Hoff- 
nung auf, eingeladen zu werden. 

— Habt Ihr einen weiten Weg gehabt, Herr? 
versuchte er noch ein Mal sich vorzudrängen. 

— Halfs Maul, Kerl, und geh' zur Hölle! fuhr 
der Adjunkt ihn zornig an, aber im selben Augen- 
blick beschloss er, ihn scherzhaft zu nehmen, und 
hob mit einem Bein die gekreuzten Beine des Zigeu- 



TSCHANDALA 87 



ners hoch, dass der sich auf den Boden des Lust- 
hauses niedersetzte und mit dem Kopf gegen einen 
Stein schlug. 

Magister Andreas fürchtete, es könnte ein Unglück 
geschehen sein, und beeilte sich, dem Umgestossenen 
hilfreich die Hand zu reichen; der erhob sich, eher 
demütig als verbittert, zog den Hut, bat um Ent- 
schuldigung, dass er gestört habe, und verschwand. 

~ Siehst du, die Sprache hat er verstanden! 
lächelte der Adjunkt, als der Zigeuner ausser Hör- 
weite war. 

— Ja, aber ich kann es nun ein Mal nicht lernen, 
die Leute so zu behandeln, wendete Magister 
Andreas ein. 

— Nein, ich weiss, und darum erlauben sie sich 
Frechheiten gegen dich. Pack und Hunde müssen 
Schläge haben! Hättest du den Schlingel nur ge- 
prügelt, würdest du es angenehmer gehabt haben. 

— Mensch ist doch Mensch! 

— De Omnibus est dubitandum. Du zweifelst an 
allem, nisi de plebe, nur am Pack nicht ; zu dem hast 
du einen heiligen Glauben. 

— Wollen wir nicht Politicam sein lassen? unter- 
brach ihn Magister Andreas. Lass mich in Ruhe 
das Glück geniessen, einem ehrlichen Manne in die 
Augen zu schauen; lass mich das Behagen emp- 
finden, einen Menschen sprechen zu hören, ohne dass 
er lügt! 

— Siehst du, fiel der schlagfertige Adjunkt ein, 
du findest also nicht denselben Genuss im Verkehr 
mit allen Menschen, ergo sind nicht alle Menschen 
gleich ! 

— Mag sein, aber es dürfte nicht so eingerichtet 
sein, dass die meisten es schlecht haben und eine 
Minderheit gut! 



88 . KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Jeder auf den Platz, wohin er gehört! Danken 
wir Gott, dass die, welche unten sind, nicht oben 
stehen! Sieh nur diesen Lümmel hier auf dem Hofe 
an: der hat sich aufgeschwungen über die Stellung, 
die ihm zukam! Sieh, wie er Menschen und Tiere 
behandelt, wie er die alte Dame bestiehlt. Hätte 
er die Macht, Gesetze zu machen, geschähe es zum 
Nutzen für Diebe und Lumpe. Aber du wirst sehen, 
dass er nicht oben sitzen bleibt, sondern wieder hin- 
unterpurzelt auf den Platz, den Natur und Anlage ihm 
angewiesen haben. 

— Aber sitzen denn alle die Besten oben? wen- 
dete der Magister ein, der ein heimlicher Gegner 
der Alleinherrschaft war. 

— Nicht immer, aber oft; und wenn der Beste 
zur Macht kommt, sammeln sich die Besten in der 
Regel um ihn, und dann ist die Alleinherrschaft gilt. 

— Die Alleinherrschaft ist nur gut, wenn der 
Usurpator sich ihrer bemächtigt! erklärte der Ma- 
gister; denn dass er alle Hindernisse und Gefahren 
überwunden hat, zeugt von seinen Gaben. 

— Du denkst an Cromwell, den Protektor? 

— Ja, an ihn! Und an seine Minister und Gene- 
rale. An den Weinzapfer Venner, den Zimmermann 
Tuffnell, den Burschen Okey. An den Bauernknecht 
Admiral Deane, den Bader Oberst Goffe, den ein- 
fachen Soldaten Generalmajor und Gouverneur 
Skippon, den Leinwandhändler Statthalter Tick- 
borne ! 

— Da siehst du also, dass die Fähigkeit die Stel- 
lung erreicht, die ihr zukommt! 

— Ja, nach Revolutionen! Aber wir haben 
Erich XIV. auf Gustav Wasa und Christine auf 
Gustav Adolf folgen sehen. 

— Und Karl XI. auf Karl X.; und wir haben auch 
den jungen Cromwell wie einen Rauch nach dem 



TSCHANDALA 80 



alten Crom well verdunsten sehen. Also immer 
Revolution? Willst du das? 

— Oder einen gewählten Diktator! 

— Oder auch einen Herrscher züchten, wie es 
einst der Stier Apis war ; ihn zu einem weisen Manne 
erziehen, ihn von allen kleinen Interessen des Lebens 
fern halten, ihn einschliessen wie den Mikado von 
Japan! Nein, das Leben in seiner Fruchtbarkeit ge- 
biert und erzieht selbst den Mann, den die Zeit nötig 
hat. Nach Parteistreitigkeiten und allgemeiner Müdig- 
keit kommt die Alleinherrschaft und wird von allen 
gebilligt als das, was man nötig hat. Der Allein- 
herrscher Cromwell war ein grösserer Despot ohne 
Parlament als Karl L; und Friedrich IIL von Däne- 
mark führte selbst die Revolution gegen den Adel 
durch, wie Karl XL bei uns in Schweden. 

— Aber unser König ist ein Einfaltspinsel, ein 
Ignorant, der an Priester und Hexen glaubt! schrie 
Magister Andreas, der seinen Gefühlen ordentlich 
Luft machen wollte. 

— Still, zum Teufel! warnte der Adjunkt und 
blickte sich vorsichtig nach den Büschen des Gartens 
um, die dunkel dalagen und nur hier und dort von 
den Laternen schwach beleuchtet wurden. Und 
Cromwell, der das Parlament vergewaltigte, glaubte 
er nicht an die Priester? Doch, und zwar viel mehr 
als der hingerichtete konstitutionelle Monarch! 

Magister Andreas lauschte nach der Ahornallee; 
er war erschreckt worden von etwas, das sich dort 
geregt hatte! Da aber alles ruhig blieb, erhob er 
wieder seine Stimme, um diese Gelegenheit, sich 
aussprechen zu können, ordentlich zu benutzen. In- 
dem er das Bierglas auf den Tisch stiess, wiederholte 
er seinen Lieblingssatz aus der Philosophie des Car- 
tesius, die kürzlich ihren glänzenden Einzug in die 
europäische Bildungswelt gehalten hatte: 



00 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— De Omnibus est dubitandum ! Nieder mit der 
Alleinherrschaft, nieder mit Cromwell, nieder mit 
dem Priesterteufel Karl . . . 

Der Adjunkt legte ihm seine grosse Hand auf den 
Mund, denn im selben Augenblick zeigte sich Mage- 
lone auf der Brücke, die zu dem Lusthause im Teich 
führte. 

Sie trug einen phantastischen grünen Jagdanzug 
mit kurzem Schoss, der mit Glimmerblättchen und 
Glasperlen bestickt war. Das Haar hing wild um 
den Kopf, der keine Schönheit besass, aber wohl 
die Anmut der Jugend in einigen äusseren Linien 
zeigte; der Raubtiermund, die plebejische Nase und 
die Bleiknopfaugen dagegen erschreckten und 
stiessen ab. Sie trug ein Kredenzgefäss mit Wein 
und Gläser und bestellte einen Gruss von Frau 
Törner: sie solle an Stelle des Kindermädchens auf- 
warten, weil dieses im Haushalte nicht zu entbehren 
sei. 

Das klang glaubhaft und dagegen war nichts zu 
sagen, aber Magister Andreas konnte sein Erstaunen 
über ihren Putz nicht verbergen und fragte, warum 
sie sich so, herausgeputzt habe. 

Das Mädchen überlegte einen Augenblick, was 
sie antworten solle, ward verlegen, als sie der Ad- 
junkt prüfend betrachtete, und antwortete, sichtlich 
gegen ihren Willen, der Wahrheit gemäss: 

— Jensen sagte, ich solle es tun! 

Der Bruder hatte sie also geputzt! Aber es war 
vielleicht nur Eitelkeit. 

Als sie die Kanne hingestellt hatte, wollte sie 
wieder gehen; der Adjunkt aber, der gern scherzte, 
fasste sie bei ihrem zottigen Haar und zwang sie, 
sich zu setzen, bot ihr aus seinem Glase zu trinken 
an und fragte sie, was sie denn gelernt habe. 

Der Magister, der ihre Gesellschaft nicht liebte, 



TSCHANDALA 91 



antwortete in ihrem Namen, sie könne gut kochen; 
das wusste er aus eigener Erfahrung von den 
Wochen her, die sie bei ihm gedient hatte. 

— Ja, aber die Baronin gibt mir nichts zu kochen, 
wendete das Mädchen ein. Wenn man nur Futter für 
Hühner und Schweine kochen darf, so kommt man 
nicht weiter. 

Das sagte sie mit einem kindlichen und schmerz- 
lichen Tonfall, als sei es der Traum ihres Lebens, 
gutes Essen zu bereiten. Leicht gerührt, wie er war, 
besonders wenn er einige Gläser getrunken hatte, 
fand Magister Andreas ohne weiteres einen Weg, 
um dem Mädchen aus dem Elend, in dem sie lebte, 
herauszuhelfen und gleichzeitig selbst von ihrer Ge- 
sellschaft, die ihn störte, frei zu werden: 

~ Hör mal, Bürens, kannst du ihr nicht eine 
Stelle als Köchin auf der Regenz verschaffen? Du 
bist ja der Dekan! 

— Wir wollen uns die Sache überlegen, meinte 
der Adjunkt und Hess das Mädchen los. 

— Was ist denn Regenz? fragte Magelone 
äusserst neugierig. 

— Das ist das Haus, wo die Studenten am Tisch 
des Königs speisen, antwortete der Magister. 

— Da kannst du aber von jungen Herren be- 
schlafen werden! scherzte der Adjunkt. 

Diese Aussicht schien Magelone nicht zu schrecken ; 
wenigstens lachte sie laut über die Bemerkimg. 

— Nun kannst du gehen, du Katze, sagte der 
Magister und schob sie von sich; aber wenn du in 
die Küche des Königs kommen willst, musst du erst 
den Schmutz von dir abwaschen lernen. So, marsch ! 

Darauf begannen die beiden Herren wieder zu po- 
kulieren, und sie plauderten von allen möglichen 
Dingen, aber am meisten von ihren eigenen Ange- 
legenheiten. Magister Andreas machte immer wieder 



02 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

seinem Zorn Luft, dass er in der Wohnung des 
Schmutzes und des Verbrechens bleiben müsse. Aber 
der Adjunkt predigte Mut und Geduld, bat ihn, mit 
den Nachbarn Bekanntschaft zu schliessen und die 
Gegend wie deren Bevölkerung kennen zu lernen. 
Es seien ja nur noch zwei Monate bis zum ersten Ok- 
tober, und dann sei er frei. Dann gab er ihm Rat- 
schläge und Ermahnungen, wie er den Zigeuner be- 
handeln müsse; vor allem solle er vorsichtiger sein 
in dem, was er sage, besonders was die Politik und 
die so empfindliche Alleinherrschaft angehe. 

Als sie endlich aufbrachen, um zu Bett zu gehen, 
und auf den Hof kämen, trafen sie Iwan, der damit 
beschäftigt war, ein Bein des roten Pferdes zu ver- 
binden. 

— Was, potztausend, habt Ihr mit dem Gaul ge- 
macht? fragte der Adjunkt aufgebracht. 

Iwan antwortete, ohne zu überlegen, als sei es ein- 
gelernt, Jensen sei ausgeritten, das Pferd sei scheu 
geworden und durchgegangen, habe den Reiter ab- 
geworfen und ihm ins Auge getreten, so dass man 
nach dem Feldscher habe schicken müssen. 

— Hier im Hause, flüsterte der Adjunkt seinem 
Freunde zu, als sie die Treppe hinaufgingen, scheint 
alles, was vorgeht, Komödienspiel zu sein. Was der 
Bursche eben erzählte, war sicher alles Lüge. Aber 
das geht uns nichts an ! 

Und sie gingen ins Haus, um einige Stunden zu 
schlafen ; dann wollte der Adjunkt nach Lund zurück- 
reiten. 



Siebentes Kapitel 

Die Hundstage waren gekommen, und mit ihnen 
eine überwältigende Hitze, die alles faulen machte. 
Das ganze Haus stank, Legionen von Fliegen wurden 
im Dunghaufen, im Rinnstein, im Schweinestall aus- 
geheckt; der Garten war jetzt so widerwärtig ge- 
worden, dass der Magister es vorzog, wie ein Ge- 
fangener auf seinem Balkon sitzen zu bleiben. Ging 
er mit den Kindern spazieren, so schlug er die 
Landstrasse ein, weil die allein sauber war; aber sie 
war so einförmig, trocken und staubig, dass sie keine 
Erquickung bot; in den Wald wollte er nicht gehen, 
weil Schnapphähne ihn unsicher machten. 

Sein Versuch, mit den Nachbarn zu verkehren, 
hatte nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. 
Man empfing ihn gerade so höflich, wie man musste, 
aber man schwieg; und wenn er einige Minuten 
allein hatte sprechen müssen, erhob er sich und 
ging. Dass er erfahren wollte, was sie über Schweden 
und die Einheit des Reiches dachten, konnte er ja 
nicht sagen, und sie hatten auch keine Lust, ihre 
Ansichten preiszugeben. Aber es lag auch etwas 
anderes hinter dem Unwillen und der Kälte gegen 
den Fremdling — doch was es war, konnte er 
nicht herausbekommen. 

So war er wieder darauf angewiesen, sich selbst 
Gesellschaft zu leisten, und er fühlte sich jetzt auf 
dem Hofe wie eingesperrt. Musste er ein Mal hin- 



k' 



94 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

unter gehen, so wurde er immer belästigt. Das Be- 
dürfnis zu sprechen verlockte ihn, sich wieder mit 
dem Zigeuner einzulassen, der, wie er jetzt ganz 
sicher glaubte, geheimnisvolle Dinge vorhatte, Dinge, 
in die er nicht hineingezogen werden wollte. 

Als der Adjunkt fortgeritten war, hatte der Zi- 
geuner den Magister demütig bitten lassen, ihn im 
unteren Stockwerk zu besuchen, wo er sich ein- 
geschlossen hatte, um sein Auge gegen das Tages- 
licht zu schützen. 

Er lag auf einem Bett, hatte einen Verband um 
die Augen, und auf einem Tisch neben ihm standen 
eine Menge Flaschen; er beklagte sich kläglich über 
sein verlorenes Auge, das ihm das Pferd ausgetreten 
habe. Er erzählte, der Feldscher sei eben dagewesen, 
habe das Auge geschnitten und gesagt, er müsse 
sich sieben Wochen im Hause halten. Der Magister 
fühlte wirklich Mitleid mit dem armen Teufel und 
versprach, öfters nach ihm zu sehen. 

Darauf dankte ihm der Zigeuner, sowohl dafür 
wie für manches andere. Der Magister wisse wohl, 
was er meine. 

Der glaubte, er meine die Hilfe, die er ihm am 
Abend vorher im Lusthause geleistet hatte, und ver- 
langte leider keine Erklärung. 

Am nächsten Tage war der Zigeuner draussen ge- 
wesen und hatte im Lusthause eine Zusammenkunft 
mit einem älteren Manne gehabt, der unangenehm 
aussah; mit dem hatte er gegessen und getrunken 
und schliesslich gesungen. 

Die Geschichte mit dem Auge war also auch Ko- 
mödie! Was aber für eine Absicht dahinter lag, 
konnte der Magister nicht verstehen, besonders da 
die Komödie so unerhört plump gespielt wurde, dass 
nicht ein Mal ein Kind sich davon hätte anführen 
lassen. 



TSCHANDALA 95 



V/ollte er von der Baronin fort und in ein eigenes 
Zimmer kommen? Oder wollte er einen dunklen 
Raum zur Verfügung haben, wo er heimlich Besuche 
empfangen konnte? Das zu entscheiden war nicht 
möglich. 

Sicher war indessen, dass er Besuche in seinem 
neuen Zimmer empfing. Zuerst von dem älteren 
Manne mit tückischem Aussehen und tückischem Be- 
nehmen, der den Eindruck eines Sträflings machte. 
Der Magister, der jetzt kaum noch etwas zu erfahren 
suchte, erhielt gegen seinen Willen die Auskunft 
vom Zigeuner, der Mann sei staatlicher Gärtner 
und werde die Gartenarbeit beaufsichtigen, aber 
nicht selbst daran teilnehmen. Da aber die Arbeit 
nur darin bestand, Kirschen zu pflücken, brauchte 
man keinen königlichen Gärtner mit fünfhundert 
Mark Gehalt im Monat zu engagieren, um das 
Kirschenpflücken des jüngeren Gärtners beaufsich- 
tigen zu lassen. Das war also eine neue und offen- 
bare Lüge. Die Absicht war folglich nur die, dass 
der tückische Kerl unter ,dem Vorwande, er sei 
Gärtner, auf dem Hofe weilen konnte. 

Gleichzeitig damit traf ein anderer unerwarteter 
Vorfall ein, der noch weniger zu erklären war als 
der erste. Der Torhüter erhielt plötzlich seinen Ab- 
schied, ohne dass man den Grund erfahren konnte. 
Am letzten Abend, ehe er seine Stellung verliess, 
machte er Spektakel und sang Spottlieder auf den 
Zigeuner, ohne zu verbergen, dass er überzeugt sei, 
dieser habe ihm seinen Abschied verschafft und sei 
also sein Feind. Aber drei Tage später erschien er 
in feinen Kleidern auf Bögely und verhandelte 
mehrere Stunden lang mit der Baronin und dem 
Verwalter. Der letzte teilte dann sofort aus freien 
Stücken dem Magister mit, der Torhüter habe ihn 
in einen Anschlag gegen die Behörden hineinzuziehen 



06 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

versucht, von welchen die beiden gefährliche Ge- 
heimnisse wüssten. Die Unterhandlungen hörten in- 
dessen nach einigen Tagen wieder auf, und der 
Zigeuner erzählte, er habe die Lust verloren, sich 
in fremde Angelegenheiten zu mischen. 

All das deutete darauf, meinte der Magister, dass 
etwas Grosses im Werke sei. Um das verwickelte 
Gewebe zu entwirren, beschloss er, dem Rat des 
Freundes zu folgen und die Spitzbuben in Sicher- 
heit zu wiegen. Zu diesem Zweck ging er auf 
seiner Morgenwanderung zu dem erwähnten Fichten- 
baum, dessen Inschriften noch nicht angerührt waren, 
und schnitt, so genau er konnte, einen Pfeil quer 
durch das Auge; dann verwischte er seine Fuss- 
spuren mit Fichtennadeln und kehrte zurück, um 
abzuwarten, was nun geschehen würde. 

Zwei Tage später, als Baronin und Verwalter und 
alles Gesinde zu einem Volksfest gefahren waren, 
klopfte es an die Turmkammertür des Magisters. 

lEr rief „herein", und eintrat ein sehr alter Mann 
mit bartlosem Gesicht, das weiss wie Gips war 
und eine Menge Runzeln und Falten in allen 
möglichen und unmöglichen Richtungen hatte. Die 
Lippen waren eingefallen, weil die Vorderzähne 
fehlten, und der Alte schien an seinen eigenen Lippen 
zu kauen oder zu saugen, was ihm das greuliche 
Aussehen eines Totenschädels gab. Er war schlecht 
gekleidet, trug aber Goldsachen an der Uhrkette 
und silberne Knöpfe am Rock. 

Nachdem er ein gespieltes Erstaunen darüber, dass 
er einen Fremden sah, ausgedrückt hatte, fragte der 
alte Mann nach dem Verwalter. 

Der Magister antwortete, der sei eben ausgefahren. 

— Das ist merkwürdig, denn er wusste doch, 
dass ich kommen würde, murmelte der Mann. 



TSCHANDALA 97 



Darauf beklagte er sich über sein Pech, dass er 
sich nun das Gut nicht ansehen könne. 

Der Magister, der sofort argwöhnte, dies sei eine 
neue Komödie, erbot sich, ihn auf dem Gute herum- 
zuführen. Ein Anerbieten, das den Mann sehr erfreute. 
Sie gingen zusammen hinunter. Der Magister war 
fest entschlossen, nichts zu sagen, was den Zi- 
geuner herabsetzen könnte; denn man schien die 
Absicht zu haben, durch den Mann mit dem Toten- 
schädel seine Gesinnung auf die Probe zu stellen. 
Dagegen führte er diesen, scheinbar ohne Absicht, 
zu den schwächsten Punkten, führte ihn an dem 
schlimmsten Unrat vorbei, ohne scheinbar darauf 
zu achten. Wenn der Alte über den Verfall des 
Hofes den Kopf schüttelte oder über die schlechte 
Bestellung des Bodens brummte, hatte der Ma- 
gister immer eine Entschuldigung, oft ein rühmen- 
des Wort bei der Hand. 

Die Absicht des Alten schien eine doppelte zu 
sein: sowohl die Gesinnung des Magisters zu er- 
forschen, wie sich über Zustand und Wert des 
Gutes zu unterrichten, denn er geriet einige Male 
ausser sich vor Erbitterung, dass das Gut wertlos 
gemacht war; daraus glaubte der Magister schHessen 
zu können, dass es ein Wucherer sei, der Vorrechte 
auf den Hof besass. 

Schliesslich fragte der Fremdling, ob Tischler auf 
dem Hofe seien und was die zu tun hätten. Der 
Magister konnte die letzte Hälfte der Frage nicht 
beantworten, versicherte aber, er sehe sie den ganzen 
Tag arbeiten. 

Als der Unbekannte sich verabschiedete, bat er 
den Magister, nichts davon zu sagen, dass er da- 
gewesen sei; worauf dieser seinerseits bat, nicht 
weiterzutragen, was er gesagt habe. 

Strindberg, Kleine historische Komane 7 



98 KLEINE HISTORISCHE ROMANE _^ 

Der Zigeuner Hess sich anführen, und am näch- 
sten Tage strahlte er, war demütig, lächelte, ^at 
freundschaftlich und lud den Magister ein, im Lust- 
hause ein Glas Wein zu trinken, was dieser nicht 
abschlagen konnte. 

Das Gespräch begann mit einem verhältnismässig 
trinkbaren Wein. Plötzlich erschien Magelone mit 
einer Schüssel Schmalzgebäck, das sie selbst ge- 
backen zu haben behauptete. Sie trug ein aus- 
geschnittenes blaues Kleid, das auf der einen Seite 
geschürzt war. Als der Magister das Gericht ge- 
kostet hatte und einige aufmunternde Worte sagte, 
ergriff der Zigeuner die Gelegenheit beim Schöpfe. 

— Magelone, danke jetzt dem Herrn Magister: 
er will dein Glück machen! 

Magelone beeilte sich, dem Magister die Hand 
zu küssen; der aber entzog sie ihr, indem er er- 
staunt fragte, was der Dank zu bedeuten habe. 

— Ja, Magelone hat alles erzählt, denn sie plap- 
pert wie eine Elster, sagte der Zigeuner. 

— Was hat sie erzählt? fragte der Magister, dem 
zumute war, als schraube man ihn auf einem Am- 
boss fest. 

— - Natürlich das vom Tisch des Königs! sagte 
lachend der Zigeuner. 

— Ach so, die Regenz! Das war ja nur ein 
Einfall; legt das Mädchen aber Wert darauf, will 
ich es gern empfehlen. 

~ Da hast du das Wort des Herrn Magisters, 
Magelone! griff der Zigeuner zu wie ein Unter- 
suchungsrichter. 

Der Magister hatte das unangenehme Gefühl, 
überlistet zu sein. Um sein Versprechen in Gegen- 
wart von Zeugen genauer zu formulieren, fügte er 
hinzu: 



TSCHANDALA 99 



— Aber vergiss nicht, dass ich dir nur eine Emp- 
fehlung geben, nicht die Stelle selbst versprechen 
kann; die habe ich nicht zu besetzen, sondern das 
Konsistorium, und zwar erst nach strenger Prüfung. 
Besteht Magelone diese Prüfung nicht, wollen die 
Herren sie nicht haben, so hat sie für nichts zu 
danken, denn ich habe ihr nur unnötige Mühe ge- 
macht. 

— Das versteht sich, meinte der Zigeuner; aber 
kommt es nur erst zur Prüfung, so ist alles ge- 
wonnen, denn Magelone ist die geschickteste Köchin 
im ganzen Lande, hat sie doch beim Reichsmarschall 
selbst kgchen gelernt. 

Mit vielen Verbeugungen verschwand Magelone, 
und die beiden Männer bheben allein. 

Jetzt begann der Zigeuner von einem neuen Thema 
zu sprechen, das ihn noch nie interessiert hatte, 
nämlich von Politik. Cromwell, Friedrich III. und 
Karl XI. rührte er zu einer Suppe zusammen, und 
den König von^Schweden wusste er nicht genug zu 
rühmen. ,. 

Der Magister begriff sofort, das§ der Zigeuner 
an jenem Abend, w^o der Adjunkt da war, hinter 
den Büschen gelauscht hatte ; erfasste augenblicklich, 
dass er sich darauf verHess, dass das Auge ge- 
blendet war, um den nichts Böses ahnenden Feind 
zu beleidigenden Äusserungen zu verführen, viel- 
leicht in Gegenwart von Zeugen, die hinter den 
Büschen verborgen lagen. Darum hielt er eine Rede 
über die Vorteile der Alleinherrschaft, über die un- 
sterblichen Verdienste, die sich Karl XI. um das 
Reich erworben, über die heiligen Pflichten, die 
der Bürger gegen Gott, König und Vaterland 
habe. 

Entweder musste Jensen von dem politischen Ge- 

7* 



100 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

sprach jenes Abends sehr wenig gehört oder nichts 
verstanden haben, denn er machte jetzt plötzHch 
eine Wendung und schalt auf jede Regierung, jede 
Behörde, jede Polizei. Der Magister machte sich 
den Spass, ihn ausführlich zu widerlegen, indem 
er den Zigeuner besonders bat, zwischen Staats- 
behörde und Rechtspflege zu unterscheiden; ver- 
wickelte sich in gelehrte Auseinandersetzungen, 
mengte alle Themata zusammen und spickte seine 
Rede mit lateinischen und griechischen Zitaten. 
Dem Zigeuner, der glaubte, es sei ernst, wurde ganz 
schwindlig von der Anstrengung, das Unbegreif- 
liche begreifen zu wollen. Aber der Magister Hess 
nicht locker, sondern griff in die Vorräte seines 
Wissens, nahm einzelne Stücke aus dem Kriegs- 
und Friedensrecht von Grotius und dem Volksrecht 
von Pufendorf, referierte den ganzen Inhalt von 
Hobbes berühmter Abhandlung über den Bürger, 
worin die Alleinherrschaft in System gebracht war. 
Er sprach wohl eine ganze Stunde mit Stentor- 
stimme, brachte jeden Versuch des Feindes, ihn 
.unterbrechen zu wollen, zum Schweigen. Schliess- 
lich ward der ganz blass: die übermenschliche An- 
strengung, dem Gedankengänge zu folgen, zu zeigen, 
dass er den Zusammenhang begreife, vernichtete 
ihn. 

Als der Magister seine Rhapsodie beendet hatte, 
nickte der Zigeuner beifällig, war aber so matt, dass 
er nur ein „Grossartig" hervorbringen konnte. 

Darauf goss er sich ein grosses Glas Wein ein, 
räusperte sich und versuchte zu ripostieren. Aber 
das einzige Thema, das er beherrschte, war das, 
was ihm nahe lag: von der Baronin, von ihrer Tu- 
gend und Gerechtigkeit und von der schändhchen 
Verleumdung, bis er sich schliesslich darin verlor, 
langatmig und prahlerisch alle seine dürftigen Lie- 



tSCHANDALA lOi 



besgeschichten herzuleiern, die eine unglaublicher 
als die andere. 

Der Magister, der genau achtgab, wenn das Ge- 
spräch den Kurs änderte, sah jetzt ein, dass der 
Mann den ganzen Abend über nach dieser Richtung 
gesteuert hatte; er hielt darum die Ohren gespitzt, 
bis der Kernpunkt erreicht war. 

— Ja, Mädchen gibt es genug, wenn man nur 
Geld in der Tasche hat! schloss der Zigeuner eine 
längere Erklärung. 

Darauf setzte er die überkluge Miene auf, die er 
anzulegen pflegte, wenn er einem anderen seine 
Geheimnisse ablocken wollte, und Hess sich die 
Worte entschlüpfen: 

— Für hundert Taler kann ich mir jedes Mäd- 
chen kaufen! 

Es wurde totenstill nach diesen Worten; weiter 
konnte er nicht gehen. Einen AugenbHck dachte der 
Magister daran, ob er den Elenden nicht auf der 
Stelle entlarven, ob er ihm nicht ins Gesicht schlagen 
solle, weil er auf diese Weise seine eigene Schwe- 
ster anbot; doch wollte er sich erst volle Gewiss- 
heit verschaffen über seinen schlimmen Verdacht, 
und zu diesem Zweck warf er einen Köder aus. 

— Da wir von jungen Mädchen sprechen, Jen- 
sen, so möchte ich Euch sagen, Jhr müsst ein Auge 
auf Magelone haben, damit Mats sie nicht verführt. 

Der Zigeuner wurde schwarz im Gesicht. 

— Der Lümmel, der Lump soll sich nur unter- 
stehen ! 

Der Magister hatte von seinem Fenster aus ge- 
sehen, wie Magelone und der Knecht in dessen 
Kammer spielten, allerdings nur spielten, aber ein 
nicht ganz ungefähriiches Spiel : es bestand nämlich 
darin, einander auf dem Bette umzustossen. Es war 



102 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

nicht notwendig, alles zu sagen, und er wollte nicht 
mehr andeuten, als er wusste. 

— Jch sage nur, dass sie spielen, aber aus Spiel 
kann Ernst werden, und Mats ist ein armer Knecht. 

— Das verfluchte Mädchen! Soll sie schon ins 
Unglück geraten, wie es jungen Mädchen nun ein- 
mal bestimmt ist, so muss es wenigstens ein feiner 
Herr sein. 

Es war kein Zweifel mehr: der Bruder wollte 
seine Schwester an einen feinen Herrn verkaufen, 
und zwar für einhundert Taler! 

Der Magister schützte Müdigkeit vor und erhob 
sich, um schlafen zu gehen; dankte für die Bewir- 
tung und sagte gute Nacht. 



Als er auf sein Zimmer kam, erfasste ihn ein 
Ekel vor sich selbst, dass er mit einem Dieb und 
Kuppler zu Tisch gesessen. Wie hatte er in drei 
Monaten so tief sinken können? Wie war es zu- 
gegangen, dass er sich in eine Sphäre hatte ziehen 
lassen, die so tief unter seiner lag? Wie konnte er 
sich mit Menschen und Angelegenheiten beschäf- 
tigen, die ihn nichts angingen? War es diese Inertia, 
die sich auf die Seele legt, wenn sie von ihrer 
Umgebung isoliert wird, wenn sie, nachdem sie 
eine Zeit lang gekämpft hat, müde wird, gehemmt 
in Wunsch und Wille? 

Als er über das, was er jetzt erlebt, nachge- 
sonnen, es hin und her gewandt hatte, bis er matt 
wurde, begann sich aus den Atomen seiner auf- 
gelösten Seele die Stimme einer gewaltigen Natur 
zu erheben. Triebe, die er ein halbes Jahr hatte 
unterdrücken müssen, erwachten; gekräftigt durch 
die Hoffnung, erhalten zu können, was sie so lange 



TSCHANDALA 103 



hatten entbehren müssen, erhoben sich die Instinkte 
mit furchtbarer Macht. TDas Bild des Mädchens 
in der blauen Tracht sprang wie aus einer La- 
terna magica hervor: mit den entblössten Schultern, 
den schlangengleichen Bewegungen von Hüften 
und Rücken. Mit Gewalt drängte er das Hässliche 
im Blick zurück, den boshaften Zug um den Mund, 
das Schmutzige bei der ganzen Person. Ein Ver- 
langen, sie roh, tierisch zu umarmen, wie ein Hund 
seine Hündin, erwachte bei ihm, zugleich aber auch 
der bestimmte Vorsatz — er wusste nicht, woher 
der kam! — sie nicht zu küssen! 

Und die Phantasie malte das Ganze aus, so wie 
er dachte und wünschte, es solle geschehen. 

Er fühlte, dass er keine Liebesworte zu ihr spre- 
chen, dass er ihr nichts sagen, nicht seine Seele 
mit ihrer Seele vereinigen, nicht Aussichten zu einer 
Zukunft öffnen könne; er wollte ihr nur wie ein 
Sultan, wenn er sah, dass sie willig war, sein 
Taschentuch zuwerfen, em „Komm'' winken und 
dann in ein dunkles Versteck treten, wo niemand 
sehen konnte, was geschah, nicht einmal er selbst! 
Denn sein Auge wollte von keinem Bilde besudelt, 
seine Gedanken von keiner Erinnerung belästigt 
werden! Nein, er und sie sollten sich nur finden, 
wie Tiere sich finden, um dann wieder voneinander 
zu gehen! 

So dachte er, dass es geschehen würde, und so 
träumte er es in der Nacht! 



Als Magister Andreas am nächsten Morgen er- 
wachte, war er fest entschlossen, nichts mit Mage- 
lone zu tun zu haben. Tugend war das allerdings 
nicht, hatte er doch Freiheit von seiner kränklichen 
Frau erhalten; auch hatte er kürzlich ein Beispiel 



104 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

erlebt, dass ein verheirateter Priester den Bischof 
gebeten, ihn von seinem Eheversprechen zu ent- 
binden, und die erbetene Erlaubnis erhalten hatte. 
Aber es war ihm zuwider, sich mit einer Verbrecher- 
familie zu verbinden; er nahm daran Anstoss, im 
selben Hause, w^ seine Familie wohnte, mit einem 
anderen Weibe zu verkehren; schliessHch fürchtete 
er, das Mädchen würde ihn missbrauchen, um seine 
Abenteuer mit anderen Männern zu verbergen. 

Aber schon der Umstand, dass er die ketzerischen 
Gelüste befriedigen konnte, dass sich seine Ge- 
danken mit der Sache beschäftigten, zog ihn zu 
dem Unvermetdlichen ; dass er den Tag über kämp- 
fen musste, um sich gegen die Versuchung zu 
wehren, bewirkte, dass die Versuchung ungeheure 
Dimensionen annahm. Der Gedanke an das Mäd- 
chen verdrängte alle anderen Gedanken, verwirrte 
seine Urteilskraft, löschte den Verdacht gegen den 
Zigeuner, schwächte seine Wachsamkeit gegen den 
tückischen Feind, schläferte ihn, ohne dass er es 
merkte, in Sicherheit ein. 

Als er einen furchtbaren Lärm unten im Stalle 
hörte und ans Fenster eilte, sah er darum mit 
Gleichgültigkeit, wie der Zigeuner den Knecht Mats 
bedrohte und wie dieser aus Notwehr die Schaufel 
hob und in seiner Wut dem Zigeuner einen Schlag 
über den Arm versetzte. Der Zigeuner flüchtete aus 
dem Stalle und befahl dem Knecht, das Haus zu ver- 
lassen. 

Mit derselben Ruhe sah er, wie Mats sein Bündel 
schnürte und ging, ohne dass er sich klar machte, 
warum er ging. Alles, was sich an diesem Tage 
zutrug, hatte nicht mehr Interesse für den Magister 
als die gleichgültigsten Vorfälle der Welt. 

Als er zum Treibhause hinunter kam, sah er den 
verschwundenen Dungwagen dort stehen: die 



TSCHANDALA 105 



Vorderräder waren im Lehm festgefahren, während 
eine Ladung Dung daneben lag. Wären nun seine 
Gedanken klar gewesen, hätte er an das verdächtige 
Geräusch auf dem Boden gedacht und untersucht, 
ob der Dunghaufen vielleicht Dinge verdeckte, die 
man verbergen wollte. 

Aber er hat nur Auge für eins, und das war das 
Mädchen. Er sah sie überall, wohin er kam, traf sie 
auf den Treppen, traf sie auf dem Boden, und er be- 
merkte sehr wohl, dass sie sich fein gemacht hatte. 

Am Nachmittage wollte der Magister mit den 
Kindern ausfahren, aber der bei der Gastwirtschaft 
bestellte Wagen blieb aus. Der Zigeuner hatte in- 
zwischen seine grosse Karosse anspannen lassen, und 
als die Kinder traurig darüber waren, dass ihnen das 
versprochene Vergnügen entging, lud der Zigeuner 
die Herrschaft ein, mit der Baronin in den Wald 
zu fahren. Der Magister sagte nicht nein und war 
nicht erstaunt, als er eine Stunde später mit der 
ganzen Gesellschaft im Wagen sass und Magelone 
vor sich auf dem Rücksitz hatte. Er nahm auch daran 
keinen Anstoss, dass das Geplauder der Baronin 
4arauf ausging, seine Aufmerksamkeit auf das 
Mädchen zu lenken. Magelone glotzte mit ihren 
Bleiknopfaugen und machte süsse Gesichter, die 
graziös sein sollten, aber nur ein breites Grinsen 
wurden, so dass man die scharfen Eckzähne sah, 
die von den andern Zähnen abstanden. 

Als er aber seine Kinder in dieser schmutzigen 
Gesellschaft sah, die bis in den Wald hinein ihren 
Geruch nach verdorbenem Fleisch und feuchten Hun- 
den mitnahm, erwachte er zur Besinnung. Als er 
sah, wie die Leute, die sie unterwegs trafen, über 
die Gesellschaft grinsten, kam ihm die furchtbare 
Erniedrigung zu Bewusstsein. Jetzt erst merkte er, 
dass die Baronin einen weissen Katzenfellkragen 



106 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

mit grüner Seide trug und einen Hut aus der Zeit 
Gustavs I. aufhatte, ein grosses Ungeheuer, das 
einem Regenschirm mit einem Marderschwanz glich. 
Und der Zigeuner machte Staat mit seiner gelben 
Jacke, auf deren Rücken fünf teerige Finger ihr 
Zeichen hinterlassen hatten; wahrscheinlich ein 
Denkzettel von dem Auftritt mit Mats. Die Gäule 
sahen aus, als seien sie direkt aus dem Totentanze 
der Domkirche von Lund gekommen, und die Räder 
waren ganz beschmutzt, obwohl es trockene Witte- 
rung war und die Sonne schien. 

Einen Augenblick gedachte er auszusteigen, dann 
aber beruhigte er sich wieder; indem er seine Kinder 
ansah, vergass er die Gesellschaft, die ihn umgab, 
stellte sich gegen das Geschwätz des Zigeuners taub. 
Er hörte jetzt nur noch das heitere Lachen der 
Kinder, sah ihr munteres Spiel, wenn sie einen 
der Buchenzweige, die auf den Wagen herabhingen, 
zu erhaschen suchten. Dann dachte er an seine 
liebe Frau, die allein zu Hause lag, eingeschlossen, 
gelähmt, für die der Sommer verging, ohne dass sie 
einen Tag frei von Schmerzen war. Da empfand er 
Scham und Trauer und Zorn über die unverschuldeten 
Leiden, die das Schicksal ihm zufügte und ihn andern 
zuzufügen zwang. So erfüllt war er von diesen Ge- 
fühlen, dass er nicht merkte, wie der Wagen in die 
Gastwirtschaft bog, wo ein Taschenspieler eine lär- 
mende Volksmenge um sich versammelt hatte, wo 
Bauern unter einer Buche tanzten und tranken. 

Plötzlich aber wurde er geweckt durch die lär- 
mende Aufmerksamkeit, die der Wagen bei der 
Menge erregte: mit Lachen und Gejohle begrüsste 
man seine Ankunft. 

Ausser sich vor Verdruss, richtet er sich im Wagen 
auf, ergreift die Zügel und lenkt die Pferde wieder 
auf die Landstrasse. 



TSCHANDALA 107 



Es wurde einen Augenblick still, ein drohendes 
Schweigen herrschte. Der JVlagister musste sich bei 
der Baronin entschuldigen, vorschützend, er habe 
seiner Frau versprochen, die Kinder nicht in grosse 
Massenansammlungen zu bringen. Mit unglaubUcher 
Geschmeidigkeit stellte sich die Baronin, als verstehe 
und billige sie das Benehmen des Magisters voll- 
kommen; ja sie wusste dessen Vorsicht nicht genug 
zu rühmen. 

Und so fuhren sie nach Hause. 

Dass alles ein überlegter Schelmenstreich war, 
fiel dem Magister nicht einen Augenblick ein; so 
garstig und abscheulich war ihm der ganze Auftritt 
vorgekommen, dass er mit Gewalt alle Reflexionen 
darüber unterdrückte, sich blind und taub und ver- 
stockt gegen alle unangenehmen Eindrücke machte. 

Als die Kinder um sieben Uhr abends zu Bett 
gegangen waren, zog sich der Magister auf seine 
Kammer zurück, um allein zu sein und niemanden 
von den Hausbewohnern sehen zu müssen. Der 
Augustabend war warm, aber dunkel; er zündete 
sein Licht an, zog den Rock aus und setzte sich 
an den Tisch, um ein Buch zu lesen. Während er 
so über seinem Pflanzenbuche sitzt und die Blät- 
ter wendet, merkt er nicht, wie die Gedanken von 
Blatt zu Blatt laufen, etwas suchend, das sie fest- 
halten kann, aber ohne es zu finden; wie Hum- 
meln flattern sie von Blüte zu Blüte, mit dem Saug- 
mund eine gute Stelle suchend, bis schliesslich sein 
Auge auf das Kapitel von der Paarung der Blumen 
fällt. Da erst beginnt er aufzufassen, was er Uest, 
und alles nimmt Form und Farbe an. Die Geheim- 
nisse der Befruchtung locken ihn, wie sie einen 
Schulknaben locken ; alles, was er schon weiss und 
kennt, erhält neues Interesse, bietet neue Gesichts- 
punkte. Und während er liest, fühlt er, wie sich 



108 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

halb versiegte Kraftquellen öffnen, das Blut warm 
wird, der gewaltige Geist der Natur seine mächtige 
Sprache zu sprechen beginnt. Die Brunst steigt 
in ihm auf, der Trieb, seine Person doppelt zu füh- 
len, zu empfinden, wie Körper und Seele aus dem 
engen Gefängnis des Individuums heraustreten, das 
Leben im künftigen -Geschlecht zu spüren, sei es 
auch nur für Sekunden. 

Er fühlte, dass jemand ins Zimmer gekommen 
war, ohne dass er sich jedoch die Zeit nahm, das 
Auge vom Buche zu erheben; er merkte einen 
schwachen Luftzug von jemand, der sich in der 
Luftmasse der Kammer bewegte und atmete; er 
spürte etwas Warmes auf der einen Seite seines 
Körpers, wo der Laut von schleichenden Schritten 
zu hören war. Als er sich umdrehte, sah er Mage- 
lone mitten im Lichte stehen, mit ihren boshaften 
blaugrauen Augen, deren Hornhaut ganz gewölbt 
zu sein schien, so matt und leblos warfen sie die 
Lichtflamme zurück. 

— Was willst du? fragte der Magister atemlos; 
er sah, dass sie wieder geputzt war, ein Kleid trug, 
wie es nur Dirnen zu tragen pflegen. 

— Jensen bittet sehr um Entschuldigung, stam- 
melte das Mädchen, aber sein Tabak ist ihm aus- 
gegangen, und ich soll fragen, ob Ihr ihm etwas 
leihen wollt, Herr Magister. 

— Hier! antwortete der Magister kurz und stand 
auf und gab ihr ein halbvolles Paket. 

Dann überlegte er einen Augenblick, da das 
Mädchen noch stehen blieb ; fasste einen Entschluss, 
aber änderte ihn, während er sprach: 

— Willst du Jensen grüssen und ihm sagen, es 
sei — er wendete sich ab — unpassend für junge 
Mädchen, so spät am Abend zu einem Herrn aufs 
Zimmer zu kommen. 



TSCHANDALA 109 



Darauf fasste er das Mädchen beim Arm, schob 
sie gegen die Tür und änderte zwei Male den Ent- 
schluss, ehe er sie hinausgeschoben hatte. Und 
dann bereute er, dass er sie hatte gehen lassen; 
nun aber war es zu spät! 

Dirne ist Dirne! dachte er. Ist es diese nicht, 
so wird es eine andere; und werde ich es nicht, so 
wird es Mats! Ihr Bruder ist ein Dieb, das sind 
aber vermutlich die Brüder von allen Dirnen, und 
wer kann über deren Stammbaum Bescheid wissen? 

Damit war sein Entschluss für den nächsten 
Abend gefasst. 

Alles traf ein, wie er es sich ausgedacht hatte. 
Als aber das erste Kraft- und Lustgefühl vorüber 
war, kamen Furcht und Ekel. Die Furcht — denn 
er hatte draussen auf dem Boden sich etwas be- 
wegen und fortschleichen hören; daraus schloss er, 
dass man spioniert hatte. Dann der Ekel, das furcht- 
bare Gefühl von Schmutz, das seine Sinne erst 
wahrnehmen konnten, als der Rausch vorüber war, 
ein Gefühl, so stark, dass alles beschmutzt war, sein 
Zimmer, sein Körper, seine Seele. Etwas so grenzen- 
los Widriges hätte er nie für mögUch gehalten, und 
seine Gelüste erloschen, wenn er nur daran dachte, 
was er ausgestanden hatte. 

Aber es war geschehen und konnte nicht un- 
geschehen gemacht werden. Er hatte ein Tier um- 
armt, und nach der Umarmung hatte das Tier ihn 
wie eine Katze geküsst; er aber hatte sich ab- 
gewandt, als fürchte er, einen unreinen Atemzug 
einzuatmen. 

Am nächsten Morgen traf er Magelone auf der 
Treppe. Sie sah ihn gleichgültig an und er sie, als 
sei nichts vorgefallen. 



110 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Er war froh, dass die Geschichte keinen Eindruck 
hinterlassen hatte, keine beunruhigende Erinne- 
rungen, kein Verlangen nach Wiederholung, keine 
Reue, keine Vorwürfe. 

Aber am Nachmittage kam Magelone wieder und 
klopfte an die Tür des Magisters, die geschlossen 
war. 

Er öffnete und bat sie, um Gottes willen zu 
gehen; Jensen könne von der Sache Erfahren, und 
dann sei sie verloren. 

— Ach, Jensen weiss es schon, antwortete das 
Mädchen und wollte sich hineindrängen. 

— Du kommst nicht hinein! Meine Frau lässt 
die Polizei holen, und wir werden unglücklich, sagte 
der Magister in seiner Verlegenheit. 

Das Wort Polizei wirkte erstaunlich schnell, denn 
das Mädchen verschwand. 

Am Abend sass der Magister mit seiner Familie 
bei Tische. Sie hatten Türen und Fenster geöffnet, 
um das letzte Licht des Abends hereinzulassen. Man 
ass schweigend, wie man tut, wenn man mit einem 
Kranken zusammen ist; nur dann und wann fiel 
ein halblautes Wort. Vom Garten drangen Gesang 
Musik und Geschrei herauf: es war die Gesellschaft 
der Baronin, einige Personen, die früh am Morgen 
zu Besuch gekommen waren und sich sofort hin- 
gesetzt hatten, um bis zum Mittage zu trinken. 
Dann hatten sie einige Stunden zwischen den Büschen 
geschlafen, um nachher von neuem mit derselben 
Ausgelassenheit zu beginnen. Von seinem Fenster 
hatte der Magister den Besuch gesehen und sich 
über dessen sonderbares Aussehen gewundert. Ein 
Herr, dick wie ein Haus, mit roter Nase und blut- 
unterlaufenen Augen, und in seiner Gesellschaft 
einige Damen, die wie Huren oder Pfandleiherinnen 
aussahen. Doch hiess es, es sei ein Fuhrmann mit 



TSCHANDALA 111 



Frau und Schwägerin, alte Freunde von den Eltern 
der Baronin, die jetzt daran dachten, das Gut zu 
kaufen. 

Wieder war der Verdacht des Magisters erwacht, 
Geburt und Stand der Baronin könnten nicht echt 
sein; jedenfalls musste ein Baron, der solchen Ver- 
kehr hatte, wie diese Leute, verarmt sein, und das 
sollten ja die Eltern der Baronin nicht gewesen sein. 

Im Laufe des Tages war der Magister eingeladen 
worden,^ an dem Trinkgelage teilzunehmen, hatte 
sich aber entschuldigt, als er sah, dass alle Gäste, 
Frauen und Kinder mitgerechnet, berauscht waren. 
Aber von dem Augenblick an hatte er einen bösen 
Willen, etwas Feindliches im Auftreten der Gesell- 
schaft bemerkt, wenn es auch zu keinem Konflikt 
gekommen war, da er sich vorsichtig entfernt hielt. 

Als er jetzt, wie er glaubte, wohtverschanzt im 
Schosse seiner Familie sass, weit entfernt von den 
losgelassenen Wilden, sah er plötzlich, wie Magelone 
ihren zottigen Kopf durch die Saltür steckte. Ihre 
Augen waren noch gewölbter als gewöhnhch, und 
sie lachte albern wie ein Betrunkener. 

— Was suchst du? fragte er schnell, um einen 
Skandal abzuwenden. 

Das Mädchen hielt sich an den Möbeln des Zim- 
mers, mit einer Mischung von Unsicherheit und 
Frechheit im Wesen, die Frau Törner bange machte 
und die Kinder erschreckte. 

— Was suchst du ? wiederholte der Magister mit 
lauter Stimme. 

Das Mädchen war an den Tisch gekommen, wo 
die Frau des Magisters sass, in Kissen gepackt; 
stützte sich auf den Lehnstuhl, warf einen trotzig 
herausfordernden Blick auf die kranke Frau und 
grinste unverschämt, als wolle sie ihre Rache an 



112 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

dieser Frau, die ihr einst einen wohlverdienten Schlag 
zugefügt hatte, recht geniessen. 

Frau Törner wendete sich fort, erbleichte und 
fiel in Ohnmacht; aber im selben AugenbHck hatte 
der Magister Magelone beim Arm gepackt, die Tür 
geöffnet und sie in den Korridor hinausgestossen ; 
dort fiel sie auf den Knochenhaufen, den die Hunde 
von den Resten des Schmauses angesammelt hatten. 
Dann schloss der Magister die Tür. 

Kaum hatte er seine Frau wieder zu Bewusstsein 
gebracht und sie fortgeführt, als es an die äussere 
Tür klopfte. Die Kinder schrien vor Angst, erregt 
von all dem seltsamen Wesen, das sie nicht ver- 
standen. Als das Klopfen nicht aufhörte, ging der 
Magister hin und fragte durch die Tür, wer da sei. 

Sofort antwortete der Zigeuner mit seiner glatte- 
sten Stimme, er bitte um Entschuldigung, dass er 
sich eindränge, aber er habe einige Gäste bei sich, 
die gern die Wohnung sehen wollten, und das 
pflege man ja zu dürfen. 

Der Magister sah einen schadenfrohen, rach- 
gierigen Blick im Auge des Zigeuners aufleuchten, 
als dieser vier berauschte Personen eintreten Hess, 
die mit frechen Mienen ihr gesetzliches Recht be- 
nutzten, dem Mieter den Boden zu beschmutzen 
und den Hausfrieden einer kranken Frau zu stören. 

Es kochte im Magister, als er die rohen Banditen 
umherschnüffeln und sich stellen sah, als schätz- 
ten sie die Masse von Türen und Fenstern ab, 
während sie nur mit Mühe ein Grinsen unterdrückten 
und einige Worte hervorbrachten, die es glaubhaft 
machen sollten, dass sie wirklich zu dem ange- 
gebenen Zweck kamen. Dieser bedeutungslose Be- 
such hatte einen Hintergrund von Herausforderung 
und einen Anstrich von Übermut, und der Magister 
musste die Kinder nehmen und auf den Balkon 



TSCHANDALA 113 



hinausgehen, um sich nicht zu einem Zoraesaus- 
bruch verleiten zu lassen. 

Es war eine Kriegserklärung, und noch mehr, 
es war die Siegesverkündigung mit voller Musik; 
denn der Zigeuner zeigte dem Geschlagenen und 
Eingesperrten, dass er sehr wohl wisse, dieser sei 
mit Händen und Füssen gebunden, und setzte nun 
dem Überlisteten seine schmutzige Ferse auf den 
Nacken. Der wand sich vor Schmerz, schwur aber 
in seinem Innern, seinen Feind niederzumachen, ehe 
dieser ihn ganz umgebracht hatte, ihn ein Mal für 
alle niederzumachen: ihn zu töten, nicht nur zu 
verwunden — um nicht selbst getötet zu werden. 



Strindberg, Kleine historische Romane 



Achtes Kapitel 

Die nächste Nacht verbrachte Magister Andreas 
damit, dass er überlegte, auf welche Weise er ohne 
Strafe und Folgen dieses Schadentier, das rück- 
sichtslos seine Lust am Bösen übte, vernichten könnte. 

Ihn in Sicherheit einzuwiegen, dazu war keine 
Aussicht mehr; denn der Zigeuner hatte keinen 
müden Augenblick nach Arbeit, in dem er über- 
rumpelt werden konnte, und das Verhältnis zwischen 
ihnen war zu gespannt, um noch einmal einen 
Frieden zu gewähren. Um aber den Kampf mit 
einem solchen Feinde aufnehmen zu können, musste 
man es ihm gleichtun im Mangel an Feingefühl, 
durfte man schändliche Mittel nicht scheuen, musste 
man ohne Scham in seinen Geheimnissen schnüf- 
feln, an Türen lauschen und seinen Angehörigen 
vertrauliche Bekenntnisse ablocken. Zu all dem 
glaubte der Magister nicht fähig zu sein. Es war 
ihm entgegen, eine niedrige Handlung zu begehen, 
sein Selbstgefühl zu kränken, seine Selbstachtung 
einzubüssen. Diesen Kampf konnte er also nicht 
führen, ohne unterzugehen; fliehen konnte er nicht, 
und den Kampf aufzugeben wagte er nicht, denn 
dann würde er sofort überwunden werden. 

Er war der Hellene, der gegen den Barbaren 
kämpfte; in diesem Kampfe musste der Barbar 
siegen, weil er der Rohere war. Er war Archimedes, 
der durch die Hand eines Soldaten fiel, obwohl er 

8* 



116 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

mit seinen Berechnungen leicht eine Maschine hätte 
konstruieren können, die tausend Soldaten in die 
Luft gesprengt hätte. 

Indem er die Fähigkeiten des Zigeuners zusammen- 
stellte und das Inventar seiner Seele aufnahm, fand 
der Magister zwei Punkte heraus, die einen Kampf 
von Seele gegen Seele, Verstand gegen Verstand 
erlaubten, ohne dass der Verstand und die Seele, 
welche die stärkeren waren, zu unterliegen brauch- 
ten. Der Zigeuner teilte des Halbwilden Furcht 
vor dem Unbekannten, und gegen diese Furcht 
hatte er Schutz gesucht in dem Glauben an un- 
bekannte Mächte. Wenn man, dachte der Magister, 
ihm diesen Hort raubte, würde seine Furcht er- 
wachen, der Glaube ans Glück ihm genommen 
werden, und er würde vernichtet zusammenfallen. 
Das Vertrauen, das dieser Mann auf die Gunst des 
Zufalls setzte, musste ungeheuer stark sein: trotz- 
dem ihn zu Michaelis wirtschaftlicher Ruin erwartete, 
bebaute er die Erde nicht, tat nichts, sondern lag 
nur mit offenem Munde da, auf die gebratenen 
Tauben wartend. Ob er an den Gott der Christen 
glaubte, wusste der Magister nicht, doch hatte er 
ihn nie in die Kirche gehen sehen; dagegen wusste 
er, dass er seinen Nattern, denen er religiöse Ver- 
ehrung bezeigte, Milch hinstellte. Also mussten die 
Nattern ausgerodet, der Glaube an ihren Schutz 
vernichtet werden, damit die Furcht vor einem un- 
günstigen Schicksal den Mann mit geistiger Läh- 
mung schlage. 

An den zweiten Punkt war schwieriger heran- 
zukommen, aber erreichte er den, so war es der 
sichere Tod. Indem er sein Blut mit einer adeligen 
Familie mischte, hatte dieser Paria einen neuen 
Zuschuss zu seiner eigenen Lebenskraft erhalten; 
das Gefühl, mit den höheren Klassen verschwägert 



TSCHANDALA 117 



I 



ZU sein, hatte ihm hohe Gedanken über sich selber 
eingeflösst; so lange er glaubte, dass diese Frau 
wirklich die war, für die sie sich ausgab, konnte 
er sein Haupt aufrecht tragen. Jetzt aber war der 
Magister fest davon überzeugt, dass hier ein Ge- 
heimnis lag, das er nicht kannte ; er war ganz sicher, 
dass die Baronin ihren Geliebten belogen hatte, 
dass sie durchaus nicht aus vornehmer FamiHe 
stammte. Um das zu untersuchen, war nur Zeit 
und Scharfsinn nötig; denn durch die Kirchenbücher 
musste man erfahren können, wie sich die Sache 
wirklich verhielt. Wenn sich aber der Verdacht des 
Magisters bestätigte, würde sich der Zigeuner be- 
trogen fühlen, würde aufgebracht werden, würde 
sich zu Übereilungen verleiten lassen. Wer konnte 
wissen, was auf diese Weise an den Tag kommen 
würde, wenn zwei solche Personen einander ihre 
Geheimnisse verrieten — ganz abgesehen von dem 
Verlust, den der Zigeuner erleiden würde, wenn 
er sah, dass er von dem einzigen Menschen, an 
den er geglaubt hatte, angeführt worden war. Seine 
ganze Lebenskraft würde abnehmen, wenn die 
Hoffnung, auf die er seine Kraft und Freude gebaut 
hatte, erlosch. 

Obgleich er nur Quecksilber in die Milch der 
Nattern goss, um schädliche Tiere zu vertilgen, war 
dem Magister Andreas doch unangenehm zumute, 
als er es getan hatte. Fast, als habe er gemordet 
öder gestohlen, wenn man auch nicht zu sagen 
pflegt, dass man z. B. Ratten „mordet". Und als 
er dann an seinem Fenster stand und auf die Wir- 
kung wartete, war er unruhig. 

Drei Stunden hatte er bei seiner Arbeit gesessen, 
als er endlich ein Geschrei im Treibhause hörte. 
Iwan hatte das Unglück zuerst entdeckt und schlug 



m KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

solchen Lärm, dass der Zigeuner, der zwischen den 
Büschen einen Rausch ausschlief, herbeieilte. Zu- 
erst ging das Unwetter über den Gärtner los, der 
schwur und fluchte, er sei unschuldig. Die Baro- 
nin, die angelaufen kam, war ausser sich und weinte. 
Als man keine äussere Gewalt an den Tieren, die 
beinahe aus ihrem Fell gekrochen waren, zu entdecken 
vermochte, da niemand daran dachte, dass die Nattern, 
die leicht mit einem Stock totgeschlagen werden 
konnten, vergiftet waren, begannen die leichtgläu- 
bigen Menschen zu vermuten, eine Schlangenpest 
sei ausgebrochen; und sobald es sich um Pest han- 
delte, hatte man ja mit dem Schicksal oder den un- 
bekannten Mächten zu tun. 

Die Kadaver wurden sorgfältig gesammelt, in 
ein Stück Wolle gepackt und ins Haus getragen. 

Durch die offenen Fenster konnte der Magister 
hören, wie man Feuer im Herde machte, um durch 
die Wärme die toten Körper ins Leben zurückzu- 
rufen. 

Es war, als habe der Blitz ins Haus eingeschlagen. 
Die Menschen liefen erschrocken umher, jede Ar- 
beit stockte, die Tischler guckten durch die Schei- 
ben des Kellerfensters, und die Hunde, die sich 
einen Schmaus mit den Nattern leisten wollten, 
wurden unter gewaltigem Lärm verjagt und in 
Schuppen und Nebengebäuden eingesperrt. 

Man jammerte und parlamentierte unten in der 
Wohnung, so dass das Mittagessen nicht fertig 
wurde und alles in Unordnung geriet. 

— Jetzt ist das Unglück über uns! Mit diesen 
Worten schloss der Zigeuner seine traurigen Be- 
trachtungen. Dann zapfte er einen Anker Brannt- 
wein an und setzte sich hin, um zu trinken und 
Trauerlieder zu singen. SchHessHch sass die ganze 
Familie am Fenster und trank. 



TSCHANDALA 119 



Dass der Schlag gesessen hatte, das merkte der 
Magister am Abend, als er den Zigeuner traf, der 
milde höflich demütig war; dessen Hass schien zu- 
gleich mit seinem Glauben ans Glück vernichtet 
zu sein. Aber er sprach nicht von den Nattern; er 
schämte sich, seine Schwäche zu zeigen, und er 
wusste, der Magister würde über seinen Aberglau- 
ben lachen. Er sprach nur in unbestimmten Worten 
über sein unverschuldetes Unglück und seinen be- 
vorstehenden Untergang. 

Dann schlug er plötzlich um, begann Liebesge- 
schichten zu erzählen und improvisierte eine Ko- 
mödie von einem Herrn, der seine GeUebte nicht 
befriedigen konnte, weshalb sie ihm untreu wurde. 

Der Magister stellte sich, als begreife er den Sinn 
nicht, fuhr aber in der gleichen Art fort und tischte 
eine Geschichte auf von einem Herrn, der geglaubt 
hatte, eine Jungfrau zu bekommen, aber eine Krätze 
dafür bekam. 

Der Zigeuner wich dem Hiebe aus und erzählte, 
der Fuhrmann, der ihn zuletzt besucht habe, wolle 
das Gut für sechzigtausend Taler kaufen. 

— Ja, fügte er verächtlich hinzu, für einen Ross- 
täuscher ist ja das Gut noch immer fein genug. 

Der Magister Hess die Lüge passieren, aber das 
Wörtchen „Rosstäuscher'' blieb ihm im Gedächtnis 
haften, um ihm später nützlich zu werden. 



Acht Tage später hatte der Magister in aller 
HeimUchkeit in den Büchern der Kirche nachge- 
forscht und erfahren, dass die Baronin Ivanoff in 
der ganz unadeligen FamiUe Ivarsson geboren war; 
dass der Vater ein gewöhnlicher Wucherer und 
Besitzer zweier Hurenhäuser in Kopenhagen, dass 
die Mutter eine Dirne gewesen. 



120 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Es war beinahe, als habe er nichts Neues er- 
fahren, als ihm Priester und Richter diese An- 
gaben bestätigten. Es musste so sein, meinte er 
jetzt, trotzdem er an allem zweifelte, das „heilige" 
Volk ausgenommen. Eine solche Liebe zum 
Schmutz, zur Lüge, zum Aberglauben konnte nicht 
in einer Familie vorhanden sein, die Generation 
auf Generation in Bildung erzogen war; ein berühm- 
ter Name pflegte grosse Handlungen zu wirken 
oder Gedanken und Gefühle zu veredeln, mindestens 
die eigene Person zu pflegen. Und wenn ein ade- 
liges Geschlecht innerUch verfiel, war es gewöhn- 
lich schon wirtschaftHch untergraben; was hier ja 
nicht der Fall gewesen war. 

Während Magister Andreas sich mit diesen Unter- 
suchungen beschäftigte, konnte er in den acht Tagen, 
die dabei vergingen, sehen, wie der Zigeuner sein 
Selbstvertrauen und seinen unruhigen Tätigkeits- 
drang verloren hatte. Er lag meistens Unter den 
Kaninchen auf dem Dache des Abtritts und sonnte 
sich, rauchte oder schlief. Warum er gerade diesen 
Ort gewählt hatte, war schwer zu verstehen; viel- 
leicht war es sein südländisches Blut, das von der 
starken Hitze der Kupferplatten angelockt wurde; 
oder seine Parianatur wurde zu dem Geruch hinge- 
zogen, der an Fäulnis, Dreck und Abfall erinnerte. 
Während sein Stumpfsinn zunahm, ging auf dem 
Gute alles drunter und drüber. Die Küken starben 
massenhaft vor Hunger und Mangel an Pflege und 
lagen halbverfault am Boden umher. Die Hunde 
jagten die Hühner und Enteriche und stahlen sich 
dann und wann eine Mahlzeit. Die Schafe wurden 
krank, weil sie in ihrem eigenen Schmutze liegen 
mussten, der sich ellenhoch anhäufte. Niemand gab 
ihnen Wasser oder führte sie auf die Weide. 

Der Gärtner, der Knecht und die Tischler sassen 



TSCHANDALA 121 



in den Kirschbäumen und kauten, pflückten einen 
Korb voll, der auf den Markt gebracht werden sollte, 
aber stehen blieb, bis alle Beeren verfault waren. 

Während der Zeit wuchs das Unkraut im Garten 
und verbreitete seinen Samen, die Fliegen ver- 
mehrten sich, das ganze Haus löste sich auf und 
verfiel. Zuweilen rüttelte der Zigeuner sich auf, 
um irgendeine Bosheit zu unternehmen, welche die 
Mieter ärgern konnte ; trieb z. B. die feuchten Hunde 
die Treppen hinauf und hinunter, wenn frisch ge- 
scheuert war; warf Knochen und Abfall auf den 
Korridor; Hess die Hühner zur Tür hinein, machte 
unnötigen Lärm in der Nacht und hetzte die Hunde 
auf den Milchmann und Briefträger des Magisters. 

Dadurch wurde Magister Andreas allmählich so 
hart, dass er jetzt mit Überlegung daran ging, seinen 
zweiten Schuss abzugeben mit der bestimmten Ab- 
sicht, den Feind in den Grund zu bohren. 

Um diesen Plan auszuführen, hatte er Magelone 
ausersehen, deren feindliche Gesinnung er durch 
gute Worte gemildert hatte ; das war um so leichter, 
als das Mädchen von dem Bruder und der angeb- 
lichen Baronin misshandelt wurde und gegen die 
letzte einen wilden Hass nährte. 

Als Magelone die nötigen Mitteilungen erhalten 
hatte, wurde sie von Herzen froh; da erhielt sie die 
Gelegenheit, eine grossartige Rache sowohl an der 
Baronin, die gedemütigt wurde, wie auch an dem 
Bruder zu nehmen, der seinen scheinbaren Glanz 
verlor; den hatte er benutzt, um den Geschwistern 
seine Überlegenheit zu zeigen. 

Die Explosion erfolgte am Abend eines Freitags; 
der Magister sass an seinem Fenster und hörte zu, 
wie der Auftritt begann und in hellen Flammen 
aufloderte. Die Baronin, alias Jungfer Ivarsson, 



122 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

stand an ihrem Fenster und holte tote Zeisige aus 
den Bauern, als Jensen ins Zimmer trat. 

Es ist eine .Weile still; darauf sagt die Jungfer: 

— Nun, Peter, wirst du morgen in die Stadt 
fahren, um Vorrat zu kaufen? 

— Nein, antwortet der Zigeuner, das musst du 
selbst tun! 

— Womit soll ich einkaufen? Du hast ja mein 
ganzes Geld bekommen! 

— Habe ich? Was habe ich bekommen? Was 
habe ich bekommen, dass ich mich für deine Rech- 
nung Jahr und Tag abgearbeitet habe? Was haben 
meine Geschwister bekommen, die Knecht und 
Magd ohne Lohn gewesen sind? 

Jetzt begann die Jungfer. Sie sprach eine halbe 
Stunde, bald schrie sie, bald weinte sie, bald 
fluchte sie. 

Der Zigeuner suchte dann und wann zu Worte 
zu kommen, aber vergeblich. Da sprang er auf, 
stürzte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. 
Kam wieder herein, brach in einen Strom von 
Worten aus, von denen man nur einzelne verstehen 
konnte, wie Schandmutter, Hurenweib, Wucherer. 

Dann wütete die Jungfer wieder eine halbe Stunde, 
ohne dass der Magister etwas anderes hören konnte 
als das bum! bum! der Tür, das aus der Ent- 
fernung wie Kanonenschüsse klang, wenn der Zi- 
geuner wie ein Verrückter hinauslief und wieder 
hereinkam. 

Dann wurde Magelone hereingerufen. Zuerst 
wurde sie von der Jungfrau und dann vom Zigeuner 
geohrfeigt; sie ergab sich jedoch nicht, sondern 
feuerte eine Salve ab, die durchs ganze Haus drang 
und im Garten von den Leuten gehört wurde, die 
hinter den Büschen standen und lauschten. 



tSCHANDALA 123 



Und jetzt tauchten Geschichten auf von älteren 
Zeiten, als Mutter und Vater des Zigeuners auf 
dem Hofe gehaust hatten ; man beschuldigte einander, 
Pferde gestohlen, Kasten erbrochen, Geld unter- 
schlagen, kurz, alle möglichen Schäbigkeiten be- 
gangen zu haben. 

Die Stimme des Zigeuners war nicht mehr zu 
hören; er schien verschwunden zu sein. 

Der Auftritt schloss damit, dass Magelone aus 
dem Hause gejagt, öffentliches Frauenzimmer titu- 
liert, beschuldigt wurde, mit allen Männern des 
Hofes verkehrt zu haben (der Magister wurde aus- 
genommen). Magelone packte ihre Sachen und ging. 

Die Fuchshöhle war gesprengt, und der Grund- 
schuss hatte die gewünschte Wirkung gehabt. 

Zufrieden mit seiner Arbeit, die er gut fand, ging 
der Magister zu Bett und schlief zum ersten Male 
ruhig seit langer Zeit. Jetzt war die feindhche Kraft 
aufgerieben und hatte so viel zu tun mit ihren 
eigenen Gebrechen, dass man ihn in Frieden lassen 
würde. 

Ohne zu wissen, hatte er seinen grossen Angriff 
zu einem Zeitpunkt unternommen, der besonders 
geeignet war, Verwüstung ins feindliche Lager zu 
tragen. Der nächste Tag war ein Sonnabend; da 
musste der Lohn bezahlt und Vorrat für die kom- 
mende Woche gekauft werden. Der Schlag hatte also 
mitten auf den Scheitel getroffen, unter dem ein 
bereits angestrengtes und erhitztes Gehirn arbeitete: 
einem Druck, der von mehreren Seiten zugleich 
einsetzte, konnte es nicht mehr widerstehen. Darum 
geriet der Zigeuner ganz in Unordnung und wäre 
fertig gewesen, wenn nicht Mächte, die er doch nicht 
selbst gerufen haben konnte,'ihm zu Hilfe gekommen 
wären. 



124 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Als Magister Andreas am Morgen nach dem Auf- 
tritt auf den Hof hinunter kam, traf er den Gärtner, 
der sehr -erregt aussah und geneigt zu sein schien, 
ihm sein Herz zu öffnen. Und da der Magister 
hören wollte, was für eine Wirkung sein Wurf- 
geschoss gehabt hatte, auch alle Gefahr für über- 
standen hielt, fragte er, ob der Gärtner gestern 
abend den Lärm gehört habe. 

Ja, das habe er, und er müsse den Herrn Magister 
vor der Baronin und dem Zigeuner warnen ; nachdem 
es sich jetzt herausgestellt habe, was für Leute es 
seien, habe er kein Bedenken mehr, zu erzählen, 
dass der Zigeuner und die Baronin ein Mal, als der 
Herr Magister fort war, in dessen Zimmer einge- 
brochen seien und mit falschen Schlüsseln seine 
Schatulle geöffnet hätten. 

Der Magister wurde zornig und wollte sofort 
zum Richter gehen, aber der Gärtner hielt ihn zurück 
und fragte, ob er etwas davon gehört habe, dass in 
der Nacht einem Nachbar ein Pferd gestohlen 
worden. 

Der Magister hatte nichts davon gehört und erfuhr 
jetzt die näheren Umstände. 

Als Magelone nach der Gastwirtschaft ging, um 
sich für ihre Fahrt zu den Eltern einen Wagen zu 
nehmen, hatten Gärtner und Knecht sie begleitet, 
weil es dunkel war. Sie gingen also zusammen die 
grosse Landstrasse hinunter und waren bis zu dem 
Bauernhofe gekommen, wo das Pferd gerade vom 
Felde gestohlen war, als sie vorsichtige Schritte 
hinter sich hörten und im Strassengraben den Zigeu- 
ner erbHckten. Er war verkleidet, hatte den Hut über 
die Augen gezogen und trug in der Hand einen schwar- 
zen Gegenstand, der aus der Entfernung wie ein Schuh 
aussah. Sie kehrten ihm sofort den Rücken und 
stellten sich, als hätten sie ihn nicht bemerkt. Aber 



TSCHANDALA 125 



sie hörten ihn, bis sie zur Gastwirtschaft kamen; 
dort verschwand er. 

Der Gärtner, der die Nacht wach gelegen, hatte 
indessen gehört, wie der Zigeuner um ein Uhr 
auf den Hof Icam und zwei Reitpferde satteln Hess, 
für sich selbst und den Knecht, der ihn begleiten 
sollte. Die Uhr wurde drei, als der Zigeuner zurück- 
kam; er war mit dem Knecht nach Widala, dem 
Heim der Eltern, geritten, und hatte verschiedene 
Kleinigkeiten, welche die Schwester vergessen, auf 
dem Rücken des Pferdes hingebracht. Als er zurück- 
kehrte, befahl er dem Knecht, den Ausflug zu ver- 
schweigen, wahrscheinlich mit der Absicht, dass er 
gerade davon sprechen solle, was er auch getan. 

Als der Magister diese Erzählung gehört hatte, 
antwortete er nichts, sprach nicht aus, was er darüber 
dachte, sondern ging auf sein Zimmer hinauf. Auf 
halbem Wege kehrte er jedoch um und schlug den 
Weg nach dem Bauernhof ein, wo das Pferd ge- 
stohlen war. Während er dahin ging, erinnerte er 
sich an die verschiedenen Äusserungen des Zigeuners 
und an mehrere Vorfälle; alle bestärkten ihn in 
dem Glauben, kein anderer als Jensen sei der Dieb. 

Am Anfange des Sommers hatte Jensen mit Ver- 
gnügen Geschichten von gestohlenen Pferden er- 
zählt; besonders ausführlich hatte er berichtet, dass 
demselben Bauern ein rotes Pferd gestohlen worden. 
Der Zigeuner hatte die Kniffe erwähnt, die man 
anwendet, um gestohlene Pferde unkenntlich zu 
machen: man mache einen Schnitt auf der Stirn, 
dann bekämen sie eine Blesse. Der Magister er- 
innerte sich jetzt, dass vor einem Monat der Falbe 
plötzlich einen Schnitt auf der Stirn gehabt habe, 
ohne dass jemand verstehen konnte, wer es getan 
hatte, noch in welcher Absicht es geschehen war. 
Zuletzt erinnerte sich der Magister an den Besuch, 



126 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

den der Rosstäuscher an jenem Sonntage gemacht 
hatte: das war ein besonders sprechender Umstand. 

Alles stimmte und wies auf den gleichen Punkt 
— alles, ausser dem Stirnschnitt des Falben, der 
nicht zur Sache zu gehören schien. Warum hatte 
er den Schnitt gemacht? War dieses Pferd auch 
gestohlen und sollte es unkenntlich gemacht werden, 
damit er es verkaufen konnte? — Dieses Pferd 
hatte die Eigentümlichkeit, dass es nicht gehen 
konnte, sondern immer galoppieren musste; das hatte 
der Magister gemerkt, als er ein Mal mit dem Zi- 
geuner nach Landskrona gefahren war. Jensen hatte 
die schlechte Gewohnheit des Gaules damit er- 
klären wollen, dass es vom Milchmann eingefahren 
sei. Dem Magister erschien es wahrscheinlicher, 
dass diese übertriebene Schnelligkeit daher kam, 
dass der Kutscher fürchtete, das Tier könne bei lang- 
samerem Trab sich einer gefährlichen Untersuchung 
aussetzen. 

Das mochte sich nun verhalten, wie es wollte; 
höchstens wurde die Sache dadurch noch ver- 
wickelter. Zunächst kam es darauf an, Beweis- 
material zu schaffen. Um solches zu finden, suchte 
der Magister jetzt das Feld auf, wo das Pferd ge- 
stohlen worden. 

Er fand bald die Stelle am Graben, wo es hin- 
über geführt und von wo es in entgegengesetzter 
Richtung nach Bögely gezogen war. Diesem letzten 
Umstand mass der Magister jedoch keine Bedeutung 
bei, denn der Kniff war zu dürftig. 

Dann fand er auf dem Kleefelde das Loch von 
dem Pfahl, an dem das Tier angebunden gewesen 
war; er konnte die Spur des gestohlenen Pferdes 
unter den übrigen Pferdespuren herausfinden, und 
er entdeckte den Abdruck, den die Füsse des Diebes 
in dem feuchten Boden gemacht hatten. Ein grosser 



TSCHANDALA 127 



gewöhnlicher Fuss mit sehr breitem Fussblatt. Aber 
zwischen diesen Spuren fand er andere und tiefere, 
regelmässig abgedrückt, zu regelmässig, um von den 
Füssen eines Mannes herrühren zu können, der ein 
Pferd hinter sich herzieht; und was schlimmer war, 
alle diese Spuren waren mit demselben rechten 
Schuh gemacht, also in der bestimmten Absicht, irre 
zu führen; dieser Schuh war mitgebracht worden, 
und seinesgleichen würde man sicher nicht im Hause 
des Diebes finden, wenn man eine Haussuchung 
hielte. Und siehe da, auf einer zu schwach nieder- 
getretenen Kleeblüte sass der Schuh, als ein irre- 
führendes Corpus delicti zurückgelassen. 

So ganz dumm war es nicht ausgedacht; ein 
anderer als der Magister hätte dadurch irregeführt 
werden können, aber dieser hatte ja eben gehört, 
dass der Zigeuner am letzten Abend den Graben ent- 
lang geschlichen sei mit einem dunkeln Gegenstande, 
der wie ein Schuh aussah. Damit andere nicht an- 
geführt würden, nahm er dieses Corpus und warf es 
weit fort; dann legte er sich auf die Erde nieder 
und nahm mit Hilfe von mitgebrachtem Schwefel 
einen Abguss der richtigen Spur. Diesen Abguss 
steckte er in die Tasche und ging dann nach Hause. 

Als er zu Hause angekommen war, stellte er sich, 
als habe er ein Messer verloren, und suchte es 
in den Wegen des Gartens, bis er die gewünschte 
Fussspur fand; auch davon nahm er einen Abguss. 
Die beiden Formen stimmten in allem überein, sogar 
darin, dass der Pechdraht auf der Hnken Seite los- 
gegangen war und sich in Form einer Öse ins 
Leder der Sohle gedrückt hatte. 

Es war also der Fuss des Zigeuners, der sich auf 
dem Kleefelde abgedrückt hatte, wo das Pferd ge- 
stohlen worden — ergo . . . Was? — War dadurch 
bewiesen, dass der Zigeuner das Pferd gestohlen 



128 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

hatte? Nein, denn er konnte ja auch — vor dem 
Magister — dort gewesen sein, um die Stelle zu 
besehen; auch die Spur des Magisters war ja jetzt 
auf dem Kleefelde zu finden, und doch hatte er das 
Pferd nicht gestohlen. 

Wie sollte er dem Zigeuner auf den Leib rücken? 
Der einzige Beweis, den die PoHzei anerkennen 
würde, wäre der, dass das Pferd im Besitz des 
Diebes gefunden würde. Aber auch das konnte der 
Dieb damit erklären, dass er behauptete, ein frei 
herumlaufendes Pferd eingefangen zu haben. Und 
sicher würde man das Pferd nicht im Stall des 
Zigeuners finden, vielleicht dagegen in dem des 
Fuhrmannes von Helsingborg, und vielleicht nicht 
einmal dort. 

Magister Andreas beschloss, drei Tage zu warten, 
die Sache zwei Nächte zu beschlafen und dann ein- 
zugreifen ! 

Am ersten Tage sah er den Zigeuner nicht; man 
sagte, er sei verreist. Erst am Morgen des zweiten 
Tages zeigte er sich, und zwar oben auf dem Dache 
des Häuschens, mit seiner Peitsche gewaltig knal- 
lend, als wolle er so recht seine Macht über die 
Tiere fühlen, die sich auf dem Hofe bewegten. Er- 
regt und berauscht, wie er war, schleuderte er 
dunkle, herausfordernde Worte erst gegen das 
Fenster der Baronin, dann gegen das des Magisters. 
Es fielen Worte von dem Fuchs, der auf Hühnerjagd 
geht, aber angeführt wird; von gelehrten Herren, 
die nicht weiter sehen können, als ihre eigene Nase 
reicht; die sich einbilden, alles zu wissen, aber nicht 
so viel wissen, wie unter dem Daumennagel Platz 
hat; Worte von Huren und Wucherern, die sich 
selbst in Gräfinnen und Barone umtauften, aber nicht 
so viel wie einen reinen Faden auf dem Körper 



TSCHANDALA 129 



hätten; von kleinen Leuten, die auch gross werden 
könnten, wenn sie wollten. 

Dann nahm er einen Schluck aus seiner Flasche 
und begann mit vollem Halse zu singen „Ich bin 
der Graf von Luxemburg", welches Lied der Ma- 
gister seit Monaten nicht mehr gehört hatte. Bei 
jedem Verse knallte er mit der Peitsche und tanzte 
auf dem kupfernen Dache, das unter seiner Last 
dröhnte und schwankte. 

Der Magister versuchte herauszufinden, was dieses 
übermütige Benehmen zu bedeuten habe. Im Liede 
des Zigeuners lag Triumph und Siegesstolz, und 
seine freche Herausforderung zeigte, dass er den 
Feind geschlagen zu haben glaubte. 

Später am Tage sah man den Zigeuner unten im 
Lusthause sitzen und allen acht Hunden, die er um 
sich versammelt hatte, mit der Drehorgel vorspielen ; 
am Abend machte er der Jungfer Ivarsson eine stür- 
mische Szene, schrie ganze Viertelstunden lang, 
schlug die Tifi-en zu, zerbrach Glas und Porzellan. 
Und als die Nacht kam, führte er oben auf dem 
Boden eine furchtbare Komödie auf, feuerte Schüsse 
ab, tanzte auf eisernen Stangen, zerschlug Möbel 
— alles, um den Magister zu reizen, sich in einen 
Streit einzulassen. 

Als er schliesslich müde geworden war, ging er 
auf die Wiese hinaus, steckte Torf und Unkraut, 
das verbrannt werden sollte, in Flammen und legte 
sich, von seinen Hunden umgeben, auf den tau- 
frischen Boden schlafen. 

Magister Andreas dagegen konnte keinen Schlaf 
finden; je länger er aber mit der Schlaflosigkeit 
kämpfte, desto fester wurde sein Entschluss, die 
Offensive gegen den tückischen Feind zu ergreifen; 
und als der Morgen kam, kleidete er sich an und 
ging fort, um den Richter aufzusuchen und die Haus- 

Strindberg, Kleine historische Romane 9 



130 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

bewohner anzugeben, wenigstens, dass sie falsche 
Schlüssel benutzt hatten. 

Er war durch den Buchenwald geg'angen und auf 
den Fichtenpfad gekommen, als der Schrei der 
Elstern seine Aufmerksamkeit auf die Fichte lenkte, 
die als Schreibtafel diente. Er kroch ins Gebüsch 
und entdeckte bald den Baum ; in dessen Rinde war 
eine neue Figur geschnitten; was diese Figur be- 
deutete, konnte er nicht mehr missverstehen. Alle 
früheren Zeichen waren ausgelöscht, dafür hatte man 
einen Fuchs eingeschnitten, der mit dem Halse so 
fest in einer Schlinge sass, dass ihm die Zunge aus 
der Schnauze hing. 

Der Fuchs sollte ohne Zweifel der Magister 
selbst sein, nach dem Siegestanze und übermütigen 
Reden des Zigeuners zu urteilen. 

Und nun trieb ihn die Neugier, zu erfahren, wie 
seine Sachen standen, schnell nach dem Hofe des 
Richters. Aber mit einer gewissen LÄiruhe näherte 
er sich ihm, weil alle Richter in den eroberten Pro- 
vinzen Dänen waren. Das war ein Entgegenkommen 
der Regierung, damit die Unterworfenen nicht in 
beständiger Furcht vor einer willkürlichen und un- 
gerechten Rechtspflege lebten; auch war es von 
grösster Bedeutung, dass der Richter gründlich mit 
der Sprache der Bevölkerung vertraut war, damit 
er die wechselnden Nuancen eines jeden Wortes 
verstehen und beurteilen konnte. 

Er war aus dem Walde herausgekommen und 
näherte sich dem Kirchdorfe, wo der Richter 
wohnte, als der Zigeuner auf seiner falben Kracke 
aus der Dorfstrasse heransprengte, mit einem 
siegesstolzen Lächeln grüsste und den Magister, der 
nicht zur rechten Zeit auf die Seite treten konnte, 
mit dem Schmutz der Landstrasse bespritzte. 



TSCHANDALA 131 



Böse Ahnungen plagten den Magister, als er den 
Türklopfer des Richters in die Hand nahm. Noch 
missmutiger wurde er, als ihn der Richter mit einem 
erstaunten und misstrauischen Gesicht empfing und 
ihn in einen niedrigen, schwarz möblierten Saal 
führte, dessen ganzen Raum zwei grosse Tische 
einnahmen. Eine drückende Wärme herrschte darin; 
als wolle er etwas von der Hitze herauslassen, öff- 
nete der Richter die Tür zum Nebenzimmer, ging 
einen Augenblick hinein und kam dann wieder zurück. 

Er bat den Magister Platz zu nehmen, musterte 
ihn vom Kopf zu Fuss, als vergleiche er ihn mit 
den Beschreibungen, die man ihm gegeben, und 
den Vorstellungen, die er sich von dem Besuchen- 
den gemacht hatte. Doch sagte er nichts, sondern 
wartete ruhig ab, bis der Magister sprechen würde. 

Schliesslich nahm der das Wort, recht zögernd, 
denn er fürchtete sich in Widersprüche zu verwickeln 
und zuviel zu sagen; er war nur darauf vorbereitet 
gewesen, dass der Richter Fragen an ihn stellen 
würde; dann hätten sich die Antworten von selbst 
ergeben. 

— Jch komme, begann er, um mich über meinen 
Wirt, den Verwalter Jensen auf Bögely, zu beklagen, 
da er sich nicht ehrlich gegen mich benommen hat. 

Er schwieg, um gefragt zu werden, aber keine 
Frage kam, nur ein Nicken, das ihn aufforderte, 
fortzufahren. 

— Es ist nämlich zu meiner Kenntnis gekommen, 
musste er also fortfahren, dass die Leute, bei denen 
ich wohne, in mein Zimmer eingebrochen sind und 
mit falschen Schlüsseln meine Schatulle geöffnet 
haben . . . 

Er verstummte wieder. Des Richters Miene war 
unverändert, gleichgültig, als habe er etwas gehört, 
das er schon kannte. 

9* 



132 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Und nun, musste der Magister schliessen, 
habe ich die Absicht, ihn wegen Einbruchs anzu- 
zeigen. 

Der Richter wartete einen Augenblick, dann 
fragte er: 

— Was ist Euch gestohlen worden? 

— Nichts ist mir gestohlen worden! musste der 
Magister antworten; denn er konnte nicht sagen, 
dass Geheimnisse gestohlen worden seien; damit 
hätte er sich ja selbst angegeben, dass er nämhch 
gefährliche Geheimnisse besitze. 

— Habt Ihr Zeugen? fragte der Richter. 

— Der Gärtner behauptet, die Geschwister des 
Verwalters Jensen hätten es ihm erzählt. 

— Also nur Klatsch ; denn Geschwister sind keine 
Zeugen. Nichts gestohlen, keine Zeugen, kein er- 
brochenes Schloss! Also nichts, und auf nichts hin 
kann man kein Urteil fällen ! 

Der Magister sass da und starrte nach seiner 
Klage, die so fortgeblasen war, dass keine Spur 
mehr von ihr übrig blieb. Aber er erwachte bald 
zur Besinnung; er stand in unvorteilhaftem Lichte, 
da er eine schlecht begründete Klage erhob; um 
nicht wie ein begossener Pudel abzuziehen, be- 
schloss er, tiefer in die Sache einzudringen. 

— Glaubt Ihr denn, Herr Richter, dass dieser 
Jensen ein zuverlässiger Mensch ist, der hoch über 
jedem Verdacht steht? 

— Jensen ist oft verdächtigt worden, aber er hat 
sich immer reingewaschen, antwortete der Richter 
mit Nachdruck. So hat man Anzeige erstattet, er 
sei verdächtig, den letzten Pferdediebstahl begangen 
zu haben. Aber das Corpus delicti, ein vom Diebe 
verlorener Schuh, passte durchaus nfcht auf seinen 
Fuss; ferner konnte er sein Alibi nachweisen, da 
er zu der Zeit, als der Diebstahl begangen wurde, 



TSCHANDALA 133 



r 



mit dem Knecht unterwegs war; und zwar hat er in 
derselben Nacht seine Eltern besucht. Dass er am 
Abend verkleidet den Graben entlang schhch, hatte 
ganz andere Gründe. 

— Welche, wenn ich fragen darf? 

Der Richter fixierte den Magister prüfend und ant- 
wortete in strengem Tone: 

— Er wollte darüber klar werden, ob eine Person, 
die seinem Herzen nahe stand, durch falsche Ge- 
lübde verleitet worden sei. Das wollte er. 

Ein furchtbares Schweigen entstand. Alles tanzte 
vor den Augen des Magisters, und die Fenster- 
scheiben nahmen die Form eines Netzes an, in dem 
er sich selbst gefangen hatte. Eins fühlte er klar: 
dass er selbst das Netz gebunden, dass er an seinem 
eigenen Busen eine Schlangenbrut, die ihn jetzt biss, 
genährt hatte. Und er fühlte sich ohnmächtig. Denn 
er konnte nicht erzählen, dass er selbst den Dieb 
über Alibi und Corpus delicti unterrichtet, auch den 
Kniff gesagt habe, einen Nebenumstand zuzugeben, 
um in der Hauptsache freigesprochen zu werden. 
Und die Geschichte mit dem Mädchen, wenn sie 
auch vorm Gesetz nicht strafbar war, genügte doch, 
um ihn als Zeuge inhabil zu machen; ja, sie machte 
ihn verdächtig, so dass jeder Versuch von seiner 
Seite, die näheren Umstände zu erklären, seine Stel- 
lung verschlimmern, ihn in Widersprüche ver- 
wickeln würde. 

Als der Richter sah, dass der Magister aus dem 
Sattel geworfen war, benutzte er die Gelegenheit, 
ihm noch einen Tritt in optima forma zu versetzen. 

— Jensen, fügte er hinzu, kenne ich als einen 
halbverrückten Menschen, aber er hat ein gutes Herz 
und trägt nicht nach. Für seinen schlimmsten Feind, 
der ihn bestohlen hatte und mit Gefängnis bedroht 
war, hat er Fürbitte eingelegt. Nein, er ist nicht 



134 KLEINE HISTORISCHE ROMANE ^ 

gefährlich; denn solange nicht das Rachegefühl so 
überhand nimmt im Herzen eines Menschen, dass 
die Vernunft mit ihm durchgeht, steht alles gut und 
wohl ! 

Dem Magister wurden die Ohren heiss; seit Jahr 
und Tag hatte er nicht so auf der Schulbank ge- 
sessen wie heute! In seinem kochenden Ärger ver- 
gass er Formen und Sitte und richtete, ohne weitere 
Umstände zu machen, seine Fragen direkt an den 
Richter. 

— Aber der Pfau, und der Puter, und der Enterich, 
und der Dungwagen, und die Sachen, die nachts 
vom Boden fortgetragen wurden, und die Reise nach 
Dänemark, um Hühner zu kaufen — vielleicht wisst 
Ihr auch darüber Bescheid, Herr Richter? 

— Obgleich ich mich einem solchen Verhör nicht 
zu unterwerfen brauche, so will ich doch antworten. 
Was den Pfau, den Puter und den Enterich betrifft, 
so steht noch immer eine gewisse Person im Ver- 
dacht, aber es fehlen die Beweise! (Dabei warf er 
dem Magister einen Blick zu, dass dieser erbleichte.) 
Denn der Dieb scheint ein durchtriebener Mensch 
zu sein, der ein falsches Corpus deHcti hinterlassen 
hat; der weiss, dass das Alibi das wichtigste Glied 
der Beweisführung ist; der gelernt hat — und sogar 
andere hat lehren wollen — dass Dienstboten nicht 
Zeugen sein können. 

Dem Magister Andreas sträubten sich die Haare 
auf dem Kopfe; aber je wütender er wurde, desto 
schlimmer tanzte es ihm vor den Augen; und als 
er seine Verwirrung bemerkte, wurde ihm noch 
schwindliger, bis er schliesslich wie ein überführter 
Verbrecher dasass, der ein schlechtes Gewissen hatte 
und die Entdeckung fürchtete. 

Aber der Richter ging weiter, beinahe sicher, dass 
er auf dem rechten Wege war. 



TSCHANDALA 135 



— Und was die Reise nach Dänemark angeht, 
so hat Jensen durch Eintragungen in sein Notiz- 
buch bewiesen, dass er sie in der Angelegenheit 
unternommen hat, die er angab; mit eigenen Augen 
habe ich gelesen, dass da stand: Freitag, den 2. 
August reise ich ri^ch Dänemark; habe zehn Taler 
bei mir, hole fünf Taler in Landskrona und kaufe 
fünfundsiebzig Hühner. 

Der Magister erhob den Kopf, als wolle er 
sprechen, aber das Knäuel war schon so verwickelt, 
dass er die Lust verlor, es aufzulösen ; nicht ein 
einziges Wort konnte er von den Einwendungen, 
die er machen wollte, vorbringen. Er konnte 
nicht sagen: Herr Richter, gerade der Umstand, 
dass der Mann wie ein Esel im Präsens schreibt 
„ich reise", während alle vernünftigen Menschen 
hinterher zu schreiben pflegen: „gestern oder an 
dem und dem Tage war ich dort" — gerade dieser 
Umstand ist verdächtig. Auch wagte er den Rich- 
ter nicht darüber aufzuklären, dass die Angabe, er 
nehme so und so viel mit, wolle aber noch so und 
so viel dazu holen, verdächtig sei. Er hatte jede 
Lust verloren, einzuwenden, dass es ursprünglich 
hundert Hühner gewesen sein sollten, während in 
den Notizen nur fünfundsiebzig standen. So viel 
Frechheit machte ihn sprachlos, und wie im Traum 
hörte er den Richter erzählen, der Zigeuner habe 
von der Schlächterei in Landskrona mit dem Dung- 
wagen Schweinemagen geholt, während er mit 
eigenen Ohren den königlichen Stall von Hälsing- 
borg hatte nennen hören und mit eigenen Augen 
einen Dunghaufen gesehen hatte, der von Tceinem 
Schlachthaus geholt sein konnte. 

Das Verhör war zu Ende, und der Magister er- 
hob sich, um seiner Wege zu gehen wie ein ver- 
dächtiger Dieb, wie ein falscher Angeber, wie eine 



136 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

unter Aufsicht stehende Person, als der Richter ihm 
einen letzten Schlag auf die Brust versetzte. 

-— In Eurer Sache mit der Schatulle kann ich 
also nichts machen; aber merkt Euch für künftige 
Fälle: wenn Ihr gefährliche Staatsgeheimnisse habt, 
haltet sie ebenso geheim wie jetzt; wenn ich auch 
geborener Däne bin, so bin ich doch schwedischer 
Bürger geworden, und als treuer Untertan meines 
jetzigen Königs und Herrn scheue ich keine Mit- 
tel — schone keine Personen — um über die Hei- 
ligkeit der Regierungsform zu wachen, der ich die 
Treue geschworen habe! 

Als der Magister hinaus kam, war ihm zumute, 
als sei er gestäupt worden. Ihm waren die Hände 
gebunden, er hatte die Ehre verloren, er konnte 
sich nicht mehr aufrichten; er war befleckt wor- 
den, ohne sich reinwaschen zu können; im 
Gegenteil, je mehr er den Flecken rieb, desto mehr 
frass er sich ein. Auch wenn er Beweise sammeln 
konnte, wagte er nicht mehr an die Sache zu rüh- 
ren, aus Furcht, er könnte seine Familie ins Un- 
glück bringen ; und wer konnte wissen, ob der Zi- 
geuner ihn nicht anklagen und vor Gericht laden 
würde? Er konnte ja angeklagt werden, an den 
Diebstählen beteiligt gewesen zu sein, da er den 
Dieb stehlen gelehrt hatte; er konnte angeklagt 
werden, ein Mädchen vergewaltigt, eine unschuldige 
Jungfrau verführt zu haben — falsche Zeugen waren 
ja leicht zu schaffen. Und das schlimmste war, dass 
man ihn wegen Majestätsbeleidigung anklagen 
konnte, denn sein Ehrgefühl würde ihm verbieten, 
dieses Vergehen zu leugnen, da er es tatsächlich 
begangen hatte. 

Er war geschlagen worden, und zwar von einem 
Tropf, einem Taugenichts, einem Landstreicher, der 
nur das vor ihm voraus hatte, dass er in der Wahl 



TSCHANDALA 137 



seiner Mittel rücksichtslos war. Der Verständige, 
der Kenntnisreiche, der Ehrliche war durch den Un- 
wissenden, der nicht einmal die Philosophie des 
Verbrechens, die Technik des Diebstahls, das Ver- 
fahren der Gerichte kannte, zu Fall gebracht wor- 
den. Er, der Bestohlene, der Übervorteilte, der Ge- 
quälte und Geplagte, war gebrandmarkt worden, und 
der Dieb, der Verführer, der Spion, der Wucherer, 
der von seinem Körper wie eine Hure lebte, der 
seine Schwester als Dirne verkaufen wollte, war 
der gute Mann mit dem edlen, verzeihenden Her- 
zen, dem weichen Gemüt, der über die verlorene 
Unschuld der Schwester trauernde Bruder ge- 
worden ! 

Der Magister ging mit gesenktem Kopf die Land- 
strasse hinunter und griff so hart um seinen Stock, 
dass die Nägel weiss wurden. Nur ein Gedanke 
dachte in seinem Gehirn. Er war beschuldigt wor- 
den, sich rächen zu wollen. Wofür sich rächen ? Ein 
Dieb war bei ihm eingebrochen, hatte seinen Ver- 
trag nicht gehalten, hatte ihn verhöhnt und geplagt, 
und er gibt den Dieb an! Das heisst doch sonst 
Selbstverteidigung, Notwehr! Und ist es nicht eine 
bürgerliche Pflicht, Diebe anzugeben? — Jetzt wollte 
er sich selbst rächen, da das Gesetz es nicht tat, 
obwohl die Gesetze ja gegeben sind, um Selbst- 
hilfe überflüssig zu anachen. Da er gegen einen 
Menschentypus von der Urzeit zu kämpfen hatte, 
musste er zur Selbsthilfe der Urzeit zurückkehren. 
Ein schädliches Tier unschädlich machen, ein Un- 
geheuer in Menschengestalt ausroden, einen Ban- 
diten hindern, seine Übeltaten zu vollbringen, war 
eine löbhche Handlung, die er vor seinem Gewissen 
verantworten konnte. Aber er wollte ans Werk 
gehen mit der ganzen Überlegenheit seines Wissens, 
er wollte den Barbaren nicht mit Pulver und Blei 



138 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

töten, sondern mit solchen Mitteln, die ihm selbst 
keine Strafe zuzogen und keine Spuren hinterliessen. 
Er fühlte, dass er auf dem rechten Wege gewesen 
war, als er die Seele des Zigeuners zerpflückt hatte, 
und wären nicht die Umstände diesem zu Hilfe ge- 
kommen, wäre es bereits um ihn geschehen ge- 
wesen. Aber sein Untergang näherte sich, denn 
Arbeitslust und Hoffnung waren verschwunden, 
alles was ihn aufrecht erhalten konnte, war ihm 
entzogen worden und die Not stand vor der Tür. 
Diese rohe Seele, die so stark gebaut zu sein schien, 
war nur aus schlechtem Material locker gezimmert: 
nach den Stössen, die sie bereits erhalten, würde 
sie zusammenstürzen, sobald noch einige heftige 
Erschütterungen kamen. Welche das sein sollten, 
das wollte der Magister während einer schlaflosen 
Nacht ausdenken. 



Neuntes Kapitel 

Der Magister war bis ans Gartentor gekommen, 
ohne den Kopf zu heben, als er vom Zigeuner an- 
gerufen wurde, der in übermütiger Positur am Staket 
lehnte; als der Magister seinen Gruss kühl beant- 
wortete, nickte er mit vertraulicher Teilnahme, ohne 
den Hut zu ziehen, und ging dem Eintretenden 
mit seinem boshaftesten Lächeln entgegen. Mit einer 
Zudringlichkeit, die er sonst nicht zu zeigen pflegte, 
legte er seinen Arm in den des Magisters, begleitete 
ihn durch die Allee und begann von Geldangelegen- 
heiten zu sprechen; ging direkt auf die Sache los 
und fragte, ob der Magister ihm ein Darlehen von 
fünfhundert Talern Silbermünze vorstrecken wolle. 

Obwohl Magister Andreas nicht einen Schilling 
über seinen Gehält besass, wollte er seine Zeit nicht 
mit unnützen Ausflüchten verlieren, sondern ver- 
sprach, die unbedeutende Summe in drei Tagen zu 
beschaffen. Dann versuchte er sich zu drücken, um 
auf sein Zimmer zu gehen. Aber der Zigeuner Hess 
seinen Arm nicht los, sondern zwang ihn, sich an 
einen Tisch zu setzen, der auf der Stelle des Rasens 
stand, wo man am besten von der Landstrasse zu 
sehen war. 

— Setzt Euch und trinkt ein Glas mit uns, lud 
der Zigeuner ihn in einem Tone ein, der keinen 
Widerspruch duldete. 



140 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Danke, lieber Jensen, sagte der Magister, aber 
ich kann vormittags nicht trinken. 

— Es nützt nichts, nein zu sagen, denn Ihr müsst 
ein Glas trinken ! Sonst könnte ich glauben, Ihr seid 
vornehm. Und das seid Ihr doch nicht? wendete der 
Zigeuner ein, indem er geschickt einen scherzhaften 
Ton anschlug. 

Jungfer Ivarsson und Iwan kamen in diesem 
Augenblick mit Krug und Gläsern und setzten sich 
ungeniert an den Tisch, ohne eine Spur von dem 
Respekt zu zeigen, den der Magister früher genossen 
hatte. 

Man hatte also die Absicht, ihn einer neuen Folter 
auszusetzen, wollte ihn vielleicht den Leuten zeigen, 
die auf der Landstrasse vorbei kamen; oder man 
wollte ihn nur reizen, damit er sich vergass. 

Der Zigeuner schenkte den verfaulten Apfelwein 
ein, trank erst selbst und kostete mit den Lippen. 

— Das ist echter Burgunder, müsst Ihr wissen! 

— Ja, das ist ein guter Wein, antwortete der 
Magister ganz mechanisch, während er seinen Zorn 
unterdrückte, um seinen Plan zu überlegen. 

Jungfer Ivarsson und Iwan lachten, ohne sich im 
geringsten zu genieren. 

SchliessHch goss der Zigeuner Branntwein in die 
Gläser. 

— Der kommt nicht über meine Lippen! sagte 
der Magister bestimmt. 

— Nicht? O doch! Wenn ich bitte! Wenn ich 
schön bitte und nicht nötige, zwinge oder drohe! 
Behüte, es fällt mir nicht ein zu drohen, das soll 
man niemals tun, besonders, wenn Zeugen dabei 
sitzen — die inhabil sind. Nein, ich drohe wahr- 
haftig nicht, nicht im geringsten! -— Nur einen 
kleinen Tropfen! 



TSCHANDALA ^ 141 



Der Magister stellte seinen Stock fort, um nicht 
Totschläger zu werden; aber er trank nicht. 

Der Zigeuner leerte sein Glas; sofort wurde er 
berauscht. 

— Jetzt muss ich eine Nummer singen! schrie 
er und räusperte sich. 

Und dann legte er los mit seinem alten Leiblied: 
„Ich bin der Graf von Luxemburg!" 

Es war, als habe dieser unbedeutende feige 
schwache Mensch all den Mut, all die Kraft ge- 
schluckt, die der andere stärkere und bedeutendere 
verloren hatte. Als der Zigeuner merkte, dass er 
den Magister unter den Füssen habe, glaubte er 
selbst eine Elle länger geworden zu sein. Gleich- 
zeitig aber hatte er doch ein dunkles Gefühl, dass 
seine Stellung nicht sicher sei; fürchtete, der Ge- 
schlagene könne sich wieder erheben und den Wider- 
sacher zu Boden strecken. Jeden Augenblick musste 
er den Nacken des Geschlagenen unter seinen Füssen 
spüren, um nicht den Glauben zu verlieren, dass 
er über ihm stehe. Je mehr er trat, desto fester 
wurde der Beschluss des Magisters. Jeder Druck 
dieser Ferse presste Gedanken hervor, neue tiefe 
mutige und richtige Gedanken, und diese Gedanken 
sammelten sich alle um denselben Punkt und nahmen 
an Stärke zu. Jedes Wort, jede Bewegung des 
Zigeuners wurde ein Faden, der in den Strick ge- 
sponnen wurde, an dem er hängen sollte; und die 
Ruhe und Sicherheit des Magisters wuchsen mit 
jeder Minute. 

Das Geschrei der Berauschten hatte die Kinder 
des Magisters auf den Balkon hinausgelockt; er- 
staunt sahen sie auf ihren Vater nieder, der am 
Vormittage mit den Leuten des Hauses trank. 

— Nein, seht die kleinen Engel Gottes dort 



142 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

oben! sagte der Zigeuner mit aufrichtiger Be- 
wunderung. 

Es war charakteristisch für diesen Wilden, dass 
er keinen Begriff von dem persönlichen Wert des 
Kindes oder der Frau hatte, sie dafür aber zu höhe- 
ren, beinahe himmlischen Wesen umdichtete, wie 
er es mit den Nattern getan hatte. Die Kinder, diese 
kleinen Wilden und Verbrecher in Miniatur, deren 
Liebenswürdigkeit darin besteht, dass sie ihre Feh- 
ler nicht verbergen; deren scheinbare Tugenden 
nur von der günstigen Lage kommen, dass sie nicht 
um den Lebensunterhalt kämpfen müssen, waren 
für ihn ein Ebenbild der höchsten Wesen, der Engel ^ 
geworden; vielleicht auch, weil sie ihm nicht scha- 
den konnten und weil sie ihm dasselbe Zutrauen 
und die gleiche Offenheit zeigten, die sie allen 
andern zeigten. 

— Ach, lasst die Kinder herunterkommen ! schlug 
er vor, entweder um seine Zärtlichkeit auszudrücken 
oder um zu fühlen, wie nahe er diesen Kindern 
einer begünstigteren Rasse gekommen war; tu der 
er immer mit abergläubischer Achtung aufgesehen, 
vor der er tief den Hut gezogen hatte. 

— Sie dürfen nicht herunter kommen ! antwortete 
der Magister. 

— Wer erlaubt es ihnen nicht? fragte der Zi- 
geuner drohend. 

— Ich, antwortete der Magister Andreas scharf. 
Aber im nächsten Augenblick bereute er die her- 
ausfordernde Form, die er seiner Ablehnung ge- 
geben hatte, und versuchte mit einem Scherz darüber 
hinwegzukommen; ein Scherz verfehlte nämlich nie- 
mals seine Wirkung auf den Zigeuner. Auch machte 
er ihn, ohne ihn zu verletzen, so darauf aufmerksam, 
dass er sein Inneres und seine Gedanken kenne. 

— Ist es nicht genug, dass sich der Vater wie 



TSCHANDALA 143 



ein Schwein beträgt? Sollen auch die Kinder es 
tun? fragte er. 

Dieses Mal haute er jedoch daneben: der Zi- 
geuner fühlte sich durch des Magisters Selbst- 
bekenntnis als Vieh klassifiziert, und diese Bezeich- 
nung erinnerte ihn zu sehr an seinen wirklichen 
Wert. 

— Kommt herunter, Kinder! rief er zum Balkon 
hinauf, indem er dem Magister den Rücken kehrte. 

Jungfer Ivarsson hatte die ganze Zeit über still 
dagesessen, augenscheinUch von den Ereignissen 
der letzten Tage bedrückt und gedemütigt; in 
einem Anfall von Schmerz und aufrichtiger Angst 
packte sie den Zigeuner beim Rockärmel und sagte: 

— Nein, Jensen, lass die Kinder! Kinder sind 
heilige Wesen wie die Tiere! 

Trotzdem der Vergleich schief war, begriff der 
Magister sofort, wie echt dieser Ausbruch von 
Muttergefühl bei der alten Jungfer war, und dankte 
ihr mit einem Blick; den erwiderte sie jedoch nicht, 
denn sie schrieb dem Magister die Schuld zu, dass 
sie entthront und schlecht behandelt worden. 

Der Zigeuner hatte nicht erwartet, dass die Jung- 
fer ihn zurückhalten würde; sdinaubend wandte er 
sich gegen sie und wollte ihr gerade eine Backfeige 
geben, als sich etwas Unerwartetes auf der Land- 
strasse zeigte und seine ganze Aufmerksamkeit 
fesselte. 

Ein Leichengefolge zog vorbei. Sechs Männer trugen 
den Sarg und eine schwarzgekleidete Frau und ein 
kleiner Junge folgten. Der Sarg war weiss gestrichen 
und mit einem grünen Kranze von Fichtenzweigen 
geschmückt; die in Trauer gekleidete Frau trug 
einen langen weissen Schleier, sonst war alles 
schwarz. 

— Das ist der Torhüter! sagte die Jungfer. 



144 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Als er die Leichenbahre seines Feindes erblickte 
(sie waren gleich nach der Versöhnung wieder 
Feinde geworden), muss in dem tiefsten Innern des 
Zigeuners ein Siegesschrei aufgestiegen sein, da ein 
gefährlicher Zeuge für immer verschwand. Seine 
Freude war so gross, dass sie die ihm angeborene 
Furcht vorm Tode vertrieb: er wendete sein Ge- 
sicht nach der Landstrasse, brach in ein schallen- 
des Lachen aus und klatschte in die Hände. 

Im Magister, der sah, dass dieser Ausbruch nur 
eine geheime Furcht verbarg, wurde sofort ein Ge- 
danke geboren, dem er leibhaftige Form gab, als 
er sah, wie die Frau in Trauer stehen blieb und 
die Hände gen Himmel hob, als rufe sie dessen 
Schutz oder Rache an. 

Jungfer Ivarsson verbarg ihr Gesicht in den Hän- 
den aus Scham und Angst über das rohe Benehmen 
des Zigeuners. 

Magister Andreas stand von der Bank auf, zog 
den Hut und bheb in ehrerbietiger Haltung stehen, 
bis der Leichenzug vorbei war. 

Der Zigeuner wurde aufgebracht, dass man ihn 
so zurechtwies, und fragte in erbittertem Tone: 

— Was soll diese Komödie bedeuten? 

— Das ist keine Komödie! antwortete der Ma- 
gister salbungsvoll Ich pflege immer für die Toten 
zu beten, denn — fügte er mit Nachdruck hinzu — 
niemand weiss, was nach dem Tode kommt; wer 
seiner Strafe in diesem Leben entgangen ist, kann 
sie im nächsten erwarten. 

Der Zigeuner fürchtete sich wirklich vor einem 
Leben nach diesem, wollte aber seine Furcht nicht 
zeigen: mit einem letzten Versuch, seine Angst zu 
betäuben, schrie er dem Leichenzug nach: 

— Geh zur Hölle, Torhüter! Geh zur Hölle! 



TSCHANDALA 145 



— Hütet Euch, Jensen, sagte der Magister: die 
Toten gehen um, wenn man ihre Ruhe stört! 

Und ruhig wie ein künftiger Sieger, der den 
schwächsten Punkt seines Feindes angegriffen hat, 
glücklich wie ein Denker, der nach langer An- 
strengung zur Klarheit gekommen ist, stand er auf, 
machte sein strengstes Kathedergesicht und wieder- 
holte mit prophetischer Stimme seine Voraussage, 
die er selbst in Erfüllung bringen wollte: 

— Die Toten gehen um! 

Als er mit raschen Schritten durch die Tür ins 
Haus ging, herrschte einen Augenblick Schweigen: 
seine Worte hatten also gewirkt; dann aber hörte 
er ein lautes Lachen, dem die Mahnung folgte, das 
verlangte Darlehen nicht zu vergessen, das jetzt 
auf tausend Taler gestiegen war. Der Magister 
drehte sich auf der Treppe -um und nickte bejahend. 

Durch lange Überlegung war Magister Andreas 
zu der Einsicht gekommen, dass die Mittel, die er 
bisher angewendet hatte, um diese rohe Seele zu 
vernichten, zu fein gewesen waren ; und er hatte sich 
getäuscht, weil er glaubte, dieser Paria habe ein Ge- 
fühl für moralische Schande. Er hatte eine Saite 
von Ehrgefühl angeschlagen, die nicht vorhanden 
oder zu schlaff war, um bei harten Griffen zer- 
springen zu können. Jetzt sah er ein : er musste mit 
stärkeren und einfacheren Mitteln eingreifen, alten 
bekannten Mitteln, welche die Kirche und besonders 
die Päpstlichen zu allen Zeiten zu benutzen gewusst 
hatten, um sich die Herzen gefügig zu machen, 
nämlich die Angst vor einem künftigen Leben. Bei 
dem abergläubischen Zigeuner war der Boden wohl 
vorbereitet, und dank dem Leichenzuge mit den 
Szenen, die sich dabei abspielten, hatte sich der 
ganze Plan von selbst ergeben. 

Strindberg, Kleine historisch© Romane 10 



146 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Magister Andreas hatte unter seinen Sachen ein 
Instrument, das kürzlich vom Jesuitenpater Athana- 
sius Kircher zu unbekannten, aber vielleicht etwas 
jesuitischen Zwecken erfunden worden und Zauber- 
laterne oder Laterna magica hiess. Mit dieser Laterne 
konnte man Lichtbilder auf Wände, auf Rauch, auf 
jeden andern Hintergrund von etwas fester Konsi- 
stenz werfen. Oft hatte er gedacht, diesen Apparat 
anzuwenden, um dem Zigeuner ein Vergnügen zu 
bereiten; aber aus einer gewissen Abneigung, einem, 
der stahl und niemals danke sagte, etwas zu schenken, 
hatte er es gelassen. Jetzt wollte er sich dieser La- 
terne bedienen, um einen Zweck zu erreichen, für 
den er, nachdem er vier Monate gelitten hatte, jedes 
Mittel anwenden zu dürfen glaubte, wenn dieses 
Mittel nur seine eigene Person vor Untergang 
schützte. Seine Person war jedenfalls von höherem 
Wert für seine Familie und für die Gesellschaft als 
dieses Schadentier, von dem kein Menschenleben 
abhing, dessen Vertilgung aber für viele die Rettung 
bedeutete. 

Während Magister Andreas Figuren auf seine 
Gläser malte, quälte ihn doch das unangenehme 
Gefühl, dass er sich mit etwas Unehrlichem ab- 
gebe. Ihm w^r etwa zumute, als sei er Henker, 
Stäuper, Schinder. Und mit schmutzigen Karten zu 
spielen, mit Aberglauben zu spekulieren, während 
er Philosoph und Naturforscher war und die Un- 
wissenheit bekämpfte, musste seine feineren Gefühle 
verletzen. Aber sollte er denn untergehen, weil er 
feinere Gefühle besass? Sollte er jetzt eine Schuld 
von fünfzehnhundert Talern (so gross war die 
Summe nach und nach geworden) aufnehmen, die 
er nie bezahlen konnte — also auch noch seine 
Ehre veriieren und seine FamiHe in Armut bringen? 
Nein, er wollte nicht untergehen; seine Lust zu 



TSCHANDALA 147 



leben und sein Glaube, dass er ein höheres Recht 
aufs Leben habe, erhoben sich gegen diesen Sklaven- 
dienst bei einem Barbaren, der bummelnd und trin- 
kend verzehren würde, was er, der Gelehrte, er- 
arbeitete; er musste der Henkersknecht werden, der 
dem andern das Fell über die Ohren zog. Er musste 
in einem bestimmten Augenblick die ganze Erziehung 
der Jahrhunderte und seine eigenen Begriffe von 
Ehre und Gewissen streichen; er musste seinen 
Seelenfrieden opfern, einen Teil seiner Selbstachtung, 
ohne die ihm das Leben unerträglich werden würde, 
aufgeben. Und dazu musste er ein Geheimnis mit 
sich herum tragen : der Gedanke, gemordet zu haben, 
würde ihn verfolgen, wie die Furcht vor dem künf- 
tigen Leben den andern verfolgte. War es eine 
Schwäche bei ihm, der töten wollte, diese Angst, 
zuzuschlagen; eine Schwäche in der Konstitution 
seiner Seele, wie die Todesfurcht ein Mangel bei dem 
andern war? Und hatten diese Mängel denselben 
Ursprung? Nein, das wollte er nicht zugeben: wenn 
er sich mit dem Zigeuner verglich, musste er sagen, 
dass die Grundelemente seiner Seele zweckmässiger 
waren für die Gesellschaft als die des Paria. Mochte 
dieser nun aus Ägypten oder dem äussersten Osten 
gekommen oder nur ein Bodensatz der halbwilden 
Völker des südlichen Europas sein: er hatte alle 
Grundinstinkte beibehalten, die jeder sozialen Ord- 
nung feindlich sind; weil er und seinesgleichen nicht 
arbeiten, keine Familie, keinen Staat gründen 
konnten, wanderten sie ewig umher und streiften 
durch die Länder, um zu rauben und zu stehlen; 
darum wurden sie auch nach dem Volksrecht von 
vorneherein als überführte Diebe behandelt und 
standen unter besonderen Gesetzen, ja mit einem 
Fusse ausserhalb jedes Gesetzes. Diese unregel- 
mässige Lebensart, die nicht an den morgenden Tag 

10* 



148 KLEINE HISTORISCHE ROMANE _^ 

dachte, die weder Eigentum noch Nation gründete, 
nährte des Zigeuners Furcht vor dem künftigen 
Leben. Wer nur für den Tag lebt, hat keine sichere 
Zukunft: daher seine Unsicherheit, seine Furcht vor 
den Menschen, von denen er nichts erv^arten konnte, 
da er ihnen nichts zu geben hatte; daher seine 
Angst vor dem Tode, von dem er nichts gelernt 
hatte, nichts wissen wollte, nichts zu hören wagte. 

Wo hatte nun die Angst des Magisters, einen Feind 
zu vernichten, ihre Wurzeln? Im Gefühl, dass ein 
Menschenleben wertvoll ist; in der Lehre, dass man 
seinen Feinden verzeihen müsse — dieser Lehre 
hat sich der Boshafte immer bedient, um den ver- 
zeihenden Sieger zu erschlagen; in Geschichten, wie 
segensreich die Barmherzigkeit ist — aber nicht in 
der Geschichte, wie sich die erfrorene Schlange 
gegen den Busen benahm, der sie wieder erwärmt 
hatte; in allen schönen Lehren von persönlichem 
Wert, Selbstachtung; von der Rache, die Gott allein 
zukommt. Einen Teil von diesen alten Lehren hatte 
er allerdings über Bord geworfen, aber in diesem 
Augenblick, als er seine neuerworbenen Begriffe, 
dass der Menschenwert relativ ist, in die Prgixis um- 
setzen wollte, stockte seine Hand auf halbem Wege 
zum Herzen des Feindes ; wie sein forschender Geist 
nach allen Irrwegen des Zweifels vor diesem Dogma 
stehen geblieben war: das Volk ist heilig und die 
Herrscher sind unheilig. 

Er musste also untergehen, weil er der zivilisierte, 
zu höherem geselligen Leben herangewachsene 
Mensch war, den dasselbe Schicksal traf, das einst 
die zivilisierten Völker des Altertums getroffen hatte : 
die waren vor den Barbaren gefallen, weil sie nicht 
morden konnten wie die Barbaren, nicht stehlen 
konnten wie die Barbaren, nicht betrügen konnten 
wie die Barbaren. Das waren also die Folgen der 



tSCHANDALA U9 



I 



Aufklärung, der Sittlichkeit, des Rechtsbewusstseins, 
dass der Aufgeklärte, Sittliche, Gebildete im Augen- 
blick der Notwehr fallen musste, weil er nicht die 
nötige Roheit besass! 

Dieses Philosophieren hatte den Magister weit 
fort von dem öedanken an das, was bevorstand, 
geführt, und er musste sich jetzt von neuem all den 
Hohn, all die Roheiten, all die Schändlichkeit wie- 
derholen, die er zu erleiden gehabt hatte. Indem 
er alles an einem einzigen Punkte, wo seine älte- 
sten und stärksten Instinkte wurzelten, ansammelte, 
bekam er eine unermessliche Kraft. Wieder und 
wieder sagte er sich: Es ist ein Tyrann, der seine 
Mitmenschen zu Sklaven macht! Erschlag ihn! 

Durch dieses einzige Wort „Tyrann", das er auch 
bei tieferem Philosophieren nicht richtig ableiten 
konnte, denn er sah wohl ein, dass die Begriffe 
Tyrann und Herrscher, Tyrann und Machthaber, 
Tyrann und Überlegenheit sehr wohl zusammen- 
fallen konnten — durch dieses einzige Wort konnte 
er den gewaltigen Hass der Natur gegen Unter- 
drückung heraufbeschwören, uralte Sklaveninstinkte 
hervorlocken, die Leidenschaften des Wilden wecken, 
wie ein Barbar denken und handeln. Er kroch aus 
seiner eigenen Persönlichkeit heraus, stellte sich 
unter den niedrigen Paria, der schon den Fuss auf 
ihn gesetzt hatte, hasste ihn mit dem Hass des 
Unterworfenen; redete sich ein, der Zigeuner sei 
der Herrscher und er selbst ein Kind des Volkes, 
das Jahr aus Jahr ein für den Tagedieb frohnen, 
ihm sein Blut und Hirn geben musste, wie es seine 
Väter getan hatten — und nun stand er auf, wild 
und ausser sich, und fasste seinen Knüttel, um den 
Feind zu erschlagen, seinen Kopf zu zerschmettern 
und den Kadaver vor die Hunde zu werfen. 



150 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Aber er kehrte wieder um, Hess den Knüttel fal- 
len und setzte sich an den Tisch. 

Nein, nicht auf diese Art konnte es geschehen, 
nicht in offenem Kampfe konnte es geschehen: das 
war ja gerade das Unglück ! Er war ja mit im Kriege 
gewesen, hatte auf den Feind geschossen, ohne da- 
vor zurückzuschrecken; er hatte sich auch auf dem 
Katheder mit dem Knüttel verteidigt und Arme wie 
Beine entzweigeschlagen, ohne einen anderen 
Schmerz zu empfinden als den der Schläge, die er 
selbst bekommen hatte. Das war Kampf gewesen, 
aber dies war Mord . . . doch, man ermordet ja 
Tyrannen, weil sie sich in einen Kampf nicht ein- 
lassen! Und jetzt musste der Tyrann sterben! 

Es kam also darauf an, Bangigkeit und Schrecken 
bei dem bereits erschreckten Zigeuner hervorzu- 
rufen. Um das zu erreichen, musste der Magister, 
das war ihm klar, den toten Türhüter und des 
Toten Frau umgehen lassen. Ob das aber ge- 
nügte, war eine andere Frage, welche die Zeit be- 
antworten würde. Er musste sich in jeder Weise 
vorbereiten und das Messer überall da hineinstossen, 
wo der Zigeuner eine Blosse bot. 

In dem erhitzten Zustande, in dem er sich befand, 
erinnerte er sich jetzt, dass der Zigeuner ihm von 
einem Traum erzählt hatte, der oft im Schlafe über 
ihn kam: er wurde zuerst in eine Natter, dann in 
eine Ratte und schliesslich in einen Hund verwan- 
delt, um dann in grosser Angst zu erwachen. Der 
Magister glaubte nicht an Träume, aber er schrieb 
ihnen eine gewisse, noch nicht erklärte Bedeutung 
zu: sie wiesen nicht in die Zukunft, sondern waren 
Erinnerungen, vielleicht an die Präexistenz. Warum 
wiederholte sich nun beständig dieser Traum bei 
dem Zigeuner und erfüllte ihn mit Schrecken? 

Waren es Erinnerungen an längst entschwundene 



TSCHANDALA 151 



Zeiten, als seine Väter an Metempsychose oder 
Seelenwanderung glaubten wie die Ägypter, dass 
nämlich die Seelen nach dem Tode in Tierkörper 
übergehen? Und warum entsetzte er sich besonders* 
vor diesem Traum? Vielleicht weil das Grundele- 
ment, das unserem Leben Bewegung gibt, einen so 
gesetzlich bestimmten Trieb hat, sich in höheren 
Formen zu höherem Leben zu entwickeln, dass 
diese Vorstellung, er gehe zu niedrigeren Formen 
zurück, diesem Menschen, der hinaufstrebte, den 
höchsten Schrecken einjagte. Der Magister erinnerte 
sich, dass die schlimmsten Träume, die regelmässig 
bei ihm wiederkehrten, davon handelten, dass er 
ein Junge war, und in der Schule sass. Diese Vor- 
stellung, dass er in Zeit und, Alter einen solchen 
Rückschritt gemacht habe, wirkte so lähmend auf ihn, 
dass er am Tage nach einem solchen Traume jede 
Zuversicht verloren und unaufhörlich ein Gefühl 
hatte, seine Kinder seien ebenso alt wie er und 
er sei kleiner geworden. ^ 

Aus diesen etwas unsicheren Voraussetzungen, 
das fühlte er, musste er eine Schlussfolgerung 
ziehen, wenn er auch nicht wusste, welche. Einem 
so unruhigen Gehirn gegenüber konnte man nicht 
mit mathematischer Regelmässigkeit zu Werke 
gehen. Eine einzige Sache war ihm klar: dass eine 
Vorstellung, die den Traum in handgreiflicher Wirk- 
lichkeit übertraf, noch überwältigender, vernichten- 
der, lähmender als dieser wirken würde; besonders 
wenn der Eindruck noch verstärkt würde durch die 
Angst, die er vorher durch die Bilder des Toten 
hervorgerufen hatte. 

Genug, er malte seine Bilder, grob und breit, 
damit sie vom Zigeuner leicht aufgefasst werden 
konnten, und brachte seine Zauberlaterne in Ord- 
nung. Damit die Bilder wirkten, ohne dass die 



152 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Laterne zu sehen war, mussten die Lichtstrahlen 
ihre Quelle hinter dem Zuschauer haben; zugleich 
aber musste der Magister auf die Möglichkeit ge- 
fasst sein, dass sich das Opfer umdrehte, um nach- 
zuforschen, woher die Bilder kamen; um nicht die 
Lampe löschen oder verdecken zu müssen, setzte 
.er drei Rohre in Form eines Dreiecks zusammen, 
füllte sie mit Phosphor und steckte sie auf das 
Lichtrohr der Laterne: so glich das Ganze dem all- 
sehenden Auge über dem Altar in der Kirche, und 
der Zigeuner konnte wählen, ob er es als Gottes 
eigenes Auge, das blendete, auffassen wollte, oder 
als das Auge, das auf dem Baume draussen im 
Walde eingeschnitten war. 



Zehntes Kapitel 

Alles war bereit; es fehlte nur der geeignete 
Augenblick, um ans Werk zu gehen. Ein Tag war 
vergangen und der zweite war bald zu Ende. 

Der Zigeuner hatte angefangen sein Opfer zu 
duzen, hatte einen Teil seiner Bücher, seines Ta- 
baks, seiner Getränke geliehen; hatte den gan- 
zen Tag trinkend und rauchend auf dem Dache des 
Abtritts, von dem er die Fenster des Magisters be- 
wachen konnte, gelegen. 

Am nächsten Morgen musste der Zigeuner Gel- 
der auszahlen, und deshalb wartete er mit grosser 
Neugier auf den Postboten, der dem Magister die 
versprochene Summe bringen sollte. 

Da die Leute für die letzte Woche ihren Lohn 
nicht erhalten hatten, waren sie alle gegangen, und 
jeden Augenblick konnte man die Pfändung erwar- 
ten. Eine unheimliche Stille ruhte daher auf dem 
menschenleeren Hofe, wo die ausgehungerten 
Hunde, die sich kaum noch bewegen konnten, auf 
eine Ratte, einen Spatz, einen Rosskäfer lauerten, 
um ihren Hunger zu stillen. 

Das Vieh war geschlachtet und aufgegessen, und 
nur die Pferde waren noch übrig; die lehnten sich 
an die abgepflückten Obstbäume draussen im Gar- 
ten, als wollten sie in die ewige Ruhe eingehen. 
Die Hühner suchten unter den Kirschbäumen die 
Kerne auf, welche die Elstern ausgespuckt hatten. 



154 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Alles erinnerte an das sinkende Schiff, das ein- 
stürzende Haus, aber auf dem grossen Dunghaufen 
sass noch der Pfau und breitete seinen prunken- 
den Schwanz aus, der allerdings etwas abgerissen 
und glanzlos war nach einem Sommer ohne Nah- 
rung, aber doch fein und hübsch, der einzige Punkt 
in all dem Schmutz, auf dem das Auge mit Behagen 
verweilen konnte. 

Der Magister hatte den Zigeuner zum Abendbrot 
eingeladen, um nicht von ihm eingeladen zu werden, 
was noch ein Leiden zu all den anderen war; denn 
er musste sich dann mit verfaultem Essen und 
schlechten Getränken in schmutziger Servierung 
quälen. Aber er hatte auch eine andere Absicht 
mit dieser letzten Sitzung: er hielt es nämlich für 
notwendig, das Opfer stundenlang in vorbereitende 
Behandlung zu nehmen, um ihn für die Prozedur, 
die folgen sollte, empfänglich zu machen. 

In seine Amtstracht gekleidet, den Degen an der 
Seite — er sagte, er habe dem GeistHchen einen Be- 
such gemacht — begab er sich ins Lusthaus, wo der 
Zigeuner ihn erwartete. Die ungewöhnHche und 
feierliche Tracht verfehlte nicht, die berechnete 
Wirkung auszuüben: der Zigeuner zog aus alter 
Gewohnheit den Hut, vergass oder wagte nicht 
du zu sagen, machte aber demütige Luftsprünge 
und betrug sich so manierlich, wie es ihm möglich 
war. Der Tisch war mit einem blendend weissen 
Drelltuch gedeckt, Teller und Gläser glänzten vor 
Sauberkeit, und es gab sowohl Messer wie Gabel, 
was den Zigeuner sehr verlegen machte. 

Die Gerichte waren nicht zahlreich, aber gut zu- 
bereitet, und ein alter Wein aus Syrakus leuchtete 
goldgelb in einer einfachen inwendig vergoldeten 
Silberkanne. 

Alles war darauf angelegt, imponierend zu wirken, 



TSCHANDALA 155 



und das ernste gemessene, aber höfliche Auftreten 
des Magisters machte sofort Eindruck auf den Zi- 
geuner: er sah gleich ein, dass er sich ordentlich 
betragen müsse. 

Der Magister schnitt seinem Gast vor und tischte 
ihm auf, während dieser nicht aufhörte, ihn zu bit- 
ten, sich seinetwegen nicht zu bemühen, obwohl 
die steife Art des Wirtes deutlich zeigte, dass er nur 
aus Achtung vor sich selbst, seiner Person und seinem 
Range die gesellschaftlichen Formen beobachtete. 

Als sie gegessen hatten und die Gläser gefüllt 
waren, nahm der Magister das Wort. Er begann 
damit, solche Themata zu berühren, welche die Auf- 
merksamkeit des Zigeuners fesseln konnten, ohne 
ihn zum Sprechen zu verlocken. Er enthüllte einige 
Geheimnisse des Tier- und Pflanzenlebens und ver- 
breitete sich besonders über die Wunder der Tier- 
welt. Der Zigeuner lauschte andächtig. Wenn er 
mit einer Ansicht dazwischen fuhr, schwieg der Ma- 
gister mit offenbarer Ungeduld, die deutlich zu er- 
kennen gab, dass er wartete, bis das dumme Ge- 
schwätz vorüber war; dann fuhr er fort, ohne die 
Unterbrechung zu beantworten oder zu berücksich- 
tigen. Allmählich wurde denn auch der Zigeuner 
müde und sass schliessHch still da als aufmerksamer 
Zuhörer. 

Jetzt hatte der Magister seine Aufmerksamkeit 
gefesselt und ging nun zu anderen Gegenständen 
über, kam schnell dahin, wohin er kommen wollte, 
auf die Theologie und die Rätsel des Lebens und 
des Todes. Er gab philosophische Erklärungen so 
tiefsinniger Art, dass der Zigeuner, der nichts mehr 
einwenden konnte, sich aufs äusserste anstrengen 
musste, um aufmerksam zu bleiben, das Schwerste 
für einen Wilden und ein Kind. Er ward bleich 
vor Müdigkeit, und die Augen wurden klein. 



156 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

iWährend er sprach, animierte der Magister seinen 
Gast unaufhörlich, zu trinken, nicht um ihn betrun- 
ken zu machen, das war durchaus nicht seine Ab- 
sicht, sondern um durch den feurigen Wein seine 
Phantasie zu entzünden. 

Der Zigeuner sah aus, als wolle er in Ohnmacht 
fallen; dann und wann erhob er sich, um nicht in 
diese beiden brennenden Augen sehen zu müssen, 
die ihn betäubten, in sein Gehirn drangen, ihn wie 
in einem Schraubstock hielten. Der Magister aber 
packte ihn sofort aufs neue, und wenn der Zigeuner 
etwas sagen wollte, verlor er im selben Augenblick 
die Lust dazu, denn jedes Mal blickte der Magister 
geistesabwesend zur Seite und senkte den Kopf. 

So ging es drei Stunden lang, bis sich der Zi- 
geuner schUessHch mit Gewalt losreissen wollte 
und das Gespräch mit der Bitte, sirigen zu dürfen, 
unterbrach. 

Der Magister sagte, es würde ihm ein Vergnügen 
sein; während der Zigeuner aber sang, kühlte er 
die Lust des Sängers ab, indem sein Gesicht wieder 
den leblosen geistesabwesenden Ausdruck annahm; 
bei der zweiten Strophe wurde das Lied abge- 
brochen. 

Es war dunkel geworden, und man hatte die La- 
ternen angezündet. Der Abend war bewölkt,, und ein 
schwacher ^Wind rauschte durch die Binsen des 
Teiches. 

Das Gehirn des Zigeuners glühte vor Anstrengung 
und Wein, vor lauter Phantasien, die heraus wollten, 
es aber nicht vermochten. Er hatte so viele Ge- 
dankenkeime empfangen, dass sie seine Gehirnrinde 
sprengten, wie der Mistelparasit die Rinde des 
Mutterbaumes sprengt; so viel Gärstoff, der jede 
Minute explodierte, war in ihn hineingeworfen 
worden. Die ganze Theo- und Kosmogonie war ihm 



TSCHANDALA 157 



vorgetragen worden, alle höchsten Probleme waren 
an ihm vorbeigerauscht, hatten seine Neugier erregt, 
hatten tausend Fragen in ihm hervorgerufen, hatten 
seine alten Vorstellungen auf den Kopf gestellt, 
hatten seinen Vorrat von fertigen Ansichten über 
Leben und Tod, Dasein und Vorexistenz um- 
geworfen — vor allem aber hatten sie Unordnung 
und Verwirrung in diesen armen Kopf gebracht, der 
allerdings produzierte, aber taubes Korn produzierte, 
aus Mangel an wissenschaftlichem Material. 

Als der Magister nach fünf Stunden glaubte, nun 
sei er mürbe geworden, nun sei sein Gehirn prä- 
pariert, um jedem Befehl des Beschwörers zu folgen, 
Hess er ihn endlich los, damit er von selbst explo- 
diere. Aber mit seinem stärkeren Geist und Willen 
leitete er des Zigeuners Gedanken : da die Nacht jetzt 
gekommen war, da ringsum Dunkel webte, da der 
Wind geheimnisvoll rauschte, begann er Gespenster- 
geschichten zu erzählen. Erzählte von weissen 
Frauen, von Revenants, von Gespenstern, bis der 
Zigeuner ganz erschüttert war und auf den Augen- 
blick wartete, wo er von den Gesichten, die er 
gehabt hatte, erzählen konnte. 

Jetzt durfte er sprechen, und der Magister erhitzte 
seine Einbildungskraft, indem er ihm mit der ge- 
spanntesten Aufmerksamkeit folgte, indem er sein 
Opfer fixierte, ihm den besten Resonanzboden dar- 
bot, ihn mit aufmunternden Worten anfeuerte, ihn 
auf das gefährliche Gebiet des Erdichteten lockte, 
indem er sich stellte, er glaube an alles; indem er 
seine Leichtgläubigkeit übertrieb und die grösste 
Teilnahme heuchelte. 

Der Zigeuner machte jetzt seiner ganzen über- 
füllten Phantasie Luf^ und erhitzte sich bis zu dem 
Grade, dass er sich wieder und wieder nach den 
Büschen umsah, als fürchte er etwas zu sehen; 



158 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

um sich sicherer zu fühlen, schielte er nach des 
Magisters Degen. 

Magister Andreas antwortete damit, dass er die 
gruseligsten Geschichten erzählte, die er finden 
konnte. Als sich der Zigeuner schliesslich im 
höchsten Stadium der Ekstase befand, erhob sich 
der Magister, bat um Entschuldigung, dass er das 
Gelage aufhebe, und sagte Gute Nacht. 

— Ich glaube wirklich, mir ist im Dunkeln bange, 
versuchte der Zigeuner zu scherzen. 

— Ja, ich würde am liebsten heute nacht draussen 
schlafen, antwortete der Magister, ohne eigentHch 
zu wissen, was er damit meinte. 

— Draussen? 

— Ja, denn dort spukt es wenigstens nicht, wenn 
man Feuer anzündet. 

Warum er das Feuer erwähnte, konnte er später 
selbst nicht erklären, aber es musste ihm eine Er- 
innerung an Neger vorgeschwebt haben, die bei 
brennenden Holzstössen schlafen, um wilde Tiere zu 
verscheuchen. 

Als er den Zigeuner vom Lusthause fortgelockt 
hatte, rief er die Magd, bat sie im Turmzimmer 
Licht zu machen, ging aber selbst heimlich zurück 
zum Lusthause und nahm seine Zauberlaterne aus 
einem Korbe. 

Darauf steckte er sich eine Pfeife Tabak an, ohne 
eigentHch zu wissen, was jetzt eintreffen werde oder 
wie er operieren solle. Er war todmüde, und die 
am. nächsten Tage fällige Zahlung kam ihm wie 
das Ende seines Lebens, seiner Hoffnungen vor. 

Unterdessen deckte die Magd, die zurückge- 
kommen war, ab und trug Teller und Schüssel 
hinauf; als sie fertig war, fragte sie den Magister, 
ob er selbst die Laternen löschen wolle. 



TSCHANDALA 159 



Da fiel es ihm ein, dass er im Lichte sass, wäh- 
rend er Dunkelheit brauchte. Er antwortete darum 
ja und löschte, als die Magd gegangen war. 

Die leichte Brise strich über die Felder, einen 
dichten, feuchten Nebel mitbringend, der über dem 
Walde stehen blieb, sich durch den Widerstand ver- 
dichtete — und — der Magister sprang plötzlich em- 
por: im Nebel hinten auf der Wiese leuchtete es auf 
— der Zigeuner hatte ein Torffeuer angezündet. 

Mit seiner Laterne schlich er sich jetzt nach einem 
leeren Wagenschuppen, von wo er die Wiese voll- 
ständig überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu 
werden. Dort lag der Zigeuner neben seinem rau- 
chenden Feuer. Er hatte sich in eine wollene Decke 
gehüllt, die weiss gewesen war, jetzt aber im Halb- 
dunkel nur als etwas Helles schimmern konnte, und 
kehrte dem Schuppen den Rücken. Auf der andern 
Seite des Feuers stand der mit Rauch gemischte 
Nebel dicht vor dem Waldrande und bildete eine 
so gute Wand, wie sich der Magister nur irgend 
wünschen konnte. Er zündete die Laterne an, und 
im nächsten Augenblick erschien eine schwarz- 
gekleidete Frauengestalt mit weissem Schleier auf 
dem Torfrauche. 

Der Zigeuner schien noch nichts zu merken; als 
sich die Figur aber beim nächsten Luftzug bewegte, 
sprang er auf und starrte ins Feuer. 

Um ihm nicht Zeit zu lassen, das Bild genauer 
zu untersuchen, liess der Magister die Gestalt aus 
dem Rauch verschwinden und dann wieder er- 
scheinen; je nachdem er sein Glas herauszog oder 
hineinschob, sprang der Zigeuner auf und fiel wieder 
zusammen. 

Es war, als habe der Magister ihn an einer Schnur 
und setze ihn durch einen Druck seines Fingers 
in Bewegrung. 



160 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Als er so die Aufmerksamkeit des Zigeuners ge- 
fesselt hatte, warf er den Riesenschatten des Tor- 
hüters auf die Nebelwand. 

Es war ein Schrecken einjagender Anblick: dieses 
Riesenbild eines Toten im Leichengewande, der 
eine Hand hoch erhot) und aus dem Walde zu 
kommen schien, gross wie ein Baum — sogar auf 
den Magister machte es einen höchst unheimlichen 
Eindruck. Indem er an der Linse schraubte, Hess 
er das Bild näher und näher kommen. Jetzt hörte 
er den Zigeuner leise heulen, ein ununterbrochenes 
einförmiges Geheul, wie von einem Wahnsinnigen; 
er sah, wie er die Decke über den Kopf zog, sich 
erhob, wie ein Bär tanzte, ins Gras niederfiel und 
sich wieder erhob, bis er wie im Starrkrampf fest- 
genagelt stehen blieb, immer leise heulend. 

Jetzt verschwand der Torhüter, und der erste 
Akt des Dramas war zu Ende. 

Der Zigeuner blieb stehen wie eine Bildsäule 
und bewegte nicht eine Muskel, als aus dem Torf- 
rauche eine Natter hervorkroch, wie lebendig, mit 
den , gelben Aug;en und der spitzen gespaltenen 
Zunge. 

Das Bild stand da, so scharf und korrekt in der 
Farbe, dass der Zigeuner es sehen musste. 

Und er sah es. Wie es sich in natürlichen Win- 
dungen nach der wellenden Unruhe des Rauches 
bewegte, begann der Starrkrampf des Opfers sich 
zu lösen, und sein Körper bewegte sich zuerst in 
Takt mit den Bewegungen der Schlange, schHess- 
lich aber begann er Schultern und Rücken wie ein 
schwimmender Mensch, der sich im Wasser 
schlängelt, zu drehen. 

Als der Magister meinte, der Zigeuner habe genug, 
und fürchtete, die Müdigkeit werde ihn aus der 
Verzauberung wecken, schob er ein neues Glas in 



TSCHANDALA 161 



die Laterne — und auf dem am meisten in die 
Augen fallenden Fleck des Rauches verwandelte sich 
die Natter in eine Ratte. 

Der Zigeuner sank langsam zu Boden, zog die 
Beine ein und steckte mit einem piepsenden Laut 
die Nase in alle Maulwurfslöcher, die er finden 
konnte, jedoch nicht, ohne dann und wann nach 
dem Bilde im Rauch, das ihn wie mit einem unsicht- 
baren Band gefangen zu halten schien, aufzublicken. 

Jetzt war das Hirn des Zigeuners in die richtige 
Bewegung versetzt, und der Weg, den es weiter 
gehen sollte, war im voraus so deutlich angegeben, 
dass das Opfer, bevor das nächste Bild kam, sich 
bereits auf allen Vieren erhoben hatte, jedoch immer 
die weisse Decke um sich behaltend: als die Ge- 
stalt des Hundes aus dem Rauch auftauchte, setzte 
der Zigeuner sofort mit einem furchtbaren Gebell 
ein, als habe er nur darauf gewartet. 

Sofort brach auf der Hintertreppe des Hauses 
ein schrecklicher Lärm los, und acht Male schlug 
die Hintertür auf und zu, während die acht aus- 
gehungerten Hunde herausstürzten, um über den 
eingedrungenen fremden Hund herzufallen. 

Im selben Augenblick sah der Magister das Ende 
voraus; um es zu beschleunigen, richtete er die 
Laterne nach unten, so dass das Hundebild auf 
die weisse Decke fiel. 

Die Meute konnte sich nicht irren, und in einem 
heulenden Haufen lagen alle acht auf ihrem tot- 
gebissenen Herrn. 

/ 

Der Paria war tot, und der Arier hatte gesiegt; 
gesiegt dank seinem Wissen und seiner geistigen 
Überlegenheit, gesiegt über die niedrigere Rasse. 
Aber es hätte leicht geschehen können, dass er 
selbst auf dem Platze geblieben wäre, wenn er 

Strindberg, Kleine historische Komane 11 



162 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

nicht die Kraft besessen hätte, das Verbrechen z^u 
begehen. 

Als der Feind geschlagen' war, konnte er ihn 
im versöhnlichen Lichte sehen; und als er später 
in der Bücherei der Universität sass und die Gesetze 
des weisen Manu las, begriff er den Hass, dessen 
Gegenstand er gewesen war: diese ganze Kette 
von Schändlichkeiten eines Menschen, dem er nur 
Gutes getan; er hatte ihm die Hand gereicht, jener 
aber hatte ihn zu Boden geschlagen und schaden- 
froh gelacht. Jetzt verstand er diese Liebe zu 
Schmutz und Verbrechen, diese Neigung zu allem 
Verfaulten, diese Sympathie für unreine Tiere. 

So schrieb der weise Manu, um durch Erniedrigung 
eine Rasse von Erniedrigten zu schaffen, die unten 
liegen sollten als wärmender und nährender Dung, 
damit der Adelstamm des Aria aufschiessen und 
alle hundert Jahre eine Blüte ansetzen könne wie 
die Aloe. 

Tschandala, die Frucht des Ehebruchs, der Blut 
schände und der Verbrechen, soll nur Knoblauch 
und Zwiebel essen, die den Geschmack der Fäulnis 
haben, und niemand soll ihm Getreide und Früchte 
oder Wasser und Feuer bringen. 
""Tschandala soll nicht Wasser aus Flüssen, Quellen 
oder Brunnen holen, sondern nur aus Sümpfen und 
aus den Pfützen, die auf den Spuren des Viehes 
entstehen. 

Tschandala soll sich nicht waschen, da das Wasser 
ihm nur vergönnt ist, um seinen Durst zu löschen. 

Tschandala soll keinen Hausstand gründen; soll 
nur Kleider anziehen, die Leichen getragen haben; 
soll nur zerbrochene Gefässe zum Essen gebrauchen ; 
soll altes Eisenschrot als Schmuck nehmen; soll nur 
bösen Mächten Gottesdienst halten. 

So schrieb der weise Manu. 



EINE HEXE 

(1887) 



11* 



Erstes Kapitel. 

Thekla Degeners Vater war Gewaltiger bei der 
Stadtwache oder den Bogenschützen von Stockholm, 
denen die innere Bewachung der Stadt sowie Ge- 
fangenentransporte und Gefängnisdienst anvertraut 
waren. Das Korps genoss sehr geringes Ansehen; 
es trug die Uniform des Dreissigjährigen Krieges, die 
das Gelächter aller Strassenjungen war und den 
Stadtsoldaten einen Schimpfnamen verschafft hatte, 
der sich Generationen hindurch so einbürgerte, dass 
sie auch von gebildeten Menschen nur „Pustrohre" 
genannt wurden. Einem gering geachteten Stande 
angehörend, einen Rang einnehmend, aus dem er 
niemals durch Beförderung herauskommen konnte, 
war er also doppelt gestempelt. Jede Triebkraft 
zu einem exemplarischen Aufführen fehlte daher, 
da ihm die Möglichkeit, seine Stellung zu verbessern, 
abgeschnitten war; ausserdem gab die beständige 
Berührung mit Verbrechern allen Schlages seiner 
Lebensanschauung einen finsteren Anstrich. So 
wurde er verschlossen, missvergnügt, schwermütig 
und ergab sich dem Trünke. 

Die Mutter hatte gedient und war schliesslich 
durch die Heirat zu einem Türhüterdienst gekom- 
men, der ihr eine selbständige Stellung, aber zu- 
gleich auch ein qualvolles Leben gab. Der Ge- 
^ waltiger, der alle Nächte auf der Wache schlafen 
f musste, kam nur auf einen Augenblick nachmittags 



166 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

heim und trank Warmbier mit Branntwein, während 
das Kind immer in irgendeiner Angelegenheit fort- 
geschickt wurde. Die Ehe war daher recht lose 
geknüpft, aber auch weniger stürmisch als sonst. 

Das Haus lag an der Schwarzmönchstrasse, schräg 
gegenüber der Deutschen Kirche, vielleicht der 
düstersten Stelle in der alten Stadt zwischen den 
Brücken. Es war ein altes geschwärztes Gebäude 
mit kleinen dunklen Fensterscheiben, die ein Licht 
weder durchlassen noch reflektieren zu können 
schienen. Das ganze Haus sah geheimnisvoll und 
hässlich aus, und man konnte nicht begreifen, wie 
der Eigentümer auf die Idee gekommen war, sich 
eine Türhüterin zu halten. Doch das hatte seine 
Ursachen. Das Haus war nämlich sehr bewohnt, 
so dass es erstens eine strenge Aufsicht nötig hatte, 
zweitens waren die Mieter von solcher Natur, dass 
eine Türhüterin dem Mietsherrn Ansehen geben 
musste. Eine Treppe hoch war nämhch eine finnische 
Seemannsherberge; nach dem Hofe zu lag ein 
Wuchererkontor, und darüber war ein Schlupfkrug 
mit Mädchen. 

Der Türhüterdienst war also keine Beschäftigung 
für Faulenzer, denn die Tür musste im Durchschnitt 
jede neunte Minute in den vierundzwanzig Stunden 
des Tages geöffnet und durfte niemals offen ge- 
lassen werden. Das Leben der Türhüterin gestaltete 
sich also wie das eines Gefangenen, und was schlim- 
mer war, eines Verbrechers, der durch Tortur zum 
Bekennen gezwungen werden soll. In gewissen Ge- 
fängnissen hatte man nämlich noch die Sitte, durch 
Lärm im Gange den Schlaf der Untersuchungs- 
gefangenen zu stören, mehrere Male in der Nacht, 
um sie mürbe zu machen. Es gab also nicht eine 
Minute in den vierundzwanzig Stunden des Tages, 
wo sie vor der Klingel sicher sein konnte. Wartete 



EINE HEXE ^ ,167 



I 



sie das Kind, musste sie auf und an dem Strang - 
ziehen; stand sie am Herde, musste sie davongehen 
und mit Verdruss sehen, wie der Milchtopf über- 
kochte ; lag sie im Bette, und alles um sie her wurde 
still, die Augen schlössen sich, die Nerven erschlaff- 
ten, um sich zur Ruhe zu legen, da klingelte es, 
und sie musste die Muskeln wieder spannen, um 
am Strang zu ziehen. Der Strang war schUessHch 
ein neues Glied geworden, das aus dem rechten 
Arm hervorgewachsen war. Ihr Leben, ihr ganzes 
Dasein hatte sich zu dem Teil einer Klingelleitung 
umgebildet. Sie hatte jeden Willen, jede Initiative 
verloren; ihre ganze Tätigkeit erhielt ihren Impuls 
von aussen, von einer Leine, die von einem Fremden 
gezogen wurde, einer Glocke, die des Fremden 
Willen signalisierte, welchen ihr rechter Arm dann 
ausführte. Das erste Jahr, als sie die Tochter trug, 
war sie noch nervenkrank, dann aber wurde sie 
es gewohnt, fühlte weder Behagen noch Unbehagen. 
Sie merkte nur, dass sie lebte, und sie wusste, dass 
ihr Leben in engster Verbindung mit der Schnur 
stand, an der sie zog. Würde sie es müde werden, 
an der Schnur zu ziehen, so würde sie kein Essen, 
keinen Trunk mehr bekommen; und hatte sie das 
enge Zimmer mit dem kleinen Guckloch nach dem 
Torwege satt, so stand ihr die Freiheit offen — auf 
der Strasse. 

In diesem kleinen Zimmer kam Thekla zur Welt, 
während die Tür schlug, die Glocke klingelte und 
die Seeleute sich im Torwege mit Messern stachen. 
Sie war ein sehr schreiiges Kind, konnte eine halbe 
Stunde schreien, bis sie keuchte, ganz still wurde 
und wie tot dalag. Sie schien mit entschiedenem 
Unwillen gegen Tür und Klingel geboren zu sein; 
in den ersten fünf Jahren konnte sie sich nicht an 
sie gewöhnen; als sie sich dann gewöhnt hatte, 



168 KLEINE HISTORISCHE ROMANE ^ 

hörte sie die Laute auch, wenn sie abwesend war. 
Sass sie auf der Schulbank oder war sie in der 
Wache beim Vater, hörte sie das Bim-bim-bim der 
Klingel, das Klack des Riegels und das Bum-bum 
der Tür. Die Mutter glaubte sie mit .Warmbier und 
einem kleinen Tropfen Branntwein beruhigen zu 
können, womit sie sich selbst stillte, aber es half nichts. 

Als Thekla vier Jahre alt war, wurde sie in den 
Torweg und auf den Hof hinauf gelassen, um zu 
spielen. Der Hof war wie ein weiter Schornstein, 
hatte eine Reihe geheimer Häuschen auf der einen 
L-angseite, an der Querwand einen schwarz ge- 
teerten Kehrichtkasten, aus dem stets eine Flut 
schwarzen Dreckes rann. Im Sommer stand eine 
Wolke von Fliegen um den Kehrichtkasten; grosse 
braune Ratten krochen aus den Kellerlöchern hervor, 
um einen Möhrenstiel, eine , Kartoffelschale oder 
einen Tuchfetzen zu erhaschen ; zuweilen wagte sich 
ein Speriing von der Dachrinne herunter, um ein 
Stück Leinen für seinen Nestbau zu holen. Im Tor- 
wege hatte Thekla ihre Spielstube neben dem Rinn- 
stein, wo die Spüleimer ausgeleert wurden und wo 
grosse langbeinige Spinnen auf der Wand mar- 
schierten. Niemand war boshaft oder unfreundlich 
gegen sie, und wer durch die Tür ging, hatte stets 
ein Nicken oder ein gutes Wort für das Kind, 
weil sie die Tochter der gefürchteten Türhüterin 
war. Die Artigsten waren doch die Mädchen, die 
eine Treppe hoch auf dem Hofe wohnten. Die 
gaben ihr oft Marzipan und luden sie auf ihre Zimmer 
ein, wo feine Vorhänge waren und es nach Rosen- 
wasser duftete. Die Mutter liebte diese Besuche 
nicht, doch es war stets eine Erleichterung, das 
Kind eine Weile los zu sein, wenn sie wusste, dass 
es sich doch innerhalb der Tür befand. 

Auf die Strasse konnte Thekla niemals hinaus- 



I 



» 



EINE HEXE 169 



kommen, denn die Mutter war niemals frei und ging 
niemals aus. Die Sonne hatte sie noch nicht ge- 
sehen, doch wenn sie zuweilen auf dem Hofe sass 
und, den Kopf zurückgelehnt, an der Hauswand 
hinaufblickte, über den Rand des Daches hinweg, 
sah sie, dass es oben hell leuchtete und dass es 
sehr blau war. Wenn aber der Winter kam und 
Eis im Torwege lag, dann war sie den ganzen Tag 
in der engen Kammer eingeschlossen, wo es so 
dunkel war, dass am Vormittage Licht brennen 
musste ; wo es stets nach angebrannter Milch, ge- 
bratenem Speck oder Warmbier roch. Das Fenster 
nach der Strasse war mit Papier beklebt, aber 
Thekla hatte sich ein kleines Loch gemacht, durch 
das sie hinaussehen konnte. Auf der anderen Seite 
der Strasse sah sie jedoch nur die Ecke eines 
grossen schwarzen Gebäudes mit sehr hohen spitzen 
Fenstern. Als sie einmal die Mutter fragte, wer da 
wohne, erfuhr sie, dass es Gottes Haus sei; woher 
sie die Vorstellung bekam, Gott müsse ein sehr 
grosser Mann sein, da er ein so hohes Dach und 
so hohe Fenster nötig hatte. Da war denn ihre 
einzige Freude der Besuch des Vaters. Er war 
ein grosser blonder blasser Mann mit feinen un- 
gewöhnlichen Kleidern. Die Knöpfe am Rock waren 
vergoldet und ein alter Mann war auf ihnen zu 
sehen, den sie Erich den Heiligen nannten; über 
dem dunklen Rock leuchtete in Weiss das lackierte 
Büffelledergehänge, und der Degen rasselte so stolz, 
wenn er in die Schrankecke gestellt wurde. Aber 
die eiserne Haube war doch das Allern etteste, wie 
sie da auf dem Tische neben dem Bierkruge stand 
und blinkte und glänzte mit ihrem Gold und ihren 
bunten Farben; und die grosse Bürste, die über 
den Hutkopf guckte, sah wie eine wirkliche schwarze 
Katze aus. 



170 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Meist sprachen die Eitern mit leiser Stimme, doch 
zuweilen hörte Thekla, wie die Worte laut, kurz, 
scharf fielen, und dann wurde ihr bange. Aber der 
Vater schwieg immer zuerst und zog einen braunen 
Beutel hervor, aus dem er der Mutter einige Silber- 
linge reichte; worauf er aufstand, um zu gehen. 

Thekla, die sah, dass die Hausbewohner den 
Vater mit grosser Achtung grüssten, gewöhnte sich 
daran zu glauben,"^ er sei ein mächtiger und an- 
gesehener Mann; diese Auffassung, zusammen mit 
der Autorität, die sie die Mutter im Hause geniessen 
sah, machten, dass sie sich nicht zu den Leuten 
von niedriger Herkunft zählte. 

Sie wuchs auf, ohne Geschwister, ohne Spiel- 
kameraden, hatte also niemanden, mit dem sie sich 
vergleichen, niemanden, an dem sie ihre Natur 
schleifen konnte. Aber dann kam sie in das Alter, 
wo die Schule anfing. Da der Vater aus alter 
deutscher Familie war und man der deutschen Ge- 
meinde angehörte, wurde sie in die Mädchenschule 
der Gemeinde getan. Als die Einschreibung statt- 
fand, hatte die Mutter sich frei machen müssen 
und begleitete das Kind in den Schulsaal hinauf. 
Thekla wurde aufgerufen, und die Mutter nach dem 
Berufe des Vaters gefragt; als sie antwortete, Ge- 
waltiger bei der Wache, zog ein unmerkliches Lächeln 
über das Gesicht des Lehrers, aber die anwesende» 
Eltern und Kinder lächelten so offen, dass es Thekla 
merkte. Auf die Strasse hinausgekommen, fragte das 
Mädchen die Mutter, warum man gelacht habe, aber 
die Mutter konnte keine Antwort geben. In der 
Schule jedoch erfuhr sie bald die Ursache, und so 
hatte das Kind entdeckt, dass sie einer niedrigen Ge- 
sellschaftsklasse angehörte, aus der die Eltern sie 
durch Erziehung zu erheben, in der die Lehrer sie 
zurückzuhalten suchten, indem sie Genügsamkeit mit 



EINE HEXE 171 



dem Lose predigten, das Gott einem jeden hier auf 
Erden gegeben. Sie merkte jedoch bald, dass die 
besseren Kinder weisse Gesichter und Hände hatten, 
und sie lernte später von anderen Mädchen Wein- 
essig trinken und die Hände mit warmem Wasser 
waschen, damit sie auch weiss wurden. Sie wurde 
auch bald weichlich, konnte nicht schlafen, wurde 
äusserst empfindlich für Eindrücke, so dass sie fast 
nie sich wirklich wohl fühlte. Die verstärkte Für- 
sorge der Mutter gewöhnte das Kind daran, sich als 
eine Hilflose und Kranke zu betrachten, die alle 
Hilfe von aussen erwartete, da ihr Ich immer 
schwächer wurde. 



Zweites Kapitel 

So verging die Kindheit bis zur Konfirmation. 
Hier wurde ihr nun bald eingeredet, alle Menschen 
seien gleich; und als sie in einem Räume Kinder 
aus allen Gesellschaftsklassen versammelt sah, die 
alle dieselben Lehren anhörten, als ob das Leben sich 
für alle gleich gestalten würde, wurde ihr das bald 
ein süsser Glaube. Der Geistliche, der ein warm- 
herziger alter Mann war, schien selbst den Glauben 
zu hegen, dass alle Kinder desselben Vaters seien, 
und er machte keinen merklichen Unterschied 
zwischen den Kindern der Armen und denen der 
Reichen. 

Am Abend nach der grossen Prüfung hatte er alle 
Kinder im Kirchensaal versammelt, um ihnen die 
letzte Lehre fürs Leben zu geben und ihnen als Un- 
mündigen Lebewohl zu sagen, ehe sie das Mysterium 
empfingen und dann ins Leben hinauswanderten, 
allein mit ihrem Gott. Es war schwül in dem kleinen 
dunklen Räume, von dessen Wänden strenge Ge- 
sichter aus schwarzen Rahmen herabbUckten ; der 
Kachelofen heizte und die alte Kupferlampe breitete 
einen schwachen Schein über die bleichen Antlitze; 
dann und wann wurden sie durch den Widerschein 
vom Angesichte des alten Lehrers, das von weissem 
Haar strahlte, erleuchtet. Er hatte den Kindern mit 
bebender Stimme den furchtbaren Ernst des Lebens 
geschildert; er hatte sie vor den Klippen gewarnt; 
er hatte sie gebeten, ihm zu glauben, da er das 



174 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Leben gesehen habe; er hatte sie beschworen, ihre 
Hoffnung auf wahre Seligkeit nicht auf einem so 
schwankenden Grunde aufzubauen, wie es das un- 
sichere Glück ist, das die Welt einem schenken kann. 

In diesem Augenblick glaubten sie ihm alle. Des 
Feldobersten Sohn glaubte ihm, als er sagte, auch 
der Höchstgestellte könne gestürzt werden und als 
ein Ausgestossener enden ; des Goldschmieds Tochter 
glaubte ihm, als er erklärte, er habe vieler reichen 
Männer Töchter ihre Laufbahn als Bettlerinnen be- 
schliessen sehen. Aber in dieser letzten schönen 
Stunde, in diesem Räume, wo sie von der Welt 
abgeschlossen seien und alle vor Gottes Angesicht 
als Kinder ständen, sollten sie vergessen, dass da 
draussen in dem grausamen garstigen Leben die 
Menschen einander auf eine andere Art, nach nie- 
drigen Gründen werteten ; und wenn sie nun morgen 
am Gnadentische zusammen das Mahl der Liebe 
ässen, vergessen, dass manche, manche nie mehr 
am selben Tische sitzen würden; daran denken, 
dass einige die anderen vielleicht bei anderen Mahl- 
zeiten bedienen, und dass sie jetzt ein einziges Mal 
aus demselben Becher den Trank der Verbrüderung 
trinken würden, wie Jesus der Erlöser mit den Ge- 
ringsten gegessen und getrunken habe. 

— Kinder, schloss der Alte, jetzt vor Gott dem 
Ewigen, zeigt eurem alten, vielleicht einzigen 
Freunde, dass ihr einen Augenblick weltliche Ge- 
danken und Gefühle ablegen, dass ihr euch als 
Brüder tmd Schwestern des einzigen grossen Ge- 
schwisterkreises erkennen könnt, wie sich unser Er- 
löser einst die ganze Menschheit dachte, als er selbst 
unter die Demütigen hinunterstieg, obwohl sein Platz 
als Schriftgelehrter unter den Obersten der Synagoge 
war; öffnet eure Herzen ohne Furcht und ohne 
Scheu; und lasst mich noch einen Augenblick das 



EINE HEXE 175 



liebliche Gesicht sehen, von dem mein Herz träumte: 
dass auch Kinder von Menschen bereits hier auf 
Erden Engeln gleich sein können. 

Er stieg vom Stuhle herunter und verriegelte die 
Tür, während die Kinder aufgeregt warteten, was da 
kommen sollte. 

— Jetzt, fuhr der Lehrer fort, nachdem er wieder 
seinen Platz eingenommen, jetzt habe ich die Welt 
mit ihren Lüsten, ihren Sünden, ihrer Ungerech- 
tigkeit ausgeschlossen; jetzt sind wir allein vor des 
Menschen Sohn, der kam, um niederzureissen, was 
erhöhet war, und das Zertretene zu erheben. Er- 
heben wir unsere Herzen in stillem Gebet, und wenn 
ihr fühlt, wie der Geist euch bewegt, euch läutert, 
euch demütigt, gebet einander die Umarmung, die 
Menschenkinder immer Menschenkindern ohne Lug 
und Trug bieten sollten ; lass mich sehen, du reicher 
Jüngling, auf den die Macht und die Ehre in Kutsche 
und mit Vorreitern unten auf der Strasse warten, 
lass mich sehn, wie du deine Arme deinem schwer 
arbeitenden Bruder öffnest; lass mich dich, wohl- 
geborene Tochter eines geehrten und berühmten 
Geschlechts, an der Brust deiner vielleicht künftigen 
Dienerin sehen; und du, getretener Sohn des armen 
Mannes, lass deinen Hass gegen die Glücklichen 
einen Augenblick schmelzen, wärme dein erkaltetes 
Herz an dem deines beneideten Bruders, heile deine 
Wunde, die du zu verbergen suchst, in den Armen 
deines gehassten Bruders. Liebet einander, wie ich 
euch geliebt habe, gebt euch Bruders- und Friedens- 
küsse, jetzt in diesem AugenbHck, jetzt, ehe die 
Tür geöffnet wird und die Welt dazwischentritt, mit 
Streit und Neid und bösem Willen, denn dann — 
ach Gott warum? — trennen sich eure Herzen und 
Wege, Jünglinge und Jungfrauen, darum jetzt, gerade 
jetzt! Amen! 



176 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Knaben und Mädchen, die sich während der Rede 
in zwei Scharen gegenübergestanden hatten, zuerst 
einander mit Furcht betrachtend, gingen jetzt unter 
dem Einfluss der Ekstase mit tränenden Augen und 
offenen Armen aufeinander zu, und unter krampf- 
haftem Schluchzen umarmten und küssten sie sich. 
Es war, als seien alle Schranken des Standes, der 
Geburt, des Vermögens, des Geschlechts gefallen, 
und diese schüchternen Kinder, die vor der un- 
gewöhnlichen Handlung gebebt hätten, sahen frei- 
mütig und liebevoll aufeinander. Das grobe Gesicht, 
die gefrorenen Hände, die schlechten Kleider wurden 
nicht bemerkt ; die ausgehungerte und gehässige 
Miene hatte sich geglättet, und die übermütige 
Haltung war gebrochen, der leichtfertige Ton war 
verstummt. 

Von seinem Platze sah der Lehrer hinaus über 
den Sturm, den er entfesselt hatte, und bebend vor 
den Geistern, die er gerufen, doch ergriffen von dem 
Anblick eines verwirklichten Traumes, streckte er 
beruhigend die Arme aus und gebot den Wogen 
sich zu legen: 

— Friede sei mit euch, war das einzige, was er 
hervorbringen konnte, während Tränen der Freude 
und des Entzückens aus seinen grossen dunklen 
Augen niedertropften. 

Wie aus einem Schlafe geweckt, wankten die 
Kinder auf ihre Plätze zurück. Das Schluchzen war 
noch stossweise zu hören, wie wenn ein Kind sich 
ausgeweint hat, und mit niedergeschlagenen Augen, 
als schämten sie sich über etwas Unrechtes oder 
Ungehöriges, setzten sie sich auf die Bänke nieder 
und wagten nicht einander anzusehen. 

Im selben Augenblicke griff jemand ans Tür- 
schloss, das einen kurzen mürrischen Laut von sich 
gab. Der Lehrer sah bedeutungsvoll nach der Tür; 



EINE HEXE 177 



wollte etwas sagen, konnte aber nur lächeln, und 
stieg herab, um dem Pedell zu öffnen, der herein 
kam, um den Ofen zu besorgen. 

Es war schwer, wieder in die Begeisterung hinauf- 
zukommen; man war direkt auf die Erde gefallen. 
Einige der Kinder lächelten bereits. 

— Ja, jetzt lächeln wir, sagte der Pastor, wir 
lächeln über unsere Kindereien, wenn die Welt 
kommt und die Tür öffnet. Wir werden wohl noch 
oft über unsere Schwäche, über unsere Träume, über 
unsere beste Hoffnung lächeln; aber wer weiss, 
ob wir nicht statt dessen weinen müssten? Wer 
weiss? 

Die Hitze im Zimmer hatte zugenommen, der 
Dunst rann von den kalten Fensterscheiben, und 
die Lampe rauchte. Die Kinder sahen schlaff aus, 
und einige gähnten. Der Pedell gab seine Un- 
geduld zu erkennen, indem er mit dem Feuerhaken 
rasselte. Eine allgemeine Ermattung und Verlegen- 
heit war eingetreten, und der Pastor schloss bald 
das Verhör mit einem kurzen Gebet nach einer 
kleinen Rede über den Text: Niemand kann Gottes 
Reich empfangen, ohne dass er wie ein Kind wird. 

Als sich die Jugend im Vorsaal die Mäntel an- 
zog, wagten sie nicht einander anzusehen, und der 
lebhafte Eindruck des erschütternden Schauspiels 
tauchte wieder auf, so dass sie nicht davon sprechen 
konnten. 

Auf Thekla hatte die Sache einen sehr tiefen 
Eindruck gemacht, so tief, dass sie noch heimwärts 
über den Kirchhof wie unerwacht ging. Die Dunkel- 
heit war über den Aprilabend gesunken, und es 
wehte ein warmer Südwind, der die Rutenbüschel 
der nackten Linden schüttelte, zwischen denen die 
Sterne wie Flitter auf den Zweigen der Weihnachts- 
tanne erschienen. Sie ging Schritt vo«* Schritt und 

Strindbarg, Kleine higtorische Roman« 12 



178 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

hielt ihren Muff^it beiden Händen vor sich hin, 
als trüge sie ein schönes, eben gemaltes Bild, das 
sie zu beschmutzen fürchtete. Bisweilen hielt sie 
die Hände empor, als wolle sie ein Gemälde be- 
trachten; sie näherte es und entfernte es, um den 
Gesichtspunkt zu finden oder es sich einzuprägen; 
und wenn sie dann die Augen schloss, konnte sie 
mitten in einem Menschenhaufen einen dunklen, 
frischen Jüngling sehen, der sich ihr mit ausge- 
streckten Armen nähert; sie schliesst ihn in ihre 
runden Arme, drückt sein Gesicht gegen ihres, so 
dass sie nur Haare und zwei offene Augen sieht, 
die Feuer in ihre sprühen; in ihren Mund atmet 
ein anderer weicher Mund Wohlgerüche hinein, und 
auf seiner Oberlippe fühlt sie einen schwachen Druck 
von zarter Seide. Sie umfasst ihn mit ihren Armen 
und fühlt, wie ihre zitternden kalten Hände sich 
an der brabanter Wolle seines Wamses wärmen; 
ihre Wange neigt sich gegen eine weisse, gestärkte, 
holländische Leinwand, weiss wie die Kleider des 
Erlösers in der Verklärung, und mitten auf der 
Brust leuchtet ein granatroter Blutstropfen, d^r kalt 
ist und hart gegen ihre Schläfe drückt, so dass sie 
schreien möchte, aber der Schmerz ist so süss, 
und sie drückt sich noch härter gegen den scharfen 
Stein, dass das Schläfenbein schmerzt. Darauf hört 
sie des Meisters Stimme: Friede sei mit euch; die 
Arme lassen ihr Umfangen, sie wankt wie aus 
einem Schlaf zurück, sieht die rote Flamme der 
Lampe über dem dunkelschönen Kopf ruhen, wie 
der Heilige Geist über den Köpfen der Jünger in 
Emmaus; sieht die strengen, schwarzen Angesichter 
von der Wand herabstarren mit diesen Augen, die 
sich schräg bewegen; und dann kommt der lahme 
Pedell und schliesst die Ofentür. Sie bleibt an der 
Kirchhofspforte stehen und ruft das Gesicht vvieder 



EINE HEXE 179 



von Anfang an zurück; sie öffnet den Mantel und 
riecht am Mieder, von dem ein schwacher Wohl- 
geruch von Maiblumen aufsteigt, und sie beugt den 
Kopf, um den braunen Bombasin zu küssen, doch 
der Hals strammt gegen den Kragen. Und siehe, 
da wächst ein weisses Kraut aus der linken Seite 
mit sechs kleinen gefälbelten Gloqken auf einem 
hellgelben Stengel zwischen zwei tiefgrünen Blättern, 
und das klettert zwischen ihren jungen Brüsten hin- 
auf und streckt sich gegen ihren Mund, um ge- 
küsst zu werden. Und es reisst ihr durch die Brüste, 
als ob Milch aus ihnen spritzen wolle, und ihre 
Beine zittern so, dass sie sich an den grossen 
eisernen Gittertüren halten muss. Indem hört sie 
Hornstösse oben vom Markt; eine Schiffsglocke 
läutet unaufhörlich, unaufhörlich; Hunde bellen, 
Jungen schreien, und dann rollt ein Gepolter die 
schmale Strasse hinunter, ein dünnes aber dumpfes 
Gepolter, wie wenn Kupfer gehämmert wird; es 
wird stärker und wälzt sich heran, und nähert sich, 
gross, rot wie ein Feuerschein, der auf Schildern 
und Ornamenten aus Stein und kleinen Fenster- 
scheiben leuchtet; es nähert sich ihr, und jetzt 
kommen vier schwarze Pferde mit Feuer in den 
Augen und Feuer an den Sielen, und ein blutroter 
Wagen mit berussten Männern in goldenen Helmen 
stürzt vorbei, und auf dem Wagen schlingen sich 
schwarze Schlangen um Bluttonnen mit Kupfer- 
kränen, während die Glocke läutet, die Hörner tuten 
und der Feuerschein um den Wagen rast. 

— - Was tust du da? fragte die Mutter, die ge- 
kommen war, um Thekla abzuholen und sie am 
Kirchhofe fand, wie sie leichenblass dastand, mit den 
erstarrten Händen die Stangen des eisernen Gitters 
umschlingend. 

— Sahst du, Mutter? fragte das Mädchen. 

12* 



180 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Gewiss sah ich die Feuerwehr, antwortete die 
Alte, und es brennt ja in den russischen Buden. 
Aber du bist ja krank, Thekla! Du bist doch nicht 
krank? 

— Doch, ich glaube. 

— Dann komm, bitte, nach Hause. 

Und die Mutter führte die Tochter über die 
Strasse in das kleine Türhüterzimmer. 

Thekla schlief diese Nacht nicht, sondern lag halb- 
wach da und dachte über die Worte des Pastors 
und den ungewöhnlichen Auftritt nach, dessen Zeuge 
sie gewesen war. Alle Menschen waren Geschwister 
und vor Gott gleich ; wie schön, das zu wissen ; doch, 
warum nicht auch vor den Menschen ? Warum nicht 
einmal gleich vor dem Prediger in der Kirche, wo 
die Reichen die besten Plätze mit Stuhlschlüsseln 
hatten und die Armen auf dem Gange standen? 
Darauf konnte sie nicht antworten. Warum hatte 
der Pastor die Tür geschlossen, als sie sich küssen 
sollten, Knaben und Mädchen? War es unrecht, 
dass man sich küsste, da es kein Fremder sehen 
sollte? Wahrscheinlich war es nicht recht, da sie 
keine Lust hatte, es der Mutter zu erzählen. Zu- 
weilen im Laufe der Nacht, wenn die Glocke läu- 
tete und die Mutter erwachte, empfand sie ein 
rasendes Verlangen, der Mutter alles zu erzählen, 
laut sagen zu dürfen; er küsste mich, der dunkle 
Knabe, doch sie hielt es zurück aus Furcht, das 
Vergnügen werde im selben Augenblick, wo sie 
davon spreche, vergehen. Das war ein Geheimnis, 
zwischen ihnen und dem Pastor, sicher ein Geheim- 
nis, da die Tür geschlossen wurde. Und sie verbarg 
es in ihrem Herzen. 

Der Konfirmationstag kam mit einem sonnigen 
Aprilmorgen, als die Dohlen wiedergekommen 
waren und in den Gucklöchern des Kirchturms 



EINE HEXE lai 



Nester zu bauen anfingen. Die Glocken läuteten so 
klar in der reinen Frühlingsluft, als Thekla mit 
Vater und Mutter in ihrem weissen Kleide bar- 
haupt zur Kirche ging. Der Vater trug seine grosse 
Montur und hatte eine rote Bürste an der Stahl- 
haube, und Mutter hatte das schwarze ausgeschnit- 
tene Kleid mit Fuchspelzwerk an. Die alte dunkle 
Kirche erschien Thekla so hell, und sie trat unter 
das geputzte Steinportal wie zu einem Besuche bei 
Gott, wo alle Menschen Geschwister waren. 

Die Sonne scheint auf die Messingkrone an der 
Decke, auf die Vergoldungen der Kanzel und des 
Altars, und die neugeputzten Zinnpfeifen der Orgel 
glänzen wie Silber. Die Leute sind im Festkleide 
und die Frauen tragen helle Frühlingsanzüge. Oben 
am Altar aber sitzt die Abendmahlsjugend; die 
Knaben schwarz und die Mädchen weiss; blass; 
erregt; siedend von der Frühhngsluft und erwachen- 
den Trieben; erschüttert von der Erweckung zu 
dem Gedanken an den nahenden Ernst des Lebens 
und die neugewonnenen Rechte der Mannbarkeit; 
bebend vorm öffentlichen Auftreten, das sie be- 
stehen sollen, und neugierig auf das Mysterium, 
das sie erwartet. 

Die Orgel spielt, der Priester spricht, der dunkle 
Jüngling sieht unverwandt in Theklas Augen, so dass 
sie schliesslich müde wird, sich fortzuwenden, und 
die Blicke in den seinen ruhen lässt, und da bleiben 
sie. Es scheint ihr, als sässen sie allein da und 
sprächen zueinander; sprächen von Märchen, von 
der Schule, von den Weihnachtsabenden, von 
dem, was sie gehört, von dem, was sie am 
Tage gedacht und in der Nacht geträumt hatten. 
Und als die Predigt zu Ende geht, ist es ihr, als 
seien sie beide schon lange bekannt gewesen. 
Sie kennt seine Stirn, sein Hjtar, seinen kleinen 



i82 KLEINE HISTORISCHE ROMAnE 

schwarzen Knebelbart, sein feines kurzes Kinn aus- 
wendig; sie kennt den Knoten seiner feinen weissen 
Halsbinde, seine Perlenstickereien und seine kar- 
duaner Schuhe ; und sie glaubt durch die ganze 
Kirche den Geruch von Maiblumen wahrzunehmen. 

So ist der Augenblick da, wo sie an den Altar 
sollen. Thekla denkt nicht mehr an das Mysterium, 
sondern ans Mahl der Liebe mit Geschwistern des 
selben Vaterhauses. Sie hat ihren Platz neben einem 
Mädchen in weisser Seide und mit schwarzen Locken, 
die sie in die Seite knufft, da sie auf ihre Rock- 
schleppe niederkniet. Aber der purpurrote Wein in 
dem goldenen Tümmler ist der Freudentrank des 
Festes und des vollen Herzens, und die weisse 
Oblate ist das Überflussbrot des reichen Mannes; 
die Offizianten in Scharlachsammet mit Goldborten 
gehen umher wie die Mundschenke des reichen 
Mannes und bedienen auf silbernen Tellern Lazarus 
mit den Brosamen, ohne den Hunger oder den Durst 
zu löschen, sondern wecken beide. Aber zu dem 
Freudenfeste singen die Schulkinder den Trauer- 
gesang der Litanei, wie ein Chor von Hungrigen, 
und die Orgel klagt die Melodie hervor, jammernd, 
stöhnend, als ob sie alles Unglück und Elend der 
Welt auf diese Kinder herabriefe, die geglaubt hatten, 
einer schönen und frohen Stunde entgegenzugehen. 

Alles war vorüber; die Eltern empfingen ihre 
Kinder mit Umarmungen, und die Kinder schieden 
von einander, froh, dass es zu Ende war. 



Drittes Kapitel 

Die Konfirmation hatte einen Einfluss auf Theklas 
Entwicklung, der sich weit in die Zukunft hinein 
erstreckte. Als Einleitung zu dem rauhen Alltags- 
leben konnte nichts ungeeigneter sein. Der Klassen- 
unterschied konnte nicht aufgehoben, wenn auch 
etwas ausgeglichen .werden und die Gestalt ändern. 
Der Geselle von gestern war der Meister von 
morgen, und die Dienerin war bald als Frau Haus- 
herrin. Diese schönen Lehren von der Brüderlich- 
keit der Menschheit, von den Kleinen ausgedacht, 
konnten niemals die Grossen für sich gewinnen; 
und die Eltern würden sich sicher niemals als gleich- 
alterig mit den Kindern fühlen können, da sie ihnen 
faktisch in Alter und Erfahrung voraus waren. Aber 
es war ein Trost für die Schwachen, das glauben 
zu dürfen, und Thekla wollte so gern glauben, dass 
diese jungen Mädchen mit der hellen Haut und den 
weissseidenen Röcken ihre Schwestern seien; eben- 
so gern wie sie ungern, ja mit Schaudern diese ge- 
fallenen Weiber, die auf dem Hofe wohnten, für 
ihre Angehörigen oder ihresgleichen ansehen wollte, 
obwohl Jesus auch Maria Magdalena zu seinen 
Schwestern gerechnet hatte. 

Bisher war es Theklas Amt gewesen, mittags 
dem Vater das Essen hinzutragen. Dies war ihr 
stets eine Qual gewesen, denn das braungebeizte 
Schränkchen zog sich stets eine unangenehme Auf- 
merksamk^eit zu, und sie sah nur Diener und Wachen 



184 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Speisen tragen. Nach dem feierlichen Akte, durch 
den sie aus der Kindheit herausgetreten war, kam es 
ihr zu vollem Bewusstsein, dass dieser Gang zur 
Wache etwas war, das man gering schätzte ; und nun 
sucht sie alle denkbaren Gassen auf, die sie unbemerkt 
zur Kaserne hinabführen. Die Gassen findet sie, aber 
sie sind dunkel, eng, schmutzig, und in ihnen trifft 
sie nur arme und schlecht gekleidete Menschen, 
die nicht mit Verachtung auf sie herabsehen. Am 
schlimmsten ist es jedoch, wenn sie an dem kleinen 
Stück des offenen Marktes vorbeigehen soll, das 
vor der Wache beim Rathaus liegt. Sie möchte in 
die Erde sinken, die Kapuze übers Gesicht ziehen, 
unsichtbar werden, wie man's in den Märchen wird, 
und sie verfällt darauf, die Augenlider herunter- 
zulassen, so dass sie nur die rundbehauenen Strassen- 
steine vor den Fussspitzen sieht. Jedesmal, wenn 
sie aus der Mündung der dunklen Gasse heraus- 
kommt und das Licht von dem offenen Platze ihr 
entgegenschlägt, gerät sie in Schweiss und Angst, 
und es ist für sie dasselbe, als müsste sie über 
einen See schwimmen, oder auf einem Stege über 
einen Abgrund gehen. Doch wenn sie wieder die 
Augenlider herunterlässt, geht sie mit schnellen 
sicheren Schritten zwischen Pferden, Trägern und 
Fuhrwerken hindurch, ohne von irgendeinem ge- 
stossen zu werden. Doch sind ihr diese Augenblicke 
so furchtbar, dass sie auch Sonntags zur selben 
Zeit die Angst überfällt, obgleich sie dann von der 
Dienstleistung befreit ist. 

Wenn sie in die Wachtstube kommt, wo der Vater 
sich aufhält, pflegt der Feldwebel sie ans Kinn 
zu fassen und sie zu fragen, wie es ihr geht. Das 
hat er viele Jahre getan, aber jetzt, als er's eines 
Tages wieder tun will, sagt der Vater mit rauher 
Stimme: 



EINE HEXE 185 



— Lass das Karessieren sein! 

— Ach, antwortet der Kamerad, es ist ja unsere 
Thekla. 

— Ich mag das nicht, brummt der Vater zurück. 
Kannst du nicht sehen, dass das Mädchen einen 
langen Rock anhat? 

Thekla wusste nun, dass sie nicht länger Kind 
war, und ihre künftige Stellung als Dienerin fing 
an ihr klar zu werden und beunruhigte sie. 

Eines Mittags, als sie sich in ihre zuletzt entdeckte 
Peter-Apollo-Gasse geschlichen hatte, welche den 
Weg über den Markt um verschiedene Schritte ver- 
kürzte, und vor Angst die Augen niederschlug, so 
dass sie jetzt aus Gewohnheit wirklich unsichtbar 
zu sein glaubte, verUess sie den Fussileig an der 
Häuserwand und begab sich auf die Själagärdstrasse. 
Aber heute hatte man das Eis aufgehackt, und das 
lag in grossen Stücken da. Kante an Kante, so dass 
es sich unter den Füssen wie Meereswogen bewegte. 
Schwankend, fängt sie an, über die scharfen Kämme 
zu springen, weicht auf ihr Gefühl hin den Pferde- 
köpfen aus, wenn deren weiche Nüstern an ihrem 
Mantelärmel schnuppern, hört die Rufe der Fuhr- 
leute wie in einem Traume, und will den Fuss 
auf den Bürgersteig setzen, als sie gegen einen 
Junker stösst, von dem sie nur ein Paar hirsch- 
lederne Stiefel und ein Leydensches Schenkelfutter 
sieht, denn sie wagt nicht aufzublicken. Der Zu- 
sammenstoss war so heftig, dass die steinernen 
Schüsseln im Speisekorb mit einem starken Krach 
zusammenschlugen und wahrscheinlich zerschmet- 
tert wurden, denn es rann eine Flut Erbsehsuppe 
auf die Strassensteine. Thekla schämte sich so, dass 
sie zu weinen anfing, doch fühlte sie, wie eine be- 
handschuhte Hand ihren Arm fasste, um sie zu 
stützen, und hörte eine Stimme mit weichem, teil- 



186 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

nehmendem Klange sagen : Pardon ! Sie sah auf und 
erkannte den dunklen Jüngling wieder, der den Hut 
zog und weiterging. Bebend und weinend trat sie 
in die Wache beim Vater ein, der sie tröstete, so 
gut er konnte, und vorgab, dass er heute gern in der 
Taberne esse. 

Als Thekla heimkam, arbeitete ihr Kopf unter 
kaltem Fieber. Sie setzte sich im Türhüterzimmer 
auf einen Rohrstuhl und starrte vor sich hin, ohne 
sprechen zu können. Trotzdem sie sehr hungrig 
war, ass sie nichts. Es war ihr ein Genuss, ihren 
Körper zu quälen, und das Leben war ihr so ver- 
hasst wie eine feindliche dunkle Macht, die in sie 
hineingelegt war und die sie vernichten wollte, indem 
sie ihr die. Nahrung entzog. 

Sie blieb auf demselben Stuhle bis gegen Abend 
sitzen. Die Mutter fragte sie oft, wie sie sich be- 
finde, doch wurde es schhesslich müde, als sie 
keine Antwort erhielt. Zum Abend ass Thekla mit 
starker Esslust und ging dann zu Bett. Am nächsten 
Morgen hatte sie Kopfschmerzen und blieb bis zehn 
Uhr liegen. 

— Denkst du heute nicht aufzustehen? fragte 
die Mutter, die gesäubert haben wollte. 

— Ich weiss nicht, ob ichs aushalten kann, ant- 
wortet Thekla. 

— Was ist dir denn? Du siehst aus, als hättest 
du das Wechselfieber, sagte die Mutter. 

— Das Wechselfieber? wiederholte Thekla. Ja, 
ich weiss nicht wie das ist — aber, wie ist es, wenn 
man das Wechselfieber hat? Friert man? 

— Mein, das braucht man nicht, antwortete die 
Mutter; man kann nur Fieber haben, das alle Tage 
wiederkommt. 

Thekla blieb eine halbe Stunde still im Bette 
liegen und sah auf die Zeiger der Wanduhr, wie 



EINE HEXE 18? 



sie langsam gegen elf vorrückten. Bald hielt sie 
den Atem an, bis das Blut ihr ins Gesicht stieg, 
und zog die Decke über den Mund hinauf; bald 
atmete sie heftig, bis die Pulse schneller schlugen. 
Darauf rief sie die Mutter mit schwacher Stimme: 

— Mutter, flüsterte sie, fühl nach, ob ich Wechsel- 
fieber habe. 

Die Mutter legte die Hand auf ihre Stirn und 
sagte, sie fühle sich sehr heiss an. 

Thekla bheb liegen und sah nun zu, wie die 
Mutter das Mittagessen bereitete. Sie blies das 
Feuer im Herde an und schnitt einen salzigen Dorsch 
entzwei, den sie am Abend vorher ins Wasser ge- 
legt hatte. Darauf goss sie Wasser in eine Pfanne 
und legte den Dorsch hinein. Bald verbreitete sich 
der dumpfe Geruch des gesalzenen gedörrten Fisches 
durch das enge Zimmer, und Thekla, die einen 
Widerwillen gegen dieses Gericht hatte, zog die 
Decke über die Nase. Aber nun stieg die Herd- 
wärme und strahlte gegen die Bettstelle aus, so 
dass es im Bettzeug heiss wurde. Thekla kehrte 
das Kissen und das Gesicht dem Feuer zu und 
lauschte auf das Brodeln des Wassers in der Pfanne. 

Die Mutter hat den Esskorb hervorgeholt und 
unter leisem Brummen die zerschlagenen Gefässe 
herausgesucht. 

— Jetzt gehe ich und kaufe eine neue Suppen- 
schüssel, sagte sie; nimm du den Glockenstrang 
und hab ein Auge aufs Feuer. Ich bin gleich zurück. 

Und sie warf das Tuch über und ging. 

Als Thekla allein geblieben war, stieg sie aus dem 
Bette und reckte ihre Glieder. Darauf ging sie zum 
Fenster und guckte durch das Guckloch. Die Sonne 
schien, die Dohlen schnatterten auf dem Kirchhofe, 
und weisse Wolken trieben vorm Winde. Sie sehnte 
sich aus dem stickigen Zimmer und dem warmen 



188 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Bettzeug heraus, das sie mit seinem Geruch nach 
alten Seevogelfedern ersticken wollte. Sie wollte 
hinaus, weit weg an sonnige Orte, wo Seeluft 
säuselte und grüne Bäume schatteten; als sie aber 
den braunen Esskorb auf dem Tische sah und 
wusste, dass sie ohne den, ohne diese Sklaven- 
bürde, die sie fesselte, nicht hinauskommen konnte, 
geriet sie in Raserei und warf sich wieder ins Bett, 
tauchte in den Federbetten unter, als wolle sie 
sich ertränken, sich ersticken und nie mehr das 
Licht des Tages sehen. Aber da läutet die Glocke 
ihr Bim-bim-bim, sie wird zur Besinnung gerufen 
und zieht am Strang; die Tür knarrt und sagt 
klack-klack; die Mutter ist wieder zu Hause. 

Die Uhr ist zwölf geworden, und der Kohl kocht 
neben dem Salzfisch. Die Mutter sieht nach der Uhr. 

— Nun, Thekla, sagt sie, glaubst du heute mit 
dem Essen zu Vater gehen zu können? 

— Nein, wie kannst du das glauben, Mutter; 
ich bin ja so heiss wie ein Ofen. Fühl nur! 

Und die Mutter, die von neuem ihre Hand auf die 
Stirn des Mädchens legt, findet, dass sie Fieber hat. 

— Dann muss ich wohl Maren schicken, sagt 
sie, aber das kostet mich stets vier Witten. 

Maren wird heruntergerufen, und Thekla kriecht 
unter die Decke, während der schreckliche Esskorb 
gepackt wird, und als die Alte durch die Pforte 
hinausgegangen ist und die zuschlägt, atmet sie 
wieder und fällt in einen leichten Schlummer, der 
eine Stunde dauert. 

Als sie erwacht, fühlt sie einen durchdringenden 
Koriandergeruch, der den Fischgeruch vertreibt, und 
als die Mutter sie fragt, wie sie sich befindet, glaubt 
sie, dass es jetzt besser ist. 

— Ja, ja, sagt die Alte, das ist schon das Wechsel- 
fieber; aber jetzt musst du vorsichtig sein. Wenn 



EINE HEXE 



du's vermöchtest, müsstest du dich zusammen- 
nehmen, hinausgehen und dich warm laufen. 

Thekla hegt Besorgnisse, dass sie es nicht ver- 
möchte, aber schliesslich gibt sie den Vorstellungen 
der Mutter nach und kleidet sich an, um hinaus- 
zugehen. 

In ihrem Frühlingsrock mit der hellen Schürze 
und ihrem neuen Schleier tritt sie die Wanderung 
an. Die Sonne steht noch hoch am Himmel und 
die Strassen sind voll von Leuten. Sie trippelt so 
leicht den „Hügel" hinunter, tritt auf den sonnen- 
beleuchteten Markt hinaus, ohne Angst zu be- 
kommen oder die Augen niederzuschlagen. Die Luft 
tut ihr so gut, die Menschen sehen so froh aus nach 
dem langen Winter, und die Stadt ist so schön; 
leicht sind die Schritte, wenn sie nicht den schweren 
Esskorb zu tragen hat, und die Blicke der Be- 
gegnenden sind so freundlich oder wenigstens nicht 
so vernichtend. 

Wieder heimgekommen, erklärt sie, sie befinde 
sich wohl, aber wer könne wissen, wie es morgen 
gehen würde, wenn es nun wirklich das Wechsel- 
fieber seL 

Am nächsten Morgen ist Thekla wieder krank 
und bleibt bis zum Nachmittage liegen, wo sie nach 
einem kurzen Schlaf aufsteht, um ihre Wanderung 
zu machen. Jetzt hat man volle Gewissheit, dass 
es das alltägliche Wechselfieber ist, und der Arzt 
bestätigt die Sache, nachdem er gehört hat, wie 
sich die Krankheit äussert; auf Theklas Hilfe im 
Haushalt kann nun nicht mehr gerechnet werden. 



Viertes Kapitel 

Thekla, dies wahrscheinlich unbedeutende Mäd- 
chen, war durch eine Menge ungünstiger Umstände 
in Häuslichkeit und Erziehung ein schwaches Ding 
geworden; hatte ferner durch Beobachtung in der 
Stellung des Vaters auf einem missachteten und für 
die Beförderung hoffnungslosen Platze ein Hindernis 
auf ihrem Wege gefunden; hatte sich infolge der 
Lehren in der Kirche von einem angeblichen Gleich- 
heitsverhältnis Hoffnungen gemacht, im Leben vor- 
wärts zu kommen; und schUesslich entdeckt, dass 
ihre Beschäftigung als Dienerin die Möglichkeiten 
für sie sperren würde. Sie hatte eingesehen, dass 
sie nicht die Kraft besass, das Hindernis hinweg- 
zuräumenj denn sich gegen die Eltern zu erheben, 
vermochte sie nicht. Der Instinkt und die Umstände 
hatten sie auf den Umweg geführt, wenn es auch 
keine Ehre für sie war, das Faulfieber gefunden zu 
haben. 

Von der Arbeit befreit, hatte sie jetzt Zeit genug, 
ihre Fähigkeit, den Willen durchzusetzen, zu ent- 
wickeln. Die täglichen Wanderungen sammelten in 
ihr einen Vorrat Beobachtungen von Menschen, den 
sie mit unglaublicher Fertigkeit benutzen konnte. 
Sie lernte sehen, wie die »vornehmen Damen sich 
grüssten, wie sie die Hände mit dem Fächer führten, 
wie sie die Füsse bewegten, «wenn sie gingen; sie 
sah bald, dass sie nicht wie andere arme Men- 
schen gingen; sie sah nach, wie weit nach hinten 



192 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

der breitkrämpige Biberhut sitzen musste; wie hoch 
man den Rock heben konnte, wie tief man mit dem 
Kopfe grüsste. Und sie hatte bald alle diese Zei- 
chen gelernt, welche die höheren Klassen erfinden, 
um sich zu erkennen, um sich die von unten Vor- 
dringenden vom Leibe zu halten. Alle diese kleinen 
Kniffe, welche, wie die Losung des Tages im Felde, 
unaufhörlich erneuert werden mussten, um nicht 
vom Feinde, der sie bald gelernt hatte, zur Über- 
rumpelung missbraucht zu werden. 

Dies erwarb sie leicht und konnte es schnell an- 
wenden, schwerer aber war es, mit der beständig 
wechselnden Mode der Reichen mitzukommen. 
Heute war man modern gekleidet und hatte die 
Gleichheit mit den Grossen erreicht, doch in drei 
Monaten war man unversehens zurückgeblieben und 
sah aus wie eine Magd. Man war abgesetzt, ehe 
man etwas davon wußte, und dieser Kampf war ver- 
zweifelt schwer durchzuführen. Bald hatte sie in- 
dessen das grosse Luxusmagazin von Markus Lüdeke 
auf dem Kaufmannshügel entdeckt. Von schneller 
Auffassung, gewahrt sie sofort das Geheimnis, das 
entweder im Schnitt der Taille, im Fall der Falbel 
oder in der Faltung der Trompöse Hegt, und abends 
sitzt sie da, trennt Säume auf, lässt Falten fallen, 
oder näht sie ein. Die Farben haben bald keine 
Geheimnisse mehr für sie, und sie versteht solche 
zu vermeiden, die schreien und das Auge des Be- 
trachters auf die Beschaffenheit des Stoffes ziehen. 
Das Legen der Haare war weniger kostspielig nach- 
zuahmen, nachdem die Fontange abgelegt war. 
Aber das Mienenspiel des vornehmen Gesichts, den 
ruhigen, sicheren Ausdruck, der eine unabhängige 
Stellung angibt, sich anzueignen, ward ihr schwerer. 
Es bedurfte auf der Strasse nur eines scharf for- 
schenden Blickes, und sie fuhr zusammen wie ein 



EINE HEXE 193 



entdeckter Verbrecher und fühlte sich wie eine Ver- 
kleidete. 

Die Mutter merkte gleich die Veränderung in 
Theklas ganzem >X''esen, aber das Mädchen hatte 
eine Fähigkeit, Gründe für alles zu finden, dass sie 
bald schwieg, und sie sah nicht ohne ein gewisses 
Vergnügen, wie sich ihr Kind herausmachte und 
eine edlere Form annahm, als sie selbst erworben 
hatte. Der Vater zeigte etwas Unruhe; die schwere 
Hand seines Klassenschicksals über sich und den 
Seinen fühlend, versuchte er zu warnen: 

— Hast du Thekla angesehen, fragte er die 
Mutter eines Nachmittags, als er beim Bier sass. 

— Ja, sie macht sich heraus, sagte die Mutter. 

— Das ist es nicht, wandte der Vater ein. Aber 
sie fängt an, vornehme Manieren anzunehmen. Das 
endet in der Hölle. 

— Warum? Glaubst du, ich wache nicht über 
sie? warf ihm die Mutter vor, durch den Argwohn 
verletzt. 

— Ja, siehst du. Alte, wenn sie Aussicht hätte, 
sich gut zu verheiraten, aber das hat sie nicht. Und 
da ist es besser, ehrlich in seinen Verhältnissen 
zu bleiben. 

— Was weisst du von ihrem Heiraten? Sind 
vielleicht nicht noch ärmere Mädchen als sie die 
Frauen feiner Junker geworden? 

Mehr konnte Thekla nicht erlauschen, aber das 
war genug. Die stillen Gedanken in ihr waren auf 
Raub ausgegangen und kamen nun wieder heim, ge- 
sättigt und stark zu neuen Streifzügen. 

Die folgenden Tage, nachdem Thekla vollständig 
aber allmählich wieder genesen war und sie während 
dieser Zeit der Mutter bewiesen hatte, es sei nicht 
passend für ein junges wohlgekleidetes Mädchen, 
einen Esskorb zu tragen, weil sie sich dadurch den 

Strindberg, Kleine historische Romane 13 



194 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Roheiten der Fuhrleute und Knechte auf der Strasse 
aussetze, ging sie gleichsaiji zum Trotze ihren 
Mittagsweg über den Markt und am Rathaus vorbei. 
Auf demselben Fusssteige, wo sie an dem schweren 
Tage, nach welchem sie krank wurde, gefallen war, 
trifft sie den dunklen Jüngling. Er grüsst kurz, gleich- 
gültig und geht weiter. Thekla kehrt ein Stück weiter 
oben auf der Själagärdstrasse um, geht auf die andere 
Seite hinüber und kommt bis zur „Brandstätte" 
zurück, um ihn in der Kinhestastrasse verschwinden 
zu sehen. 

Am Tage darauf geht sie zur selben Zeit nach der 
Själagärdstrasse und ist verwundert darüber, den 
jungen Junker wieder zu treffen. Aber er sieht auch 
verwundert aus, grüsst verlegen und errötet leicht. 

Am nächsten Tage trifft sie ihn wieder. Sie hat 
ihn aus weiter Ferne gesehen, seinen Hut wieder 
erkannt, der eine gelinde Neigung nach vorne hat 
und einen Schatten über die Augen wirft, wodurch 
sie grösser aussehen und einen träumenden Aus- 
druck annehmen. Sie hat seine Blicke bereits aus 
der Entfernung auf sich gezogen und sie behält sie 
in ihren, bis er grüsst. Aber jetzt zieht er den 
Hut mit einem Ausdruck des Verdrusses im Ge- 
sicht, als erinnere er sich, dass er dieses Mädchen, 
das er niemals ansprechen konnte, einmal lunarmt 
und geküsst hatte. 

Als Thekla ihn am folgenden Mittage wieder 
trifft, denkt sie daran, dass dieser junge Mann sie 
geküsst hat, und sie fühlt, dass sie blass wird; zu 
gleicher Zeit sieht sie sein Gesicht eine Unruhe 
ausdrücken, und sein rechter Fuss macht eine hastige 
Bewegung, als wolle er hinuntersteigen und zu ihr 
hinübergehen. 

Sie bleibt sechs Tage fort und kommt dann 
wieder. Aus der Entfernung sieht sie seinen wei- 



EINE HEXE 195 



chen Hut, darauf kommen die Augen, und die fangen 
ihre; aber im selben Augenblick fährt eine Wein- 
zapf erkarre vorbei, und zwischen Kummethölzern 
und Aufsetzzügel sieht sie seine Augen froh grüssen 
wie bei einem Wiedersehen. 



Der Sommer kommt, schwer und heiss, und 
Thekla sieht ihren Freund nicht mehr, denn er 
wohnt im Vorort. Es ist ein leerer Raum in ihrem 
Leben, und es scheint ihr, als sei es dunkel ge- 
worden, seit die Sonne kam und ihr die einzige- 
Freude nahm. 

In einsamen Stunden sass sie auf dem Kirchhof 
und durchforschte sich, suchte ihre Gedanken zu 
ordnen, Betrachtungen über sich selbst anzustellen. 
— Was wollte sie von diesem jungen Manne? fragte 
sie sich. Angenommen, er spräche sie an, er käme 
in ihre Kammer hinein, wenn sie allein war, und 
er sagte: siehe, hier bin ich, was willst du von mir, 
denn ich sehe an deinen Augen, dass du etwas 
von mir willst? Was sollte sie antworten und was 
sollte sie mit ihm machen? Nichts würde sie ant- 
worten können, denn das war ein so tiefes Ge- 
heimnis, dass sie lieber sterben als antworten würde, 
auch wenn sie einen Augenblick argwöhnte, was 
sie antworten würde. Was würde sie mit ihm 
machen? Nichts! Küssen wollte sie ihn nicht, um- 
armen konnte sie ihn nicht, noch bitten, für ihn 
arbeiten, für ihn leben zu dürfen. Was wollte sie 
denn von ihm? Sie wollte, er solle zu ihr kommen 
wollen und sie bitten, ihre Augen küssen zu dürfen, 
sie zu umarmen, rein, unschuldig, wie das erste 
Mal in der Kirche; er sollte bitten, für sie leben, 
für sie arbeiten, sie trösten, sie hätscheln zu dürfen. 
Was wollte sie denn von ihm? Sie wollte, er solle 
bitten, ihr etwas geben zu dürfen! Sie war es also, 

13* 



196 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

die etwas von ihm begehren wollte? Oh nein. 
Begehren, betteln? Nein, nein, nein! Er sollte 
kommen und begehren, geben zu dürfen . . . 

Da machten die Gedanken in ihrem Rundtanz 
halt, und verdriesslich über die boshaften Gedanken, 
die verständnisvoll grinsend daherkamen wie die 
Waffendiener der Stadt und sie auf frischer Tat er- 
tappten, stand sie auf, um sich zu bewegen, ihrer 
Wege zu gehen, fort von der Bank und dem Baume, 
der vielleicht gehört hatte, was die stillen Angeber 
zu sagen gehabt; und vor sich hinstarrend, als ver- 
suche sie an nichts zu denken, ging sie in die Gasse 
hinein und kam auf die Själagärdstrasse hinaus. Da 
kannte sie jedes Schild, jedes Fenster; da hingen 
die Sonnenzeiger des Uhrmachers, die zeigten, wann 
er kommen würde; da war das Schild des Giessers, 
wo sein Hut zuerst aufzutauchen pflegte; da des 
Fassbinders gegenüber dem Bilde der Taberne, wo 
er das letzte Mal grüsste. Thekla geht vorwärts, 
vorwärts, als erwarte sie ihn zu erblicken; sie wirft 
die Augen nach der rechten Seite, fühlt ein brennen- 
des Verlangen, .ihn zu sehen ; wünscht, dass er ge- 
rade jetzt kommt, will, dass er kommt, fordert, dass 
er kommt, denn er muss kommen, oder sie wirft 
sich nieder und stirbt. Und siehe — da kommen 
seine Augen im Schatten des Hutes, und er sieht 
sie an, aber kalt forschend, fremd, und seine Züge 
verändern sich, aus seinem Gesicht wächst ein langer 
Backenbart heraus, und sie starrt einem unbekannten 
Junker ins Gesicht, dier grüssen will, unsicher, ob 
er dieses Mädchen kennt oder nicht. 

Thekla geht wieder heim, glücklich, ihn in Ge- 
danken einen Augenblick gesehen zu haben. Und sie 
kommt am nächsten Tage wieder und „hext" ihn 
hervor, wie sie es nennt. 

So geht der heisse schwüle Sommer für Thekla 



EINE HEXE 1Ö7 



in Beschäftigungslosigkeit dahin, und ihr Kopf ladet 
sich mit halb bewussten, halb unbewussten Plänen, 
ohne dass sie einen ausführt. Auf ständiger Hut vor 
dem Verstand der Mutter, der zuweilen aufflackert 
und einsieht, dass dieses Leben nicht heilsam für 
ihre Tochter sein kann, übt sie ihre Beredsamkeit 
und ihre Fähigkeit, die Alte so zu verstricken, dass 
sie immer nachgibt. 

— Ja, du kannst mir das Gesicht verkehren, 
sagt sie. 

Der Vater fängt an, ihre Gaben zu bewundern, 
und je mehr er bewundert, desto blinder wird er: 

— Es ist etwas an diesem Mädchen, sagt er 
und nickt, als ob er sich vor diesem Tiefsinn, den 
er ins Leben gerufen, beuge. 

Thekla ist jetzt so ,weit gekommen, dass sie aus 
den Ersparnissen der Eltern das Geld herauslocken 
kann, das sie zu ihrer Parüre braucht. Als aber die 
Mutter fragt, ob sie nicht statt dessen für dieses Geld 
etwas Nützliches lernen will, antwortet das Mädchen : 

— Wozu etwas lernen? Ich lebe nicht lange. 
Da wird die Mutter trostlos und glaubt, dass es 

so ist, und so tut sie alles, was die Tochter will, um 
ihre Tage nicht zu verkürzen. 

Jeden Sonntag ging Thekla in die Kirche. Die 
erste Zeit nach der Konfirmation fand sie es etwas 
kalt, künftighin nicht im Chor sitzen zu dürfen, wie 
die Konfirmanden getan hatten, und sie fühlte, dass 
sie nicht mehr dieselbe Erbauung hatte wie früher, 
wenn sie die Predigt Jiörte. Sie gehörte nicht mehr 
zu den Hauptpersonen, welche die Aufmerksamkeit 
auf sich lenkten; und sie musste auf dem Gange, 
stehend, dem Gottesdienste beiwohnen, während die 
Vornehmen in ihren abonnierten Stühlen sassen. 
Doch jetzt im Sommer, wo die Vornehmen in den 
Vororten oder draussen auf dem Lande weilten, 



198 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

wurden ihre Stühle geöffnet, .und da wenig Leute 
in der Kirche waren, Jconnte Thekla stets einen guten 
Platz für sich finden. Es war, als lebte sie in einem 
anderen Kreise während der Stunden, die sie im 
Kirchenstuhle sass und die adeligen Namen auf der 
Anschlagstafel las und die Helmzeichen und Herz- 
wappen betrachtete. Da lagen Kissen mit gestickten 
Namenszügen und Fussäcke aus Schuppenfell, die 
einen Duft von Moschus verbreiteten. Da waren 
Gesangbücher, mit Silber beschlagen, und unter dem 
Betpult fand sie ein Riechfläschchen aus Agat. 

.Wenn sehr wenig Leute in der Kirche waren 
und der Geisthche sich aus Gewohnheit an die 
Stühle der Vornehmen wandte, glaubte Thekla, er 
spreche zu ihr allein, und sie gab mit schwachen 
Bewegungen des Kopfes zu erkennen, dass sie ihn 
hörte und dass sie ihn verstand; sie und er allein 
wussten die Geheimnisse des Reiches Gottes, die für 
die da hinten nie offenbar werden würden. Und 
sie war bereits so-, tief in ihrem Gedicht von ein- 
gebildeter Grösse, dass sie ein gewisses Mitleid 
mit den Schüchternen empfand, die sich nicht dahin 
gewagt hatten, wo sie sich hin gewagt hatte. 

So ging schHessHch der Sommer zu Ende, und 
Thekla begrüsste den ersten Herbstregen mit einer 
stillen Freude. Auf dem Kirchhofe tanzten bald 
vergilbte Blätter um die Grabdenkmäler, und es 
wurde zu kalt, um draussen sitzen zu können. Jetzt 
musste er bald 'wiederkommen, denkt sie — und 
er kommt. Sie sieht ihn nach drei Monaten wieder, 
aber sein Gesicht ist verändert. Er ist nicht allein 
sonnenverbrannt und stark geworden, sondern ein 
neuer Ausdruck liegt in seinen Zügen. Er sieht 
glücklicher aus. Glücklicher nach diesen drei furcht- 
baren Monaten. Er hat sie also nicht vermisst, er 
ist nicht unglücklich gewesen! Er hat die Sonne 



EINE HEXE 199 



und die See gesehen, aber seine Augen haben auch 
in andere hineingesehen, und sie leuchten noch von 
den Reflexen dieser Augen. Er musste also eine 
andere Liebe haben! 

Thekla geht heim und legt sich für acht Tage zu 
Bett. Darauf steht sie auf, als sei nichts geschehen, 
aber stark und entschlossen. Sie geht dann jeden 
Tag zur gewöhnlichen Zeit in die Själagärdstrasse, 
als ginge sie zu einer Dienstleistung, und sie ging 
den ganzen Winter hindurch, bis es Frühling wurde. 



Fünftes Kapitel 

Der Pfingstmorgen strahlte über den Graumönchs- 
holm, wo die frischgeteerten Ruderjachten lagen. 
Menschen in Feiertagskleidern strömten von der 
Höhe herab, um zur Lustfahrt auf den Mälar hinaus- 
zufahren. Gesellen mit Rosen an den Hüten, Bürger 
mit Mundvorrat, Kaufmannsburschen mit Schal- 
meien, Frauen in papageigrünen Hauben mit Perlen- 
kränzen, Mädchen in roten Taberten, Kinder mit 
Bällen und Spitzkreiseln, Zugtiere mit frisch ge- 
wichsten Kollern, Weinküferpferde mit blühenden 
Faulbaumiweigen an den Sielen, schottische Lands- 
knechte, Gildebrüder und Beisitzer mit fliegenden 
Fahnen bewegten sich in einem bunten Wirrwarr 
auf den Landungsstegen. Trosse rasselten, Schiffer 
halloten, Schiffsglocken läuteten, Ruder plätscherten. 
Die Graumönchskirche schlägt neun, und alle Kirch- 
glocken der Stadt imd der Vorstädte läuten zum 
ersten Male. Ein Dunst von erstickendem Schweiss, 
von berauschendem Fliederduft und betäubendem 
Faulbaumgeruch liegt über der beweglichen leben- 
digen Masse, die aus dunklen Werkstätten, feuchten 
Läden, rauchigen Küchen, muffigen Kinderkammern 
strömt, um Seeluft zu atmen, und die sich nun drängt, 
um an Bord der mit Flaggen geschmückten und mit 
Grün bekleideten Jachten und Bojorten zu kommen. 

Am prächtigsten nimmt sich die grosse Galeere 
„Der böse Löwe" aus, die blau gestrichen ist, bei 
zinnoberroter Wassertracht, deren Stage zwischen 
den Mastspitzen voller Flaggen und Standarten sind, 



202 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

deren Achterdeck mit grossen Birkenzweigen zu 
einer Laube hergerichtet ist. Die Decks sind bereits 
von den Mitgliedern der Grossen Knutgilde ange- 
füllt, die das Fahrzeug zum Feiern ihres Festtages 
gemietet haben. Herren mit grossen breiten sei- 
denen Bändern in Weiss und Rot nebst den In- 
signien der Gilde auf der Brust laufen umher und 
besorgen den Frauen Plätze, und als der Landungs- 
steg eingezogen wird, spielen die Musikanten auf 
der Kuhbrücke. Die Galeere fährt in Gesellschaft 
von zehn anderen rückwärts, und die Musikanten 
überstimmen einander. 

Auf dem Achterdeck sitzt die halbbetäubte Thekla 
mit ihrer Mutter, während der Vater mit Alt- 
meistern und Beisitzern unten in der Kajüte ist, um 
Anordnungen zu treffen. Sie hat bereits die Schuhe 
und Röcke der anderen Jungfrauen untersucht und 
gefunden, dass sie in eine Gesellschaft geraten, die 
ihr gleichgültig ist. Ihr Gesicht ist blass, und das 
Licht, das durch das junge Birkenlaub dringt, wirft 
ein schwaches Grün in die Schatten, das ihrem 
Aussehen eine gewisse kranke Vornehmheit gibt. 
Ihre grossen schwarzen Augen mit der stark er- 
weiterten Pupille bleiben auf einer roten Nelke 
ruhen, die im Laubwerk sitzt. Sie sieht aus, als 
wüsste sie nicht, was sie unter diesen fremden 
Menschen tun solle; sie ist nur mitgegangen, um 
nicht allein zu Hause bleiben zu müssen und um 
ein neues Kleid zu bekommen. Die Mutter sitzt 
still da und ist erschrocken, sich aus ihrer Höhle 
herausgezogen zu sehen, und das grelle Tageslicht 
quält sie. 

Aber jetzt steuert die Galeere mit vollen Segeln 
auf den Fjärd hinaus, und zwischen den Laubzweigen 
sind grüne Ufer mit weissen Häusern, Bootsbrücken 
mit Flaggenstangen, Mistbeetfenster und Pappel- 



EINE HEXE 203 



alleen, rote Hütten und weisse Birkenhage, grüne 
Roggenfelder und kanariengelbe Wiesen zu sehen. 
Die frischen Wellen plätschern gegen den Rumpf 
des Bootes, und kornblauer Himmel steht über 
Wasser und Land. 

Thekla sah die Gemälde vorbeirollen, fühlte die 
Seeluft mild die Schläfen kühlen, wurde von den 
schaukelnden Rhythmen der Musik in eine ruhige 
harmonische Stimmung gewiegt, die ihrem Gesicht 
einen Ausdruck von Frieden und Zufriedenheit gab. 
Da hörte sie eine Stimme, die sie nicht kannte, sie 
von der Seite ansprechen. Sie sah auf; der Jüng- 
ling stand da mit einem breiten gelben Bandelier 
über der Brust und reichte ihr eine Bandrosette. 

— Nein, sieh da, Ihr seid es, rief er verwundert 
aus. Dass wir uns noch ein Mal im Leben treffen 
sollten. Ich habe so oft daran gedacht, auf der 
Strasse stehen zu bleiben, aber ich wagte nicht. 
Darf ich mich Eurer Frau Mutter vorstellen? 

Und mit einer artigen Verbeugung stellte er sich 
der Mutter vor: 

— Mein Name ist Robert Clement! Jungfrau 
Thekla und ich sind zusammen konfirmiert worden 
in Sankt Gertrud. Nehmt eine Bandrosette. 

Thekla hatte kein Wort hervorgebracht, und die 
Mutter wusste nicht, was sie sagen sollte. 

Herr Clement teilte seine Zeichen aus und kam 
zu den beiden Frauen zurück. 

— Vielleicht gefällt es Euch, Jungfrau, auf die 
Brücke zu steigen und Euch die Aussicht anzusehen. 
Wir haben gerade die wunderschönen Ufer des 
Bockholmsunds vor uns. 

Thekla sah die Mutter an, die beifällig nickte, 
etwas schläfrig, denn die Seeluft griff sie an. 

Herr Clement ging voran und Thekla hinterher. 
Sie hatte gefunden, dass er sich gewählt ausdrückte, 



204 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

dass seine Stimme aber nicht so war, wie sie er- 
wartet hatte. Doch es lag etwas Getrostes darin, 
dass er gesagt hatte, sie seien zusammen konfirmiert 
worden. Er hatte mit diesem Hinweis auf gemein- 
same Gemütsbewegungen und Erinnerungen gleich- 
sam ein warmes Tuch über ihre beiden Achseln 
geworfen, unter welchem sie ruhig vor den Hagel- 
schauern des Geschwätzes dahingingen, und er hatte 
ein Band zwischen ihnen geknüpft. 

— Ihr findet doch nicht, dass ich aufdringlich 
bin ? fing er an, als sie auf die Brücke hinauf kamen. 

— Wie könnt Ihr so sprechen ? antwortete Thekla, 
wir sind ja zusammen konfirmiert worden. 

Die wundertätige Kraft des Wortes konfirmiert 
hatte sie bereits entdeckt, und sie fühlte von neuem, 
wie es auf sie und ihn wirkte, als sie es aus- 
sprach. Er wurde zutraulich und war äusserst höf- 
lich. Nachdem er ihr einen Stuhl hingesetzt hatte, 
zeigte er die Landschaft. 

— Habt Ihr schon den Mälar befahren ? fragte er. 

— Nein, noch nie, antwortete Thekla, was Herrn 
Clement zu freuen schien. 

— Seht Ihr, dieser Landsee, fuhr er fort, ist 
grösser als der Bodensee und hat eintausenddrei- 
hundert Inseln und Werder; denkt Euch, Jungfrau, 
eintausenddreihundert. 

— Oh! stiess Thekla aus, erstaunt über Herrn 
Clements Kenntnisse. 

— Und dies ist der Bockholmsund. Sind sie 
nicht entzückend, diese kleinen runden Holme, die 
auf dem Wasser schwimmen und bis an den Strand 
hinunter grün sind. Seht Ihr, Jungfrau Thekla, das 
sind Erlen, die wachsen unten am See, wo das 
Schilf anfängt. Ist das nicht schön! 

Thekla fand, dass es sehr schön sei, aber sie 
wollte, er solle von etwas anderem sprechen, von 



EINE HEXE 205 



ihr, von sich selbst. Doch er war ganz benommen 
von der Natur, oder griff er zu ihr, um sich nicht 
verlocken zu lassen, von etwas anderem zu sprechen ? 
Es war, als habe er mit vollen Händen ihr diese 
Aussichten, dieses Grün angeboten, das sie vorher 
nicht besessen hatte. Seine Ausdrücke waren ge- 
zwungen, er suchte mit aller Kraft hinreissende 
Worte, als wolle er die Aufmerksamkeit der Zu- 
hörerin nach einer anderen Richtung lenken, wäh- 
rend er sich selbst verbarg; er schien in diesem 
Augenblicke seiner Entzückung Luft machen zu 
müssen, wenn nur nicht der Gegenstand seiner 
Entzückung deren Quelle ahnte. 

Thekla wurde mitgerissen und begeisterte sich 
über einen Kirchturm, eine Wassermühle, eine Holz- 
jacht, und bald klang beider Entzücken so zusammen, 
als seien sie auf den gleichen Ton gestimmt, nur 
in verschiedener Höhe. Sie schwelgten in Einklang, 
und der eine brauchte nur eine Saite anzuschlagen, 
so sang der ganze Akkord von den Lippen und 
Augen des anderen. 

Als die jungen Leute ihr Duo eine gute Weile 
gespielt hatten, begann Herr Clement unruhig zu 
werden und stockte plötzlich. Nachdem er nach 
einigen neuen Stoffen gegriffen hatte, fragte er 
hastig, ob er nicht die Mutter holen dürfe. Das 
durfte er, und bald kam er mit der Alten zurück, 
worauf er Geigensirup mit kandierter Pomeranze 
herbeischaffte. Jetzt schien der Grundton gefunden 
zu sein, und neue Harmonien erklangen, und zwar 
mit grösserer Resonanz, seit die Mutter als dank- 
barer Zuhörer dasass und beifällig nickte. Er sprach 
von der Löwenhöhle und den französischen Schau- 
spielerinnen, vom dänischen Kriege und der neuen 
Glashütte, vom letzten Duell und der Reduktions- 
kommission, imd alles, was er sagte, versetzte 



206 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Theklas Gemüt in eine stille süsse Ruhe. Viel hatte 
sie nicht zu antworten, und zu hegreifen, was er 
sagte, versuchte sie nicht, sondern Hess seine Worte 
ihr Ohr treffen wie eine schöne Musik. 

Endlich wurde es Mittag, und die Galeere fuhr 
in die Kaggeholmbucht hinein, um bei dem Gut, 
wo das Fest gefeiert werden sollte, an Land zu 
gehen. Herr Clement verliess seine Gäste und bat 
um die Ehre, sie später wieder aufsuchen zu dürfen, 
denn er sei als MitgHed für den Augenblick in An- 
spruch genommen. Die Bekanntschaft des Ge- 
waltigers habe er bereits in der Kajüte gemacht. 

Jetzt salutierten die Drehbassen der Galeere, und 
von einer hohen Landzunge, auf der ein Tempel 
stand, antwortete eine Rakete und darauf eine Salve 
Musketen. Die Musik spielte einen Festmarsch, 
Trosse wurden geholt, und unter Hurrarufen einer 
Menge Bauern glitt das Boot an die Brücke des 
Herrnhofes. Darauf wurde debarkiert, und "mit 
Fahnen 'und Spiel zog man auf den Herrenhof hinauf, 
wo der Herr Graf mit Fanfaren begrüsst wurde 
und vom Altmeister den Dank für die Gastfreund- 
schaft empfing, die er der Gesellschaft erzeigt, in- 
dem er für einen Tag seinen Park ihrem Vergnügen 
öffnete. Der Herr Graf dankte von seinem Balkon 
aus mit einem wohlwollenden Lächeln, das Thekla 
ärgerte, weil es ihr etwas herablassend vorkam. 

Von dort marschierte man zu einer Berghöhe 
am Strande, wo das Denkzeichen der Gilde auf- 
gerichtet war, und wo der Kaplan ein kurzes Gebet 
hielt. Dann verkündigten Fanfaren, dass der Mittags- 
tisch gedeckt sei. 

Unter dem hohen Gewölbe der Linden waren die 
Tische gedeckt, mit einigen fünfzig Kuverts, und 
Weingläser warfen die Silberzierate der Willkomm- 
becher zurück. Thekla hatte noch nie etwas so 



EINE HEXE 207 



Prachtvolles gesehen, und sie vergass einen Augen- 
blick die Nachbarschaft des Schlosses und des 
Grafen. Herr Clement hatte seinen Platz neben 
dem Vater und sass ihr gegenüber, und der Ge- 
waltiger war dem jungen Manne sehr geneigt. 
Messer klapperten, Gläser klangen, und nicht einen 
Augenblick herrschte Ruhe. Bald wurde ein Wohl 
ausgebracht, bald war eine Fanfare oder ein Schuss 
zu hören. Thekla fühlte, wie der Wein sich mit 
dem Blut vermischte und bis zum Gehirn hinauf- 
drang, das in einen seligen Halbschlaf fiel. Herr 
Clement, der sich teilen und seine Nachbarn unter- 
halten wollte, fühlte, wie Theklas Augen auf ihn 
lauerten, und er wurde gezwungen, sich wieder und 
wieder ihr zuzuwenden, für sie zu sprechen, denn 
jetzt hörte sie, was er sagte, nicht mehr recht, weil 
solcher Lärm war, aber er sah, dass sie lauschte, 
und er fühlte, dass jedes Wort, das seine Lippen 
und Zunge hervorbrachten, Widerhall bei ihr fand. 

Das Mittagessen war zu Ende, und man stand 
auf, um im Paf^e zu lustwandeln. Herr Clement 
ging an Theklas Seite. Sie wanderten am See- 
ufer unter den rund gehauenen Wölbungen der 
Erlen; sie vertieften sich in die langen und geraden 
Alleen des Parkes; ruhten in einem Lusthause mit 
berauschendem Caprifolium, und kamen schliesslich 
zu einem Hügel, wo ein Tempel stand. Die Alten 
setzten sich auf eine Bank und Hessen die Jungen 
allein hinaufgehen. 

— Es ist merkwürdig, sagte jetzt Herr Clement, 
vom Wein und der Einsamkeit angefeuert, aber ich 
finde, wir sind alte Bekannte. 

Es war das erste Mal, dass er auf dieses Thema 
kam und aufhörte von etwas anderem zu sprechen. 
Theklas Stimme hatte eine andere Farbe, als sie 
antwortete: 



208 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Ja, wir sind doch auch alte Bekannte! 

Sie hatte jetzt an ihre erste Bekanntschaft in der 
Kirche erinnert; das Feuer, das der erste Kuss ent- 
zündet hatte, flammte auf, und jetzt brannte es. 

— Es war ein wunderbarer Abend, sagte Herr 
Clement träumend. Den vergesse ich nie. 

— Glaubt Ihr nicht, Herr Clement, sagte Thekla, 
die fühlte, dass das Feuer geschürt werden müsse, 
glaubt Ihr nicht, dass die Seelen Geschwister sind? 

— Ich glaube, antwortete der junge Mann mit 
einer tiefsinnigen Miene, dass es Seelen gibt, die 
geborene Geschwister sind. Wir zum Beispiel. 
Wenn ich zu Euch spreche, fühle ich, dass Ihr mich 
vollständig versteht, dass Ihr keinen anderen Ge- 
danken hegt als ich, denn wenn Ihr das tätet, würdet 
Ihr mir widersprechen, und dann wäre das unsicht- 
bare Band zerrissen, dann wäre keine Sympathie 
mehr vorhanden, und das würde ich fühlen. 

— Ja, antwortete Thekla und sah auf den Sand 
nieder, mir ist, als sei jedes Wort, das Ihr sprecht, 
mein Gedanke. Ist das nicht seltsam? 

Herr Clement hielt das für wunderbar, und er 
entfaltete jetzt einen Schleier des Wunderbaren, des 
UnerklärHchen, der ihre wirklichen Gedanken und 
Gefühle so in mystisches Dunkel einhüllte, dass sie 
sich gänzlich unbefangen unter der leichten Decke 
bewegten. Sie sprachen frei wie Maskierte, sie 
spielten Blindekuh, ohne aufeinander zu geraten — 
wie wunderbar ! 

Rufe der Eltern riefen sie bald hinunter ins klare 
Licht der Wirklichkeit, und Fanfaren in der Ferne 
verkündeten, dass der Tanz auf der Tenne eröffnet 
sei. 

— Tanzt Ihr, Jungfrau? fragte Herr Clement, 

— Ja, aber sehr schlecht, sagte Thekla. 
-— Ich habe doch das erste Menuett? 



EINE HEXE 209 



— Ganz gewiss, und mit Vergnügen, denn sonst 
würde ich sitzen bleiben. 

— Ihr würdet sitzen bleiben? Nein, unmöglich! 

— Unmöglich. Warum? »Wer hässlich ist, kriegt 
keinen Kavalier. 

— Hässlich? Glaubt Ihr wirklich, dass Ihr häss- 
lich seid? 

— Das weiss ich wohl. 

— Oh, Ihr scherzet, Jungfrau Thekla, 

— Habt Ihr nicht gesehen, dass ich eine häss- 
lich e Nase habe? 

— Nein, gewiss nicht. 

— Dann seid Ihr der erste, der sie nicht hässlich 
findet. 

Der Tanz war bereits im Gange, als das junge 
Paar in die Tanzbahn eintrat. Herr Clement legte 
den Arm um Theklas Leib und sagte: 

— Es ist nicht das erste Mal, dass ich Euch in 
meinen Armen habe. 

Thekla zitterte leicht, aber schlug ihn auf die 
Hand, und dann wirbelten sie fort und kamen 
wieder zurück, bis sie atemlos haltmachten. 

— Ihr tanzt ja prächtig, sagte Herr Clement. 
• Die Musik begleitete ihr Gespräch, und die schwel- 
lenden Töne gaben die Akkorde, zu welchen sie 
das Solo setzten. Herr Clement wurde kühner, und 
jetzt sprach er nicht mehr von etwas anderem, 
sondern hielt sich genau ans Thema. 

Er knetete es wie einen Teig und gab ihm alle 
möglichen Formen, er wirkte es dünn aus, und 
dann rollte er es zusammen wie eine Kugel, die er 
in die Höhe warf, wieder auffing, zurückschlug, 
klopfte, durchlöcherte und wieder ausrollte. 

— Erinnert Ihr Euch, Jungfrau, dass ich Euch 
in der Kirche küsste? sagte er schliesslich. Er- 
innert Ihr Euch daran? 

Strindberg, Klein« historiiche Romans .. 14 



210 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Und die Musik begleitete die brennenden iWorte 
mit einer Kadenz und einem Trommelwirbel, die 
Theklas Antwort unhörbar machten, als ihre bleichen 
Lippen sich bewegten. 

Sie tanzten wieder, wild, wie Derwische, welche 
sich berauschen und die Erinnerung an die Gegen- 
wart auslöschen wollen; und dann machten sie 
wieder halt. 

Jetzt sprach er von ihren Augen, von ihrem 
Haar, von ihren Händen, und schliesslich von 
ihren kleinen Füssen, und sie lauschte betört. Ihr 
war, als würde sie schöner, wüchse, fülle sich mit 
Kraft aus seinen Nerven, als würde ihr neues Blut 
von seinem Blute eingezapft, als atme sie mit seinen 
Lungen, spreche mit seinen Lippen. Zuweilen war 
ihr, als sei sie verloren, verirrt, verschwunden, und 
sie wollte ihre Seele, die er in sich hineingesogen 
hatte, zurückziehen, aber es war so lieblich, ein 
anderer als sie selbst zu sein, gleichsam eine Seelen- 
wanderung in den stärkeren Körper eines anderen 
zu unternehmen, von den Beinen eines anderen 
getragen zu werden, mit den Armen eines anderen 
Gebärden zu machen, während man selbst in Ruhe 
versank. So sollte er kommen und sie von der 
Arbeit, zu denken, zu handeln, zu sprechen, be- 
freien; so sollte er kommen, wie der Erlöser, der 
afler Sünden und aller Lasten trägt; o wie Heblich, 
nicht selbst leben zu müssen und dennoch zu leben. 

Es wurde Abend, und der Tau fiel auf Blumen 
und Gras; die Sonne sank und warf rosiges Licht 
über Buchten und Holme, und die Fjärde lagen 
blank, stahlblau da wie ausgeschnittene Stücke des 
Himmels. 

Die Galeere war wieder mit Volk angefüllt und 
fuhr ab. Thekla sass auf Deck, Herrn Clements 
Reisemantel unter den Füssen. An ihrer Seite sprach 



EINE HEXE 211 



Herr Clement unaufhörlich, vorwärts geneigt und 
schräg gewandt, um ihre Augen sehen zu können. 
Die Mutter schlief und der Vater war im Vorder- 
raum. 

Herr Clement wandte den rosigen Fjärden und 
Holmen den Rücken zu und sah nur in Theklas 
Augen und sprach. Er ass sie und trank sie mit 
seinen Blicken, er umarmte sie und küsste sie mit 
seinen Worten, er atmete sie an, als wolle er Schnee 
auftauen, er jagte sie von Schlupfwinkel zu Schlupf- 
winkel, um sie in einem Geständnis zu fangen, aber 
Thekla entwand sich ihm unaufhörlich, unaufhörlich. 

SchliessUch hatte er sie: 

— Warum gingt Ihr jeden Mittag auf die Själa- 
gärdstrasse? fragte er kühn mit dem ganzen Mut 
der Feigheit, der den Helden macht. 

— Weil ... ich weiss nicht ... ich konnte nicht 
anders, antwortete Thekla. 

— Ihr konntet nicht anders. War es um . . , 

— Um Euch zu treffen! 

Da war es gesagt. Er sprang auf und nahm den 
Hut ab, als wolle er seine Stirn kühlen, einen 
gefährlichen Überschuss von Druck herauslassen, 
die seine heisse Stirn erzeugt hatte. 

— Ist das wahr? Ist es wahr, dass Ihr mich 
lieb habt? 

— Es ist wahr, antwortete Thekla zögernd, als 
wolle sie in diesem Augenbhcke wahr sein und 
müsse darum nachdenken, ob es wirklich so war, 
wie sie sagte. 

Der Funken war übergesprungen und hatte ge- 
zündet. Herr Clement verwandte die beiden folgen- 
den Stunden dazu, um herauszubekommen, ob es 
wahr sei, so unglaubHch kam ihm sein Glück vor, 
so unwahrscheinhch das Märchen, dass sie ihn lieb 
hatte. 

14* 



I 



Sechstes Kapitel 

Die Uhr ist zwischen zwei und drei am Morgen. 
Thekla sitzt am Totenbette der Mutter in einem 
kleinen Zimmer auf der anderen Seite des Torweges. 
Der Arzt war um zwölf Uhr mit der Erklärung ge- 
gangen, alle Hoffnung sei aus ; und der Vater wurde 
um ein Uhr zur Wache gerufen. Er hatte seiner 
Frau Lebewohl gesagt und geweint. 

Die Nachtlampe ist bis zum Wasser niederge- 
brannt und fängt an zu brodeln und zu zischen. 
Thekla giesst neues Öl ins Glas, steckt den Docht 
in das Korkfloss und setzt sich wieder auf ihren 
Stuhl. Sie starrt gerade vor sich hin, mitten in die 
kleine Lichtflamme hinein, die in dem dunklen 
Zimmer nur einen Fleck zu erleuchten und einen 
Kreis auf die Decke zu werfen vermag. Sie sieht nur 
die Lampenflamme und die Medizinflaschen auf dem 
Waschtisch. Seegrüne Viertelflaschen mit goldenen 
Hüten, bernsteingelbe Flaschen mit gekraustem 
Papier, schwarze Flaschen mit weissen Etiketten; 
Pulverdosen mit kleinen roten Lacksiegeln; der Ess- 
löffel steht in einem Wasserglase und vergrössert 
sich zu einem Vorlegelöffel; die halbe Zitrone sieht 
durch die gebauchte Wassersäule der Lampe wie 
ein Kürbis aus; alle Gegenstände ändern Form und 
Proportionen in dem falschen Halbdunkel und geben 
ihrem von Nachtwachen kranken Gehirn Stoff zu 
verwirrten Wahrnehmungen. Der Wille oder die 



214 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Fähigkeit, solche Gedanken zu unterdrücken, ist er- 
schlafft, und die Gedanken erzeugen sich frei, 
kommen als Missgeburten zur Welt, welche die Ge- 
bärerin nicht als ihre Kinder anerkennen will, ob- 
gleich sie sie nicht verleugnen kann! 

So denken die Gedanken. Die weisse Aufschrift, 
die vom Halse der- schwarzen Flasche herunterhängt, 
sagt: siehst du, wie schön sich eine weisse Trauer- 
schürze auf dem schwarzen Wollkleide ausnimmt. 
Du gehst mit den langen frischgestärkten Schürzen- 
bändern und den' breiten Zipfelkragen auf die 
Strasse; die Leute wenden sich um und flüstern: 
armes Mädchen, sie hat tiefe Trauer bekommen! 
Wie warm es einem ist, wenn die Menschen so 
sprechen und doch nur dem Luft machen, was sie 
selbst an deiner Stelle fühlen würden. Und dann 
kommt der Bräutigam und sieht dich in dem schönen 
Traueranzuge ; und er blickt ehrfurchtsvoll zu dir 
hinauf, als hättest du durch deinen Verlust höhere 
Eigenschaften erhalten; und wenn er eine halbe 
Stunde gesessen hat, will er deine Augen küssen, 
die sich hässlich geweint haben, und er legt seinen 
Arm um deinen Leib und flüstert: — Diese Tracht 
kleidet dich, Thekla! — O wie lieblich, Trauer zu 
haben ! 

Die Mutter bewegt daSv Laken des Bettes, und 
es klingt, als ob es in den Gebüschen des Waldes 
raschelt, und der Wanderer fährt zusammen. Fort 
mit den garstigen Gedanken, welche die Wehrlose, 
die nicht Kraft genug hat, sie zurückzuschlagen, 
überschleichen. Sie bittet Gott, die Mutter möge 
leben bleiben — bittet Gott, sie möge wollen, dass 
die Mutter leben bleibt. Aber sie kann es nicht 
wollen. Warum sollte sie ihrer Mutter ein ver- 
längertes qualvolles Leben wünschen, das früher 
nicht so unglücklich war als jetzt, wo das Glück ge- 



EINE HEXE 215 



kommen ist. Hatte sie nicht gesehen, wie Herr 
Clement Htt, wenn er seine Braut in dem dunklen 
berüchtigten Hause besuchen musste? Hatte sie 
nicht bemerkt, wie die Mutter auf dem Verlobungs- 
schmaus bei der Schwägerin heimlich belächelt 
wurde? Doch, das hatte sie bemerkt, und sie hatte 
auch den Kummer und die tiefe Verzweiflung ihrer 
Mutter gesehen, als diese, in ihr elendes Loch heim- 
gekehrt, sich hinsetzte, um sich auszuweinen, und 
auf die Fragen der Tochter nur antwortete : — Dahin 
gehst du, Thekla, aber dahin gehe ich nie mehr. 
Und wie sollte es werden, wenn sie verheiratet 
war? Müsste nicht Clement Teilnahme und sohn- 
liche Ehrerbietung heucheln, so oft die Mutter zu 
Besuch kam? Würde nicht jedes unüberlegte .Wort 
ein Stich werden, jede verdächtige Miene eine Ver- 
anlassung zu Streit? Ja, am besten ist es, wie es 
geschieht, und das war Gottes Barmherzigkeit. 

Die Mutter seufzte und die Decke hob sich einige 
Male. Das Garn der Gedanken wurde abgeschnitten, 
aber die Knoten blieben ungelöst an den Enden 
der Fäden liegen, und es kam eine Weile kein 
Warum mehr. Aber mit der wieder eintretenden 
Stille warfen sich wiederum die ersten Fragen auf: 
recht oder unrecht ? Recht oder unrecht, ihrer Mutter 
den Tod zu wünschen? Aber die Gegensätze waren 
so scharf und der Kopf so müde, dass die Begriffe 
zu einer seligen Betäubung zusammenschmolzen. 
Weder das eine noch das andere, antwortete das 
schlaffe Gehirn; ebensowenig beides; ebensowenig 
recht oder unrecht, wie es ist, ob du braun oder 
blond bist. Es ist so, es ist so geworden, und es 
kann nicht geändert werden. Gleichgültig also! 
Welcher sonnige, befreiende Gedanke: gleichgültig! 
Gleichgültig recht oder unrecht, gross oder klein, 
Leben oder Tod, gleichgültig alles! Das Hirn hält 



216 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

in seinem wilden Laufe inne, das Herz klopft we- 
niger heftig, die Lungen atmen in einem langsamen 
einschläfernden Schaukeln, die Muskeln lassen ihre 
Griffe los, die Glieder lösen sich, die Gedanken ent- 
fliehen, verbergen sich, es wird dunkel, still, als 
nähere sich die stille Ruhe der Vernichtung, die 
Seele fühlt nicht mehr, der Körper empfindet nicht 
mehr, der Geist vernimmt nicht mehr. 

Als Thekla auf ihrem Stuhl erwachte, sah sie die 
Nachtlampe, die Flaschen, die Zitrone und die Löffel 
in einem roten Halblichte hegen, aber oben an der 
Tapete der Wand waren zwei Herzen in blau weissem 
Schein zu sehen; sie glaubte, die Turmuhr schlagen 
zu hören, und draussen auf der Strasse hörte sie den 
Besen des Strassenkehrers auf den Pflastersteinen 
ritz ratz sagen; ein Grausperling zwitscherte, die 
letzten Töne der Reveilletrompete auf dem Schiffs- 
holm stiegen durch die Gassen hinauf imd hallten 
am Kirchendach wider. 

Eis war Morgen, und das Tageslicht brach durch 
die herzförmigen Löcher der Fensterläden herein. 
Als sie zur Besinnung erwacht war, erinnerte sie sich 
der Mutter und legte forschend die Hand auf ihre 
runzelige Stirn. Die ist lau, aber nicht mehr warm; 
sie legt ihr linkes Ohr an die Brust, aber kann nichts 
hören ; sie nimmt einen Handspiegel und hält ihn der 
Kranken vor den Mund; der Spiegel bleibt klar. 
Sie öffnet mit dem Finger die herabgefallenen 
feuchten Augenlider, die sich über den welken 
Kugeln schhessen. Sie ist tot! 

Nach vieler Tage und Nächte Warten war das 
Erwartete eingetroffen; was vorausgesagt war, war 
geschehen; was sich ereignen sollte, hatte sich er- 
eignet. Die Gewissheit war gewonnen, die Un- 
ruhe, die Unsicherheit war fort und die Ruhe 
trat ein. 



EINE HEXE 217 



Thekla öffnete die Läden und nahm ein paar reine 
Laken, die sie mit Nadeln oben vor den Fenstern 
befestigte. Es wurde weiss im Zimmer, als sei 
der erste Schnee gefallen, und alle Gegenstände 
wurden auf einen gedämpften Ton gestimmt. Darauf 
kleidete sie sich um und nahm ihr schwarzes Kleid 
heraus ; nahm ihre goldenen Ohrringe ab und trennte 
das Weisse vom Schnürleib. Jedes Mal, wenn sie 
am Wandspiegel vorbeiging, sah sie ihre schwarze 
Figur gegen die weissen Laken, und es war ihr 
schaurig, allein zu sein. Sie schlug die Tür zum 
Torweg auf und fühlte sich sicherer; aber sie ver- 
langte danach, mit einem Menschen zu sprechen. 
Der Tod hatte einen leeren Raum in ihrem Leben 
gelassen, und der musste ausgefüllt werden; der 
Tod hatte ihr etwas genommen, und sie wollte das 
Verlorene zurücknehmen, und zwar mit etwas Zin- 
sen; sie wollte den Kummer in Freude wenden 
und den Verlust in eine kleine Einnahme verwandeln, 
um den Tod zum besten zu haben. 

Die Uhr wird sechs, und die neue Türhüterin 
öffnet ihre Tür, um zum Milchladen zu gehen. Als 
sie sieht, dass gegenüber offen ist, geht sie hin und 
klopft an die offene Tür. 

Thekla zeigt sich, bleich, stumm, schwarzgekleidet. 

— Herr Jesus, ist es zu Ende? ruft die Alte aus. 

— Es ist zu Ende, antwortet Thekla. 

— Geschehe Gottes Wille, sagt die Alte und 
tritt ein, um Gewissheit zu erhalten. 

Du bist doch froh, da du die Stelle bekommst, 
denkt Theklas unbändiges Gehirn; und sie fühlt 
sich gut, edel, wenn sie ihrer Grausamkeit Zwang 
anlegt und es nicht laut sagt. 

Und dann kommen die Seeleute von der Her- 
berge herunter, und die Mädchen aus ihrer Woh- 
nung, tind der Pfandleiher wirft einen Blick auf 



218 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

die Einrichtung; alle sind achtungsvoll, still, neu- 
gierig und sprechen ihre Teilnahme der Trauernden 
aus, die das Beklagen wie eine Huldigung entgegen- 
nimmt. 

Um sieben Uhr kommt der Vater. Er reicht Thekla 
die Hand und sagt fragend: 

— Es ist zu Ende? 

Darauf tritt er ans Bett heran und drückt leise die 
Augenlider zu; bleibt dann in stillem Sinnen sitzen. 

— Jetzt müssen wir an vieles denken, fängt er 
an, und dies wird Geld kosten. 

Wie roh, denkt Thekla, sofort von den Kosten 
zu sprechen, als glaube sie, Vater habe in diesem 
Augenblick nur den einen Gedanken gehabt, den 
er aussprach, und keine anderen, die der Vater der 
Tochter nicht sagen konnte, die aber der Gatte 
seiner Frau hätte zuflüstern können; zärtHche Ge- 
danken ohne Ausdruck, liebhche Erinnerungen ohne 
Namen, einen stillen starken Kummer, den der hat, 
der sein Einziges verloren. Hätte sie einen Augen- 
blick aus sich selbst herausgehen können, würde 
sie zu denken vermocht haben, wie es ihr gewesen 
wäre, wenn sie ihren Clement verloren hätte; aber 
kurzsichtig, begreift sie nicht, dass der Vater die 
Sache von einem anderen Gesichtspunkt ansehen 
muss als sie. 

Herr Clement kommt um acht Uhr, und nach- 
dem er sich vom Laden Urlaub ausgewirkt hat, 
geht er mit Thekla aus unid macht bis zehn Uhr 
Besorgungen. 

Und es wird schwarzundweisser Stoff gekauft, 
und es werden Besuche bei Priester und Küster 
gemacht, und im Sargmagazin, und in der Wein- 
handlung werden Rheinischer und Mumme bestellt. 

Drei Tage lang hat Thekla Empfang in dem 
kleinen Totenzimmer, und darauf werden die^ Türen 



EINE HEXE 219 



geöffnet, und von der Strasse strömen Leute herein, 
um die Leiche zu sehen. Und dann werden im 
Torweg und auf der Strasse Fichtenzweige gestreut ; 
alle Glocken von Sankt Gertrud läuten; der Priester 
kommt, die Träger kommen; Rheinwein aus grünen 
Gläsern; sechs Gewaltiger nehmen den Sarg auf 
schwarze Seile und tragen ihn auf die schwarze 
Bahre hinaus'; der Volkshaufen teilt sich, als der 
Pastor Thekla in den viersitzigen Wagen leitet, der 
so weich auf seinen Federn schaukelt; die Pferde 
setzen die Hufeisen auf die Pflastersteine, die Kut- 
scher knallen mit den Peitschen; es geht fort zum 
Kirchhofe, und die Pforte des dunklen Hauses mit 
seinen dunklen Erinnerungen schlägt zu; und die 
Tochter fährt fort von Kehrichtkasten und Ratten, 
von Abtritten und Wuchererkontor, fort von Kind- 
heit und Heim durch den Tod hinaus in ein eigenes 
Leben I 



Siebentes Kapitel 

Und nun sitzt die junge Frau in ihrer eigenen 
Wohnung am Fischerhafen, wo die Sonne den 
ganzen Tag hineinscheint, wenn sie scheint. Ihr 
Teint, der so blass gewesen war wie der Wasser- 
schuss eines für den Winter in den Keller gesetzten 
Topfgewächses, fing an Farbe zu bekommen. Die 
beiden kleinen Zimmer und die Küche glänzten 
von neuen Möbeln und Hausgeräten, und sie fühlte 
sich wie eine Königin, wenn sie das Dienstmädchen 
ohne Einwand alle ihre früheren Arbeiten tun sah; 
und wenn sie des Morgens nach dem Kogghafen 
ging, um Besorgungen zu machen, und das Mäd- 
chen sie mit dem Marktkorbe begleitete, sah sie 
ein, dass sie gestiegen war, dass sie jemand war, 
dass sie Macht erlangt hatte. Und wenn der Mann 
nach Hause kam, zufrieden, überglücklich, dankbar, 
fühlte sie sich so unendlich glücklich, dass sie weinte. 

Es war ein heiterer Mann, der niemals seine Sor- 
gen oder seine Geschäfte mit nach Hause brachte. 
Er sang ihr frohe Weisen vor, dass sie zum ersten 
Male in^ ihrem Leben lachte; er brachte zuweilen 
lebhafte Kameraden mit, und dann wurde gespielt, 
agiert und gesungen; immer aber schloss man mit 
einer Huldigung an die junge Frau, welche die 
Sonne in dem Kreise war und, ohne es zu wissen, 
leuchtete und wärmte. 



222 KLEINE HISTORfSCHE ROMANE 

Aber die Tage in Einsamkeit und ohne Arbeit 
wurden lang, lang, wie manche Feiertage werden 
können um Weihnachten oder Ostern, wo man sich 
wirklich wieder nach dem Alltag sehnt; danach, 
Strassenlärm zu hören und vom Geklingel und Ge- 
laufe auf Treppen und durch Türen beunruhigt zu 
werden. Die Seligkeit wurde dann so gross, dass 
sie müde machte, und Thekla ging oft auf Wanderung 
aus, um neue Eindrücke zu suchen, und dabei kam 
sie sehr oft nach der deutschen Kirche hinauf. 
Konnte auf dem Kirchhofe sitzen und sich in die 
Zeit zurückträumen, wo sie nach dem Glück ver- 
langte, das sie jetzt besass. Und wenn sie jetzt 
die errungene Seligkeit mit der damals erstrebten 
verglich, wurde sie verzagt, denn jetzt hatte sie 
nichts mehr, nach dem sie sich sehnen konnte. 
Dann erhob sie sich und ging, um die neue Tür- 
hüterin zu besuchen; sass bei ihr in diesem engen 
Zimmer und roch gesalzenen Fisch, zählte die Fett- 
flecke auf der gelben Tapete, empfand die alten 
Nervenerschütterungen, so oft die Klingel läutete 
und das Tor sich schloss. Und wenn sie dann 
nach Hause ging, genoss sie wieder das ganze 
Glück der ersten Zeit, da der Eindruck des neuen 
hellen Lebens durch die dunklen Erinnerungen auf- 
gefrischt wurde. Und dann war sie doppelt glück- 
lich, dreifach dankbar dem, der sie aus der Armut 
und der Erniedrigung gerettet hatte. 

Eines Tages war Thekla unten beim Gärtner ge- 
wesen, um Gewürze zum Mittagessen zu besorgen, 
weil ihr Mann Freunde eingeladen hatte, um ihren 
Geburtstag zu feiern. Als sie nach Hause kam, 
war sie sehr überrascht, ihren Vater in der Küche 
zu finden, ein Mass Branntwein neben sich. 

— Gottes Frieden, Kind, grüsste der Gewaltiger 
und versuchte sich zu erheben. 



EINE HEXE 223 



Thekia sah auf den ersten Blick, dass er be- 
trunken war. 

— Ich erinnerte mich, fing der Alte mit Mühe 
wieder an, dass dein Geburtstag ist, und dachte bei 
dir zu bleiben, wenn du nichts dagegen hast! 

Thekia bemerkte, dass der Vater Zivil anhatte und 
etwas heruntergekommen aussah. Das Schlimmste 
ahnend und unfähig, überhaupt auf seine Fragen zu 
antworten, bat sie ihn, einen Augenblick zu warten, 
bis sie die Überkleider abgelegt hätte. 

In die Schlafkammer gekommen, warf sie sich 
aufs Bett und weinte, aus Wut über das Schicksal, 
das gerade an diesem Tage ihre Freude stören 
musste. Das Vergangene, das sie verlassen, hatte 
sie nur aufgesucht als ein Reizmittel, um den Ge- 
nuss des Augenblicks um so stärker hervorzurufen, 
aber es wieder bei sich, innerhalb ihrer Türen zu 
haben, in der Person des Vaters verkörpert, das 
wollte sie nicht. 

Die Minuten vergingen schnell, und sie sah ein, 
dass es notwendig war, zu dem Gaste in der Küche 
zurückzukehren, sofern sie nicht riskieren wollte, 
dass er in den Saal eintrat und vielleicht da sitzen 
blieb, bis die Gäste kamen. Sie trocknete schnell 
ihre Tränen und ging nach der Küche; als sie aber 
die Tür öffnete, wäre sie beinahe hingefallen ; denn 
am Tische sass noch der Vater, sichtlich betrunken, 
und hielt den Arm um die Magd. 

Alle Ehrfurcht, welche die Tochter vor dem Vater 
hat, war mit einem Male ausgelöscht, und ein mass- 
loser Abscheu erfasste sie. Aber sie war noch nicht 
dazu gekommen, ihren Gefühlen in Worten Luft 
zu machen, als der Gewaltiger zu stottern anfing: 

— Nun, Thekia, du gehst deiner Wege und bittest 
mich nicht näherzutreten? Ich habe dir nämlich 
etwas zu sagen! Siehst du, ich habe meinen Ab- 



224 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

schied genommen und dachte bei Clement anzu- 
fragen, ob er etwas Schreibarbeit hat. 

— Das weiss ich bestimmt, dass er die nicht hat, 
antwortete Thekla, froh, ohne Umschweife zu einem 
Verlangen nein sagen zu können, dessen Bewilligung 
ihr nicht zukam. 

Der Alte befingerte das Blechmass und guckte 
nach dem Herde, wo ein Wildschweinskopf die Ohren 
über den Rand des Topfes hinaussteckte. 

— So, sagte der Alte und versank in Schweigen, 
um zu hören, was die Tochter jetzt zu sagen habe. 

Thekla dachte daran, dass der Tisch gedeckt wer- 
den müsse und dass die Gäste in einer halben 
Stunde da sein könnten. Darauf fasste sie einen 
raschen Entschluss. 

— Sieh hier, Vater, sagte sie, hast du einen 
blanken Taler, um im Stadtkeller auf mein Wohl 
zu trinken. Und wenn du morgen wiederkommst, 
so kannst du deine Angelegenheiten mit Clement 
Ordnen. 

Der Alte befingerte den Taler, als Ob er über- 
lege, wie weit er ihn ins Zimmer werfen solle. 
Darauf spuckte er auf ihn, steckte ihn in die Tasche, 
ergriff seine Mütze und erhob sich. 

— Du bittest mich nicht näherzutreten, Thekla. 
Da tust du recht, denn siehst du, gleiche Kinder 
spielen am besten, und — ach, das kommt wohl 
auf eins heraus — aber du warst einmal meine 
Thekla, mein Kind, siehst du, und das vergesse ich 
nicht so leicht. Ich vergesse es nie. Du wirst 
zum Mittag Gäste haben, sehe ich, und darum gehe 
ich. — Ja, jetzt gehe ich! 

Thekla, die atemlos dagestanden hatte, konnte 
einen Seufzer der Erleichterung nicht zurückhalten, 
was dem Betrunkenen nicht entging, der seinen 



EINE HEXE 225 



Entschluss plötzlich zu ändern schien und sich mit 
schwankenden Schritten der Saaltür näherte. 

— So, schlug er jetzt mit einem boshaften Grinsen 
um, du glaubst, mich für einen Taler los zu werden ? 
Ich soll allein in den Stadtkeller gehen, während 
ich hier gute Gesellschaft haben kann. 

Er war in den Saal getaumelt und hatte sich auf 
den breitesten Lehnstuhl niedergelassen. 

— Tisch auf, wir wollen lustig sein! Du hast 
Wildschwein im Topf und Artischocken auf der 
Platte! 

— Vater! unterbrach ihn die Tochter ausser sich. 
Du bist betrunken und hast dich gegen das Mäd- 
chen in der Küche übel aufgeführt. Jetzt bitte ich 
dich zu gehen, ehe Clement nach Hause kommt! 
Denke daran, dass es nicht mein Haus ist, sondern 
seines, und dass du kein Recht hast, seinen Haus- 
frieden zu stören! Komm morgen wieder, und ich 
verspreche dir zu tun, was in meiner Macht steht, 
um dir zu etwas zu verhelfen. 

— So, mein Mädchen, du willst mir ein gutes 
Wort sagen. Sprich, dein Diener hört. 

Als Thekla sah, dass es keinen Ausweg gab, einer 
peinlichen Stunde zu entrinnen, und da sie unfähig 
war, einen Druck zu ertragen oder ein Missgeschick 
mit Gleichmut hinzunehmen, verHess sie, ohne ein 
Wort zu sagen, den Ort ihrer Niederlage ; warf ihren 
Mantel um und eilte, das Weinen des Ärgers im 
Halse, die Treppen hinunter und auf die Strasse 
hinaus. 

Einen einzigen klaren Gedanken besass sie noch: 
konnte sie den Friedenstörer nicht aus ihrem Hause 
vertreiben, so sollte er wenigstens nicht seinen An- 
schlag geniessen. Alles andere vergass sie, und 
ohne Besinnung stürzte sie durch die Strassen, als 
fliehe sie ein ungünstiges boshaftes Schicksal, das 

Stiindberg, Kleine historische Romane 15 



226 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

sie persönlich verfolgte und sich jetzt an ihrem Ge- 
burtstage, jetzt, wo sie sich aus dem Dunkel der 
Armut herausgearbeitet hatte, einfand und sie wieder 
hinabziehen wollte. 

Sie war über die Nordbrücke gegangen, über den 
Vorstadtmarkt gekommen und befand sich unten 
im Königsgarten, dessen Pforten offen standen. Eilte 
hinein zwischen die Buchsbaumhecken, wo Kinder 
im Sonnenschein des Frühlingsmittags spielten, 
und setzte sich schliessHch ermüdet auf eine Bank 
unter den Linden. Zuerst beschäftigten sich ihre 
Gedanken mit den Arbeiten der Gärtner, die Blumen 
in die Rabatten setzten und Fayencetöpfe auf die 
Zeichnungen trugen. Alles erregte ihre Aufmerksam- 
keit, und jede einzige Kleinigkeit grub sich ihr ins 
Gedächtnis ein, als wolle sie das Unangenehme 
verjagen, das ihr bevorstand. Die Glocken von 
Sankt Jakob fingen an zu einer Beerdigung zu 
läuten, und sie sass da und zählte jeden Klöppel- 
schlag, aber jeder Schlag des schweren Erzes ver- 
setzte ihren Körper in ein Zittern, stimmte ihre 
Seele zu dunklen Ahnungen und machte sie 
weinerlich. 

Jetzt kamen mehrere Hofdiener in die Allee und 
trugen einen Tisch herbei, den sie mit einem Tuche 
deckten, und andere Diener trugen Schüsseln und 
Kübel, Weinkannen und Becher herbei. Thekla sah 
mit Neugier die Zubereitungen zu einer königlichen 
Mahlzeit, erinnerte sich im Augenblick an die war- 
tende Mahlzeit daheim, sah den Mann nach Hause 
kommen, die Gäste versammelt, den Tisch un- 
gedeckt, den Auftritt mit dem betrunkenen Vater, 
hörte die Fragen nach der verschwundenen Frau 
des Hauses. Sie wollte sich erheben und nach 
Hause eilen, wagte sich aber nicht zu rühren. Der 
Gedanke an das, was bevorstand, lähmte sie; die 



EINE HEXE 227 



Furcht vor einem Auftritt, den sie nicht erklären 
konnte, nagelte sie an der Bank fest; und zwischen 
Pflicht und Feigheit hin und her gezerrt, blieb sie 
sitzen, mit den Augen nach rechts und links schie- 
lend, als ob sie sich nicht entscheiden könne, nach 
welcher Richtung sie sehen solle. 

Plötzlich wurde sie aus ihrer Betäubung durch 
einen Wachtposten geweckt, der sie mit barscher 
Stimme fragte, mit welchem Rechte sie sich im 
Garten des Königs befinde. Auf ihre Antwort, sie 
habe die Pforten offen gesehen, wurde sie ersucht, 
sich sofort zu entfernen. Vom Posten begleitet, eilte 
sie unterwürfig den Gang dahin ; als sie aber andere 
Frauen, nicht viel besser als sie gekleidet, darin un- 
gestört umherwandern sah, an Blumen riechend, 
auf die Grasmatten tretend, fühlte sie einen Stich 
im Herzen, als sei sie allein einer schimpflichen 
Ausweisung ausgesetzt worden; und als sie merkte, 
wie sie von den andern mit höhnischen Blicken be- 
trachtet wurde, erwachte der Zorn, der Hass, der 
Neid gegen die, welche Vorrechte besassen, die 
sie nicht hatte, ohne dass sie wusste, warum nicht. 

Als die Pforten hinter ihr mit einem gewaltigen 
Lärm zuschlugen, ging sie den Blasieholm hinunter, 
ohne zu wissen, wohin sie ging, bloss achtgebend, 
dass der Weg sie wenigstens in menschenleere Ge- 
genden führe, wo niemandes Blicke sie verletzten. 
Sie kam hinter den Tungelschen und Bääthschen 
Palästen nach der Bucht hinunter, in die der Bach 
rinnt, als sie einen Volkshaufen sich nach der Holm- 
brücke bewegen sah. Froh, einen Gegenstand zu 
haben, der ihre Aufmerksamkeit ablenkte, folgte sie 
dem Haufen. Bald machte er am Brückenkopf, 
wo die Wache in einem Kreise aufgestellt war, halt. 

Nachdem sie sich allmähHch an den Seerand hatte 
durchdrängen können, sah sie, dass sich auf dem 

15* 



228 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

ersten Brückengewölbe etwas zutrug, ohne dass sie 
gleich sehen konnte, was. Innerhalb der Wache stand 
nämlich eine Gruppe von Priestern und Männern des 
Gesetzes, welche Rat zu halten schienen. Als der 
Volkshaufen sich wieder bewegte, so dass sie ihren 
Platz verlassen musste, sah sie, dass aller Auf- 
merksamkeit auf ein weissgekleidetes Weib mit auf 
den Rücken gebundenen Händen gerichtet war, das 
vom Büttel der Stadt mit einem Strick gehalten 
wurde, während zwei Zimmerleute das Brücken- 
geländer vor ihr losmachten. 

— Thekla, siehst du die Hexe, wo du stehst, 
dann. Liebste, lass mich dahin kommen, war eine 
Stimme hinter der jungen Frau zu hören. 

Als Thekla sich umdrehte, erkannte sie die Toch- 
ter des Grafen, Ebba, wieder, mit der sie während 
der Konfirmationszeit etwas befreundet gewesen 
war. Durch das Wiedererkennen geehrt und durch 
das Appellieren an ihren augenblicklichen Vorrang 
gestärkt, wird sie von einer plötzlichen Lust erfasst, 
Beschützerin zu sein, und als der Weibel der Stadt- 
wache das nächste Mal vorbeiging, zog sie ihn 
leise am Rock, grüsste und bat, sich mit ihrer 
Freundin zwischen die Wachen stellen zu dürfen; 
was ohne Schwierigkeit bewilligt wurde, zumal auch 
die Wachen sie von der Zeit her wiedererkannten, 
als sie in die Kaserne kam. 

Jetzt schien die Beratung zu Ende zu sein, und 
ein Mann des Gesetzes las ein Papier vor. 

Thekla konnte nichts hören, aber ihre Blicke 
waren beharrlich auf das junge Weib gerichtet, das 
jetzt die Wasserprobe bestehen sollte. Nur in ein 
weisses Hemd gekleidet, das eine herrliche Gestalt 
verriet, während das lange sqhwarze Haar aufgelöst 
war und über Schultern und Rücken herunterhing, 
zeigte sie ein bleiches aber schönes Gesicht, aus 



EINE HEXE 229 



welchem zwei brennende Augen freimütig über den 
Volkshaufen blickten, ihn mit einem siegesgewissen 
überlegenen Lächeln auf den Lippen messend. 
Sie schien ihnen sagen zu wollen, dass sie doch 
einen Kopf höher sei als sie, dass ihr Geist höhere 
Fähigkeiten besitze als ihrer; dass die Probe, die 
sie jetzt ablegen sollte, ein Zweikampf zwischen 
ihr und dem Allmächtigen sei; dass, auch wenn sie 
unterginge, sie doch die Ehre genossen, mit ihm 
gekämpft zu haben. 

Thekla empfand etwas wie Neid der Lage dieses 
Weibes gegenüber, das an eine Komödiantin er- 
innerte, die sie beim letzten Siegeseinzug unter der 
Triumphpforte hatte auftreten sehen, wie sie die 
Viktoria oder die Göttin des Sieges darstellte. 
Jetzt bestrahlte die Frühlingssonne das Gesicht der 
Hexe, beschien ihre weissen Kleider, und in diesem 
Augenblick schob sie der Büttel an den Brücken- 
rand und stürzte sie ins Wasser. Mit seinen kleinen 
plätschernden Wellen schloss sich das Wasser bald 
über ihrem schwarzen Haar, das wie Seegras noch 
obenauf schwamm, als die weisse Gestalt unten in 
der Tiefe verschwand. 

Da ging ein Gemurmel durch den Haufen, und 
gleich einem Strom drang er vorwärts, schob die 
Wache lunwiderstehlich vor sich her, gegen das Ge- 
länder, das brach. Im nächsten Augenblick sah 
Thekla, wie Fräulein Ebba, die aus der Wache 
herausgedrängt wurde, mit einem durchdringenden 
Schrei ins Wasser stürzte. Ohne sich zu besinnen, 
und von einer Raserei ergriffen, in dem schreck- 
Hchen Schauspiel mitzuwirken, klettert sie am 
Brückenpfahl hinab, fasst das ertrinkende Mädchen 
bei den Kleidern und zieht sie auf die Flossbrücke 
unter das Brückengewölbe; worauf sie selbst, von 
der Anstrengung und dem Geschrei über ihrem 



230 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Kopfe, dem Plätschern im Wasser, den Rufen und 
dem Waffengeklirr der Wachen betäubt, neben dem 
scheinbar leblosen Körper der geretteten Freundin 
auf die Knie sinkt. 



Als Thekla aus ihrer Ohnmacht erwachte und 
die Augen aufschlug, fand sie sich in einem fremden 
Zimmer auf einem Bette liegen. Zu ihren Füssen 
sah sie, als sie ers.t etwas unterscheiden konnte, 
zwei Engelsköpfe, die den Betthimmel trugen; der 
bestand aus kornblumenblauem Sammet mit sil- 
berner Stickerei, und durch die Vorhänge, die wie 
die Gardinen eines Fensters aufgezogen waren, sah 
sie die Rückenlehne eines Stuhls mit einem in Nuss- 
baum geschnitzten gräflichen Wappen ; und dahinter 
einen schwarzen Schrank mit Schubladen aus Elfen- 
bein, auf welchem Kredenzen aus Gold, Silber und 
Perlmutter standen, derengleichen sie noch nie ge- 
sehen hatte, und durch das Zimmer fiel ein orange- 
farbenes Licht von den Sergegardinen der Fenster, 
aber auf der hellen Tapete zeichnete sich ein Fleck 
mit den sieben Farben des Regenbogens ab; die 
wurden von einem geschliffenen Kristallbecher ge- 
brochen, der auf dem Fensterbrett stand. 

Als Thekla die Besinnung wieder erlangt hatte, 
erinnerte sie sich an die sich überstürzenden Er- 
eignisse der letzten Stunden: den Auftritt mit dem 
Vater, die Flucht aus dem Hause, die Austreibung 
aus dem Garten des Königs, Fräulein Ebbas un- 
vermutete Anwesenheit, die Hexe, das Vordrängen 
der Volksmasse, das Abenteuer in der See und ihr 
eigenes Einschreiten bei der Lebensgefahr des 
jungen Fräuleins. Aber da stieg der Gedanke an 
die wartenden Gäste, an die Unruhe des Mannes 
so heftig in ihr auf, dass sie sich vom Bette erhob 
und auf den Fussboden sprang. Merkend, dass sie 



EINE HEXE 231 



in Kleidungsstücke gekleidet war, die ihr fremd 
waren, wandte sie sich einem Spiegel zu und sah, 
dass sie einen seidenen Rock mit einem geblümten 
Sammetmieder und kleine Schuhe aus Hirschleder 
mit farbigen Stickereien trug. Sie verweilte vor 
dem Spiegel, um ihre jugendliche Gestalt zu be- 
trachten, die ihr noch nie so anmutig vorgekommen 
war; sie strich mit den Händen über das weiche 
Zeug, Hess den Fuss sich in dem weichen Schuh 
gegen den schwellenden Teppich biegen, und ord- 
nete ihr aufgelöstes Haar, als sie ein kurzes, klingen- 
des Lachen hinter sich hörte, sich von zwei kleinen 
Händen umfangen fühlte, während ein Kuss auf 
ihr Ohr klatschte. 

— Siehst du, du Garstige, du musstest doch er- 
wachen, rief Fräulein Ebba aus, und wärest du 
nicht erwacht, so hätte ich mich tot geweint, dass 
ich dir nicht für meine Rettung aus Seenot habe 
danken können. 

— Werte Frau, war des Grafen Stimme hinter 
den jungen Frauen, die sich umschlungen hielten, 
zu hören, erlaubt mir, aus meinem gerührten Herzen 
den Dank eines Vaters vorzubringen für die helden- 
mütige Art, mit ider Ihr einem Witwer sein einziges 
Kind, seine einzige übriggebliebene Freude im 
Leben, gerettet habt. 

Und mit wirklicher Rührung beugte der stattüche 
Greis sich nieder und küsste Thekla die Hand, wäh- 
rend sie vor Verwunderung über die hohe Gnade, 
die ihr so plötzHch widerfuhr, verstummte. 

— Jetzt, nahm der Graf wieder auf, muss ich be- 
klagen, dass meine Stellung im Heere mich nötigt, 
bereits morgen die Stadt zu verlassen, und meine 
Tochter begleitet mich bis Elfsnabben; wenn sie 
aber zurückkommt und nach Sandemar übersiedelt, 
hoffe ich, Ihr vergönnt ihr das Vergnügen, eine 



232 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

SO ungewöhnliche Frau als ihren Gast bei sich zu 
sehen. 

Thekla dankte mit einer Gebärde und einigen 
unverständlichen Worten, die sie hervorstammelte. 

— Und da ich Euch wiederhergestellt sehe, 
schloss der Graf, und vermute, dass Euer Mann 
mit Ungeduld seine junge Frau erwartet, habe ich 
den Wagen anspannen lassen, der Euch nach Hause 
bringen soll. 

Der Graf bot der immer noch verwirrten Thekla 
seinen Arm und führte sie durch eine Reihe von 
Gemächern, von denen eins prächtiger als das andere 
war. Und als sie in den Flur kamen, legte er ihr 
einen Pelzmantel über die Achseln. Indem er bat, 
ihre Kleider am nächsten Morgen senden zu dürfen, 
gab er dem Hofmeister einen Wink, sie die Treppe 
hinunter zu begleiten. 

Nachdem Fräulein Ebba sie immer wieder um- 
armt und schliesslich gebeten hatte, ihre Freundin* 
bald wieder bei sich begrüssen zu können, befand 
sich diese in einem geschlossenen Wagen, der, wäh- 
rend die Lakaien die Tore öffneten, so weich über 
die Pflastersteine dahinrollte und dessen gepolsterte 
Kissen sie vor jedem Stosse schützten. Thekla konnte 
nur still die imglaubliche Gnade desselben Ge- 
schickes preisen, das vor wenigen Stunden ihr Fest 
gestört und sie aus dem Paradiese vertrieben, das 
jetzt aber die Erniedrigte erhöht, sie vor der De- 
mütigung, Vorwürfe für ausserachtgelassene Pflich- 
ten hören zu müssen, bewahrt hatte, als der Wagen 
vor ihrer Tür hielt. Aber nicht ganz frei von der 
Furcht, dass der Empfang stürmisch werden könnte, 
schickte sie den Bedienten, der die Wagentür öffnete, 
zu ihrem Manne hinauf, damit er im voraus Herrn 
Clement von allem, was geschehen war, unterrichte 



EINE HEXE 233 



und um seine Hilfe die Treppe hinauf zu bitten, 
da ihr nicht wohl sei. 

Einige AugenbUcke später kam Herr Clement bar- 
haupt heruntergestürzt, umarmte seine Frau, küsste 
ihr die Hände imd lobte Gott, dass er ihm die 
wiedergegeben habe, die er allerdings nicht für um- 
gekommen gehalten, deren Verschwinden ihn aber 
beunruhigt hatte. Und darauf erzählte er, wie er 
und die Gäste den Tisch gedeckt hatten, in der 
Hoffnung, dass die Frau gleich zurückkommen 
werde, da sie sich nur denken konnte, dass sie 
in einem Laden aufgehalten worden sei. Und durch 
die jetzt erzählte Vermutung des Mädchens, dass 
die Frau ihrem Vater gefolgt sei, der sich also 
gleich nach Theklas Fortgang auf und davon ge- 
macht haben musste, wurde sie auch über den 
am meisten gefürchteten Punkt beruhigt. 

Es wurde ein Fest, wie sie es sich nie zu träumen 
gewagt hatte. Sie war die Heldin in mehrfacher 
Beziehung, und ihr krankes Ich glaubte in Seiden- 
watte zu liegen, als Reden und Gesundheiten den 
ganzen Mittag über ihre kleine Person so weich um- 
hüllten. Und wenn sie selbst vom Grafen imd dem 
Palaste sprach, davon, was der Graf gesagt und was 
Fräulein Ebba versprochen hatte, da sassen die Zu- 
hörer still und andächtig da, und als sie das ge- 
blümte Sammetmieder und den blauseidenen Rock 
sahen, bekamen die jungen Kaufleute wirkHche Ge- 
sichte von den Gräflichen. Ein junger .Weinschenk 
wagte sich daran zu erinnern, dass er einst .Wein 
an den Grafen von Schlippenbach verkauft habe 
und selbst mit der Rechnung oben gewesen sei; 
und sofort begannen Thekla und er ein Duo vom 
Palast, erinnerten einander an die Gittertore mit 
den Lanzen, an den Marmor der Treppe, die Fackel- 
halter in den Mauern, die Standbilder des Flurs 



234 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

und die Wappen über dem Portal. Sie verweilten 
so lange bei den Erinnerungen und wiederholten 
sich so beharrHch, dass Herr Clement schliesslich 
zu gähnen anfing, die Pokale füllte und sein immer 
bewundertes „Der Alte ging in den Haselwald" 
singen wollte, als Thekla bat, er möge das Singen 
lassen, da sie so müde sei. 

Herr Clement zeigte gerade deutUche Zeichen von 
Missvergnügen und hatte ein besonderes Glas mit 
dem Goldschmied „auf Kleinbürger wie wir sind" 
getrunken, als es an der Tür klingelte und der 
Kammerdiener des Grafen von Schlippenbach eintrat. 
Im Namen des Grafen und des Fräuleins von 
Schlippenbach bat er dem Geburtstag zu Ehren und 
als ein unbedeutendes Souvenir dieses unbedeutende 
Präsent überreichen zu dürfen, das nur eine Erinne- 
rung sein solle, auf dass Frau Clement sie nicht 
vergesse. Und mitten auf den Tisch stellte er ein 
silbernes Tablett mit Blumen und Früchten, ver- 
beugte sich und ging. 

Jetzt entstand eine neue Aufregung, als man das 
Wunderwerk betrachtete, und die Gesellschaft wett- 
eiferte darin, die Herrlichkeiten bei Namen zu 
nennen. Mitten im Blümenstrauss sass eine weisse 
LiUe, das verstand man, und ringsherum dunkel- 
grünes blankes Laub mit weissen wohlriechenden 
Blüten, die der Drogenhändler entschieden als 
Orangenblüten bezeichnete. Und darum holländische 
Tulpen, Narzissen und FHeder. Alles einen kleinen 
Berg von Orangen, Mispeln, -Granatäpfeln, Quitten, 
krönend, welch letzte Gegenstand einer langen 
Überlegung waren, bis der Baumeister ihren Namen 
nennen konnte, weil er sie in den Steindekorationen 
auf dem De la Gardieschen Palaste gesehen hatte. 

Schliesslich entdeckt Herr Clement mitten in der 
weissen Lilie einen Diamantring, der mit einem 



EINE HEXE 235 



silbernen Faden auf dem Grunde des Blutenkelche^ 
befestigt ist, und der Goldschmied als Sachverstän- 
diger schätzt ihn auf zweihundert Dukaten. 

Jetzt kam der Graf wieder an die Reihe, und 
nun musste sich Herr Clement noch ein Mal durch 
den gräflichen Palast schleppen lassen, von den 
Gitterpforten mit den Lanzen, dem Wappen und den 
Fackelhaltern hören, während der Weinschenk auf 
sein Steckenpferd stieg. 

Ein neuer Versuch Herrn Clements, auf Flügeln 
des Gesanges mit ^em Thema davonzufliegen, lief 
ebenso übel ab wie das vorige Mal, worauf er den 
Schmerz über seinen verlorenen Glanz, der bisher 
das Höchste in den Augen seiner Frau gewesen, 
in Toaste auf Bürger, kleine Leute und Uneben- 
bürtige ergoss. 

Aber Thekla war gar zu glücklich und zu hoch 
oben, um niedergezogen werden zu können ; sie suchte 
statt dessen ihren Mann zu sich zu erheben, und 
als sie ihm die Hoffnung eingeredet hatte, er könne 
vielleicht den Grafen zum Kunden erhalten, hielt er 
sich bereits für eingeführt im Hause. Und jetzt bot 
er selbst auf den Grafen, und als er von Sandemar 
und der versprochenen Einladung hörte, bestritt er, 
da er allein von der Gesellschaft das gräfliche Land- 
gut gesehen hatte, mit Sandemar den Rest des 
Abends, bis die Gesellschaft sich trennte und Thekla 
sich niederlegte, um von dem verlorenen und dem 
wiedergefundenen Paradiese zu träumen. 



Y 



Achtes Kapitel 

An einem strahlenden Maimorgen stand der 
Reisewagen des Grafen vor der Tür am Fischer- 
hafen. Herr Clement war die letzten Tage mit 
seinem Leben nicht ganz zufrieden gewesen, denn 
seine junge Frau hatte Unruhe und Lärm im Hause 
verbreitet. Ihr mussten neue Kleider genäht werden, 
und dazwischen eilte sie zu Besuch beim Grafen auf 
dem Blasieholm, und ein Mal hatte Fräulein Ebba 
die Visite erwidert; da aber Herr Clement bei der 
Gelegenheit nicht zu Hause war, musste er sich mit 
mündlichen Berichten über die Ehre begnügen, die 
ihm widerfahren. Inzwischen hatte er so viel vom 
gräflichen Hause zu hören bekommen, morgens, 
mittags und abends, dass seine kleine Person in 
seinem bescheidenen Heim sich nicht mehr wohl 
fühlte. Darum Hess er jetzt seine Gattin mit einer 
gewissen Erleichterung und doch nicht ohne 
Unruhe fort. Ihr Glück hatte erst so kurze Zeit 
gedauert, dass er sich über die Augenblicke schämte, 
wo er glaubte, die kommende Ruhe geniessen zu 
können ; darum und um dem Schmerz des Abschieds 
zu entgehen, nahm er schnell Abschied, ehe der 
Wagen anlangte, und ging nach der Kaufmannstrasse 
hinunter in seinen Laden; auch wollte er Fräulein 
Ebba nicht vorgestellt werden, da er sich für zu 
gering hielt, um ihre Bekanntschaft zu machen. 



238 • KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Frau Thekla hatte in einem Wirrwarr seliger Ge- 
fühle gelebt und darum dem zuletzt etwas mürrischen 
Manne nicht viele Gedanken widmen können. Und 
als jetzt der Lakai mit der Nachricht heraufkam, der 
Wagen stehe vor der Tür, verliess sie ihr durch 
die Reise Vorbereitungen in Unordnung gebrachtes 
Heim mit einer gewissen Erleichterung. Und als 
der Wagen am Ufer des Fischerhafens dahinrollte, 
wo die Schiffe zu Hunderten lagen, flaggend und 
von Möwen und Schwalben umschwebt, war es ihr, 
als ob sich noch einmal ein neues helles Leben vor 
ihr auftat. 

Sie fuhren über die Nordbrücke, den Vorstadt- 
markt, den Blasieholm, um über die Walmundinsel 
nach dem Blockhauszoll zu kommen, von wo die 
Galeere des Grafen sie nach Sandemar bringen sollte. 
Und als sie schliesslich durch die königlichen Tier- 
parks fuhren und nach dem Blockhaus kamen, 
wo der grosse Fjärd sich öffnete, brach Thekla in 
Weinen aus, hingerissen vom Anblick des Meeres, 
wie sie es nannte. 

Bei einem günstigen Nordwestwind würden die 
grossen flügelähnlichen Segel gehisst, der Trom- 
peter blies einen Appell; das Blockhaus antwortete 
mit dem Schuss einer Drehbasse, und jetzt schoss 
die Schnecke dahin, hinaus zwischen Jachten, Kauf- 
fahrern und Kriegsschiffen, die auf die Stadt zu 
kreuzten. 

Die jungen Frauen hatten auf Deck Platz ge- 
nommen, unter einem Sonnenzelt, und der Kammer- 
page wartete ihnen auf, ein neunzehnjähriger Frei- 
herr, dessen Eltern tot waren, und der jetzt seine 
erste Erziehung im Hause des Grafen von Schlip- 
penbach erhalten sollte. 

Während der Frühlingswind leise mit den Segeln 
fächelte und von den Kleewiesen des Ufers Wohl- 



EINE HEXE 239 



gerüche herführte, spracjji der junge Freiherr höf- 
liche Worte zu den beiden Damen und mischte 
Verse aus italienischen Dichtern ein, die Thekla 
allerdings nicht verstand, die aber darum wie 
Musik auf ihr Ohr wirkten. Und nie hatte sie so 
artige Manieren gesehen, noch nie eine so feine 
Gestalt bei einem jungen Manne. Und als er 
schliesslich, nachdem Wein und Früchte auf Deck 
gebracht waren, seine Laute nahm und sang, da 
glaubte Thekla, weit von der Erde entfernt zu sein; 
die hatte sie ja nur beurteilen können von dem 
dunklen Torweg mit den Ratten und den Seeleuten 
in der Herberge. 

Thekla glaubte wohl zu verstehen, dass der junge 
Adelige auf dem Wege war, Fräulein Ebbas Lieb- 
ster zu werden, und darum hörte und sah sie deren 
Liebesgetändel mit den allsehenden und verstehen- 
den Blicken der bereits Eingeweihten, stellte sich 
aber, als sehe und höre sie nichts. Und als der 
Baron Magnus, wie er hiess, in einer hochgestimm- 
ten Lobrede auf Theklas heldenmütige Handlung 
andeutete, dass ihr die Welt dafür zu danken habe, 
dass Fräulein Ebba mit ihrer Schönheit und Jugend 
die Lebenden noch erfreuen könne, fühlte sie sich 
als die Beschützerin der jungen Leute; zugleich 
aber sah sie dadurch nicht ohne eine gewisse Weh- 
mut, dass sie zu den Alten gehörte, welche die 
Hoffnung auf ein bevorstehendes Liebesglück auf- 
gegeben haben. Und als sie jetzt von ihrem Alter 
und ihrer Erfahrung sprach, nahmen die Jungen 
sich vor, sie Schwiegermütterchen zu nennen; was 
zugleich dazu beitrug, Thekla über sie zu erhöhen 
und den Verkehr der Liebenden so ungezwungen 
wie tunlich zu machen. 

Während der Zeit fuhr die Galeere über Fjärde 
und Ströme nach Waxholm, wo der Kurs geändert 



240 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

wurde. Bei Djurhamn trafen sie ein Geschwader 
der königlichen Flotte, das gerade die Anker ge- 
lichtet und auf Stockholm zu kreuzen wollte. Und 
gegen Abend passierte man das Zollhaus von 
Dalarö; worauf Sandemar in Sicht kam. 

Für Thekla war dies ein Zauberschloss, wie es 
sich jetzt bei Sonnenuntergang offenbarte. Unten 
von dem weissen Sandufer mit seinem Bootshafen 
und seinen Landungsbrücken, seinem Badehaus und 
seinem Seepavillon, erhob sich ganz allmählich ein 
Park mit dunklen Buchsbaum- und Eibenkandela- 
bern, -Pyramiden, -polygonen, zwischen denen weisse 
Standbilder von Göttern, Nymphen, Kobolden und 
Drachen aufgepflanzt waren. Und auf dem Boden 
lagen Blumenbeete mit Narzissen, Hyazinthen, Tul- 
pen in der lieblichsten Farbenpracht ausgebreitet. 
Dahinter erhob sich die Fassade des Schlosses mit 
Glockenturm und Flaggenstange, Wimpeln und 
Wetterfahnen, Zinnen und Türmen; weiterhin lagen 
die Gärten, ganz hinten von dem Gebäude des Ver- 
walters mit den Viehställen und Wirtschaftshäusern 
begrenzt. Die Ufer waren bekränzt von Wäldern 
mit dunklen Föhren auf bemoosten Klippen, die 
steil aus der See emporstiegen. Und draussen auf 
dem Fjärd erhob sich die Schanze von Dalarö mit 
ihren Kanonen und Wachtposten, den Hafen von 
Elfsnabben bewachend, wo die Flotte sich zu sam- 
meln pflegte, ehe sie auf ihre Kriegszüge auslief. 

Weiter kam Thekla nicht in ihren Betrachtungen, 
da die Trompete des Kastellans schmetterte, Hunde 
bellten, Trosse rasselten, und die Galeere sich an 
die Brücke legte. Und sie wurde vom Baron Magnus 
über den Landungssteg geleitet, um im nächsten 
Augenblick von der alten Hofmeisterin mit Um- 
armungen empfangen zu werden. 



EINE HEXE 



Es waren drei Tage und drei Nächte vergangen, 
als Thekla eines Morgens bei Sonnenaufgang in 
ihrer Kammer auf Sandemar erwachte. Sie hatte 
böse Träume von ihrem Vater und der Hexe auf 
dem Blasieholm gehabt, so dass sie aus dem Bette 
springen musste, um die schlimmen Gedanken ab- 
zuschütteln. Und wie sie nun das Fenster auf- 
machte und den Meeresfjärd sah, den Park mit 
seinen Bäumen im hellgrünen Sommerschmuck, die 
Blumen mit Tauperlen, und die Vögel singen hörte, 
wurde sie erst wieder ruhig, kroch in ihr Bett 
hinein und dachte an die drei seligen Tage, die 
geflohen waren. An den gedeckten Tisch war sie 
gegangen, ohne sich zu sorgen oder sich darum zu 
bekümmern, wie zu einem Fest; war hinausgesegelt 
und hatte das Meer gesehen, das den Blick er- 
weitert und das Herz erfrischt ; sie war in die Wälder 
auf Jagd nach Hasen und grossen Vögeln geritten, 
in den Viehstall und ins Vogelhaus gegangen, hatte 
Hühnerhof und Hundestall besehen, im Parke Feder- 
ball gespielt und im Garten Blumensträusse ge- 
bunden, aber meistens hatte sie im Weissbuchen- 
haus am Schwanenteich gesessen und zugehört, wie 
die jungen Leute sich neckten, wie sie sangen, spiel- 
ten und wieder sich neckten. Das Leben hatte so 
hell vor ihr gelegen, dass sie jeden Augenblick 
die Kirchenglocken zu hören erwartete, denn so 
sonntäglich war ihr alles erschienen. Sie selbst und 
die Menschen trugen ja Sonntagskleider, die Zimmer 
waren ja sonntäglich geschmückt, die Gartenwege 
wie zum Sonntag geharkt, und Sonntagsessen, ja 
Feiertagsessen gab es jeden Tag, und kein Strasserf- 
lärm war zu hören, kein Laufen durch Pforten oder 
Ladentüren, keine Schlägerei, keine Wache, keine 
Gesellen. 

Aber gestern Abend war eine einzige kleine Wolke 

Strindberg,~Klelnö historische Roman« ' 16 



242 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

an der Sonne vorbeigezogen. Fräulein Ebba, die 
allerdings von dem jungen Baron eingenommen 
war, hatte doch launenhafte Augenblicke, wo sie 
Groll gegen ihn zu hegen schien und wo sie sich 
damit ergötzte, ihn zu quälen, wie man eine Fliege 
quält, ohne Ursache. Gestern Abend hatte sie eines 
seiner Geschenke, zu dem er mit grosser Mühe ge- 
sammelt hatte, in den Schwanenteich geworfen, und 
als sich Fräulein Ebba nach einem Wortwechsel 
entfernte, hatte Thekla den Jüngling weinen sehen. 
Mitleidig hatte sie gefragt, was für eine Ursache 
der Kummer habe, und da war er auf die Knie 
gefallen, hatte seinen Kopf in ihren Schoss gelegt 
und sein Herz ausgeschüttet. Er glaube, sagte er, 
Fräulein Ebba werde ihn niemals wirklich lieben, 
weil seine Mutter eine Ausländerin und nicht eben- 
bürtig gewesen sei. 

Da war ein Band zwischen den beiden Uneben- 
bürtigen geknüpft; und die Frau des Kaufmanns, 
die Tochter des Gewaltigers, hatte den Sohn der 
Unebenbürtigen getröstet, seinen schönen Kopf mit 
den schwarzen Locken gestreichelt, und der Be- 
drückte hatte ihre Hände geküsst, sie Schwester 
genannt und gebeten, sie möge seine Freundin 
werden. Und darauf waren sie im Park umher- 
gewandert, bis der Mond aufging; da wurden sie 
von Fräulein Ebba hereingerufen, die sich dann 
den ganzen Abend liebenswürdig gezeigt hatte. 

Thekla fühlte, dass sie jemand geworden war, 
etwas mehr als Lebensretterin, die man zu bezahlen 
suchte, so gut man konnte. Sie war durch einen 
Zufall in das Leben dieser Menschen geworfen, 
ein kleiner Teil des grossen Triebrades geworden, 
das ihre Geschicke in Bewegung setzte, und fand 
zu gleicher Zeit, dass sie ihren eigenen Verhält- 
nissen recht fremd geworden. Und dies letzte wurde 



EINE HEXE 243 



ihr auf eine sie erschreckende Weise klar, als einen 
Augenblick später das Stubenmädchen mit einem 
Briefe eintrat, der mit der Postjacht angelangt war 
und aus dessen Handschrift sie sofort erkannte, 
dass er von ihrem Manne kam. 

Seit sie ihr Haus verlassen, hatte sie nicht einen 
Gedanken an ihn gedacht, noch eine Sehnsucht nach 
ihrem eigenen Heim empfunden. Als sie darum jetzt 
seine zärtlichen Ergüsse und seine Bitten las, sie 
möchte wieder heimkehren, empfand sie die wie 
einen Vorwurf, und aus den Bitten vmrden Befehle. 
Es war, als ob eine fremde rohe Hand sie aus 
ihrem Himmel reissen und sie wieder niedertreten 
wolle. Sie war erstaunt, dass sie so empfinden 
konnte, so bald nach ihrer Hochzeit, und als sie 
sich fragte, ob sie wirklich diesen Mann so liebe, 
wie sie g^laubt hatte, musste sie nein antworten. 
Und doch hatte sie es getan, damals, als sie sterben 
wollte, wie er im Sommer fortgereist war. 

Um sich von Zweifel und Vorwürfen zu befreien, 
setzte sie sich hin, um die Antwort auf den emp- 
fangenen Brief zu schreiben. Mild aber bestimmt 
lehnte sie die Forderung ihres Mannes, früher zu 
reisen, als die acht Tage zu Ende waren, ab, in- 
dem sie vorgab, sie könne ihr Versprechen nicht 
brechen, am allerwenigsten, wo die Gelegenheiten 
so schwierig seien. 

Als sie den Brief abgesandt hatte, war es ihr, 
als sei eine Schuld bezahlt oder mindestens ge- 
strichen. Und nachdem sie sich angekleidet hatte, 
ging sie mit ruhigem Herzen in den Park hinunter. 

Der Morgen war kühl und die Blumen waren 
noch feucht vom Tau; der Fjärd lag dunkelblau 
da und plätscherte gegen die Bootbrücke, wo die 
Möwen über dem flachen Kahn des Fischers kreisten, 
in dem blanke Strömlinge haufenweise lagen. 

16* 



244 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Thekla wurde von einem starken Verlangen er- 
griffen, aus der Einfriedigung hinauszukommen, aber 
auf die See wagte sie sich nicht allein, und sie hatte 
keinen Diener zur Hand, um sich führen zu lassen, 
aber hinaus musste sie, und da die Pforte offen 
stand, wanderte sie an den Strand hinunter. 

Es kam ihr vor, als atme sie gleich freier, und 
der weiche weisse Sand knirschte so zart um ihre 
Füsse, auf den schwarzen Tangbänken ging es sich 
wie auf wollenen Teppichen, und der Fichtenwald 
am Seerande duftete so stark, verbarg so gut und 
schützte gegen Neugierige von der Landseite. Darum 
machte sie das allzu enge Mieder auf, dessen un- 
gewohnte Fischbeine sie gequält hatten, nahm ihren 
Hut in die Hand und wanderte am Strande dahin, 
leise singend und aufgeräumt. Plötzlich hörte das 
Sandbett auf, und der Boden wurde steinig, aber 
es waren nur gutgeschliffene Kieselsteine, so glatt, 
dass sie sich nicht abhalten Hess, auf ihnen weiter 
zu gehen. Dann aber kam grosses Geschiebe, kamen 
scharfe eckige Blöcke, über die sie zuerst hüpfte, 
bis sie müde wurde. In den Wald wollte sie nicht 
gehen, denn sobald sie die grosse helle See aus 
den Augen Hess, wurde ihr bange. Als aber schliess- 
lich der Strand nur aus scharfkantigen Schluchten 
bestand und sie den Schwanz einer Schlange er- 
blickte, musste sie sich darein finden. 

Zuerst ging der Steig ungebahnt durch Kiefern 
und Heide, die bis ans Bein hinaufreichte und sie 
zusammenzucken Hess, wenn sie an verborgene 
Schlangen dachte; wo sie auch den Fuss hinsetzte, 
sank das weiche Bett, und so musste sie wie ein 
Hase von Erdhöcker zu Erdhöcker hüpfen. Das Blut 
klopfte in den Schläfen, die Brust arbeitete, und 
keuchend und zitternd erreichte sie schliesslich einen 
Fusssteig, auf dem sie sofort festen Fuss fasste, als 



EINE HEXE 245 



habe sie sich aus der See gerettet. Nach dem Stande 
der Sonne konnte sie ungefähr beurteilen, in welcher 
Richtung der Herrenhof hegen mußte, und als sie 
den Fusssteig sich nach rechts winden sah, wusste 
sie, dass er nach Hause führte, wenn sie nur 
aushielt. Der dichte Wald fing jetzt an lichter zu 
werden, und zwischen den schmalen Baumstämmen 
sah man eine blaue Rauchsäule aufsteigen. Ein 
schwarzer Hackspecht mit rotem Genick hämmerte 
im Nu einen Kiefernstamm an, so dass das bereits 
erregte junge Weib zusammenfuhr und von dunklen 
Gedanken überfallen wurde, leichtgläubig und 
schreckhaft, wie es war. 

Der Fusssteig erweiterte sich zu einem Fahrweg, 
und der führte nach einer Kate, deren Wände zum 
grösseren Teile von den Hängen eines Hügels ge- 
bildet wurden. Als Thekla zu der kleinen wackeligen 
Tür kam, die nur aus einigen Bootsplanken bestand, 
auf die Ruder als Querhölzer genagelt waren, sah 
sie, dass die Klinke inwendig an einer Strippe hing, 
woraus sie schloss, daß niemand zu Hause sei. Sie 
sah sich also die sonderbare Hütte an und bemerkte 
ein Bockshorn, das über der Tür festgemacht war, 
und ein Hufeisen mitten auf der Schwelle; in einem 
Napf in der Ecke wuchs ein Liebstöckel, das einen 
furchtbaren Gestank von sich gab, als sie sich nieder- 
beugte, um es zu beriechen, und hinter dem widrigen 
Kraut lag ein Igel zusammengerollt und schlief. 

Das ungewöhnliche Äussere des Ortes fing an, 
Thekla Entsetzen einzuflössen, und sie wollte gerade 
ihres Weges gehen, als sie aus dem Innern der 
Hütte Stimmen hörte. Die Neugier besiegte für 
einen AugenbUck ihre Furcht, und sie legte ihr Ge- 
sicht an die Tür, um durch einen Spalt zu sehen, 
was drinnen vorging, als sie mit einem schwachen 



2A6 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Aufschrei zusammenfuhr und sich schleunigst hinter 
der Ecke verbarg. 

Mit schleichenden Schritten begab sich Thekla in 
den Wald zurück, um von dort den Fusssteig auf- 
zusuchen, der heimwärts führte. Was sie in der 
Hütte gesehen, hatte sie auf das aliertiefste er- 
schüttert, am meisten, weil sie sich Fräulein Ebbas 
Anwesenheit bei diesem verborgenen alten Weibe 
nicht zu erklären vermochte, das nichts anders sein 
konnte als eine Hexe, nach den äusseren Zeichen 
zu urteilen, die sie gleich einem Schilde aushing. 

Durch einen gewöhnlichen Richtweg, den die Ge- 
danken einzuschlagen pflegen, wenn Gleiches 
Gleiches sucht, erinnerte sie sich jetzt an den auf- 
tritt auf der Brücke vom Blasieholm, dachte an 
Fräulein Ebbas Teilnahme am Geschick der Hexe, 
und wunderte sich jetzt erst darüber, dass sie nicht 
gleich über die Ursache nachgedacht hatte, warum 
ein feines Fräulein in einem rohen Volkshaufen einem 
solchen schreckHchen Schauspiele beiwohnt. Die bei- 
den ähnlichen Ereignisse verbanden sich jetzt in ihren 
Gedanken, und das eine offenbarte sich als die Ur- 
sache des andern; sie vermählten sich miteinander 
und gebaren eine neue furchtbare Frucht, die mit 
der ganzen Keimfähigkeit des Argwohns sich zu 
der festen Gewissheit des Unbewiesenen auswuchs: 
Fräulein Ebba war eine Hexe. 

Darauf kam ein Nachtrab von Folgerungen her- 
vorgestürzt, Berechnungen dessen, was daraus her- 
vorgehen konnte; indem sie, was geschehen, auf 
sich selbst bezog, glaubte sie, etwas Unvorteilhaftes 
könne für sie eintreten. Denn angenommen, die 
Sache würde entdeckt, was in diesen Zeiten leicht 
geschehen konnte, so würde Thekla aus dem Para- 
diese vertrieben und wieder in die Grube hinunter- 
gestürzt werden, die sie in dijem Anfalle von Über- 



EINE HEXE 247 



mut vielleicht in eine künftige Drachenhöhle verwan- 
delt hatte. Wie ein Blitz traf es sie, dass sie diesen 
Morgen hochmütige Worte an ihren Mann geschrie- 
ben, ihn zu belehren gesucht hatte, dass es andere 
und höhere Gesichtspunkte für die Verhältnisse des 
Lebens gäbe, als er glaube, und dass die Vorstellun- 
gen vom Passenden, von Versprechungen, vom Zu- 
sammenleben bei ihm nicht so ausgebildet seien wie 
bei anderen glücklicher Gestellten. 

Von all diesen Worten, die sie jetzt in ihrem 
Ohre hörte, beunruhigt, beschleunigte sie ihre 
Schritte, um nach Hause zu eilen und, wenn mög- 
lich, den Brief zurückzuerhalten, ehe er abgegangen 
war. 

Der Wald lichtete sich wieder, die Felder lagen 
bald offen da, und sie erreichte die Gartenpforte, 
ohne einen Menschen zu treffen; worauf sie ihren 
Anzug in Ordnung brachte, ihre Schuhe putzte und 
ins Schloß hinaufeilte. 

Der erste, den sie aufsuchte, war das Kammer- 
mädchen, das den Brief an sich genommen hatte. Es 
erklärte leider, er sei bereits mit der Jacht abge- 
gangen. 

Mit steigender Unruhe ging Thekla in die Woh- 
nung hinein, deren Türen ihr alle offen standen, kam 
an sich verneigenden Kammermädchen und sich ver- 
beugenden Lakaien vorbei; und als sie diese dicken 
Mauern wiedersah, welche die Kälte ausschlössen, 
diese Büffets mit Schüsseln und Kannen, die sicher 
niemals leer stehen würden, empfand sie die Ruhe, 
die der Reiche fühlen muß; und alle Gedanken an 
eine nahende Austreibung aus dieser festen Burg 
waren verjagt. 

Ohne es zu wissen, war sie in die BibHothek 
gekommen. Folianten in weissem Pergament, Quart- 
bände in schwarzem Karduan, kleine Flugschriften 



248 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

und Dissertationen auf türkischem Papier, Stösse 
von Handschriften auf Olifant- und Karduspapier 
bekleideten die Wände des gewölbten Raumes, unter 
dessen Scheitel ein Salamander hing. Mitten auf dem 
grossen Eichentisch stand ein Astrolab und ein 
Globus. 

Thekla ging umher und befingerte Bücher und 
Instrumente, zerstreut, geistesabwesend, wie in Fra- 
gen versunken, auf die sie keine Antwort finden 
konnte. Plötzlich blieb sie vor einem Gestell stehen ; 
nahm auf gut Glück einen braunen Quartband in 
Leder und mit Schhesshaken heraus und bemerkte 
im selben Augenblick, dass dahinter ein kleines vier- 
eckiges Buch steckte, das einem Almanach glich. 
Die Neugier war geweckt, und sie zog den kleinen 
Band hervor, der augenscheinUch da verborgen war. 
Sie betrachtete zuerst den Umschlag, der in rolter 
Tinte das Wappen der Jungfrau Maria trug: zwei 
gekreuzte Dreiecke und Nägel aus Christi Kreuz 
oder drei gerade Striche drei andere kreuzend. Dar- 
auf öffnete sie den Band und las in schwarzer Hand- 
schrift: „Das Buch der Schwarzkunst oder Cypria- 
nus, das ist all die geheime Kunst von Deutungen, 
Wahrzeichen, Verzauberungen, nebst einer wahrhaft 
tigen und kurzen Unterweisung in Blocksbergfahr- 
ten und Trollhöhen, darinnen klärlich beschrieben 
wird, wie Botil aus Lindenberg in der Gründonnersr 
tagnacht nach dem Blocksberg geführt wurde, und 
was er da vernahm und schaute." 

Sie blieb bestürzt stehen, und konnte nur das 
braune Buch auf seinen Platz zurückstellen, während 
sie mit den Blicken über die Blätter der wunderbaren 
Schrift fuhr. Aber die Gemütsbewegung war zu 
stark, und das Blut stürzte ihr in die Augen hinauf, 
dass sie nicht ein Wort lesen konnte. Mit dem Buch 
in der Hand setzte sie sich in den grossen Lehnstuhl 



EINE HEXE 249 



nieder, um sich zu erholen ; und um die Augen aus- 
zuruhen, Hess sie sie die langen Reihen der Bücher 
überfliegen, versuchte an nichts zu denken, um aus 
ihrer Verwirrung heraus zu kommen. Aber ein Ge- 
danke schlich sich dennoch hervor, unwiderstehlich, 
die vielen, die sich vordrängen wollten, überstim- 
mend. Wie konnte sie wissen, dass die Schrift gerade 
hinter dem Buche stand ? Warum wurde ihre Hand 
unter so vielen anderen hundert Büchern nur dahin 
geführt ? 

Jetzt begann die Einbildung zu spielen, und sie 
sah in ihre Person eine Sehergabe niedergelegt, die 
den Alltagsleuten fehlte. Sie dachte jetzt an ihre Ge- 
sichte, die sie als junges Mädchen gehabt hatte; 
rechnete dazu die wunderbare Fähigkeit, gerade den 
jungen Mann an sich zu locken, den sie hatte haben 
wollen; erinnerte sich, wie ihr grausamer Wunsch, 
die unbequeme Mutter los zu werden, gerade zu 
rechter Zeit erfüllt worden; dachte an den glück- 
lichen Schritt, den sie getan, als sie zufällig zu der 
Hexe auf der Brücke des Blasieholms kam und das 
junge Fräulein rettete — ohne Zweifel, sie gehörte 
zu den Auserwählten, den mit einem doppelten Ge- 
sicht Begabten; sie stand unter dem Eirifluss einer 
höheren Macht, Aber welcher? 

Sie Hess die Augen auf das Buch fallen, wurde 
von einem neuen Schrecken erfasst und sprang auf, 
um das Buch an seinen Platz zu stellen. Aber siehe 
da, sie konnte das braune Buch mit den Schliess- 
haken nicht wiederfinden. Sie war ganz sicher, dass 
es dort gestanden hatte, dort auf dem Gestell, aber 
jetzt stand ein anderes an dem Platze. Oder war 
es nicht das Gestell? Doch das war es, eben das. 

Da waren draußen im Saal Schritte zu hören, 
und unfähig, sich zu entschliessen, wo sie das gefähr- 
liche Buch hinstellen solle, steckte sie es in ihre 



250 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Rocktasche, im selben Augenblick, als Fräulein Ebba 
in die Bibliothek trat. 

Mit strahlenden Blicken und rosigen Wangen ging 
das junge Fräulein ihrer Freundin entgegen, küsste 
ihr die Stirn und fragte sie, wie sie sich befinde. 
Und als sie ihre Blässe und ihren aufgeregten Zu- 
stand sah, schlug sie vor, ins Badehaus hinunter 
zu gehen, um sich zu erfrischen, wogegen Thekla 
nichts einzuwenden hatte. 

Nachdem sie also Badekleider, Kämme und 
Schwämme geholt hatten, gingen die beiden Freun- 
dinnen durch den duftenden Park an den Strand 
hinunter. Thekla wurde es schwer etwas zu sagen, 
aus Furcht, sie könne ihr Geheimnis verraten; sie 
fühlte das furchtbare Buch in ihrer Tasche brennen, 
bis schliesslich Fräulein Ebba, die das Drückende 
des Schweigens empfand, plötzHch still stand, der 
Freundin die Hände auf die Schultern legte und mit 
der offensten Miene von der Welt fragte : 

— Kannst du raten, wo ich diesen Morgen ge- 
wesen bin? 

Thekla fuhr zusammen; ungewiss, ob'sie entdeckt 
worden war oder nicht, antwortete sie. 

— Nein, Liebste, wie soll ich das wissen? 

— Ja, dann sage ich es nicht, nahm Fräulein 
Ebba zurück. 

— Oh doch, sage es, bat Thekla. 

Fräulein Ebba überlegte einen Augenblick, worauf 
sie wie zu sich selber sagte: 

— Ich habe davon doch nur UnannehmHchkeiten. 
Und damit tanzte sie über die Brücke, die zum 

Badehause führte. 

In den prachtvollen Pavillon gekommen, der mit 
Stühlen und Tischen aus indischem Rohr möbliert 
war, fingen sie an, die Kleider abzulegen. 

Obgleich selbst Weib, konnte es Thekla doch nicht 



EINE HEXE 251 



unterlassen, die herrliche Gestalt zu bewundern, die 
sich jetzt vor ihren Augen entblösste. Sie sah einen 
kleinen rosenroten Fuss, weich und wohlgebildet 
wie eine Kinderhand, mit allen Nägeln der Zehen, 
rund, milchweiss wie Perlmutter, ohne eine Runzel 
oder eine Beule ; hingerissen von dem Anblick dieser 
Schönheit in Menschengestalt, beugte sie sich un- 
willkürlich nieder, von demütigem SÄmerz erfasst, 
sich als einen niedrigeren Schlag Mensch erkennen 
zu müssen, und küsste den kleinen Fuss. 

— Was tust du, närrisches Mädchen ! rief Fräulein 
Ebba mit gespieltem Verdruss aus. 

— Ich küsse den Fuss meines Engels, antwortete 
Thekla ergeben und fing an ihre Kleider wieder an- 
zuziehen. 

— - Und dÄ willst nicht baden? fragte Fräulein 
Ebba, das eine Kleidungsstück nach dem andern 
fallen lassend. 

-— Nein, antwortete Thekla, es ist mir zu kalt. 

Die Wahrheit aber war, dass sie vor der Freundin 
ihren Körper nicht entblössen wollte, denn sie 
wusste, dass sie sich ihrer durch Arbeit, schlechte 
Stiefel und Vernachlässigung missgestalteten Füsse 
schämen müsse. 

Fräulein Ebba stand jetzt entkleidet auf der Treppe 
zum Bassin und hielt die Hände gegen ihren in- 
folge der frischen Luft schwellenden jungen Busen 
gedrückt. 

Plötzlich, gleichsam von der Erinnerung an eine 
ähnliche Lage erfasst, rief sie aus, indem sie sich 
ins Wasser warf: 

— Lass mich sehen, ob ich eine Hexe bin und 
schwimmen kann. 

Das durchsichtige Wasser teilte sich und schloss 
sich über der blendendweissen Gestalt, deren Bogen- 
linien mit denen der Woge, die vom Meere herein- 



252 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

rollte, zusammenzuschmelzen schienen, und das veil- 
chenbraune Haar breitete sich auf der Welle aus 
wie ein Büschel ausgerissenen Seegrases. Darauf 
legte sie sich auf den Rücken, und siehe, sie 
schwamm auf dem Wasser wie ein Span. 

Thekla empfand eine Beklemmung, als sehe sie 
den schrecklichen Auftritt von der Brücke des Blasie- 
holms wieder, und auf die Wahrnehmungen des 
Morgens und Vormittags häufte sich die eben ge- 
machte. 

Wie sie aber diese blühende Jungfrau in der 
majestätischen Schönheit ihrer ganzen Nacktheit sah, 
dieses ruhige Lächeln, diese reinen Blicke, die sie 
vom Wasser gerade hinauf in Gottes blauen Himmel 
zu werfen schien, ohne zu bhnzeln, musste sie sich 
fragen, ob ein verderbter Mensch, dÄ sich bösen 
Mächten verschworen, so aussehen könne. 

— Siehst du, dass ich eine Hexe bin! rief das 
Mädchen im Wasser wiederholt, wie sie schwimmend 
dalag, alle Glieder unbeweglich, die Hände ausge- 
nommen, die unmerkHch ruderten wie die Flossen 
bei einem stillstehenden Fische, der sich gegen den 
Strom zu halten sucht. 

Eine Wolke zog in diesem AugenbHck an der 
Sonne vorbei, und die weisse feine Gestalt im Bassin 
schien leichenblau zu sein in dem jetzt tiefgrünen 
Wasser. Eine Möwe, die von der Wolke in ihrem 
Fischen gestört war, schrie hoch oben über dem 
Badehause. Im selben Augenblick läutete die Mit- 
tagsglocke, lind Thekla, die bereits vorher er- 
schrocken war, Hess ihre Einbildung drei an sich 
unbedeutende Ereignisse zusammenstellen, die ein 
Zufall auf ein und denselben Zeitraum zusammen- 
geführt hatte, so dass sie drohende Vorboten, Wahr- 
zeichen und dergleichen zu sehen glaubte. Und in 
einem Anfall von Muttersucht fing sie an, ein Ge- 



EINE HEXE 253 



bet an Gott und seinen eingeborenen Sohn heraus- 
zuschreien. 

Von diesem unerwarteten Ausbruch erschreckt, 
eilte Fräulein Ebba aus dem Wasser heraus, um 
ihrer Freundin beizustehen, die, wie sie glaubte, in 
eine heftige Krankheit gefallen sei. 



Neuntes Kapitel. 

Herr Clement hatte eben am Morgen durch den 
Ladenburschen das Ladenfenster aufmachen und die 
Tafel heraushängen lassen, auf der in lateinischen 
Buchstaben bekanntgemacht wurde, dass hier alle 
Arten Weine, von Rheinwein und Alicante bis zu 
Mumme und Sekt, verkauft würden. Strohwitwer 
seit vierzehn Tagen, war er in einer ungewöhnhch 
zornigen Laune, zumal er auf sein zärtliches Schrei- 
ben vor einer Woche nur eine zeremoniöse, beinahe 
zurechtweisende Antwort erhalten, die ihn in Wut 
versetzt hatte. Nachdem sich aber die Wut gelegt 
hatte, war eine Sehnsucht über ihn gekommen, die 
ihm Lebenslust und Mut nahm; und in dem einen 
Augenblick knirschte er mit den Zähnen und fluchte, 
im anderen weinte und wehklajgte er wie ein Weib. 
Und die Folge war, dass er ein Mal am Tage einen 
Liebesbrief auf der Post abgeliefert hatte, worauf er 
nur eine Antwort erhalten, aber eine solche, dass er 
jetzt am Morgen gegen seine Gewohnheit ein großes 
Glas Sekt nehmen musste, was ihn sowohl weiner- 
lich wie rasend machte. 

Herr Clement war ohne Zweifel ein hübscher 
junger Mann, und ein feiner in den Augen einer 
Torhüterstochter, aber er war auch Kaufmann und 
das vor allem. Wenn er sich also verheiratet und 
eine Wohnung eingerichtet hatte, so war dies nicht 
geschehen ohne die Hoffnung, dass er für seine 



256 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Gaben Gegengaben erhalten würde, das heisst ein 
Weib und ein Heim für sich. Jetzt dagegen war, nach 
einigen Monaten Seligkeit und Kosten, sein Heim 
öde geworden, Und sein Leben hatte dieselbe ein- 
same Farbe wieder angenommen wie während 
seines vorhergehenden Junggesellenstandes. Allein 
bei Tisch, wenn er von seiner Arbeit heimkam, 
allein im Bette, allein auf den Wanderungen des 
Sonntags. Sein Missvergnügen hatte also eine sehr 
soHde Nahrung bekommen, und jetzt, wo er, des 
Bittens müde, sich vorgenommen hatte, die Anwesen- 
heit der Frau im Hause zu verlangen, hatte er eine 
Antwort erhalten. Der gestrige Brief, den er noch 
in der Tasche trug, war nämlich sehr lang gewesen 
und bereits so unähnlich der Frau, die er verlassen 
hatte, dass er fürchtete, sie würden einander fremd 
sein, wenn sie sich wiederträfen. Sie hatte nämlich 
von höheren Gesichtspunkten geschwärmt, von 
denen aus man die Dinge betrachten müsse; an die 
Äusserung des Geistlichen in der Kirche erinnert, 
dass alle Menschen vor Gott gleich seien, aber nicht 
vor der Welt ; die Frage von der Trauung der Seelen 
im Himmel 'und der der Körper auf Erden berührt; 
und schliesslich hatte sie vier Seiten der Liebe des 
Fräulein Ebba zu einem Kammerpagen und Frei- 
herrn, Magnus genannt, gewidmet, dessen hin- 
reissendes Äussere und Innere sie mit einer beun- 
ruhigenden Sachkenntnis schilderte, nicht vergessend, 
den Anteil zu erwähnen, den sie an den kleinen 
Freuden und Leiden der Liebenden genommen hatte. 

Dies Letzte hatte Herrn Clement besonders gereizt 
und ihm solche Unruhe für sein Liebesglück ein- 
geflösst, dass er seinen Besorgnissen Luft machen 
musste. Obgleich er vom ersten Augenblick an 
seinem Schwiegervater gezeigt hatte, dass er sich 
nicht mit ihm verheiratet, sondern nur seine Tochter 



EINE HEXE 257 



mit seinem Antrag beehrt habe, hatte dieser seine 
Besuche bei der Tochter nicht eingestellt, doch am 
liebsten die Stunden gewählt, wo des Mannes Ab- 
wesenheit das Gespräch erleichterte. Jetzt dagegen, 
wo die Tochter fortgereist war, hatte sich der Ge- 
waltiger noch nicht bHcken lassen, und Herr Cle- 
ment hatte große Mühe gehabt, ihn zu finden, um 
ein Gespräch zustande zu bringen. Dem Laden- 
burschen war es gelungen, ihn zu treffen; ohne 
sich allzu rar zu machen, hatte er versprochen, sich 
im Weinladen einzufinden, wo Herr Clement ge- 
rade wartete. 

Als er bei seinem Schwiegersohn eintrat, zeigte der 
Gewaltiger ein etwas verheertes Äussere; müder 
als €r aussehen wollte, liess er sich gleich am Laden- 
tische nieder, nachdem er kurz einen guten Tag ge- 
wünscht hatte. 

— Ja, Schwiegervater, fing Herr Clement an, 
nachdem er ein Glas mit Alicante gefüllt und vor 
seinen Gast gestellt hatte. Die Sache ist die . . . 
dass Thekla ... 

— Was habe ich mit Thekla zu schaffen? 
schnauzte der Gewaltiger. D u bist mit ihr verheiratet 
und nicht ich, nach dem was wir abgemacht haben. 

— Ja, das wissen wir, meinte Herr Clement, aber 
dies ist ein ganz besonderer Fall, da nur das Ein- 
schreiten der väterlichen Autorität eine pflichtver- 
gessene Gattin in ihr Heim zurückführen kann. — 
Gesundheit, Schwiegervater ! 

Der Alte nahm einen gewaltigen Schluck aus dem 
geräumigen Glas, wischte sich den Mund und wurde 
weicher. 

— Soso, sie will nicht zurückkommen. Ist vor- 
nehm geworden — oh ja, das war sie schon vorher 
genug. Da will ich sie holen. 

— Wollt Ihr das, Schwiegervater, dann tut Ihr 

Strindberg, Kleine historische Romane 17 



258 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

ein gutes Werk, das ich nicht so bald vergessen 
' werde. 

— Ich gehe sofort, antwortete der Alte, wenn 
du mir Reisegeld gibst, denn zwei und eine halbe 
Meile, die habe ich schon an einem Tage marschiert. 
Und werde ich mit dem Racker nicht fertig, so magst 
du mich einen Tropf nennen. — Das war ein sehr 
guter Wein ! 

Herr Clement wollte das Feuer des Alten nicht 
durch weiteren Wortwechsel erlöschen lassen, son- 
dern blies das Feuer lieber durch ein neues Glas 
AHcante und einige blanke Taler an, sowie durch 
eine ganze Menge Glückwünsche auf gute Reise. 

Und dann nahm der Alte seinen Stock, trank 
das Glas bis zum letzten Tropfen aus, schüttelte ihm 
die Hand und ging. 



Frau Thekla sass in einer Abendstunde, als sich 
die Sonne auf das Inselmeer senkte, in der Grotte am 
Schwanenteich und sah zu^ wie die weissen Engels- 
vögel segelten und tauchten auf dem stillen runden 
Spiegel, der 'die Rosenfarben des Abendhimmels 
wiedergab. Schwere Gedanken schienen sie zu be- 
drücken, und ihr Fuss, der den Sand scharrte, als 
wolle er ein Tierchen tot treten oder einen Fleck aus- 
tilgen, deutete eine innere Unruhe an, die sich Luft 
machen musste. 

In den letzten Tagen war allerdings nichts beson- 
ders Merkwürdiges auf dem Hofe vorgefallen, aber 
die Beschäftigungslosigkeit hatte Thekla Zeit gegeben, 
über ihre Stellung nachzudenken. Nachdem sich das 
erste Entzücken gelegt, hatte sie angefangen Dinge 
zu bemerken, die ihr früher entgangen waren. So 
hatte sie gesehen, wie Fräulein Ebba ihr zuletzt 
weniger aufmerksam begegnete, wie ßaron Magnus 



EINE HEXE 259 



dafür inständiger in seinen Höflichkeiten wurde; wie 
die Dienstboten ihr direkte Abneigung zeigten und 
ihr sogar Worte von verdächtiger Bedeutung nach- 
riefen. 

Wenn sie alles zusammenstellte, wurde sie 
schHessHch von dem Gedanken erfasst, sie sei zu 
lange geblieben ; als sie aber am letzten Tage ihren 
Vorsatz, abreisen zu wollen, vorgebracht, hatte Fräu- 
lein Ebba ihr beteuert, sie könne nicht zu lange 
bleiben, und sie ausdrückHch gebeten, länger zu ver- 
weilen. 

Als sie jetzt überdachte, was sie in dem Augen- 
bHck empfunden, wo sie beschlossen hatte zu reisen, 
drängte sich das Bild des jungen Baron Magnus 
vor. Und er sah sie mit Au^en an, aus denen zwei 
Wurzelfasern wuchsen, die in ihre Augen krochen, 
Saugwurzeln empor, Nebenwurzeln hinab sandten, 
Ranken und Schüsse bis in die äussersten Fibern 
ihres Körpers warfen, so dass sie sich mit diesem 
Jüngling verwachsen, von seinem Geiste erfüllt 
fühlte. Sie wusste, schien es ihr, an dem Tage, wo 
sie ihn nicht mehr sehen würde, würde sie sterben. 
Alle andern Gedanken, an die Möglichkeit, ihn immer 
zu sehen, an die Folgen ihrer Liebe, wenn sie zum 
Ausbruch kam, an Fräulein Ebbas Unzufriedenheit, 
ihres Mannes Rache und des Gesetzes Strafe, hatten 
keine Kraft, durch das einzige hervorquellende Ge- 
fühl, dass sie ihn liebe, hindurchzudringen. 

Sie hatte ihn den ganzen Tag nicht getroffen, 
und jetzt wurde sie von einer so heftigen Sehnsucht, 
ihn zu sehen, erfasst, dass sie, die längst geglaubt 
hatte, ihn bloss mit ihrem Willen aus der Entfernung 
zu sich rufen zu können, die Blicke auf einen Punkt 
zu heften anfing, ganz hinten in der langen Linden- 
allee. Ihre Augen standen weit offen, und die 
Augenlider blinzelten nicht, während die Pupillen ab- 

17* 



260 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

wechselnd zusammenschrumpften und anschwollen, 
gleich als ob sie einen Gegenstand in der Ferne an- 
sögen, ganz wie die Weichtiere des Meeres ihre 
Opfer durch Kontraktionen ihres kreisrunden Kör- 
pers an sich ziehen. Ihr Gesicht wurde weiß, blutlos, 
und sie blieb so lange stehen, dass ihr ganzer Körper 
in eine furchtbare Erschütterung geriet. Schliesslich 
hob sie den einen Arm und fing langsam an den 
Unsichtbaren zu sich zu winken; erhob den anderen 
Arm; und jetzt gerieten die beiden Hände in eine 
Bewegung, als ob sie an einer Leine zögen, während 
die Lippen bebten, ein leises Gebet oder eine Be- 
schwörung murmelnd. Und siehe, jetzt schimmerte 
in der Ferne, vom Schein der untergehenden Sonne 
beleuchtet, der sich mit dem grünen Lichte vom 
Laube der Linden mischte, die schlanke Gestalt des 
jungen Mannes. Ein Siegeslächeln breitete sich über 
das Gesicht des Weibes, und sie glaubte in diesem 
Augenblick, der Zufall, der den Geliebten jetzt zu 
ihr führte, sei nichts anderes als die Kraft ihres 
Willens und ihres Gelüstes, welche die Vorsehung 
als eine besondere Gabe ihr verliehen hatte. 

Im nächsten Augenblick lag der Jüngling in den 
Armen des leidenschaftlichen Weibes, von ihren 
Küssen bedeckt, lund halb mit Gewalt in die Grotte 
gezogen. 

Da hörte man mit einem Male einige schnelle 
Schritte; Fräulein Ebba erschien in der Öffnung der 
Grotte, im Reitkleid und mit einer kurzen Peitsche 
in der Hand. 

— Gassenliese, Strassendirne ! rief sie mit dem 
Zorn des Verdrusses und verwundeten Stolzes aus. 
Nimm das, und das! 

Und jetzt fiel die Peitsche über Theklas erglühen- 
des Gesicht, während das junge Mädchen ihrer Wut 
Luft machte. 



EINE HEXE 261.^ 



— . Du hast mein Leben aus einer Gefahr gerettet, 
die keinen Heldenmut erforderte, und ich habe dir 
gedankt, dir einen Platz in meinem Herzen und in 
meinem Hause gegeben. Und du stiehlst das Ein- 
zige, was mir heb ist, obwohl du bereits einen Mann 
und ein Heim hast! Aber wie du einst deinen Vater, 
dem du das Leben zu verdanken hast, aus dem Hause 
triebst, so peitsche ich dich jetzt aus meinem heraus ! 
Geh, geh, geh, schmutziges Ding ! Für deinen Dienst 
sollst du Geld haben; das verstehst du vielleicht 
besser zu schätzen als einen freundUchen Sinn, 

Und Thekla vor sich her treibend, durch den Park, 
über den Hof, wo die Lakaien in Reihen standen und 
den unerwarteten Auftritt ansahen, stiess sie hitzige 
Worte des Zorns und der Eifersucht in Schauern 
hervor, während die Gedemütigte mit gebeugtem 
Kopfe die Schläge hinnahm, als ob sie ihr krankes 
Gewissen linderten und beruhigten. 

Als sie aber durch die grosse Hofpforte gedrängt 
wurde und diese hinter ihr zuschlug, da erhob sich 
.einen AugenbUck ihr Selbstgefühl, vielleicht aus 
Harm über das, was sie nun verlor, und bei dem Ge- 
danken an den Empfang, der ihr zu Hause bevor- 
stand; sich gegen den Feind wendend, erhob sie die 
geballte Hand und rief mit einer hohlen Stimme, 
als käme sie aus einem Gefängnisloche: 

— Fluch über dieses Haus ! und Rache über dein 
Haupt, Herrenhündin! 

Aus einem Bodenfenster des Vogtgebäudes, das 
die grosse Pforte beherrschte, wurde im selben 
Augenbhck ein Schmutzeimer über das fluchende 
und rasende Weib, das den Atem verloren hatte, aus- 
gegossen, und die Geschändete flüchtete und Hef 
über das Brachfeld in den Wald. Ihr Hut war herab- 
gefallen, und sie nahm sich jiicht die Zeit, ihn aufzu- 
heben; ihre Füsse brachen über Erdschollen und 



262 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Maulwurfshaufen zusammen, und wenn sie über die 
Gräben sprang, fiel sie mit den Händen in den vom 
letzten Regen aufgelösten Lehm. Schliesslich hatte 
sie den Zaun erreicht; ihre Kleider mit der einen 
Hand raffend, kletterte sie hinauf; sie wollte sich 
gerade auf die andere Seite niederlassen, als sie 
eine Stimme aus den jungen Fichten hörte, eine 
Stimme, die ihr bekannt klang, aber in <iiesem Augen- 
blick so fremd war, weil sie sie lange nicht ge- 
hört hatte. 

— Ich glaube, du reitest abends Holzmähre. 

Niemand hätte dem verzweifelten Weibe in diesem 
Augenblick weniger willkommen sein können, als 
dieser Vater, den sie neulich aus ihrem Heim ge- 
stossea und der jetzt hinter dem Zaune stand, be- 
reit, die Ausgestossene mit offenen Armen zu emp- 
fangen. Es kam ihr vor, als ob wiederum die böse 
Macht, die sie das Schicksal oder den Teufel nennen 
wollte, den Alten ausgesandt habe, um sie einzu- 
fang€n, sie wieder ins Dunkel der Vergangenheit 
zu ziehen, ihren Fall zu verhöhnen und sie aus Rache 
zu peinigen; sie mit seinen knochigen Armen, die 
sich fest um ihren zitternden Körper schlössen, zu 
zwicken, während ein Gestank von Tabak und 
Branntwein von seinem Munde, der sich auf ihre 
Wange geneigt hatte, ausging. 

Ohne auf seine Worte zu antworten, wand sie 
sich aus seinen Armen und eilte ins Unterholz hinein. 



Der Abend war da, und ein starker Nebel kam 
vom Meere her, beleckte das Brachfeld, sog sich in 
den Fichtenwald hinein und nahm alle Form, alle 
Farbe und alles Licht fort. Thekla ging jedoch stetig 
vorwärts, riss sich an W^cholderbüschen, stiess 
gegen Fichteflstämme, zerraufte sich das lose Haar, 



EINE HEXE 263 



fühlte, wie die Füsse vom Moränengrus geschnitten 
wurden. 

Aber vorwärts ging es in halben Sprüngen, und 
ein inwendiges Feuer schützte sie vor der Kälte der 
Nacht, eine einzige unermeßliche Leidenschaft flösste 
dem zerbrechHchen Körper Kraft ein : der Gedanke 
an Rache an der, die sie aus dem Paradiese ver- 
trieben und sie in Erniedrigung und Schande zu- 
rückgeschleudert hatte. 

Die Dunkelheit fiel immer tiefer, die Singvögel 
waren im Walde verstummt und der Weg wurde 
immer schwieriger. Schliesslich fühlte , sie, wie der 
Boden nachgab und der Fuss feucht wurde, und sie 
stürzte über einen Hügel nach dem andern, bis sie 
stehen bleiben und sich an einem Baumstamm halten 
musste. Da hörte sie nur die Pulse an die Schläfen 
klopfen, fühlte, wie das Gehirn sich hob und mit 
einem dumpfen Schlag gegen den Boden des Schä- 
dels fiel, als ob es alle bösen Gedanken, die sich dort 
seit der Kindheit gesammelt, aufgerüttelt hätte. Und 
sie verfluchte Gott, verfluchte ihre Mutter und ihren 
Vater, rief den Teufel an, er möge ihr Beistand gegen 
diesen Himmel gewähren, der sein Licht verbarg, 
eigens um sie in der Nacht irre zu führen. Gestärkt 
durch das Gefühl, jemand zu haben, zu dem sie 
beten, den sie um Hilfe anrufen konnte, der auch 
einst am Morgen der Zeiten aus dem Himmel aus- 
gestossen worden, setzte sie ihre Wanderung fort, 
und siehe, sofort ging sie trockenen Fusses auf einem 
Pfade, der sich durch die Heide schlängelte. Sie 
war erhört worden — glaubte sie, hatte das Wahr- 
zeichen erhalten, fühlte sich im .Schutze einer höheren 
Macht stehen, ganz gleich welcher; sie fühlte, wie 
eine unsichtbare Hand sie leitete, lief zur Probe den 
Pfad vorwärts, ohne gegen etwas zu stossen, bis sie 
schliesslich mit einem Sprunge über einen Graben 



264 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

setzte und sich auf der grossen Landstrasse befand, 
deren helle Kiesschüttung sich im Dunkel wie ein 
Läufer dahinzog. 

Sie war die ganze Nacht gewandert, der Land- 
strasse folgend, aber ohne zu wissen, wohin es ging. 
Als der Tag anbrach und die Sterne erbleichten, 
sah sie rechts vom Wege eine Lichtung im Fichten- 
walde, in der eine offene Bahn aufgebaut war, ähn- 
lich der, auf der die Komödianten im Ballhause 
agierten. Da war nämhch ein erhöhter Boden, auf 
dem sich hölzerne Gestelle mit Block und Leine 
erhoben, wahrscheinlich um die Gardine zu hissen; 
und mitten auf dem Boden stand ein Altar, ähnlich 
dem, auf welchem Iphigenie den Göttern geopfert 
wurde; und gleich vor dem Altar war eine Luke, so 
eine, durch die man in die Unterwelt hinunterstieg. 
Sie war die Treppe hinaufgeklettert, entschlossen, 
sich auszuruhen, und von der Sonne ihre Kleider und 
ihr Schuhwerk trocknen zu lassen. 

Als sie auf diesem Sommertheater stand und sich 
die Zuschauer mit ihren Hunderten von Köpfen auf 
dem Grasplatz sitzen dachte, empfand sie etwas von 
dem Neid der Bewunderung, den sie immer gegen 
die auf dem Theater Auftretenden gehegt hatte. Sich 
zeigen, aus dem Haufen heraus, über den Haufen 
hinaufsteigen, aller Blicke und Augen auf sich ge- 
richtet fühlen, während alle anderen einander ver- 
gassen, das wäre Leben! Welcher Genuss, den an- 
deren ihre Kraft mitteilen, sie mit Empfindungen 
fortgehen lassen, die von ihr in Schwingung ver- 
setzt sind. 

Sie ging auf dem Boden hin und her, erhob die 
Arme zu Gebärden, sprach aus dem Gedächtnisse, 
was ihr in den Sinn kam, und setzte sich schhessHch 
auf den Altar. Als sie aber die Hand ausstreckte, 



EINE HEXE 265 



fühlte sie etwas Klebriges, merkte, dass es etwas 
Fettes und Rotbraunes war, und dass in dem Fette 
lange, goldgelbe Frauenhaare festklebten. 

Da aber fühlte sie ein Schaudern, merkte, dass 
sie in die Höhe fuhr, und hörte ihre heisere Stimme 
ausrufen: Herr Jesus! 

Denn im selben Augenblicke ging es ihr auf, daß es 
die Galgenhöhe sein müsse, und dass sie zum Richt- 
platze vor dem Schanzenzoll gekommen sei. Als sich 
aber das erste Entsetzen gelegt hatte, erwachte die 
Neugier. Das Ungewöhnhche, das SchreckHche 
lockte und hielt sie zurück, und jetzt fing sie ^n, 
die Anordnungen mit einem gewissen Behagen zu 
betrachten. Sie liess die Leinen nieder, in welchen 
so manche Verbrecher gehängt worden waren, legte 
sich die Schlinge um den Hals, und als sie die halb 
zuzog, fühlte sie wollüstige Zuckungen in den 
Beinen. Und als sie über die niedergetretene grüne 
Wiese schaute, glaubte sie den grossen Zuschauer- 
haufen zu sehen. Ohne es zu wollen, kehrten ihre 
Gedanken zurück zu dem Tage und dem Augen- 
blick, wo sie die Hexe auf der Brücke beneidet hatte. 
Wie schön, meinte sie, so zu enden, und gerade jetzt, 
wo ihr das Leben nichts mehr bot, als langsam 
totgepeinigt zu werden von einem Manne, den sie 
beiseite geschoben hatte, der sie einschliessen, sie 
bewachen, auf ihren Husten lauschen würde, bis 
dieser sie schliesslich ins Bett brachte, wo sie ohne 
Zeugen, vielleicht ohne Arzt, zwischen dumpfen 
Laken dahinschwinden würde. Ja, sie wollte sterben, 
aber sich erst rächen, und im Tode die mit sich 
ziehen, die sie «lit ihrem ganzen Klassenhass hasste. 
Und mit dem Scharfsinn und dem Kombinations- 
vermögen des Hasses überschaute sie mit einem 
Seherblick den ganzen Plan, den Umstände, Zufälle 
und eigene Taten bereits zusammengewebt hatten. 



266 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

SO dass sie ihn nur vom Webstuhl herabzunehmen 
und fertig auszubreiten brauchte. 

Siegesgewiss und als eine, die da gerettet worden 
von etwas, das schlimmer als der Tod ist, einem 
qualvollen Leben, stieg sie vom Schafott herab und 
ging wieder auf die Landstrasse hinauf. Mit hoch- 
erhobenem Kopfe, Feuer in den Blicken und festen 
Schritten, begann sie ihre Wanderung nach dem 
"Stadttore, während sie die Morgensonne auf den 
Turmspitzen von Maria und Katharina leuchten sah, 
die sich über der südlichen Vorstadt erhoben. Und 
ein einziger Gedanke, dass bald diese Stadt, vom 
Palast bis zur Hütte, ihren Namen kennen musste, 
wissen würde, dass sie die Freundin der Tochter des 
Grafen Schlippenbach sei, und dass sie im Bunde 
mit dem Geiste stand, dessen Macht in diesen 
Zeiten grösser war, als dass er vom Herrn und 
seinen Dienern bekämpft werden konnte. 



Zehntes Kapitel ^ 

In einem alten Hause auf dem Ritterholm, das 
früher zum Franziskanerkloster gehörte, hatte die 
Hexenkommission wieder ein Mal ihre Sitzung, nach- 
dem sie nahezu zwei Jahre getagt hatte. Die halbe 
Anzahl von den zwölf bestand aus Priestern, die 
halbe aus Ärzten. Es hatte einen Streit gegeben 
zwischen den Vorkämpfern des religiösen Aber- 
glaubens und denen der neuen Wissenschaft. Als 
Schüler des grössten Denkers der Epoche, Cartesius, 
hatten die letzten gelernt an allem Überlieferten zu 
zweifeln; so waren sie dahin gekommen, die Ge- 
wissheit zu suchen, indem sie die Fundamente des 
Beweises selbst untersuchten. Scharen von soge- 
nannten Hexen waren lange zu Scheiterhaufen und 
Beil geführt worden, da sie im Bunde mit dem Teufel 
stehen sollten, bis man schliesslich allgemein anfing 
einzusehen, unter wn,d hinter solchen ungewöhn- 
lichen Erscheinungen müsse etwas Hegen, da die 
Schuldigen sich in Mengen selbst angaben, trotz- 
dem sie wussten, was ihnen bevorstand. Es hatte 
auch Argwohn erregt, dass die, welche sich selbst an- 
gaben, fast immer eine Mitschuldige angaben, die, 
wie sich bei der Untersuchung herausstellte, in einem 
mehr oder minder unfreundlichen Verhältnis zu der 
Angeklagten stand. Und diese angebUchen Mitschul- 
digen hatten niemals das Vergehen auf sich ge- 
nommen, während die A^ngehaltenen mit Freude und 



268 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

f ' 

Trotz dem Tode entgegengingen. Jetzt im Frühling 
hatte man eine Hexe ertappt, die bekannte, sie habe 
alles gelogen, um sich zu rächen ; und als maif alles, 
was in den Bekenntnissen der beiden verflossenen 
Jahre angegeben war, zusammenstellte, so stimmten 
alle Zeugnisse überein; es galt also beinahe für 
bewiesen, dass die Epidemie, die geherrscht hatte, 
sich nur durch Ansteckung hatte mitteilen können, 
das heisst, alle Hexen hatten nach demselben 
Muster gearbeitet und ziemhch mit einerlei Ziel. 

— Ich glaube gefunden zu haben, nahm Doktor 
Hjärne nun nach endlosem Streiten das Wort, dass 
diese sogenannten Hexen unter die Rubriken fallen 
können: bewusste Lügnerinnen, unbewusste Lüg- 
nerinnen und . . . 

— Tertium non datur! unterbrach ihn der Kaplan 
Noraeus von der Grosskirche. 

— Doch, Herr Kaplan, ein drittes gibt es; auch 
ein viertes, fünftes, sechstes und so weiter. Denn, 
so lehrt die neue Logik: dieses Gewebe braucht 
nicht grün oder rot zu sein; es kann blau, gelb, 
weiss, schwarz sein; und es kann auch grün und 
rot auf ein Mal, blaugelb, rotblau und so weiter sein ! 
Was nun diesen Fall der verhafteten Frau Thekla 
Clement anbetrifft, so enthält der eine ganze Serie 
von Motiven, welche ich nach Untersuchungen an 
Ort und Stelle, die ich während der letzten acht 
Tage gemacht habe, glaube erklären zu können. 
Darum bitte ich das Protokoll des ersten Verhörs 
verlesen zu lassen, dass ich es Punkt für Punkt 
durchnehme. 

Der Sekretär Coyet Wurde ersucht, das Protokoll 
zu verlesen, und er las: 

„Dienstag den 23. hujus fand sich vor der Kom- 
mission Frau Thekla Clement geborene Degener 
ein, und gab an, in einem Zustande, der auf Geistes- 



EINE HEXE 269 



Verwirrung deutete, sie sei während des Schlafes 
nach dem Blocksberg entführt worden, und zwar 
von dem hochwohlgeborenen Fräulein Ebba von 
Schlippenbach, die sie für eine Hexe halte und von 
der sie glaube, sie stehe mit dem Teufel im Bunde, 
und zwar aus folgenden Gründen: 

1. solle besagtes Fräulein von Schlippenbach vor 
einigen Jahren bei einer Gelegenheit in der Deutschen 
Kirche, als sie beide als Mädchen für das heilige 
Abendmahl vorbereitet wurden, sie durch Blicke so 
bezaubert haben, dass Thekla Degener seither wie 
von ihr besessen gewesen, dergestalt, dass sie die 
andere hätte sehen können, wann sie gewollt habe, 
und ein Mal auf der Själagärdstrasse auch geglaubt 
habe sie zu sehen, als sie nicht da war; 

2. habe das selbe Fräulein Ebba später die An- 
geklagte verlockt, eine Hexe anzuschauen, die auf 
der Brücke des Blasieholms der Wasserprobe unter- 
worfen wurde, und als Fräulein Ebba, von einer 
eitlen Lust erfasst, ihre Macht als Hexe zu fühlen, 
sich selbst ins Wasser gestürzt habe, sei sie schwim- 
mend verblieben, bis Angeklagte, um sie vor Ver- 
dacht zu bewahren, sie aus der See gezogen, selbst 
aber, wahrscheinlich durch irgend ein geheimes 
Mittel, betäubt worden, so dass sie nicht eher auf- 
gewacht sei, als bis sie sich im Bett des Fräuleins 
im gräflichen Palast auf dem Blasi'eholm befunden 
habe; 

3. habe Fräulein Ebba am selben Tage abends 
ins Haus der Angeklagten einen Korb Früchte ge- 
sandt, nach deren Genuss die Angeklagte sich wie 
behext gefühlt habe, und machtlos, zu verhindern, 
dass sie nachher ins Inselmeer hinausgelockt worden, 
wo Fräulein Ebba die Angeklagte versteckt gehalten, 
während sie selbst geheimen Beischlaf mit einem 
Baron Magnus gepflogen, der daselbst während der 



270 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Abwesenheit des Grafen als Page verkleidet auf- 
getreten sei; 

4. sei Angeklagte eines Tages Fräulein Ebba auf 
ihren geheimen Wanderungen in den Wald gefolgt, 
habe sie dort auf Besuch bei einer Hexe überrascht, 
und habe da den Teufel in Gestalt einer schwarzen 
Katze herumstreifen sehen; 

5. wolle Angeklagte gleich nach dem Besuch bei 
der Hexe während des Badens bemerkt haben, wie 
Fräulein Ebba, gleichsam um zu zeigen, wer sie sei, 
sich ins Wasser geworfen und sich recht lange 
schwimmend erhalten habe, trotzdem sie die Brüste 
mit einer Litze hochgebunden, und Angeklagte 
habe dabei bemerkt, wie gleichsam eine Wolke an 
der Sonne vorbeigezogen und im selben Augenblick 
eine weisse Krähe krächzend davongeflogen sei; 

6. sei Angeklagte, die vergebens mehrere Male 
flehentHch gebeten habe, zu ihrem Manne heim- 
kehren zu dürfen, gegen ihren Willen zurückgehalten 
worden, und habe sich, von Abscheu vor Fräulein 
Ebbas schamlosem Verkehr mit Baron Magnus er- 
fasst, schliessUch genötigt gesehen, mit Gewalt aus 
dem eingehegten Hofe auszubrechen und die Flucht 
zu ergreifen, und sei 

7. nachdem sie die Nacht im Walde zugebracht, 
im Schlafe von Fräulein Ebba nach dem Blocks- 
berg geführt worden und habe dort den Bösen auf 
seinem Throne gesehen; vor dem sei Fräulein Ebba 
zuerst auf die Knie« gefallen, dann sei sie aufge- 
standen, um Essen zu bereiten, Würste zu stopfen, 
Branntwein zu brennen, und schliessHch habe sie 
ohne Kleider getanzt, wobei der Teufel unter dem 
Tische mit dem Schwänze gespielt habe; 

8. sei Angeklagte auf der Galgenhöhe vorm 
Schanzenzoll erwacht und habe dabei geglaubt, 
Fräulein Ebbas Haar auf dem Richtblock wieder 



EINE HEXE 271 



ZU erkennen, mit solcher Salbe festgeklebt, wie sie 
Hexen in ihren Salbenhörnern tragen. 
Datum ut supra. 

Andreas Coyet, 
Sekretär der Hexenkommission. 

Als~die Lektüre beendigt war und Stille entstand, 
da niemand mehr ein Interesse daran hatte, die 
Angeklagte freigesprochen zu sehen, sondern alle 
danach verlangten, von der drückenden Ungewiss- 
heit befreit zu werden, in welche die geheimnisvollste 
von allen Fragen die Zeitgenossen versetzt hatte, 
nahm Doktor Hjärne das Wort: 

„Vorsitzender und Kommissare! Lasst mich erst 
eine Übersetzung von dem Text des Sekretärs geben, 
der einem kranken Hirne entsprungen ist, denn ich 
möchte kaum sagen verbrecherischen, so will ich 
nachher eine Formulierung vorschlagen, die meiner 
Ansicht nach die Gesellschaft sich selber und die- 
ser Art Kranken schuldig ist. Also! 

„Nach dem, was ich über Thekla Clements Ver- 
gangenheit eingeholt habe, war sie (nach acht 
Zeugen) als Kind kränklich, ohne krank zu sein, 
träge, boshaft, treulos, und vor allem neidisch auf 
alle, die über ihr standen, ohne dass sie dann 
grössere Gaben gezeigt hätte, deren Unterdrückung 
diese Unzufriedenheit mit den über ihr Stehenden 
hätte berechtigen können. Nach dem, was der 
Mann, der jetzt wegen Untreue der Frau um Schei- 
dung eingekommen ist, erzählt hat, soll er bereits 
als ihr Mitkonfirmande von ihren herausfordern- 
den Blicken verfolgt worden sein, ohne dass er be- 
haupten wolle, er sei bezaubert oder auf unnatürliche 
Weise gefesselt worden ; und, sagt der Mann weiter, 
nur ihre Zudringlichkeit, die zu förmlicher Verfol- 
gung auf den Strassen ausartete, sei die Ursache 



272 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

gewesen, dass er sich mit ihr verbunden habe. 
Dieses Zeugnis würde ich verworfen haben und 
ziehe es auch jetzt nicht als Beweis heran, sondern 
erwähne es nur im Vorbeigehen, um auf die un- 
glaubliche Fähigkeit der Angeklagten, die Wirklich- 
keit nach ihren Zwecken umzubilden, ein Licht zu 
werfen." 

„Ferner wird im Protokoll geschrieben, wie Fräu- 
lein Ebba die Angeklagte verlockt habe, eine Hexe 
anzusehen. Die Sache ist die (nach sechs Zeugen 
und dem früheren eigenen Bekenntnis der Ange- 
klagten), dass Thekla Clement Fräulein Ebba in 
den Kreis der Wachen gelockt hat, was sie allein 
tun konnte, da sie durch ihren Vater mit der Mann- 
schaft und den Unteroffizieren der Stadtwache be- 
kannt war. Als dann das Fräulein ins Wasser ge- 
stossen wurde (nach zwanzig Zeugen, die Namen 
können nachher verlesen werden), wäre sie ge- 
sunken, wenn Thekla Clement sie nicht heraus- 
gezogen hätte, eine Tat, mit der Angeklagte später 
geprahlt und gross getan hat, worauf sie aus Schreck 
das Bewusstsein verlor und in die gräfliche Woh- 
nung gebracht wurde, wo sie erwachte. Um vor- 
läufig seine Dankbarkeit zu zeigen, sandte der Graf, 
ohne Fräulein Ebbas Wissen, am Abend desselben 
Tages einen Korb Früchte, von welchen alle, die 
zu Frau Clements Geburtstag eingeladen waren, 
assen, ausser Frau Clement selbst, weil sie magen- 
leidend war; und da niemand von den Essenden 
sich verhext gefühlt habe, konnte Frau Clement 
das noch weniger empfinden." 

„Aus weiterer Dankbarkeit hatte der General 
selbst Frau Clement auf sein Gut eingeladen, um 
für einige Tage Fräulein Ebba Gesellschaft zu 
leisten, welcher Besuch von Frau Clement auf un- 
feine Weise auf mehr als acht Tage ausgedehnt 



EINE HEXE 273 



wurde, während Fräulein Ebba von Anfangf an 
gegen den ganzen Besuch gewesen war, da sie die 
Bekanntschaft ihres Verlobten machen sollte, wel- 
cher nicht verkleidet war, aber von Frau Clement 
verlockt wurde, wenn nicht zur Sünde, so doch 
zur Untreue des Herzens gegen seine Braut." 

„In diesem Herzenskummer hat Fräulein Ebba 
ihre alte Amme auf der Waldkate besucht, um ihr 
Herz zu erleichtern, und dass die schwarze Katze 
der Alten hier zu Protokoll gebracht wird, ist eine 
Lächerlichkeit, die nur die ungeheuerliche Ver- 
w^echslung mit der eigenen Person des Satans ent- 
schuldigen kann." 

„Der Auftritt im Badehause hat, ich inuss es 
gestehen, einen Zeugen gehabt, der, geben wir seine 
Jugend und Lüsternheit zu, Fräulein Ebbas schein- 
bares Schwimmen auf dem Wasser mit dem oberen 
Teile des Körpers bestätigt, während sie mit den 
Füssen auf dem Grund stand; ein Umstand, der 
jetzt aus der Beweisführung, was Hexen angeht, 
fortfällt, da ausgemacht ist, dass Frauen von Geistes- 
gegenwart beim Atemholen und mit wohlentwickel- 
ten Brüsten sich eine kurze Zeit schwimmend er- 
halten können, wenn sie die Rückenlage einnehmen ; 
was nicht umgestossen werden kann, weder von 
einer vorbeiziehenden Wolke, die öfters am Himmel 
vorkommen dürfte, wenn junge Frauen baden und 
Neugierige draussen stehen, noch von Fischmöwen, 
die sich schwebend in der Luft halten, wo sie 
von Unwissenden oder Boshaften leicht mit weissen 
Krähen verwechselt werden können." 

„In Briefen an den Mann hat schliesslich Frau 
Clement deutlich ihren Unwillen, nach Hause zu- 
rückzukehren, an den Tag gelegt, und eine un- 
ermessliche Lust zu bleiben bei — sie nennt Fräu- 

Strindberg, Kleine historische Romane 18 



274 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

lein Ebbas Namen nicht ein einziges Mal, aber 
den des Baron Magnus acht Male." 

„Das Ende war ein Auftritt, der von Lakaien 
und Mägden des Gutes bezeugt ist: Fräulein Ebba 
überraschte Frau Clement, als sie mit Gewalt den 
Baron Magnus umarmte, der sich vergebens los- 
zureissen suchte, worauf Frau Clement mit der Reit- 
peitsche vom Hofe gejagt wurde." 

„Was sie die Nacht im Walde machte, wo sie 
von Fräulein Ebba , entführt^ sein will, weiss nie- 
mand; was aber Fräulein Ebba diese Nacht machte, 
weiss der Arzt, der Geistliche und die Hofmeisterin, 
die Stunde auf Stunde an ihrem Krankenbette 
wachten, auf das sie niedersank nach der Erschüt- 
terung, die sie traf, als sie die Niederträchtigkeit 
eines Menschenherzens sich so offenbaren sah." 

„Und was schliesslich Frau Clement auf der Gal- 
genhöhe ausgeübt hat, das haben zwei Reisigfrauen 
erzählt, und das hat hier keine Bedeutung, ebenso- 
wenig wie die Haarsträhne der zuletzt hingerichteten 
Bengta Böge." 

„Dagegen ist eine Sache von grösster Wichtig- 
keit, die Frau Clement vergessen hat zu erwähnen, 
die aber der Kommission eine vollständige Erklärung 
gibt in der dunklen Frage, warum alle Hexenerzäh- 
lungen darin übereinstimmen, was sich während des 
Besuches beim Fürsten der Finsternis zugetragen 
hat. Frau Clement hat nämlich auf der Galgen- 
höhe ein Buch über die Schwarzkunst verloren, 
das sie aus der Bibliothek von Sandemar gestohlen 
hat, und worin das ganze Abenteuer auf dem Blocks- 
berge Wort für Wort beschrieben steht, wie sie 
es erzählt hat." 

Hier nahm der Assessor ein Buch aus der Tasche, 
das Thekla Clement wieder erkannt haben würde. 

„Merken wir uns die Worte: ,Würste stopfen', 



EINE HEXE 275 



jBranntwein brennen', und ,der Böse spielt unter 
dem Tisch mit seinem Schwänze*. Sind weitere 
Zeugnisse nötig? Ich frage die Kommission, sind 
weitere Zeugnisse nötig?" 

Die Kommission ging jetzt dazu über, die Be- 
fangenheit der Zeugen zu untersuchen. 

Nachdem man dann dem Doktor Hjärne gedankt 
hatte, dass er mit seinem Scharfsinn und seiner 
unermüdlichen Geduld der traurigsten aller Krank- 
heiten ein Ende gemacht habe, schritt man zur Ab- 
fassung des Urteils. 

Der Kirchenhirt der Grosskirche schlug vor, die 
Angeklagte solle erst mittels Tortur zum Bekenntnis 
gezwungen werden. Davon riet Doktor Hjärne ab; 
ein erzwungenes Bekenntnis bedeute nichts anderes 
als eine Flucht vor Schmerzen; auch habe es sich 
gezeigt, dass Personen, die eine öffentliche Todes- 
szene wünschten, alles mögliche auf sich nahmen, 
während andere, und zwar die meisten, bis in die 
Todesstunde an der Lüge festhielten, teils weil sie 
kranken Hirnes waren und Wahrheit und Lüge nicht 
unterscheiden konnten, teils weil sie so lange ge- 
logen hatten, dass sie selbst glaubten die Wahr- 
heit zu sprechen. 

Oberrichter Chronander wollte dem Buchstaben 
des Gesetzes folgen und dieselbe Strafe verhängt 
wissen, welche die unschuldig Angezeigte getroffen 
hätte, wenn sie überführt worden wäre. 

Dagegen wandte der Bezirksrichter Canterhjelm 
ein: weil Fräulein Ebba von Schlippenbach wegen 
Hexerei angezeigt worden sei und Hexerei über- 
haupt nicht mehr für Hexerei, am allerwenigsten 
für ein strafbares Verbrechen gelte, müsse also Frau 
Clement, nach diesem Antrage, straflos ausgehen. 

Darauf entspann sich ein längerer Meinungsaus- 
tausch, ob schon die verbrecherische Absicht oder 

18* 



276 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

erst die Folgen der Handlung bestraft werden müsse. 
Zu einer Entscheidung kam man aber nicht. 

Der Sekretär Austrelius glaubte, Frau Clement 
müsse als gemütskrank ins Irrenhaus gesteckt 
werden. 

Dagegen erhob sich Doktor Hjärne und erinnerte 
daran, dass er bei der Angeklagten allerdings eine ge- 
wisse Verwirrung des Geistes, aber auch eine Bos- 
heit des Herzens gefunden habe, und bat, das Urteil 
so zu fällen, dass es sowohl eine Vergeltung für die 
böse Absicht wie ein abschreckendes Beispiel sei für 
andere, die das Gesetz zu privatem Hass missbrauch- 
ten; und dass die Strafe zugleich so wirke, dass sie 
ihren Hauptzweck erfüllte, die Schuldige zu ver- 
hindern, ihre Übeltaten zu wiederholen. Diese 
Strafe dürfe nicht der Tod sein, da Frau Clement 
und viele mit ihr nach der Todesstrafe verlangten; 
sie wollten nämlich aus ihrer Unbemerktheit hen^or- 
treten, in einer Weise, die Aufsehen erregt und einen 
falschen Glanz von Märtyrerglorie auf die Schul- 
dige wirft. Nur das Gefängnis mit seinem Ver- 
bergen, seinen Entsagungen, seinen Schmerzen 
könne hier am Platze sein, aber nicht auf Lebens- 
zeit; denn werde ihr die Hoffnung geraubt, ihre 
Besserung draussen im Leben zeigen zu können, 
so würde alle Besserung zunichte gemacht werden. 
Stimme für zehn Jahre Raspel- und Spinnhaus. 

Als abgestimmt wurde, siegte die 'Ansicht des 
Doktors Hjärne, worauf die Angeklagte aus dem Ge- 
fängnis geholt wurde. 

Im Turme auf dem Ritterholm hinter dem 
Wrangeischen Palast hatte Thekla Clement acht Tage 
gefangen gesessen. Gute Zeit hatte sie gehabt, um 
über das Zeugnis, das sie abgegeben, nachzudenken, 
und sie glaubte einen ungewöhnlich starken Eindruck 



EINE HEXE 277 



auf die Richter gemacht zu haben durch die zu- 
sammenhängende, oft zierUch ausgeschmückte Er- 
zählung von den Abenteuern, die sie erlebt hatte. 
Jetzt in der Einsamkeit war sie diese im Gedächtnis 
oft durchgegangen, da sie von ihrem Vater, dem 
Gewahiger, wohl wusste, dass ein Angeklagter vor 
allem sein erstes Bekenntnis Punkt für Punkt kön- 
nen müsse, auf dass er sich nicht später in »Wider- 
sprüche verwickele. 

Als sie mehrere Male am Tage ihre Geschichte 
wiederholt, tritt sie ihr so lebhaft vors Auge, als habe 
sie sie wirkHch erlebt. Die Einsamkeit und der Man- 
gel an Eindrücken, welche die nackten vier Wände 
nicht geben konnten, fing an Gesichte hervorzurufen, 
wo keine waren, und Gehörstäuschungen, wo kein 
Laut zu hören war. Die ganze Vergangenheit löste 
sich auf und verschwand ; nur die Zukunft, die kurze, 
die mit dem Tode der Qual ein Ende machen, das 
Grab, das alles ausgleichen würde, spukten vor ihr. 

Dass ihre verhasste Feindin bereits verhaftet sei, 
bezweifelte sie keinen Augenblick, und dass man sie 
selbst zum Tode verurteilen würde, davon war sie 
überzeugt, und jetzt spiehen alle ihre Gedanki!n 
mit dem Augenblicke, wo sie fortgeführt würde, um 
die Wasserprobe zu bestehen. 

Diesen Morgen hatte der Wächter sie darauf vor- 
bereitet, dass sie vor die Richter geführt werden 
würde, und zu dem Zwecke hatte er ein Wasch- 
becken hingestellt und ein Handtuch hingelegt. 

Jetzt hatte sie sich gewaschen, ihr Haar geordnet 
und versuchte das blanke Erzbecken als Spiegel zu 
benutzen. Wie sie sich kämmte und den Anzug ord- 
nete, der nur aus einem Rock und einem Hemd be- 
stand, da man ihr das Übrige, das infolge der nächt- 
Uchen Wanderung zerlumpt und schmutzig geworden 
war, fortgenommen hatte, fand sie sich der Hexe auf 



^1S KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

der Brücke des Blasieholms täuschend ähnlich; ein 
Lächeln der Zufriedenheit zog über ihre Lippen, als 
sie sich in dem goldgelben Spiegel betrachtete, der 
ihr blasses Gesicht mit dem aufgelösten Haar wie 
mit Goldgrund einfasste, den sie auf den alten Altar- 
gemälden gesehen hatte. Und als sie zur Decke hin- 
auf sah, wo das Fenster sass, merkte sie, dass die 
Sonne schien, und da verfiel sie auf den Gedanken, 
wieviel Leute heute wohl draussen auf der Strasse 
auf den Beinen sein mochten. 

Während sie die letzte Hand an ihr Haar legte, 
hörte sie GekHrr im Gange, und die schwere Tür 
wurde vom Gefangen wärter geöffnet, der still- 
schweigend ein Paar Handschellen mit Ketten hin- 
einreichte. Thekla nahm sie ohne ein Zeichen des 
Widerstandes und schob die Ärmel des Hem- 
des in die Höhe, damit die eisernen Ringe ihre 
schönen Handgelenke nicht verbargen, und sie strei- 
chelte die Schellen, als seien sie die hebsten Arm- 
bänder. 

Darauf wurde sie in den Gang hinausgeführt, stieg 
eine dunkle Treppe hinauf und befand sich in einem 
grossen Saal. Das Tageslicht fiel scharf auf eine 
Menge Gegenstände von seltsamem Äusseren, die 
sie noch nie gesehen hatte. Eine Puppe aus Eichen- 
holz streckte ein paar furchtbare Eisenarme nach 
einer grenzenlos grossen Spinne von Eisen aus, 
die von der Decke herabhing und über einem Leisten 
aus Blech schwebte, der für einen Reiterstiefel ge- 
macht zu sein schien. Daneben und an der Wand 
war ein Bett zu sehen, das kein Bett war, sondern 
eher einer Mangel gUch . . . 

Sie hatte im Nu begriffen, dass sie sich in der 
Folterkammer befand, und in dem Glauben, sie sei 
verurteilt, alle diese Qualen durchzumachen, war es 
ihr, als ob alle diese Marter sie auf ein Mal über- 



EINE H5XE 279 



fielen. Fühlte die Erstickung in den eisernen Armen 
der „Jungfrau"; glaubte die „Spinne" zu fühlen, 
wie sie sich auf ihrem Kopfe niederliess und das Ge- 
hirn herauskratzte; meinte zu hören, wie ihre Schien- 
beine von dem „spanischen Stiefel" geschient wur- 
den ; sah diese Zangen |und Daumenschrauben sie mit 
Kneifen, Stechen, Drehen, Gliederverrenken bedro- 
hen. Mit der unglaublichen Macht der Einbildung 
hatte sie in wenigen Sekunden alle Qualen in ihrem 
Gefühlssinne gesammelt; unfähig, sie zu ertragen, 
konnte sie dem Druck nicht widerstehen, sondern, 
ihren Körper eine halbe Wendung drehend, fiel sie 
nieder, als ob alle Gefühlsfäden in ihrem Inneren 
zerrissen wären; fiel, ohne einen Laut von sich zu 
geben. 

Die Mitglieder der Kommission waren hinaufge- 
rufen, um die Leiche zu besichtigen und den Tod zu 
konstatieren, den niemand befriedigend erklären 
konnte, obgleich Doctor medicinae Bromelius zu 
bemerken glaubte, dass der Kehlkopf durch Krampf 
zusammengeschnürt sei, weshalb er auf Mutterwut 
als Todesursache riet. 

Still hatte Doktor Hjärne den mageren aber fein ge- 
bauten Körper betrachtet, durch dessen weisse Haut 
Nervenstränge und Blutgefässe hindurchschienen. 
Sein rauhes Gesicht bekam einen Schimmer von 
dem edlen Gefühl des Mitleids, als er sah, wie der 
Tod jetzt eine unendliche Ruhe über die Gesichts- 
züge des jungen Weibes breitete; sie schienen sich 
auszugleichen und einen Ausdruck von Unschuld 
anzunehmen, der frei von Leidenschaften und 
Schmerzen war. 

— Nur Gott, der in das Menschenherz schaut, 
sprach er zu sich selbst, könnte sagen, ob diese eine 
Verbrecherin oder eine Kranke war. Es ist das Ange- 
sicht eines Engels, und diese reine Stirn spricht nur 



280 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Wahrheit, aber ich habe schon Engel lügen hören, 
und die Wahrheit sagen ist eine Kunst, in der nie- 
mand als Meister geboren wird und auch niemand 
als Meister stirbt. Friede dem Staube, Ruhe dem 
Geiste! Das Urteil Gott — oder der Zukunft! 



DIE INSEL DER SELIGEN 

(1883) 



Erstes Kapitel 

Der Dreimaster „Der schwedische Löwe" hatte 
vor der Festung Elfshorg Blinde und Bonnet auf 
dem Fockmast gehisst Und war gerade dabei, den 
Anker zu lichten, als eins von den Ruderbooten 
des Zolls vom Land abstiess und signalisierte, dass 
das Schiff noch nicht segeln dürfe; der Wind aber 
hatte bereits die Vorsegel gefüllt, und das Fahr- 
zeug ritt auf der Ankertrosse. 

Die Zollbeamten ruderten, was sie nur konnten; 
ein Tauende wurde ausgeworfen, und bald holte 
man das Zollboot an den grossen Schiffsrumpf heran. 
Aus dem Boot kletterten zwei junge Männer und 
wurden durch eine Qeschützpforte ins Fahrzeug ge- 
lassen. Ihnen nach wurde ein lederner Sack ge- 
worfen, der ihr einziges Reisegepäck zu sein schien. 
Dann fuhr das Zollboot wieder zurück. 

Der Schwedische Löwe aber, der jetzt den Anker 
auf den Krahnbalken hinaufbekommen hatte, segelte 
unter kleinen Vorsegeln aufs Meer hinaus, während 
die Kanonen des Steuerbords eine volle Lage feuer- 
ten, auf die von der Festung geantwortet wurde. 

Der Schwedische Löwe hatte Schmiedewaren, 
Tuch und Stückgut geladen; ausserdem hatte er 
fünfhundert Passagiere, die zum grössten Teil aus 
Verbrechern bestanden und aus Ankerschmieden, 



284 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Gefängnissen und Zuchthäusern geholt waren. Das 
Ziel des Schiffes war die Kolonie Neu-Schweden 
in Nordamerika. 

Nachdem die beiden jungen Leute wohlbehalten 
durchs Zwischendeck nach oben gekommen waren 
und auf Deck standen, drehten sie sich um und 
streckten, wie vom selben Gedanken ergriffen, die 
Zunge aus; ob gegen die Festung oder das ganze 
Land, das blauend hinter ihnen lag, war schwer 
zu entscheiden. Nachdem sie auf diese Weise ihren 
vaterländischen Gefühlen Luft gemacht, suchten sie 
die Kajüte des Kapitäns im Achterkastell auf, um 
ihre Papiere vorzuzeigen und eine Erklärung ab- 
zugeben. 

Aus ihrem Bericht ging hervor, dass sie die Stu- 
denten Lasse HuUing und Peter Snagg von der 
Universität Upsala waren, beide überführt, sowohl 
im Ratskeller wie auf einem Kommers der Lands- 
mannschaften lästerliche Worte über den königlichen 
Professor Serenissimus Claus Rudbeckius und 
dessen eben, 1679, im Druck erschienenes Säkular- 
werk Atlantica oder Heimat der Menschen ge- 
braucht zu haben. 

In diesem Werke war dem Vaterlande eine un- 
geahnte Ehre erwiesen, indem genannter Serenissi- 
mus bis zur Evidenz bewiesen hatte, dass Schwe- 
den nichts Geringeres als die Wiege des Menschen- 
geschlechtes sei. 

Wegen ihres törichten und ungebührlichen Zwei- 
fels waren die Studenten HuUing und Snagg in 
den Karzer gesteckt worden; da sie sich aber in 
diesem mehr engen als gesunden Aufenthaltsort un- 
passend und strafbar betragen hatten, waren sie 
zu Spiessruten und Zuchthaus verurteilt worden. 
Durch Seiner Majestät besondere Gunst begnadigt, 
hatten sie Erlaubnis erhalten, das Reich zu ver- 



DIE INSEL DER SELIGEN 285 

lassen und mit dem Schwedischen Löwen nach Neu- 
Sciiweden zu fahren. 

Der Kapitän nahm die Erklärung mit freund- 
lichem Grinsen auf. Er hatte von dem Buch Atlan- 
tica nichts gehört; als er aber erfuhr, dass es davon 
handelte, dass Schweden die gesunkene Atlantica 
oder die Insel der Seligen sei, stellte er sich sofort 
auf die Seite der Studenten und erklärte, jeder See- 
mann wisse, dass Atlantica im Grossen Meere liege, 
das gerade von dieser Insel seinen Namen Atlan- 
tischer Ozean erhalten habe. Er hiess die gelehrten' 
Herren willkommen und ward gut Freund mit ihnen. 

Die Fahrt ging vor günstigen Winden über die 
Nordsee, durch den Kanal und auf die Spanische 
See hinaus. 

Da man für den Fall einer Havarie die Ge- 
fangenen nicht in Fesseln zu halten wagte, und da 
man andererseits weder Flucht noch Meuterei fürch- 
tete, weil alle zufrieden waren, reisen zft können, 
gingen sie frei umher und benahmen sich artig und 
anständig. Die Verheirateten hatten ihre Frauen 
und Kinder, die sie viele Jahre nicht gesehen, wieder- 
bekommen, und waren sehr glücklich ; und das Glück 
machte sie gut. Es waren ja auch nicht so gefähr- 
liche Verbrecher. Einige hatten im Rausche das 
Messer gezogen, andere waren vorm Kriegsdienst 
geflohen, wieder andere hatten von fremden 
Bäumen gepflückt, da sie eigene nicht besassen. 
Aus dunklen, ungesunden Gefängnissen entlassen, 
genossen sie in vollen Zügen den Anblick des 
grossen Meeres, das sie mit Licht umgab. Alles 
war neu für sie, und sie spielten wie Kinder auf 
dem Deck. Bald wollten sie einen Delphin sehen, 
der auf der Woge tanzte; bald sollten die Seeleute 
einen l4ai oder einen fliegenden Fisch fangen. Von 
der Arbeit befreit, war ihnen die ganze Reise ein 



286 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

einziger Feiertag; und sie konnten ohne Sorge für 
den Unterhalt an den dürftig, aber genügend ge- 
deckten Tisch gehen. 

Die beiden Studenten, die den Strick um den 
Hals gehabt, aber mit dem Schrecken davonge- 
kommen waren, fühlten sich gewissermassen als Mit- 
schuldige und schlössen Bekanntschaft mit den Frei- 
gelassenen, die wie sie den Kampf des Lebens in 
einem neuen Lande und unter neuen Verhältnissen 
von neuem beginnen wollten. Lasse war durch 
*Natur und Erziehung zu der Weltanschauung ge- 
kommen: alles, was geschieht, ist gut; Peter da- 
gegen war der Ansicht, es sei doch nicht zu ändern. 
Und oft gerieten die beiden Kameraden in Streit 
über ihre verschiedenen Auffassungen von der Welt; 
dabei geschah es immer, dass jeder die Hälfte der 
Zuhörer auf seiner Seite hatte; was einmal den 
Schiffsarzt veranlasste, den Zwist so zu schlichten, 
dass er beiden Hälften recht gab. Das Leben ist 
sowohl schwarz wie weiss, sagte er. Wer nur die 
schwarze Seite sieht, glaubt, alles sei schwarz; wer 
nur die weisse Seite sieht, glaubt, alles sei weiss. 
Und dabei blieb es. 

So kamen sie zu den neun Inseln der Azoren. 
Da durften sie an Land gehen und die Beine be- 
wegen. Sie glaubten ins Paradies gekommen zu 
sein, denn hier wuchsen Wein, Mais, Orangen, Ana- 
nas und Melonen unter freiem Himmel. 

Ein Messerheld, der sechs Jahre in einer Anker- 
schmiede gesessen hatte, wurde so fröhlich, dass 
man ihn binden musste, und gebunden lag er an 
einem Bache und ass Apfelsinen, bis seine Nase 
gelb wurde; dabei schrie er, er sei Adam. Er 
wollte sich auch nackt ausziehen und sich nur mit 
einem Tabaksblatt bekleiden; da kam aber der 
Schiffsgeistliche und erklärte, es sei Sünde, ohne 



DIE INSEL DER SELIGEN 287 

Kleider herumzulaufen; der Mann bewies jedoch 
mit der Heiligen Schrift und der Biblischen Ge- 
schichte, dass Adam nach dem Sündenfall nur ein 
Feigenblatt getragen habe; deshalb glaube er ein 
Recht zu haben, mit einem Tabaksblatt herumzu- 
gehen. Da aber demonstrierte ihm der Geistliche 
mit Hilfe der Kirchenväter und der Flora Exotica 
Sacra, dass ein Feigenblatt kein Tabaksblatt sei. 

Schliesslich wurden die Passagiere wieder an 
Bord gebracht; man ging unter Segel und steuerte 
nach Antiguam. 

Bisher war alles ruhig und gut gegangen, bis 
auf einen kleinen Sturm in der Nordsee. Jetzt aber, 
als sie im Begriffe waren, in den Passatgürtel zu 
kommen, trat Windstille ein. Das Meer lag wie 
ein Quecksilberhorizont um sie herum, und das Schiff 
bewegte sich darauf wie eine Magnetnadel. Die 
Hitze wurde unerträglich, der Teer rann von allem 
stehenden Gut und aus den Nuten des Rumpfes. 
Man spülte den ganzen Tag, als fürchte man, das 
Schiff werde Feuer fangen. 

Das dauerte acht Tage. 

Da, eines Morgens, warnte der Ausguck auf dem 
Fockmast, Wolken seien im Norden zu sehen. Der 
Kapitän, der wusste, was das bedeutete, Hess sofort 
die Kanonen und alles Lose zurren, die Luken 
schliessen und ermahnte die Leute, aufs Schlimmste 
gefasst zu sein. 

Nach einigen Stunden, beim Frühstück, war ein 
schwarzer Rand am Horizont zu sehen ; wieder einige 
Stunden später war ein Getöse zu hören wie von 
Wogen, die sich gegen ein Ufer brechen, oder wie 
der Wagenlärm einer Stadt. Übers Wasser kam der 
Sturm daher. Ehe die Segel dem Fahrzeug hatten 
Haltung geben können, waren Rahen, Stangen und 
Topps über Bord gefegt. 



288 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Vor den übriggebliebenen Untersegeln lenzte der 
Schwedische Löwe südwärts ; immer südwärts ; ohne 
zu wissen, wohhi es ging. 

Der Sturm rasf^ drei Tage lang, und man er- 
wartete jeden Augenblick, dass der Kiel auf Grund 
stossen würde. 

Der Priester, der betete und predigte, erklärte, 
man könne nichts anders erwarten, da man Ver- 
brecher an Bord habe. Er erinnerte an Jona und 
schlug dem Kapitän vor, auf Grund des Propheten 
Jona, Kapitel I Vers 12 und folgende, alle Ver- 
brecher über Bord zu werfen, um die Gerechten zu 
retten; der Kapitän aber lehnte ab. 

Als die Not am grössten war, ging Lasse Hulling 
zum Priester und stellte ihm vor, dass man sofort 
einen allgemeinen Buss- und Bettag halten müsse; 
denn, sagte er, nur die unbereuten Verbrechen be- 
lasten die >X^agschale. Der Vorschlag wurde ange- 
nommen, und die Beichte, von der die Verbrecher 
befreit gewesen, weil sie ihre Verbrechen längst be- 
kannt hatten, begann. 

Als die Untersuchung zu Ende war, hatte man 
keinen einzigen Gerechten gefunden. Der Sturm 
aber hielt an. 

Da war ein leises Gemurmel aus den Vorräumen 
zu hören. Die Leute hatten hin und her überlegt, 
und schliesslich war ein Schlaukopf auf die Idee 
gekommen, der Priester müsse auch beichten, denn 
er sei jetzt der Einzige, der seine Sünden noch nicht 
bekannt habe. 

Der Vorschlag wurde mit Akklamation ange- 
nommen ; es war aber noch ein Beichtvater zu finden. 
Schliesslich meldete sich Peter Snagg, da er in He- 
bräisch die Vorprüfung zum Pastorexamen bestanden 
hatte. Der Priester protestierte, aber vergebens. Er 
wurde an den Grossmast gebunden, und nachdem er 



DIE INSEL DER SELIGEN i^ 289 

scharfe Vorstellungen und freundliche Ermahnungen 
über sich hatte ergehen lassen müssen, bekannte er 
unter reichlichen Tränen, dass er in seiner Jugend 
eine Konfirmandin verführt habe. 

Jetzt schritt man zur Beratung, an der auch die 
Passagiere teilnahmen; und da der Priester dafür 
gestimmt hatte, sie alle fünfhundert in die See zu 
werfen, fiel bald das Urteil, der Priester solle in 
die See geworfen werden auf Grund des Propheten 
Micha, Kapitel XII Vers 16 und folgende. Und nach- 
dem er sein letztes Gebet gesprochen hatte, wurde er 
in die See geworfen. 

Der Sturm aber wurde immer stärker. Schliess- 
lich am siebenten Tage lief das Schiff während der 
Hundewache auf. Ein Geschrei beantwortete das 
Krachen des Rumpfes, der auf ein Unterwasserriff 
so aufgerannt war, dass der Bug in die Höhe stand. 
Die gezurrten Kanonen wurden losgerissen und 
schlugen* durchs Zwischendeck. 

Bei Tagesgrauen begann das Schiff zu sinken. 
Da sah man aber Land in Luv. 

Die meisten hatten sich in die Boote gerettet, aber 
ohne eine Spur von Proviant oder Kleidern oder 
Werkzeugen mitnehmen zu können. 

Als die Sonne aufging, sahen sich alle gerettet, 
sechshundert Mann, und stiegen in guter Ordnung 
an Land; das Schiff aber sank wie ein Stein, als sie 
den Fuss aufs Land setzten. 



Strindbergj Kleine historische Romane - 19 



Zweites Kapitel 

Nach siebentägiger Angst und Schlaflosigkeit wa- 
ren die Reisenden so ermattet, dass sie sich sofort 
auf den Boden legten und unter den Bäumen, die 
am Ufer standen, einschliefen. Lasse Hulling und 
der Kapitän aber zogen aus, um zu kundschaften. 

Ein so wunderbar schönes Land hatten sie noch 
nicht gesehen; das war ihre erste Beobachtung, 
nachdem sie infolge der Wärme einige Kleidungs- 
stücke hatten abwerfen müssen. Was sie am meisten 
in Erstaunen setzte, war, dass in solch nördlicher 
Breite, denn sie waren noch sehr weit vom Äquator 
entfernt, ein so warmes tropisches Klima herrschte. 
Bald aber fanden sie die Ursache in dem Vulkan, 
der sich, allmähhch ansteigend, wie ein Bollwerk 
gegen den Nordwind erhob und gleichzeitig durch 
seine unterirdische Wärme die Insel in ein Treib- 
haus verwandelte. Überall sahen sie Palmen mit 
Datteln und Kokosnüssen, Brotfruchtbäume, die Ba- 
nane oder den Pisang, eine Art Orange, Ananas, 
Feigen, Riesenerdbeeren, Melonen; und alle trugen 
jetzt entweder Früchte oder sollten bald tragen. 

Dass das Land eine Insel war, litt keinen Zweifel. 

Unter dem schattigen Gewölbe der Tamarinde 
schlängelten sich Bäche, und in dem roten Granit 
fanden sie Quellen mit eiskaltem Wasser; darüber 
waren sie erstaunt, da sie wussten, dass der Boden 
vulkanisch war. 

19* 



292 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Papageien, Honigvögel und Tukane mit roten, 
grünen, blauen, gelben und goldfarbenen Federn 
flogen in den Bäumen umher und sangen lieblich, 
nicht wie die schreienden Exemplare, die sie in 
Käfigen gesehen hatten ; aber es waren auch die ein- 
zigen Tiere, die sie antrafen. 

Sie wanderten weiter unter dem Schatten der 
Bäume, über blühende Wiesen, die sich bis ans 
Meeresufer erstreckten. Die Wärme wurde immer 
drückender, und sie mussten ein Kleidungsstück nach 
dem andern abwerfen. 

Zur Mittagszeit bestiegen sie den Vulkan, der 
erloschen zu sein schien; und gegen Abend konnten 
sie an seinem Fusse unter Palmenblättern zur Ruhe 
gehen, sicher vor Überfall sowohl von Menschen 
wie von Tieren; denn sie hatten ihre Vermutung, 
dass sie auf einer Insel waren, die weder wilde 
Tiere noch gefährliche Menschen barg, bestätigt ge- 
sehen. 

Als sie am folgenden Mittage wieder an den Lan- 
dungsplatz kamen, fanden sie die Reisekameraden 
unter den Bäumen ausgestreckt, satt und halbnackt 
und in wachem Zustande träumend. 

Bei der Beratung, die man nun pflog, wurde Lasse, 
der von allen der Kenntnisreichste und Tüchtigste 
war, zum Wortführer ausersehen. 

Man fand die Insel allerdings über alle Beschrei- 
bung lieblich, aber man musste an die Zukunft 
denken. Die erste Frage galt den Wohnungen, denn 
man erwartete den Winter. Lasse beantwortete 
diesen Einwurf sofort damit, dass man sich nach 
allen Berechnungen jetzt mitten im Winter befinde. 
Wer in einer dumpfen Hütte wohnen wolle, könne 
sich den Spass machen, Bäume niederzureissen und 
sie mit den Nägeln zu schälen, denn jedes Werk- 
zeug fehle. Wer Friede und Ruhe mehr liebe, könne 



DIE INSEL DER SELIGEN 293 

sich damit begnügen, unter den Bäumen eine Stätte 
aufzuschlagen. 

Die zweite Besorgnis galt dem Essen. Lasse ver- 
sicherte, nach dem, was er an Pflanzen und Bäumen 
gesehen, werde hier das ganze Jahr über an Essen 
kein Mangel sein, denn wenn der eine Baum zu 
tragen aufhöre, beginne der andere. 

Der dritte Einwand ging von den Frauen aus, 
die mit Bangen dem Tag entgegensahen, da sie ge- 
zwungen waren, ohne Kleider zu gehen. Lasse 
machte sie darauf aufmerksam, dass sie jetzt bereits 
mitten im Winter halbnackt gingen; wenn also der 
Frühling komme, sie der Hitze wegen ganz nackt 
gehen müssten, ob sie nun wollten oder nicht. 

Nachdem sie sich also gegen Mangel an Speise, 
Kleider, Wohnung, Feuerung und Wasser geschützt 
sahen, blieb ihnen nur übrig, sich in ihre Lage zu 
finden. Und sie fanden sich darein. 

Einen Rat aber gab Lasse ihnen: nicht auf einem 
Fleck zu bleiben, sondern sich über die Insel zu 
zerstreuen. Wenn sie etwas gemeinsam zu beraten 
hätten, werde er sie durch ein Hörn, das er sich 
schon zu beschaffen wissen werde, zusammenrufen 
lassen. 

Und so trennte man sich für diesen Tag, nach- 
dem Lasse zum Häuptling ausgerufen und als sol- 
cher eine Rede gehalten hatte, in der er alle auf- 
forderte, zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein, 
denn jetzt seien sie auf die Insel der Seligen ge- 
kommen; daran sei nicht zu zweifeln, und er wünsche 
nur, er hätte Professor Rudbeck hier unter vier 
Augen, dann würde er ihn schon zwingen, seine 
Atlantica mit Ledereinband und allem aufzufressen. 

Für die Nacht suchte jeder sein Quartier unter 
Laubbüschen auf, die man an Baumzweige gehängt 
hatte. * 



294 KLEINE HISTORISCHE ROMANJE 

Am folgenden Morgen aber rief Lasse seine näch- 
sten Freunde, den Kapitän, Peter Snagg und den 
Arzt, zusammen. Nachdem sie sich Frühstück ver- 
schafft hatten, indem sie eine Dattelpalme schüttel- 
ten, warf Lasse einige wichtige Fragen auf, welche 
die Zukunft ganz sicher beantworten werde. 

Die erste Frage richtete er an den Arzt: würden 
sie ohne Fleisch und Salz leben können? 

Der Arzt glaubte, nach allem, was er in Reise- 
schilderungen gelesen habe, dürften sie bei einem 
so warmen Klima überhaupt kein Fleisch essen; 
und was das Salz betreffe, so enthielten die Früchte 
so viel Salze, dass es nicht mehr notwendig sei. 

Während sie noch darüber berieten, hörten sie 
einen Schrei aus den nächsten Büschen. Ein Mann 
wurde hergeführt, bleich wie eine Leiche und mit 
deutlichen Zeichen von Vergiftung. Als man ihn 
verhörte, kam es an den Tag, dass er, aus Ver- 
langen nach Fleisch, mit einem Stein einen Vogel 
getötet hatte; als er ihn aber zu essen versuchte, 
wurde er sofort von Ekel erfasst und bekam Kolik. 
Der Arzt verordnete ihm, kein Fleisch mehr zu essen, 
und damit war die wichtige Frage entschieden. 

Die zweite Frage stellte Peter Snagg: ob öffent- 
licher Gottesdienst, Volkszählung und amtliche Be- 
hörden einzuführen seien. Er kenne die Bosheit der 
Menschen, und wenn diese vielen Taugenichtse 
eine Zeitlang beschäftigungslos blieben, würde der 
Friede bald gestört werden. Er schlug deshalb vor, 
man solle die Agende, von der er ein Exemplar nebst 
einem Exemplar des Gesetzbuches gerettet hatte, 
durchgehen. 

Lasse wendete ein, jetzt würden auch die Ver- 
brechen aufhören, da jede Veranlassung zu Zwisten, 
nämlich Mangel an Essen, Kleidern und Wohnung, 
aufgehoben sei. Wer würde stehlen, wo er vollauf 



DIE INSEL DER SELIGEN 295 

für den Tag habe und nicht zu sammeln brauche? 
Wer würde morden, wo er keinen Anlass zum Neid 
habe, da ja alle gleich reich und gleich mächtig 
seien? Wer würde einbrechen, wo es keine Häuser 
gebe, in die man einbrechen könne? Wer würde 
ein Kind töten, wo alle Kinder genug zu essen 
hätten und keines der Gesellschaft zur Last fallen 
würde? 

Zur Probe wolle er das Gesetzbuch nehmen und 
einige Punkte durchgehen, und zwar die ersten 
besten. Er schlug das Gesetzbuch auf und las: 

— Erstens: Grundrecht! Das können wir ohne 
weiteres streichen, da wir keinen Grund und Boden 
haben. Einverstanden? 

— Ja, antworteten die Versammelten. 

— Zweitens: Erbrecht! Was soll man erben! 
Ein Feigenblatt oder die Schale einer Kokosnuss? 
Zu streichen? Was? 

— Ja, musste die Versammlung antworten. 

— Drittens: Baugesetz! „Erstes Kapitel. Wie 
der Bauplatz zu einem Dorfe angelegt werden und 
wie die Grundstücke verteilt werden sollen. Zweites 
Kapitel. Wie das Grundstück bebaut wird!" Wenn 
nun überhaupt nicht gebaut oder geteilt wird, so 
können wir das Gesetz auch streichen, nicht wahr? 

— Ja, antwortete die Versammlung. 

— Viertens: Kirchengesetz! Da wir keine Kirche 
haben, so können wir das auch streichen. 

— Ja, antwortete die Versammlung. 

— Fünftens: Strafgesetz! Fällt wohl von selbst, 
nach dem, was ich über Diebstahl, Raub und Mord 
angeführt habe, da die Veranlassungen fortgefallen 
sind. 

— Ja, antwortete die Versammlung. 

— Sechstens: Ehegesetz! Diese Frage wollen 
wir aufschieben, bis die Zukunft uns einige Erfah- 



296 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

rungen gebracht hat! Denn Heiraten hängt ja mit 
Grund und Boden zusammen, und wenn es keinen 
Besitz gibt, gibt es auch keine Ehe. 

— Ja, antwortete die Versammlung. 
Aber Peter Snagg opponierte. 

— Jetzt, unterbrach ihn Lasse, haben wir also 
das ganze Gesetzbuch gestrichen, und es bleiben nur 
die Deckel übrig! Die soll Peter Snagg zum An- 
denken haben, nicht wahr? 

— Ja, lachte die Versammlung; Peter aber gab 
noch nicht nach. 

— Veto! schrie er. Wie soll eine Gesellschaft 
ohne Gesetze bestehen können? 

— Hör mal, Peter, antwortete Lasse. Die Ge- 
setze sind gemacht, um den Mängeln der Gesellschaft 
abzuhelfen; eine Gesellschaft, die keine Mängel hat, 
braucht keine Gesetze! Ist das nicht richtig! 

— Das ist richtig, antwortete die Versammlung. 

— Peter Snagg aber, fuhr Lasse fort, will Heber 
eine mangelhafte Gesellschaft mit Gesetzen als eine 
vollkommene ohne Gesetze. 

Jetzt nahm Peter das Wort. 

— Ich lasse die Frage vom bürgerlichen Gesetz 
fallen — mag es damit nun sein, wie es will — 
aber eine Gesellschaft ohne Religion kann nicht be- 
stehen ! 

— Gut, sagte Lasse, da hast du recht! Wir 
müssen eine Religion haben ! Aber untersuchen wir 
erst, ob die alte Religion für unsere neuen Ver- 
hältnisse taugt! Wollt ihr mir für einen AugenbHck 
euer Ohr leihen? 

— Ja, antwortete die Versammlung. 

— Ich beginne mit dem Anfang, sagte Lasse, 
oder mit dem Sündenfall. Die Menschen gingen 
nackt im Lustgarten umher und arbeiteten nicht. 
Gut! Dann assen sie in ihrem Ungehorsam vom 



m 



DIE INSEL DER SELIGEN 297 

Baum der Erkenntnis und wurden hinausgetrieben 
auf die Erde, um zu arbeiten! Gut! Wir haben 
das Paradies wiedergefunden, aber ein Paradies ohne 
einen Baum der Erkenntnis. Wir können also nicht 
sündigen, wenn wir auch noch so gern wollten. Und 
wenn wir es auch täten, so können wir weder hinaus- 
getrieben, denn wir wissen nicht, wohin wir von hier 
kommen sollten, noch zum Arbeiten gezwungen 
werden, denn wir haben nichts, mit dem wir arbeiten 
könnten. Also fällt der Sündenfall in sich zusammen 
und kann auf unsere jetzigen Verhältnisse gar nicht 
angewendet werden. Zugegeben? 

— Ja, antwortete die Versammlung und kratzte 
sich den Kopf; der Kapitän aber warf das Hemd 
ab und ging an den Strand hinunter, um zu baden. 

— Also, fuhr Lasse fort, da es keinen Baum der 
Erkenntnis gibt, gibt es keine Sünde; da es keine 
Sünde gibt, ist keine Versöhnung nötig, und damit 
fällt die ganze Lehre. Zugegeben? 

— Die Beweisführung ist gut, sagte Peter, aber 
des Menschen angeborenes Bedürfnis nach einer 
Religion ist nicht auszuroden. 

— Zugegeben, antwortete Lasse; wenn es aber 
ein angeborenes Bedürfnis wäre, in die Kirche zu 
gehen und Orgel zu spielen, so müsste dieses Be- 
dürfnis bei allen Völkern zu finden sein. Aber bei 
den wilden Völkern ist es nicht vorhanden! Also 
ist das Bedürfnis, in Kirchen zu schlafen, Orgel zu 
spielen, Gesangbuchnummern einzusetzen, eine Kol- 
lekte zu veranstalten, kein angeborenes Bedürfnis, 
sondern ein erworbenes. Gut! Was man erworben 
hat, kann man auch verlieren. Werden sehen, ob wir 
es nicht verlieren, das Bedürfnis, uns von einem 
versoffenen Priester schelten zu lassen; die letzte 
Kuh fortzugeben, wenn der Priester eine Leiche be- 
graben soll und so weiter; werden sehen, sage ich. 



298 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Der Doktor folgte dem Beispiel des Kapitäns 
und ging an den Seestrand hinunter. 

— Es ist viel zu heiss, um über Theologie zu 
sprechen, sagte er. 

— Aber, wandte Peter Snagg ein, die Gnaden- 
mittel, die Feiertage, diese schönen Stunden einer 
seligen Ruhe! 

— Die Gnadenmittel können nicht ausgeteilt 
werden, weil wir keinen geweihten Geistlichen 
haben. 

— Aber, antwortete Peter, man kann einen 
weihen lassen. 

— Nein, sagte Lasse, dann muss man ja einen 
Bischof haben, und den haben wir nicht. Auch 
haben wir keinen Wein, denn ich habe keine Wein- 
rebe gesehen. 

— Was das letzte betrifft, wandte Peter ein, der 
bereits in Schweiss gebadet war, so könnte der 
Wein durch Kokosmilch, Ananas- oder Feigensaft 
ersetzt werden. 

— Unmöglich, sagte Lasse, denn dann müsste 
man den Text fälschen. Pass genau auf! Jesus sagte 
zu seinen Jüngern: Ich bin der Weinstock und ihr 
seid die Reben. Er sagte nicht: Ich bin der Kokos- 
baum und ihr seid die Nüsse; oder ich bin die 
Ananas und ihr seid die Stacheln; oder ich bin die 
Feige und ihr seid das Laub. Fälscht man den Text 
erst an einer Stelle, so muss man alles fälschen. 
So haben wir auch kein Brot. Da müsste man eine 
Banane oder eine Ananas nehmen und die Formel 
ändern in: Nehmet und esset diese Banane . . . 

— Nein, sagte Peter, jetzt wird es mir zu warm. 
Jetzt gehe ich baden! Kommst du mit? 

— All right, sagte Lasse; lassen wir also die 
Theologie ! 

Und sie gingen hin und badeten. 



Drittes Kapitel 

Ein Jahr war vergangen. Von allem, was man 
gefürchtet hatte, war nichts eingetroffen. Der Winter 
war ebenso warm wie der Sommer. Die Jahres- 
zeiten unterschieden sich nur durch die verschie- 
denen Produkte, die sie hervorbrachten. 

Nach der Reifezeit dieser Produkte hatte Lasse 
einen Kalender aufgestellt. Die Einförmigkeit im 
Essen war dadurch vermieden worden, und man be- 
befand sich bei bester Gesundheit. So hatte man vier 
Jahreszeiten von je drei Monaten: Banane, Brot- 
frucht, Dattel und Kokosnuss. Mit Banane oder 
Januar — März reiften Ananas und Orangen; mit 
Brotfrucht oder April— Juni reiften Riesenerdbeeren 
und Feigen ; mit Dattel oder Juli — September kamen 
Pfirsiche und Kirschen; mit Kokosnuss oder Ok- 
tober — Dezember kamen Aprikosen und Maul- 
beeren. Dazwischen gab es stets Melonen, Granat- 
äpfel, Mais, Erbsen, Bohnen, so dass der Speise- 
zettel immer neu war und bis in Unendlichkeit 
variiert werden konnte. 

Da niemand arbeitete und die Hitze gross war, 
konnte man nur wenig essen. Und weil die Schiffs- 
kost hauptsächlich aus salziger Nahrung bestanden 
hatte, bildeten die Früchte eine langwierige Kur 
gegen den Skorbut; und durch diese Kur wurde die 
Pflanzennahrung allmählich eine Gewohnheit. Ein- 



300 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

zelne Versuche, Fleisch zu essen, wurden mit Magen- 
krankheiten bestraft. Ein alter Trinker hatte ent- 
deckt, dass man den Kokossaft zu einem berauschen- 
den Getränk gären lassen konnte; er wurde aber so 
krank davon, dass er's nicht wieder tat, und ein 
anderer auch nicht. 

Bei dieser einfachen Nahrung milderten sich die 
Leidenschaften, und man sprach nur freundliche 
Worte. Neid konnte nicht aufkommen, da es alle 
gut hatten, und Unordnung kam nicht vor. Wut und 
Hass vergingen: „Es ist viel zu warm, um viel 
Umstände zu machen", sagte der Kapitän. 

Nachdem man sich die Kleider, die auch zerfallen 
waren, abgewöhnt hatte, gewöhnte man sich daran, 
halbnackt zu gehen; und schliesslich bekleideten 
sich Männer und Frauen bloss mit einem Schurz 
aus fein geflochtenem Laub. Die Kinder gingen 
ganz nackt. 

Um sich die Zeit zu vertreiben, erfand man Spiele, 
Wanderungen, Schwimmübungen, Rudertouren; und 
besonders die Kinder zeigten grosse Lust, auf die 
Bäume zu klettern, und brachten es darin bald zu 
einer grossen Fertigkeit. 

Auch hatte Lasse vier grosse Feste eingerichtet: 
eines beim Beginn jeder Jahreszeit. Und mit un- 
geheuchelter Freude begrüsste man jede neue Ernte- 
zeit, denn die Freude über Abwechslung in der 
Nahrung war wirklich sehr natürlich. Da versam- 
melte man sich und spielte einen ganzen Tag. 
Männer, Frauen und Kinder tanzten um einen 
grossen Haufen der frisch gepflückten Früchte; und 
die Erstlinge wurden dem allgütigen Geber ge- 
opfert, wie bereits Abel und Kain dem Herrn ge- 
opfert hatten; ein Brauch, den alle, sogar Peter 
Snagg, ebenso hübsch wie biblisch fanden. 

Peter Snagg hatte einen Versuch gemacht, eine 



DIE INSEL DER SELIGEN 301 

Freikirche zu bilden, und wollte eine Predigt halten ; 
alles aber nahm sich gar zu köstlich aus, und als 
er für die Obrigkeit und die Kriegsmacht betete, 
Hess sich das überhaupt nicht auf die jetzigen Ver- 
hältnisse anwenden. Und beim Sündenbekenntnis 
konnte kein einziger aufrichtig sein, denn er hatte 
keine Sünden zu bekennen. 

Eintracht, Friede und Ruhe herrschten in der 
ganzen Gesellschaft; kein hartes Wort wurde mehr 
gebraucht, und man sprach einander schliesslich mit 
Kosenamen an. 

Wenn ein Kind geboren wurde, war die Freude 
gross; unter Spielen und Gesängen wurde es in die 
Gesellschaft aufgenommen als ein Geschenk der Na- 
tur, dessen Wert nicht den rohen Nebenwert von 
Kapital in der Hand der Eltern bekam, und das 
auch nicht als eine Last oder eine Strafe hingenom- 
men wurde. 

Wenn ein Jüngling und ein Mädchen zusammen 
ein Kind erzeugen und Freunde werden wollten, ver- 
kündeten sie es Lasse; der feierte das freudige 
Ereignis sofort durch ein Fest, ohne dass die beiden 
in ein Buch eingetragen wurden oder ein Ver- 
sprechen ablegen mussten, einander zu gehorchen. 
Wenn der eine also Feigen und der andere Ba- 
nanen essen wollte, konnte kein Gesetz sie zwingen, 
dasselbe zu essen. Da auch keine Zimmer auf- 
zuräumen, kein Geschirr aufzuwaschen war, so 
brauchte die Frau ihrem Manne nicht Untertan zu 
sein. Trennung von Tisch und Bett war obligatorisch, 
weil es weder Tisch noch Bett gab, sondern nur 
einen Laubhaufen unter einem Baum. 

Alles war also so frei, ungezwungen und einfach 
wie möglich. Die Mütter brauchten ihre Töchter 
nicht zu überwachen, denn sie hatten weder zu 
fürchten, dass Schwiegersöhne die Töchter ums Geld 



302 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

nehmen, noch dass die Töchter Kinder kriegen 
würden, denn es wurde für einen grossen Segen 
gehalten, Kinder zu kriegen; und die Umstände, 
in denen das Mädchen sich befand, wenn es ein 
Kind trug, hiessen deshalb auch „gesegnet". 

Nur eine einzige Sache störte den Frieden auf 
dieser Insel der Seligkeit; das war die Erinnerung 
an die Vergangenheit, die besonders in den Träumen 
auftauchte. Oft hörte man deshalb die Schlafenden 
im Schlummer schreien. Ein alter Schmied träumte 
oft von der Ankerschmiede und fühlte den Tritt in 
der Seite, mit dem der Gefangenwärter ihn weckte. 
Ein Fassbinder, der gestohlen, weil er zuviel Kinder 
besass, träumte nachts, dass die Kinder nach Brot 
schrien ; wenn er dann erwachte und die Sonne auf 
die immer tragenden Bäume scheinen sah, weinte er 
vor Freude, fiel auf seine Knie und dankte Gott für 
alles Gute. 

Manchmal aber tauchte der Gedanke an die Zu- 
kunft auf; da half denn kein Trost! Das war der 
Dämon der sonst so glücklichen Gesellschaft: der 
Gedanke an die Zukunft. Wenn sie sahen, wie gut 
sie's jetzt hatten, konnten sie nicht ohne Beben 
daran denken, wie es ihnen ergehen würde, wenn 
zum Beispiel ein Fahrzeug kam und sie holte. 

Unter Heimweh hatte dagegen kein einziger zu 
leiden, denn hinter ihnen lag entweder das Zucht- ' 
haus oder der Kriegsdienst; und danach sehnte sich 
niemand. 

Die Erinnerung an die Vergangenheit und die 
Furcht vor der Zukunft waren also die Schreck- 
bilder, die ihre selige Ruhe störten, und sowohl der 
Arzt wie Lasse dachten hin und her, um eine Abhilfe 
zu finden, aber ohne Erfolg. 

Doch was sie nicht finden konnten, fand der Zu- 
fall. Eines Tages war der Schmied in den Wald 



DIE INSEL DER SELIGEN 303 

gegangen, um nach einer schlaflosen Nacht Kühlung 
zu suchen. In einer Felsenschlucht fand er einen 
Busch, der blaue Beeren trug und den er noch nicht 
gesehen hatte. Er nahm einige davon und ass. 
Sie schmeckten nicht besonders gut, und er legte 
weiter kein Gewicht darauf. Und dann ging er nach 
Hause, das heisst zu dem Strauch, unter dem er 
seinen Laubhaufen für die Nacht hatte. Da traf 
er seine Frau. Der Schmied war bei guter Laune 
und schwatzte Unsinn. 

— Ich glaube, du hast einen Schnaps zuviel ge- 
trunken, sagte seine Frau, die noch an die Ver- 
gangenheit dachte. 

— Was ist das? sagte der Schmied erstaunt. 

— Branntwein! sagte die Frau und schnalzte mit 
der Zunge. 

— Branntwein? Davon habe ich noch nie ge- 
hört! Was ist denn das? sagte der Schmied er- 
staunt- 

— Weisst du nicht mehr, was Branntwein ist, 
so weisst du sicher, dass du in Karlskrona gefangen 
sassest! 

— Karlskrona? Ich verstehe dich ganz und gar 
nicht. Alte! 

— Dann hast du das Gedächtnis verloren, sagte 
die Alte. 

Und das hatte der Schmied tatsächlich! Damit 
war die Entdeckung gemacht. Der Arzt sammelte 
sofort die Beeren und gab sie der ganzen Gesell- 
schaft zu essen, gegen Schlaflosigkeit, wie er vorgab. 
Alle assen, der Arzt auch. 

Lasse aber liess seine Beeren auf die Erde fallen, 
denn, dachte er, man weiss nicht, was man aus der 
Vergangenheit lernen kann, und die Zukunft kennt 
niemand. 



Viertes Kapitel 

Drei Jahre waren seit der Landung verflossen, 
als Lasse eines Tages tief in die Insel hineinfuhr, 
um noch einmal deren Hilfskräfte für die Zukunft zu 
untersuchen und in Erfahrung zu bringen, ob sie die 
starke Volksvermehrung, welche die letzten beiden 
Jahre gezeigt hatten, ertragen könne. 

Er hatte ein kleines Kanoe genommen, sich darin 
unter dem dichten Laubgewölbe der Bananen den 
Bach hinaufpageit und war einige Meilen ins Land 
hineingekommen. 

Als er vom Rudern müde wurde, stieg er aus 
dem Boot, nahm sein Frühstück unter einem Kirsch- 
baum ein und legte sich zum Schlafen nieder. 

Er hatte noch nicht lange geschlummert, als er 
von einem Geprassel oben in der Banane erwachte, 
unter deren Zweige er sich gelegt hatte. Er spähte 
durchs Laub hinauf und erblickte ganz oben in der 
Spitze einen Affen, wie er glaubte, der auf einem 
Aste sass und mit langen Nägeln die Bananen aus 
den Hülsen pellte und sie dann in den von einem 
langen Bart überwachsenen Mund steckte. 

Lasse wurde unruhig, denn das war ein unerwar- 
teter Konkurrent, der ihnen sicher grossen Abbruch 
tun würde, wenn er, was wahrscheinlich, nicht 
allein war. Lasse beschloss, den Affen an sich zu 
locken und ihn entweder zu fangen oder ihn mit 
einem Stein zu töten. Er ging also und suchte sich 
eine Melone von der grössten, gelbrotesten Sorte; 

Strindberg, Kleine historische Bomane 20 



306 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

die in der einen Hand und den Stein in der andern, 

näherte er sich dem Baume, auf dem der Affe sass. 

Zuerst schnalzte er mit der Zunge: der Affe 

lauschte und warf Lasse eine Banane an den Kopf. 

— Koko, fuhr Lasse fort und zeigte die Melone. 
Der Affe aber antwortete nicht, sondern kletterte 

in die Spitze des Baumes hinauf, dass der sich unter 
der Last wie ein FHtzbogen bog. 

— Koko, mein Junge, lockte Lasse, komm her, 
du sollst was Gutes haben. 

Koko aber kam nicht, sondern schlug nach hinten 
aus und benahm sich so unanständig, dass Lasse sich 
nicht halten konnte, sondern, vor Wut schäumend, 
schrie : 

— Verdammter Teufel! 

Bei diesen Worten setzte sich Koko auf einen 
Zweig und schien von einer tiefen Rührung er- 
griffen zu sein. Er schabte die Nase an einer Rinde, 
und die Tränen perlten über seinen Bart herab. 
Lasse hörte ihn seufzen, hielt sich aber noch in ge- 
höriger Entfernung. 

— Hörst du nicht, du verdammter Teufel, willst 
du nicht herunterkommen und meine Melone kosten ! 

Die Rührung des Affen schien zuzunehmen, und 
Lasse wurde nicht weniger gerührt, als er eine 
menschUche Stimme aus der Banane hörte. 

— HeimatHche Klänge! O mein Vaterland und 
meine Freunde, meine- Augen weinen über deine 
Nachkommen! Niemais hat die schwedische Zunge 
meinen Ohren so liebHch geklungen, und mein Herz 
ist voll wie ein Gefäss, wie eine Kalebasse, wenn 
die Spätsommersonne sie mit Milch und Kern füllt. 

— Ich glaube, hol mich der Teufel, das ist Pastor 
Axonius, rief Lasse aus. 

Und mit einem „Der bin ich!" stürzte der Priester 
aus der Banane hinunter, und die beiden Lands- 



DIE INSEL DER SELIGEN 307 

leute lagen sich in den Armen, drückten sich an ihre 
haarigen Brüste und badeten sich in den Tränen 
des Priesters. 

— Wie in des Herrn Namen seid Ihr hierher 
gekommen? war Lasses erste Frage. Wir warfen 
Euch ja in die See! Hat ein Walfisch Euch ver- 
schlungen und dann ans Land gespien? 

— Ich bin nicht ans Land gespien, sagte der 
Priester, aber ich bin ans Land geschwommen. 

— Erzählt, erzählt, sagte Lasse. 

Der Priester trocknete seine Tränen mit einem 
Bananenblatt und setzte sich auf einen Stein. Dar- 
auf begann er seine Erzählung.^ 

— Wie in einem Traum erinnere ich mich jetzt, 
nachdem du (ich sage du, da wir uns hier so ge- 
troffen haben) mich daran erinnert hast, dass ich in 
die See geworfen wurde; weshalb, weiss ich nicht. 

— Oh, das hatte schon seine Gründe! Ratio 
sufficiens, wie Aristoteles sagt. 

— Wer ist Aristoteles? fragte der Priester. 

— Aha, dachte Lasse, er hat auch von den Beeren 
gegessen ! — Fahr nur fort und lass Aristoteles sein, 
sagte Lasse. 

Die Erzählung des Pastors. 

Nachdem ich eine unbestimmte Zeit umherge- 
schwommen war, erinnere ich mich, fühlte ich Grund 
unter rfieinen Füssen ; und ich watete auf eine Insel 
hinauf, die dieser glich. 

Nachdem ich Beeren gegessen und Wasser ge- 
trunken, fühlte ich eine eigentümhche Ruhe und 
einen Frieden, wie ich ihn noch nicht gekannt hatte. 
Die Natur war mir wie ein offenes Buch, und der 
Zusammenhang zwischen der Schöpfung und dem 
Schöpfer kam mir so einfach vor. Ich fühlte, dass 
eine dunkle Vergangenheit hinter mir lag, aber ich 

20* 



308 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

wusste nicht, was es war. Mein Kopf war leicht, 
und keine Grübeleien beschwerten mich. Frohen 
Sinnes, wie ich noch nie gewesen war, wanderte ich 
ins Innere der Insel hinein. 

Ich war auf meinem Wege nicht weit gekommen, 
als ich einen Mann sah, der vor einem Götzenbilde 
auf den Knien lag. Haha ! dachte ich, ich bin in 
ein heidnisches Land gekommen, denn meine Ge- 
danken waren noch von alten dunklen Vorstellungen 
durchsetzt., 

Ausser mir vor Wut über eine solche seelische Ge- 
meinheit, die vor einem Bildwerk aus Menschen- 
hand kriechen konnte, nahm ich einen Stein und 
schlug das Götzenbild nieder. Da hättest du den 
Mann sehen sollen! Er schrie und raufte sich die 
Haare und nannte mich Heide. 

Nachdem er sich beruhigt hatte, fragte ich', welche 
Religion er bekenne. 

Er antwortete, er bekenne die milde nicäische 
Lehre. 

Da ich die nicht kannte, musste er sich erklären. 

Das war die dümmste Lehre, von der ich gehört 
hatte. Sie war auch nur mit einer Mehrheit von 
vier Stimmen auf dem grossen Konzil von Nicäa 
angenommen worden. 

Ich bat um eine Erklärung, welchen Gott sie 
verehrten, und ob es mehr als einen Gott gäbe. 

Nein, antwortete er; sie verehrten den ^einzigen 
wahren Gott! 

Gut, sagte ich, dann verehren wir denselben. Was 
habe er dann aber mit dem Götzenbild zu schaffen, 
das an einem Galgen hängt? 

Ja, das sei Gottes Sohn! 

Das sei ein schlechter Gott, dessen Sohn sich 
hängen lasse, meinte ich. 

Dw antwortete er, das verstände ich nicht. 



DIE INSEL DER SELIGEN 309 

Ich gab das willig zu, aber er drückte die Hoff- 
nung aus, wenn der Heilige Geist über mein Herz 
Macht bekomme, werde es schon besser mit mir 
werden. 

~ Der Heilige Geist? Ihr habt also drei Götter? 

Er antwortete, der Teufel regiere mich noch ; wenn 
ich aber aus seinen Klauen käme, würde es besser 
werden. 

— Haha! Ihr habt vier Götter! Und regiert 
mich der Teufel, der Weltfürst, dann will ich bitten, 
mich zu ihm halten zu dürfen. Hat er (der mich 
regieren soll) die schöne Welt mit allen ihren Herr- 
Hchkeiten geschaffen, und ist er der Weltfürst, dann 
will ich ihn bekennen. 

Und ich fiel auf mein Angesicht nieder und betete 
den Weltfürsten an. 

Da aber brach der Mann in ein Geschrei aus 
und rief eine ganze Schar seiner Anhänger zusam- 
men. Die banden mich an Händen und Füssen. 

Darauf führten sie mich in ein kleines sonder- 
bares Haus, das einen Galgen auf dem Dach hatte. 

— Wer wohnt hier? fragte ich. 

— Hier wohnt Gott, denn es ist Gottes Haus, 
antwortete einer von den Schwarzen, denn sie waren 
alle schwarz gekleidet. 

— O, mein Gott, Fürst der Welt, rief ich aus; 
schlag ihre Frechheit mit deinem BHtz nieder! Du 
wohnst über den Himmeln und hast Sonne, Mond 
und Sterne zu deinem Fussschemel, und solltest in 
solch einer Hütte wohnen! 

Jetzt kam der Älteste von den Schwarzen und 
wollte freundlich mit mir sprechen. Er sagte, die 
nicäische Lehre sei die Lehre der Milde ; darum wolle 
er mich durch Milde gewinnen. Er fragte mich, 
ob ich einen Juden lieben wolle, der für diese Lehre 
gehtten habe und gestorben sei. 



310 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Darauf (antwortete ich nein, weil ich einmal keinen 
Juden kenne und zweitens niemand anders als Gott 
lieben wolle. 

Da wurde er böse und sagte, ich solle zur Hölle 
fahren.; 

Da ich glaubte, die Hölle sei nach seiner milden 
Lehre ein guter Ort, antwortete ich : Mit Vergnügen ! 

— Wie, rief er, du willst zur Hölle fahren? 

— Ja, gewiss, sagte ich. 

Da führten sie mich in Gottes Haus hinein! An 
der Tür stand ein Mann mit einer Sparbüchse und 
wollte Geld haben. Ich fragte, ob er seinen Gott 
für Geld zeige. Da kam ein Diener und schlug 
mich mit einem Stock auf den Kopf. Ich bat ihn, 
mild gegen mich Zu sein, denn ich solle jetzt ja die 
Lehre der Milde kennen lernen. 

Darauf führten sie mich vor ein grosses Gemälde. 
Das stellte die Hölle dar. Oben war ein alter zor- 
niger Mann mit einem langen Bart zu sehen; über 
ihm eine Taube, zu seinen Füssen ein Lamm; um 
ihn herum eine ganze Menge anderer Götzen mit 
Flügeln. Unter ihnen allen war die Hölle. Die sah 
allerdings nicht verlockend aus. Eine Menge schwar- 
zer Götzen kniffen mit Zangen Männer, Frauen und 
Kinder an den empfindlichsten Stellen und warfen 
sie darauf in ein flammendes Feuer. 

— Das ist abscheulich, sagte ich, und ein blinder 
Eifer ergriff mich, alle diese Unglücklichen von ihrer 
Abgötterei zu bekehren. Ist das die milde nicäische 
Lehre, fragte ich, und ist die Hölle so, dann will ich 
nicht Nicäer sein! 

Und ich fiel auf die Knie und betete für sie: 

— O Gott, Schöpfer und Erhalter der Welt, sieh 
ins Herz dieser Unglücklichen und rühr ihren ver- 
stockten und verirrten Geist , . , 



DIE INSEL DER SELIGEN 311 

Weiter kam ich nicht, denn ich wurde zu Boden 
geworfen und hinausgetragen. 

Am folgenden Tage sollte ich lebendig verbrannt 
werden, weil ich nicht an die nicäische Lehre glauben 
wollte. Ich fragte den Ältesten höflich, ob ihre 
milde Lehre keine mildere Strafe für ein Verbrechen 
wie meines habe. Man antwortete nein. 

Der Scheiterhaufen war errichtet und mit schänd- 
lichen Bildern vom Weltfürsten bekleidet; Hörner 
hatte er auf dem Kopf und die Zunge streckte er aus ! 
Welche Lästerer, dachte ich, als ich an den Holzstoss 
geführt wurde. 

Indem sie mir Lieder vorsangen und Götzenbilder 
vorhielten, bereiteten sie mich zum Tode. Ich hätte 
nie geglaubt, dass es so wilde Menschen auf den 
Inseln des Meeres geben könne. Nun, der Augen- 
blick war da, und ich glaubte, es sei mit mir zu Ende. 

Da bewölkte sich der Himmel und aus der Wolke 
schlug ein Blitz, mehrere Blitze, in die Götzen- 
bilder ein. 

— Seht ihr, seht ihr, rief ich, Gott schlägt sein 
eigenes Haus nieder! Glaubt ihr noch, dass er darin 
wohnt ? 

Die Schwarzen stoben auseinander! Ich riss 
mich los. 

Nachdem ich am Strande ein Boot genommen, 
floh ich aufs Meer hinaus, denn Heber wollte ich 
durch die Hand Gottes umkommen, als durch diese 
Heiden. 

Und jetzt bin ich hier, und jetzt will ich euch auf- 
fordern, mit mir hinauszuziehen und diese Heiden 
zu der einzigen wahren Lehre zu bekehren. 



312 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Lasse hatte die seltsame Erzählung des Geistlichen 
aufmerksam angehört; gegen Ende aber hatte er 
mit noch grösserer Aufmerksamkeit seine Augen 
auf den Vulkan gerichtet, der eine schwache Rauch- 
wolke aussandte. 

— Gehen wir erst heim und sprechen wir mit 
unsern Freunden, sagte er, ehe wir zur Bekehrung 
der Heiden ausziehen. 

Sie setzten sich ins Boot und ruderten heimwärts 
unter lehrreichen Gesprächen über verschiedene 
Arten von Heiden und die Entstehung der mensch- 
lichen Irrtümer. 

Als sie heimkamen, war der Himmel bereits von 
Rauch verdunkelt, und schwaches Getöse war aus 
der Ferne zu hören. Unruhe herrschte unter allen, 
und man wusste nicht, was man zu erwarten hatte. 
Die Rückkehr des Geistlichen erregte keine grosse 
Aufmerksamkeit, denn man hatte an anderes zu 
denken. Die ganze Nacht wachte man und arbeitete 
an den Booten, die man vorsichtiger Weise auf- 
bewahrt und bereitgehalten hatte. 

Der Himmel war rot wie ein Feuer; die auf die 
Bäume geklettert waren, um Proviant zu holen, 
konnten beim Schein des Vulkans sehen, was sie 
pflückten. 

Den ganzen folgenden Tag fuhr man fort, die 
Boote mit Wasser, Früchten und Laub zu füllen, 
denn man hatte sowohl Hunger und Durst wie Kälte 
zu befürchten. 

Das Getöse nahm zu und der Boden schwankte. 

Am dritten Tage war ein Donnergekrach zu hören, 
und aus dem Vulkan brach wie ein Wasserfall ge- 
schmolzene glühendrote Lava hervor. 

Jetzt stürzten alle in die Boote, und mit Trauer, 
Weinen und Seufzern stiess man von der Insel 
der Seligen ab, auf der die alles gebende Natur sie 



DIE INSEL DER SELIGEN 313 

drei Jahre lang ernährt und gekleidet; auf der sie 
in Ruhe und Frieden, ohne Zank und Streit gelebt 
hatten; und die sie jetzt verlassen mussten, um 
einem unbekannten Schicksal entgegenzugehen. 

Als sie aufs Meer hinausgekommen waren, be- 
gann die Insel zu sinken. Die Bäume tauchten ins 
Wasser hinein und ihre Wipfel schwammen in den 
Wogen. Die niedrigen Hügel senkten sich ganz 
allmählich. 

Schliesslich wurde auch der Kegel des Vulkans 
vom Wogenschwall verbrannt. Jede See, die in den 
Krater schlug, spritzte wie eine Dampfwolke auf, 
die von der glühenden Lava rot, von dem brennenden 
Schwefel blau, von Kupfer und andern Metallen, 
die unten in dem gewaltigen Ofen geschmolzen 
v/aren, grün gefärbt wurde. 

So verschwand die Insel der Seligen vor den 
Augen der Unseligen, die sich nun Wind und Woge 
überlassen mussten, um dem Tod oder noch einem 
schlimmeren Schicksal entgegenzugehen. 



Fünftes Kapitel 

Als die Reisenden, nachdem sie fünf Tage auf 
dem Meere umhergestreift waren, endhch ein Land 
in Sicht bekamen, waren sie beinahe umgekommen 
vor Kälte. Das neue Land, das sich jetzt ihren 
Blicken öffnete, schien ein Festland oder wenigstens 
eine ungeheuer grosse Insel zu sein. 

Als sie ans Land stiegen, war ihr Vorrat an 
Früchten erschöpft, und sie stürzten sich mit Ge- 
frässigkeit über eine Masse Muscheln her, die auf 
den Strand hinaufgeworfen waren. Durch diese 
tranige Nahrung gewannen sie allmähHch die Kör- 
perwärme zurück. 

Das Land schien ein kälteres Klima zu haben, 
und von all den herrlichen Fruchtbäumen der Insel 
der Seligen war hier nicht eine Spur zu sehen. 
Buche, Eiche, Birke bildeten den Wald; an den 
Hängen der Berge wuchsen Kiefer und Fichte. 
Hungrig, wie sie waren, versuchten sie die Eicheln 
der Eiche und die Eckern der Buche zu essen; die 
sättigten aber nicht und schmeckten ausserdem 
widrig. 

Zwischen den Bäumen aber liefen Hasen, Rehe, 
wilde Ziegen und Schafe herum, und in den Büschen 
Sassen Auer- und Birkhühner. Sie sahen also sofort 
ein, dass sie hier von Jagd und Fischfang zu leben 
hatten, und dass man sich so schnell wie möglich aus 
den Fellen der Tiere warme Kleider verschaffen 
musste, wenn man nicht erfrieren wollte. 



316 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Lasse verkündigte sofort eine grosse Beratung 
und entwarf folgenden Plan: 

Am ersten Tage musste jeder am Strand entlang 
gehen, sich mit Muscheln nähren und Grotten und 
hohle Bäume für die Nacht aufsuchen. Die aber 
eine Grotte oder Höhle gefunden hatten, sollten 
unmittelbar darauf Muscheln und Wasser für die 
schaffen, die Pfeilbogen verfertigten, mit denen man 
die Tiere schiessen konnte; denn deren ganze Zeit 
werde damit hingehen. Um aber überhaupt Bogen 
anfertigen zu können, musste man erst scharfe Steine 
suchen, die als Messer dienen sollten. 

Als die Nacht hereinbrach, war man nicht weiter 
gekommen als zum Sammeln von scharfen Steinen; 
man kroch zum Schlafen in Höhlen, Grotten und 
unter die umgekehrten Boote. 

Am folgenden Morgen begann die Arbeit an den 
Bogen, nachdem jedoch der eine und der andere 
den Versuch gemacht hatte, mit Steinwürfen ein 
Tier zu töten ; deren Häute wurden sofort abgezogen 
und als Kleider für die minderjährigen Kinder ver- 
wendet. 

Als dann am dritten Tage eine Anzahl Bogen 
fertig waren, zogen die Männer auf Jagd; und auch 
die Frauen, die nicht schwanger waren und keine 
Kinder zu bewachen hatten. Es war im letzten 
Augenblick der Not, denn alle Muscheln, die der 
letzte Sturm aufs Land geworfen hatte, waren ver- 
zehrt. 

Gross war die Jagdbeute nicht. Und Pastor und 
Schmied, die auf denselben Hasen gezielt hatten, 
gerieten in Streit, wer von ihnen ihn getötet habe; 
und hätten sich geschlagen, wenn nicht Lasse da- 
zwischengetreten und die Sache dahin entschieden 
hätte, dass sie die Beute teilen müssten. 



DIE INSEL DER SELIGEN 317 

— Jetzt beginnt die Schlägerei, sagte Lasse zu 
sich selbst ; und der Auftritt machte einen schlechten 
Eindruck auf die Anwesenden. 

"~^Man musste die Tiere roh essen, was widrig war. 
Als man sich aber bei der Mahlzeit befand, kamen 
alle schwangeren Frauen und die Frauen, welche die 
Kinder hatten bewachen müssen, und verlangten 
auch zu essen. Da wollte aber niemand teilen! 
"Von neuem musste Lasse dazwischentreten, und 
er gebot jedem Manne, der Vater von geborenen 
oder ungeborenen Kindern war, seine Beute mit 
seiner Frau zu teilen. Es war aber ganz unmöglich, 
die Väter herauszufinden, denn in den drei Jahren 
auf der Insel der Seligen hatten sich Männer und 
Frauen untereinander vereinigt, ohne auf die Vater- 
schaft achtzugeben. 

Zwist entstand, und Lasse musste dazwischen- 
treten. Nachdem er Männer und Frauen in zwei 
Haufen geteilt, forderte er jedes Weib auf, einen 
Mann zu wählen. Dann musste jedes Weib feierlich 
versprechen, mit keinem andern Manne zu ver- 
kehren, solange ihr Mann für sie und ihre Kinder 
Essen und Kleidung schaffte. Das fanden alle sehr 
billig. 

Peter Snagg aber, der immer opponieren musste, 
warf die Frage auf, was der Mann tun müsse, 
wenn das Weib untreu werde. Darauf antwortete 
Lasse, er brauche sie dann nicht mehr zu versorgen, 
das heisst habe ein Recht, sich von ihr zu trennen 
oder sie fortzujagen; denn die Natur habe nicht 
beabsichtigt, dass der eine das Vergnügen des 
andern mit seiner Arbeit bezahlen solle. 

— Damit haben wir also die Ehe wieder, dachte 
Lasse für sich. 

Alle halberwachsenen Kinder mussten sich aus 
den Knochen der verzehrten Tiere Angelhaken 



318 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

machen, und mit Schnüren von gedrehtem Gras 
konnten sie anfangen, etwas zu fischen. 

So führte die junge Gemeinde eine Zeitlang ein 
recht mühseliges Leben. Der Winter in den Grotten 
war hart, denn man hatte noch kein Feuer. 

Als der Frühling kam, merkte man mit Schrecken, 
dass das Wild weniger wurde. Man musste immer 
tiefer und tiefer in die Wälder hinein; man musste 
auswärts schlafen, und die Beute heimzuschleppen 
war ein schweres Stück Arbeit. Der Streit um die 
Beute fing an allgemeiner zu werden, und der Friede 
war gestört. 

Da kam, gerade noch zur rechten Zeit, als die 
Gemeinde zusammenzubrechen drohte, Pastor Axo- 
nius eines Tages mit dem Feuerstein heim, nach dem 
man sich so lange gesehnt hatte. Es war ein Stück 
Schwefelkies. Der Pastor aber war eifersüchtig auf 
seine Entdeckung. Und Lasse, der allein sein Ge- 
dächtnis besass, schloss mit Axonius ein Bündnis. 

Sie hatten lange gesehen, wie das Volk unzu- 
frieden geworden war; sie hatten gemerkt, wie ein 
gewisser Widerwille gegen die beschwerliche Jagd 
entstand, und dass sich alle nach den seligen Tagen 
zurücksehnten, als niemand zu arbeiten brauchte. 
Die Gärung war allgemein, und die Lust, sich der 
Arbeit zu entziehen, zog sich wie eine Sünde durch 
die ganze Gesellschaft. Lasse und Axonius, die voll- 
auf damit zu tun hatten, die Bogen zu verbessern, 
Kleider anzufertigen, Zwiste zu schHchten, konnten 
für die Jagd nicht viel Zeit erübrigen; deshalb 
mussten sie sich ihr Essen von den andern erbetteln, 
die aber nur widerwilHg von ihrer Beute etwas ab- 
gaben. Jetzt war die Zeit gekommen, da sie nicht 
mehr zu betteln brauchten, da sie gegen einen 
grossen Dienst, den sie der Gemeinde leisteten, 
als Gegendienst verlangen konnten, dass man sie 



DIE INSEL DER SELIGEN 319 

nähre und kleide. Der Winter kam, und das Be- 
dürfnis nach Feuer wurde fühlbarer als je. 

Lasse rief alles Volk zusammen. Er stellte ihnen 
vor, dass es notwendig sei, nach verschiedenen Rich- 
tungen zu ziehen und neue Jagdgründe aufzusuchen. 
Das könne nur geschehen, wenn man Wohnungen 
mitnehmen könne; denn jeden Abend eine Grotte 
zu finden, sei unsicher. Wenn man aber in trag- 
baren Zelten wohnen könne, sei die Frage gelöst. 
Um aber in Zelten wohnen zu können, müsse man 
Feuer haben. Wer jeden Augenblick Feuer schaffen 
könne, der sei der grösste Mann der neuen Zeit. 
Pastor Axonius habe von den Naturgöttern höhere 
Einsicht in die Geheimnisse der Natur bekommen 
als alle andern; und er, Lasse, habe das Wissen 
des P_astors benutzt, und zusammen mit ihm eine 
Art, Feuer zu machen, entdeckt. Jetzt fragte er 
die Gemeinde, ob sie ihn und den Pastor dafür, 
dass sie Feuersteine bekämen, ernähren wollten. 

Die Versammlung antwortete mit einem schallen- 
den Ja! 

Da Hess Lasse einen Holzstoss errichten. Warf 
dem Pastor ein Marderfell über den Kopf und ein 
Fuchsfell über seine eigenen Schultern. Sich der 
Sonne zuwendend, die er als Quelle des Feuers 
begrüsste, murmelte er einige hebräische Worte, 
die der Pastor mit ebenso unverständlichen beant- 
wortete. Darauf befahl er dem Volke, auf die Knie 
zu fallen. Der Pastor schlug Feuer, und der Holz- 
stoss stand in hellen Flammen. 

* 

— Jetzt, sagte Lasse mit lauter Stimme, beginnt 
eine neue Epoche. Mit dem Feuer können wir über 
das ganze Land wandern, und die Jagdbeute wird 
niemals mangeln. Heil, hokus, pokus, baraschit, 
baraj, Mahomet! 

Und alles Volk tanzte wie berauscht um das 



320 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

schöne Feuer. Der Pastor aber, den man anbeten 
wollte, zog sich schleunigst in seine Grotte zurück, 
wo er sich verbarg. 

Nachdem Lasse allen das Versprechen abgenom- 
men hatte, zu bestimmter Zeit ihren Tribut ab- 
zuliefern, teilte er Feuersteine aus und befahl dem 
Volke, sich sofort Zelte zu machen, sich in fünf 
Haufen zu teilen und ihrer Wege zu ziehen. Wenn sie 
mehr Feuer gebrauchten, wollten sie wiederkommen. 

In sieben Tagen waren die Zelte fertig, und 
dann zogen sie ihrer Wege in die Wälder hinaus; 
mit der Zusage, jedes Jahr bei der Wintersonnen- 
wende, wenn die Tage länger werden, zusammen- 
zukommen, in so grosser Anzahl wie nur möglich, 
und mit einem gewaltigen Feuer die Rückkehr der 
Sonne und die Entdeckung des Feuers zu feiern. 

Ausserdem erklärte ihnen Lasse, Pastor Axonius 
könne infolge seines intimen Umganges mit den 
Göttern fernerhin nicht mehr die Ehre haben, sie 
so oft wie früher zu sehen. Auch gebe dieser hier- 
mit durch ihn. Lasse, zu erkennen, dass er nicht 
mehr Axonius zu nennen sei, sondern einfach Uffka 
heissen wolle; das sei ein Wort von tiefer Be- 
deutung, hinter dessen eigentlichen Sinn Lasse noch 
nicht gekommen sei, denn es sei so tief, dass sechs 
Menschenalter nötig seien, um es zu ergründen. 

Dann zogen sie von dannen. 

Lasse aber und Axonius oder, wie er jetzt hiess, 
Uffka, die nicht zu jagen brauchten, sassen zu Hause 
beim Feuer und taten sich gütlich. Da sie mehr 
Speisen hatten, als sie essen konnten, bestachen sie 
bald einige Männer und Frauen, die auch keine Lust 
hatten, in den Wäldern umherzulaufen, ihr Feuer zu 
schüren, ihr Essen zu braten, ihre Kleider zu nähen. 

— Jetzt haben wir auch Herren und Diener, 
sagte sich Lasse; werden sehen, wie alles enden wird. 



Sechstes Kapitel > 

Die Zeit ging ihren Trott, und Lasse sass in guter 
Ruhe und nahm seinen Tribut. 

Als aber ein Jahr nach dem grossen Opfer ver- 
gangen war, wartete er vergebens, und die Hungers- 
not war nahe. Da sandte er Uffka, der mit einem 
langen, aus Krähenfedern gemachten Rock bekleidet 
war, aus, um zu kundschaften und den Aufsässigen 
ihren Tribut abzulocken. 

Als Uffka zurückkam, war er abgerissen und übel 
zugerichtet. Das Volk glaubte nicht mehr an ihn 
und man brauchte Lasses Feuersteine nicht mehr, 
nachdem Peter Snagg entdeckt hatte, wo sie zu 
finden waren. 

Lasse aber hatte etwas anderes in Bereitschaft, 
denn er war ein kluger Mann und hatte sein Ge- 
dächtnis behalten. Die Stämme zusammenzurufen, 
lohnte jetzt nicht mehr, vielmehr wollte er Peter 
Snagg und seinen Stamm aufsuchen, um ihn auf 
seinem eigenen Grund und Boden und in Gegen- 
wart von Zeugen zu schlagen. 

Als er endlich nach einer anstrengenden Tagereise 
das Snaggsche Zeltdorf erreicht hatte, trat er ein 
und grüsste Peter ehrerbietig. Sie hielten geheime 
Zwiesprache und schlössen für eine neue Erfindung 
ein Bündnis. Der Stamm wurde zusammengerufen 
und Snagg hielt folgende Rede. 

Strindberg, Kleine historische Komane 21 



322 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Das Jägerleben sei nicht ohne Anstrengungen und 
Übelstände gewesen. Bald habe man Überfluss an 
Fleisch gehabt, so dass es faul geworden sei, bald 
Mangel. Schwache Versuche, durch Trocknen den 
Überfluss zu bewahren, seien allerdings gemacht 
worden, aber mangelhafte Methoden hätten ihre 
Hoffnungen getäuscht. Jetzt hätten aber er, Peter 
Snagg, und Lasse HuUing einen geheimen Stein ent- 
deckt, der Fleisch, Fische und Häute vor Fäulnis 
bewahren könne. Die Folgen von dieser grössten 
Erfindung der Zeit seien unberechenbar. Jetzt könne 
man zu bestimmten Zeiten jagen und dann ruhig 
dasitzen; und ruhig dasitzen sei doch der grösste, 
reinste und sicherste Genuss des Lebens. Ob der 
Stamm Lasse und ihm, Peter, Tribut zahlen wolle, 
wenn er ihre Entdeckung bekäme? 

Ein donnerndes Ja war die Antwort. 

Peter teilte darauf einen weissen zerquetschten 
Stein aus, den er Salz nannte, und forderte das 
Volk auf, jede Woche zu kommen und seinen Vor- 
rat gegen AbUeferung des Tributes zu holen. 

Und Lasse kehrte wieder nach Hause zurück. 

Der Tribut fiel aber nicht sehr reichlich aus, denn 
Kapitän Bart hatte bei seinem Stamm bereits die 
Methode, Fleisch zu räuchern, eingeführt und emp- 
fing dafür Tribut; und so wollten die Barter kein 
Salz haben. 

Nachdem das Salz eingeführt war, begann eine 
bessere Zeit, und man führte ein sesshafteres Leben. 
Man war aber so an strenge Beschäftigung gewöhnt, 
dass man neue Erfindungen ausdachte. 

So hatte der Arzt, der auch von einem Stamm 
Tribut empfing, ein rotes Metall gefunden, das sich 
leicht klopfen und mit grossem Vorteil zu Pfeilen 
verwenden Hess. Das Metall war kein anderes als 
das Kupfer, und mit dessen Einführung wurde die 



DIE INSEL DER SELIGEN 323 

Jagd noch leichter; ausserdem machte man sich 
davon Messer und Beile, mit denen man Bäume 
fällte. 

Nun suchte man überall nach Kupfer. Konnte 
aber keins finden. Die andern Stämme sandten Bot- 
schaft an Doktor Stachel und wollten die Fund- 
orte des Kupfers wissen. Er weigerte sich aber, 
das Geheimnis zu verraten, sondern verkaufte Messer 
und Pfeilspitzen gegen Salz und Feuersteine, an 
denen er Mangel hatte. Er machte aber den Preis 
so hoch, dass die andern Stämme böse wurden, 
und eines schönen Tages brach der Schmied Knip, 
der Häuptling eines Stammes war, in sein Dorf ein 
und machte den Doktor und seinen Stamm zu Ge- 
fangenen. Diese baten um ihr Leben und durften 
es auch wirkUch behalten, mussten dafür aber für 
den Schmied und sein Volk arbeiten, das heisst 
ihre Sklaven werden. 

Von der drohenden Gefahr erschreckt, war Lasse, 
der auch auf den Schmied und den Kapitän neidisch 
war, ausgezogen und hatte ein neues Metall ge- 
sucht, das schärfer als Kupfer war und sich von 
Hieben nicht bog. Mit diesen Eisenpfeilen und 
Eisenäxten bewaffnete er seinen Stamm, der nun 
die Stämme des Schmieds und des Kapitäns zu 
seinen Gefangenen machte. 

Jetzt aber bekam Lasse mehr zu denken, als er 
je geträumt hatte, denn es war schwer, so viele 
Menschen auf einem Fleck zu ernähren und zu 
regieren ; besonders wo das Wild abgenommen hatte. 
Man musste auf neue Nahrungsmittel bedacht sein, 
die man unter seinen Augen haben konnte, ohne 
ihnen im Walde nachlaufen zu müssen. 

Er Hess also Auerochsen, Schafe und Ziegen 
fangen; die band man auf den Wiesen an Bäumen 
fest, und deren Milch und Fleisch konnte man 

21* 



324 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

nehmen, wann man wollte. Damit hatte Lasse ein 
Hirtenvolk unter seiner Gewalt. 

Zum .Winter aber mussten die Tiere gefüttert 
werden; zu dem Zweck wurden Viehställe und 
Scheunen gebaut und Heu gesammelt. 

Bald aber hatte man die einförmige Nahrung satt, 
und die alten Erinnerungen an die schöne Zeit auf 
der Insel der Seligen waren im Magen zu spüren. 
Lasse, der seine Zeit gut anwandte, hatte einige 
Grasarten entdeckt, deren Samen eine leckere Speise 
wurde, wenn man ihn zerquetschte und mit Milch 
knetete. Ausserdem hatte er Pflanzen mit dicken 
Wurzeln gefunden, die bitter waren, wenn sie auf 
magerem Boden wuchsen, aber süss, wenn sie in 
fettem wuchsen. 

Da er keinen Pflug besass noch Zugtiere ge- 
zähmt hatte, Hess er den Wald fällen und verbrennen. 
In die Asche säete er seinen Gras- und Rüben- 
samen, und damit war der Ackerbau im Gange. 

Alle Stämme folgten nicht sofort dem Beispiel. 
Einige aber taten es. 

Mit dem Fällen und Verbrennen des Waldes ver- 
schwand jedoch das Wild. Klagen über den ge- 
fährlichen Rauch Hessen ausserdem die Nachbarn 
hören, die auch an den angebauten Pflanzen Ge- 
schmack fanden, aber die Jagd nicht aufgeben und 
die Wälder nicht zerstören wollten. Sie machten 
deshalb ab und zu kleine EinfäUe in Lasses Gebiet 
und wollten sein Besitzrecht nicht so weit aner- 
kennen, dass sie ihm das Recht zuerkannten, Land 
und Jagd durch Schwenden zu vernichten. 

Lasse musste sie mit Waffengewalt hinaustreiben; 
während aber die Leute im Kriege waren, konnten 
sie nicht arbeiten. Darum mussten die Zurück- 
bleibenden sie nähren und kleiden, während sie 



DIE INSEL DER SELIGEN 325 

auszogen und die Felder schützten. Also befahl 
Lasse eine allgemeine Schutzsteuer. 

Jetzt fing man auch an, Häuser zu bauen und 
hatte jeden Gedanken an Umherstreifen aufgegeben. 
Aber das Behagen, sesshaft zu sein, war teuer er- 
kauft, und Lasse hatte jetzt keinen frohen Tag mehr, 
denn er musste unaufhörlich Zwiste schlichten und 
Gesetze und Verordnungen erfinden. 



Siebentes Kapitel 

Die Sitten wurden immer roher. Das bewegliche 
Leben in den Wäldern hatte die Sinne erfrischt, 
und die Unmöglichkeit, das Wildbret längere Zeit 
aufzubewahren, hatte die Menschen grossmütig ge- 
macht. Jetzt, wo man sparen konnte, wurden die 
Menschen geizig und kleinlich. 

Die Jägerstämme, die sich noch in den angrenzen- 
den Wäldern tummelten, hielten es für etwas 
SchimpfHches, den Kühen die Milch zu rauben, 
welche die Natur für die Kälber bestimmt habe; 
und einige edlere Gemüter beschlossen einst, mit 
Gewalt diese Tierquälerei zu hindern. Die Jäger 
verachteten diese „Kälber^S wie sie sie nannten, 
längst; ihre Verachtung wurde aber noch grösser, 
als sie ein Schlachten sahen, bei dem unter den 
rohesten Handgriffen die gebundenen Tiere ohne ein 
Zeichen von Widerstand niedergestochen und das 
Blut abgezapft wurde. Das war für die Jäger, die 
selten den Todeskampf und nie ein Blutvergiessen 
sahen, ein widriger AnbHck. 

Peter Snagg, das Haupt der Jäger, konnte nicht ge- 
nug seinen Kummer und seine Verachtung über die 
Fortschritte der Roheit ausdrücken. Noch schUmmer 
kam es ihm vor, dass man die Wälder verbrannte 
und die Menschen „wie Tiere Gras" assen. Erstens 
war Peter der Ansicht, die Vernichtung der Wälder 
würde das Land ruinieren; ferner meinte er, es sei 



328 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

töricht, Grassamen zu säen, wo so ungeheuere 
Flächen von trockenem Stroh bedeckt seien. 

— Welch schmutziges, erbärmliches, verdummtes 
Volk, rief er aus, als er sie, über Hacke und Spaten 
gebeugt, in der Erde wühlen sah. Und die Erde 
muss, wenn sie eine Ernte gegeben hat, mit Mist 
gedüngt werden. So weit ist die Roheit gekommen, 
dass sie Dreck essen! Bringen sie diesen Dung 
nicht aus dem Viehstall aufs Feld, und bringen sie 
dann nicht die Saat, die daraus gewachsen ist, in 
die Scheunen! Pfui Teufel, so ein Volk! Und dann 
bauen sie dichte Hütten aus Balken, in welche die 
Luft nicht hineinkommen kann. Da setzen sie sich 
dann hin und stinken und feuern; und wenn sie in 
die frische Luft hinauskommen, so wird ihnen 
schlecht. Und sie sehen nichts anders von der Welt 
als ihre verbrannten Ackerstücke und ihre lieben 
Dreckhaufen vorm Viehstall. Wie witzig und nett 
sie bei solch einer Beschäftigung werden müssen! 

Lasse, der noch einmal freundschaftlich mit Peter 
snisammentraf, disputierte mit ihm und wandte ein, 
dass der Ackerbau die Menschen friedlicher mache; 
wer seine Saat unter freiem Himmel habe, hüte sich, 
sich Feinde zu machen, die ihm seine Ernte nehmen 
konnten, während er schlief. 

Peter wandte aber ein, dass ein Mensch, der 
etwas besitzt, niemals ruhig schlafen könne und 
immer in Unruhe schweben müsse, es zu verHeren. 
Und, fuhr er fort, wie muss er sich an die Erde 
gebunden fühlen; wie schwer wird es ihm virerden, 
von diesem elenden Leben zu scheiden, da er sein 
Besitztum herrenlos zurücklassen muss. Und ein 
Schlagregen, ein Hagelschauer, ein zerbrochener 
Zaun könne ja jeden AugenbHck die Früchte der 
Arbeit vernichten. Ein furchtsames Geschlecht werde 
entstehen, ein sklavisches, verdummtes Volk werde 



DIE INSEL DER SELIGEN 329 

aus diesen Erdwühlern, die schliesslich in der Vor- 
stellung erstarren würden, dass die .Welt nur aus 
ihren Äckern bestehe. 

Lasse sah bald die Folgen. Die Leibeigenen, die 
teuer zu ernähren und schwer zu bewachen waren, 
mussten freigegeben werden. Die zogen sofort in die 
.Wälder und schwendeten. Und bald war Lasses 
ganze Provinz von Ackerbauern besetzt. Streite um 
Waldlose und Weidegründe entstanden. Des einen 
Vieh trat den Acker des andern nieder. 

Da wurde der Ruf nach einem Übereinkommen 
allgemein, und Lasse sah sich genötigt, das erste 
Recht des Gesetzbuches wieder hervorzuholen, näm- 
lich das Grundrecht, durch das jeder ein Recht auf 
den Grund und Boden erhielt, den er sich genommen 
hatte. 

Bald aber sah man ein, dass das Gesetz nicht 
befolgt wurde; m.an musste also Strafen ausdenken. 
Da sich bereits Übervölkerung einzustellen drohte, 
und Gefängnisse den Unschuldigen eine ungerechte 
Steuer auferlegt hätten, da ausserdem alle ins Ge- 
fängnis hätten kommen wollen, um Essen und Woh- 
nung zu erhalten, ohne arbeiten zu müssen, fand 
man es am einfachsten, die, welche das Gesetz ver- 
letzten, zu töten. Das Leben war noch niemandem 
besonders lieb, denn, verglich man das jetzige mit 
dem vergangenen schönen Leben auf der Insel der 
Seligen, so hielt man das Leben im allgemeinen 
für eine Last. Die Todesstrafe wurde also mit Jubel 
angenommen, und damit war das Strafrecht wieder 
eingeführt. 

Aber neue Verwicklungen drohten. Lasse sah, 
dass die Dinge sich zu verwirren anfingen ; sie aber 
zu ordnen, war nicht möglich; blieb also nur übrig, 
in der einmal eingeschlagenen Richtung weiterzu- 
gehen. 



330 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Nachdem einige Jahre mit unaufhörlichen 
Streitigkeiten und Gesetzgebungen über Einfriedi- 
gungspfUchten ; über Wasserzüge, die einige mit 
Mühlen gesperrt hatten, wodurch andere im Fischen 
geschädigt wurden; über Anlegung von Wegen 
durch fremden Grund und Boden, da der eine nicht 
zu seinem Besitztum kommen konnte, ohne über 
fremden Grund und Boden zu fahren, und andere 
Dinge hingegangen waren, geschah es eines Tages, 
dass ein Bauender oder Bauer, wie sie jetzt hiessen, 
einer von denen, die sich um Felder und Weiden 
niedergelassen hatten, plötzlich starb. Er hinterliess 
eine Frau und sechs Kinder, drei Söhne und drei 
Töchter. Alle wollten den Hof haben; der konnte 
aber, zerstückelt, nicht alle ernähren; auch wollte 
Lasse lieber einen Bauer als sechs Kätner haben ; 
darum musste er das alte Erbrecht wieder hervor- 
holen, durch das der älteste Sohn Besitzer des Hofes 
wurde, mit der Verpflichtung, die Mutter zu unter- 
halten. Die übrigen Geschwister mussten in die 
Welt hinausziehen und Dienst suchen. 

Dadurch gewarnt, fingen die andern Bauern an, 
im Erzeugen von Kindern vorsichtiger zu werden; 
und man sah seitdem selten, dass ein Bauer mehr 
als zwei Kinder zeugte, denn niemand wollte seine 
Kinder dienen lassen. 

Jetzt aber entstand aus denen, die bereits geboren 
waren und keinen Grund und Boden bekommen 
hatten, eine Klasse Unzufriedener. Die waren sehr 
gefährHch, denn da sie nichts zu verlieren hatten, 
fürchteten sie auch nichts. Sie zogen in die Wälder, 
denn sie sahen nicht ein, warum sie andern, welche 
die Früchte ihrer Arbeit genossen, dienen sollten. 

Lasse schloss sich viele Tage mit dem Pastor ein, 
und die beiden suchten einen Grund herauszufinden, 
warum die einen arbeiten sollten, damit die andern 



DIE INSEL DER SELIGEN 331 

essen konnten ; sie vermochten aber keinen zu finden. 

Da nun der Grund und Boden nicht geteilt 
werden sollte, geschah es in guten Jahren, dass 
die Ernte so gross wurde, dass ein Überschuss ent- 
stand und der Bauer mehr von einer Sorte hatte, 
als er verzehren konnte. Da verfiel er darauf, mit 
andern von deren Überfluss zu tauschen; und bald 
wusste man genau, wann und wo die zu treffen 
waren, die etwas zum Tauschen hatten. Auf den 
Marktplätzen traf man sich; dahin kamen die Jäger 
mit ihren Pelzwaren, mit Salz, Fischen und Wild 
und tauschten sie gegen Saat, Käse, Butter und Vieh. 

Um den Tausch zu erleichtern, kam man darauf, 
Platten aus Zink zu benutzen, die mit Zahlen ge- 
stempelt wurden und als Tauschmittel dienten. 

Als sich aber infolge dieses Verfahrens Reich- 
tümer anzuhäufen begannen, wurde der Neid bei den 
Enterbten so gross, dass sie sich auf Raub und 
Plünderung warfen. 

Die Gemeinde war dadurch aufs äusserste bedroht, 
und Lasse musste ein stehendes Heer aus diesen 
Missvergnügten anwerben; wodurch das alte Heer 
noch vergrössert wurde und neue Steuern erhoben 
werden mussten. 

Die Bauern bezahlten die Steuern gern, wenn 
sie nur geschützt waren. Aber was waren das für 
Taugenichtse, die in dem neuerbauten Turm assen 
und tranken, spielten und tanzten! Nichts hatten sie 
zu tun, und deshalb fühlten sie sich besser als die 
Erdwühler. Ihre Sitten waren roh, und sie hatten 
keinen Respekt vor Lasse. Sie zogen auf die Strassen 
und Wege hinaus und plünderten die Tauschenden, 
wenn sie vom Markte kamen. 

Längst war ein dumpfes Missvergnügen von den 
Bauern zu vernehmen, die keine Lust hatten, 
Tvrannen zu ernähren. Die Todesstrafe schreckte 



332 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

niemand ab, denn sie erwarteten alle, nacfi dem 
Tode auf die Insel der Seligen zu kommen ; und zum 
Tode gingen sie wie zu einem Fest. 

Lasse war also gezwungen, etwas zu finden, das 
sie vorm Tode bange machte. Und er brauchte nicht 
lange zu suchen. 

Uffka, das ist Pastor Axonius, der in eine Art 
■Winterschlaf versunken war, wurde aufgeweckt und 
ausgesandt, um die politische oder Höllenreligion zu 
predigen. 

Die vornehmsten Punkte dieser schönen Lehre 
waren folgende: alle Menschen, die keinen Grund 
und Boden bekommen hatten, sind Elende; Gott 
hat sie zwar geschaffen, aber sie waren ungehorsam, 
und Ungehorsam gegen die Obrigkeit ist die grösste 
Sünde; darum würden auch alle, die sich keinen 
Grund und Boden erworben hatten und nicht für 
andere arbeiten wollten, nach dem Tode in die Hölle 
kommen, wo sie bis in Ewigkeit lebendig gebraten 
würden. 

Diese Verrücktheit machte anfangs keinen Ein- 
druck auf die unbeirrten Gemüter, aber die Macht 
der Gewohnheit ist gross, und ganz allmählich ge- 
lang es Uffka, durch gemalte Bilder die Frauen 
vorm Tode bange zu machen. Das war der erste 
Schritt. 

Aber die Krieger trieben nur ihre Possen mit dem 
Priester und waren unverbesserlich. Schliesslich 
musste Lasse eine andere Methode bei ihnen an- 
wenden. Er bestach sie. Das Land wurde in Kreise 
eingeteilt, und über jeden ein Krieger als Haupt 
gesetzt. 

Jetzt konnte man die Bauern ziemlich im Zaume 
halten, denn jeder Kreishauptmann hatte einen Turm 
und eine Garnison. Aber diese Chefs unterdrückten 
die Bauern grenzenlos, und sie verfielen auch darauf, 



DIE INSEL DER SELIGEN 333 

von allen Kaufleuten, die durch ihr Gebiet zogen, 
eine Steuer zu erheben. Diese Steuer wurde Zoll 
genannt und sollte den Handel schützen (nämlich 
gegen die Räubereien der „Beschützer^^). 

So ging es „vorwärts" mit dem Fortschritt. 

Lasse hatte sich verheiratet und Kinder gezeugt. 
Seine Ausgaben wurden grösser, und er musste 
neue Steuern erheben. Da aber klagten die Bauern. 
Sie hätten selber so viele Kinder zu ernähren, sagten 
sie, dass sie nicht noch andre ernähren könnten. 

Dazu kam, dass Burschen und Mädchen ganz 
zügellos Kinder zeugten. Lasse sah sich gezwungen, 
eine neue Institution einzuführen, durch die es Per- 
sonen, die nicht Grund und Boden oder Eigentum 
besassen, bei grosser Strafe verboten wurde, Kinder 
zu machen. 

Und um die, welche Kinder zeugten, unter strenger 
Kontrolle zu halten, musste jeder, der sich ver- 
heiraten wollte, dies bei Uffka anmelden. Der gab 
ihm zuerst eine Pauke in der Höllenlehre, auf die 
jeder mannbare Jüngling und jedes heiratsfähige 
Mädchen einen Eid ablegen musste. Die Eltern 
klagten und jammerten, aber es half nichts, denn die 
Kriegsmacht entschied jetzt alle Gewissensfragen. 

Dazu kam noch ein anderer Umstand. Die Frauen, 
die sich der Kinder wegen unter den Schutz der 
Männer gestellt hatten, waren dadurch von den 
Männern so abhängig geworden, daß sie Dienerinnen 
gUchen. Die Frau machte alle niedrigen Arbeiten 
im Hause, und die Schwestern, die ja nicht erbten, 
warteten den Brüdern auf. 

Da jeder Bauernbursche, der sich verheiraten 
wollte, infolge der grössern Ausgaben in schlechte 
Verhältnisse zu kommen fürchtete, bUeben viele 
Mädchen unverheiratet. Da verfielen die Eltern dar- 
auf, ihnen eine Morgengabe zu geben, ja schUesshch 



334 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

halbes Erbrecht. Die ein grosses Erbe hatten, ver- 
heirateten sich also leichter als die, welche ein kleines 
hatten. Hierdurch hielten die Grundbesitzer gegen 
die zusammen, die keinen Grund und Boden 
besassen ; so entstand ein Landadel neben, oder viel- 
mehr unter dem Adel der rohen Gewalt, dem Diebs- 
adel. 

Der Diebsadel aber bestand aus unruhigen Herren, 
bei denen frohe Erinnerungen an die Jägerzeit noch 
lebendig waren; um etwas Unterhaltung zu haben, 
teilten sie unter sich die wenigen Jagdgründe, die 
noch vorhanden waren, und den Bauern wurde ver- 
boten, Waffen zu tragen. 

Eine andere Erfindung, die diese Diebe machten 
und die den gerechten Verdruss aller Bauern erregte, 
bestand darin, Wölfe zu zähmen, die jedoch nur so 
zahm wurden, dass sie ihren Herren gehorchten, 
alle andern aber bissen. Die sollten zur Jagd dienen, 
waren eigentlich aber dazu da, das Diebsgut zu 
schützen, während die Diebe ihren Rausch aus- 
schUefen. Dieses Bündnis, das die Diebe mit wilden 
Tieren eingingen, reizte die Bauern ungeheuer, jetzt 
aber hatten sie keine Hoffnung mehr, ihre Stimmen 
zu Gehör zu bringen. 

Schliesslich richtete sich die Jagdlust der Herren 
gegen die eigenen Genossen, und sie machten kleine 
Ausfälle gegen die Türme der andern. Immer aber 
waren die Bauern der leidende Teil, denn ihre Felder 
wurden von den Pferden der Herren niedergetreten ; 
nämlich auch mit diesem sie an Kräften übertref- 
fenden Tier waren die Herren ein Bündnis ein- 
gegangen. 

Die waffenlosen Bauern vermochten nichts gegen 
bewaffnete Männer und wilde Tiere. Aber sie be- 
klagten sich bei Lasse. Der hatte gesehen, wie die 
Dinge immer verwickelter wurden, und wusste jetzt 



DIE INSEL DER SELIGEN 335 

keinen andern Rat, als die Bauern zu bewaffnen und 
mit ihrer Hilfe und seinem eigenen Kriegsvolk die 
Herren zu züchtigen. 

Das tat er denn. 

Darauf war nur noch ein Schritt zu tun, und 
er Hess sich zum Häuptling über alle Häuptlinge 
oder zum König ausrufen. 

Um der Sache mehr Glanz zu verleihen, Hess er 
sich feierlich krönen. Mit einem roten Wolfspelz 
bekleidet, der mit Igelfellen besetzt war, eine Biber- 
mütze mit Eichelhäherfedern auf dem Kopfe, Hess 
er sich auf einer grossen Wiese von Uffka mit Teer 
um den Mund salben; worauf das ganze Volk einen 
neuen Eid auf die HöUenlehre ablegen und darauf 
schwören musste, dass Lasse von Gott gesandt sei, 
und dass die Dynastie HulHng von Noahs Sohn 
Japhet abstamme; weshalb aUe andern Häuptlinge 
ihm Untertan sein und Steuern zahlen müssten. (Das 
Letzte ward ihnen nicht schwer, denn sie legten nur 
ihren Bauern eine neue Steuer auf.) 

So war denn Lasse I. vom Geschlecht HulHng 
zum König von Gottes Gnaden gesalbt. Um aber 
dem Königsnamen grössere Würde zu verleihen, 
Hess er sich Lasse I. Hugo, HuHing von Japhetsson 
schreiben. 

Jetzt trat eine Zeit von ziemlich grosser Ruhe ein. 
Die Höllenlehre hatte nämHch um sich gegriffen, 
und die Furcht vorm Tode war so gross, dass wenig 
Verbrechen begangen wurden. 

Eine neue Klasse von Nichtgrundbesitzern war ent- 
standen. Einige von diesen, die jetzt nicht mehr frei 
umherstreifen konnten, denn auch darauf war jetzt 
Strafe gesetzt, hatten sich um die Türme der Landes- 
hauptleute niedergelassen und machten Kleider und 
Schuhe für die faule Garnison. Sie wurden massig 
bezahlt, genossen dafür aber den Schutz des Haupt- 



336 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

lings; das heisst, sie mussten Steuern bezahlen, 
weil sie für die Müssiggänger arbeiteten. Aber die 
Sinne der Menschen waren bereits so verwirrt, dass 
die armen Schneider und Schuhmacher diese Be- 
trügerei nicht durchschauten; und durch Einführung 
der Höllenlehre war die Furcht vorm Tode so gross 
geworden, dass man Heber um jeden Preis leben, 
wie man auch bedrückt wurde, welche Demüti- 
gungen man auch erleiden musste, als den Tod ris- 
kieren wollte. 

Aber die Schuhmacher und Schneider wollten auch 
essen und trinken, und um den Turm wuchs nichts. 
Deshalb mussten die Bauern ihnen Nahrung bringen, 
gegen Eintausch von Kleidern, Schuhwerk und Geld. 

Die Herren aber bauten eine Mauer, die das 
Gebiet um den Turm einhegte, und in die Mauer 
setzten sie ein Tor und in das Tor einen Schreiber 
(die hatte man nämlich längst gehabt) ; der erhob 
eine Steuer vom Bauer dafür, dass er hineinfahren 
und drinnen verkaufen durfte. Die Bauern konnten 
nicht verstehen, warum sie für die Mühe, die sie 
hatten, um Nahrung in die Stadt zu bringen, auch 
noch bezahlen sollten; und niemand verstand das, 
aber „es stand so geschrieben". 

Schliesslich kamen eines Tages pfiffige Handels- 
leute zu Lasse und stellten ihm vor, die Landwirt- 
schaft werde verfallen, wenn die Bauern in die 
Städte führen und schacherten. Deshalb wollten sie 
es übernehmen, von den Bauern aufzukaufen, gegen 
eine bestimmte Steuer, die sie an die „Bibermütze" 
(so wurde Lasse jetzt genannt) bezahlten. 

Lasse ging auf den Vorschlag ein. Die Bauern 
aber weigerten sich zu verkaufen. Da brach in der 
Stadt Hungersnot aus, und den Bauern vmrde bei 
Strafe des Lebens befohlen, an die Handelsleute zu 
verkaufen. 



DIE INSEL DER SELIGEN 337 

In ihrer Wut erhöhten die Bauern den Preis für 
ihre Waren. Sofort Hess Lasse Taxen ausschreiben, 
die den Preis von Vieh und Getreide bestimmten. 

Damit war die Zukunft der Stadt und der Diebe 
garantiert, und Friede und Glück herrschten fünf 
lange Monate. 

Lasse aber bekam von seinen Kriegern den Namen 
Lasse Viehstallschloss, weil er selbst den Schlüssel 
zum Viehstall des Bauern hatte, den er nach Be- 
lieben öffnete und schloss. 



Strindberg, Kleine historische Romane 22 



Achtes Kapitel 

Der Friede war jedoch nur scheinbar und kein 
Verlass darauf. Die alten Bauern, welche die ganze 
Entwicklung mitgemacht, hatten zwar keinen Respekt 
vor Lasse, mit dem sie einmal auf du und du ge- 
standen; jetzt aber hatte er die Macht, sie durch 
Kriegsgewalt zu schützen; auch waren sie der Sche- 
rereien müde und ergaben sich. Was soll man tun? 
fragten sie sich; und da nichts zu machen war, 
gewöhnte man sich daran, zu schweigen und zu 
leiden. 

Nicht ebensoleicht war es, das junge Geschlecht 
zu zähmen, das weder Vater noch Mutter gehorchen 
wollte; noch weniger fremden Personen. Vergebens 
suchte Uffka es mit der Hölle zu erschrecken. Ihre 
Gedanken waren noch so gesund, dass sie das Un- 
sinnige in der ganzen Lügengeschichte durchschauten 
und über Uffka lachten. Sie waren wild und un- 
bändig, ertrugen nicht das Sitzen in den ungesunden, 
übelriechenden Hütten, sondern Hefen in Wald und 
Feld umher^ und suchten Abenteuer. Die Eltern 
peitschten sie durch, aber die Burschen steckten 
Hütten und Heudiemen in Brand und flohen in die 
Wälder. 

Die Gesellschaft war diesmal ernstlich bedroht, 
und es wurde ganz ernst der Vorschlag gemacht, 
jeden zweiten Knaben zu verschneiden, um sich 
für die Zukunft Arbeiter zu verschaffen. 

Die^e unnatürliche Massregel lehnte Lasse aber 

22* 



340 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

ab. Er hatte eine andere Methode, die er so lange 
wie möglich aufgespart hatte, weil er sie selber 
wegen ihrer Naturwidrigkeit und Unmenschlichkeit 
missbilligte; hatte er doch selbst als junger Mensch 
diese Kur durchgemacht, deren Erinnerungen noch 
vor ihm spukten als das Schrecklichste, das er er- 
lebt hatte. 

Jedes Dorf sollte einen Strafraum einrichten, in 
dem die Kinder sechs Jahre lang einzusperren seien ; 
und jeden Tag sollten sie bei halbem Hunger und 
durch Stockschläge an Sklaverei gewöhnt werden; 
indem sie jahraus jahrein die Höllenlehre und eine 
neue, von Lasse und Uffka erfundene Moral hör- 
ten, sollten sie sich allmählich die Ehrfurcht und 
den Gehorsam einprägen, den sie von Natur ihren 
Herren nicht schuldig waren. 

Die Methode war in hohem Grade gewissenlos, 
erfüllte aber denselben Zweck wie eine Verschnei- 
dung. Einige Zeit ging allerdings mit dem Schreiben 
der Lehrbücher hin; man hatte aber zuviel zu ge- 
winnen, um der neuen Einrichtung nicht Zeit und 
Sorge zu opfern. 

Als das Werk fertig war, zeigte es sich denn 
auch, dass man den Zweck erreicht hatte. Die Kinder 
wurden früh am Morgen eingeschlossen, und das 
erste, was sie lernten, war Schweigen. Das war 
das Wichtigste von allem, denn nun brauchte die 
Oberklasse, wie sie sich nannte, weil „Gott" sie 
über die Unterklasse gesetzt hatte, keine Kritik mehr 
von der Unterklasse zu fürchten. 

Das zweite war: Gehorchen; das heisst, andern 
den Willen tun und keinen eigenen haben. 

Das Einsperren vieler Kinder in einem Zimmer 
hatte einen glänzenden Erfolg, denn die ungesunde 
Luft verdarb die Gesundheit, und mit der Gesund- 
heit verschwand Kraft und Wille, 



DIE INSEL DER SELIGEN 341 

Die Gewohnheit zu schweigen, nämlich die Wahr- 
heit zu verschweigen, hatte jedoch einen Übelstand 
im Gefolge, den man nicht berechnet hatte. Die 
Kinder entdeckten nämUch, dass man sich, antwortete 
man ja, wo man nein antworten musste, Vorteile 
verschaffte, wie Belohnung oder Freiheit von Strafe; 
so begann die Lüge zu blühen. 

Der Gehorsam wieder rief Falschheit hervor. Die 
Kinder hielten es für unrecht, einen Kameraden, 
den der Lehrer auspeitschen wollte, festzuhalten; 
aber sie mussten dem, was sie für recht hielten, 
entgegenhandeln, und so gewöhnten sie sich all- 
mähUch daran, gegen ihre Überzeugung zu handeln. 

Die am besten logen und am falschesten waren, 
wurden artige Kinder genannt und bekamen Pfeffer- 
kuchen und Honigkuchen ; die die Wahrheit sprachen 
und ehrlich waren, bekamen Schläge und mussten 
ohne Essen schlafen gehen. 

Damit war der Grund zur Erziehung gelegt. Lasse 
war manchmal bestürzt über das Resultat, aber was 
sollte er machen, da er sich einmal aufs Glatteis 
begeben hatte! 

Den Kinderpeitschern wurde es indessen schwer, 
die lange Lehrzeit nur mit dem Stock auszufüllen, 
und man musste sich neue Lehrgegenstände aus- 
denken. 

In der Schule wurden, ausser Lüge und Falschheit, 
eine ganze Menge Unwahrheiten gelehrt, die unter 
dem gemeinsamen Namen „Moral" den blassen und 
kränkUchen Kindern eingebläut wurden. 

Die erste Moral hiess: Gott hat Bauern und 
Handwerker geschaffen, dass sie für die arbeiten, 
die nicht arbeiten wollen. 

Die zweite Moral: Du sollst mit deinem Los zu- 
frieden sein! (Dieses Gebot zu erfüllen, war nicht 
schwer für die, denen das beneidenswerte Los, nicht 



342 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

arbeiten zu brauchen, beschieden war; für die aber, 
die das harte Los, arbeiten zu müssen, zu tragen 
hatten, war es unmöghch.) 

Die dritte Moral: Du darfst dich nicht paaren, 
wenn du nicht zwölf Morgen Land oder Uffkas Er- 
laubnis hast. (Ein grosser Junge, der einwandte, 
die Moral müsse so lauten: Du musst bei der Tei- 
lung dabei gewesen und dir zwölf Morgen Land 
gekapert haben, um dich paaren zu können — wurde 
in einen dunklen Keller gesteckt.) 

Vierte Moral: Du darst fremdes Eigentum nicht 
nehmen. (Ein Mädchen, das sich erinnerte, dass 
ihr Vater sein Eigentum aus der Allmende genom- 
men hatte, wurde durch die Rute davon überzeugt, 
dass sie unrecht habe.) 

Fünfte Moral: Du darfst niemand töten. (Ein 
Minderjähriger, der fragte, ob mit „du" auch Lasse 
und der Büttel gemeint seien, die alle töteten, die 
nicht die Jägersleute in den Wäldern töten wollten, 
wurde in den Stock gesetzt.) 

Sechste Moral: Du darfst nicht einmal denken, 
dass der gegenwärtige Zustand schlecht sein könnte. 
(Das war die feinste von allen Moralen, denn die 
tötet jeden Gedanken und damit die Opposition im 
Keim.) 

Aber es half noch nicht. Die Jugend heuchelte 
und log, zuweilen aber brach die Wahrheit hervor, 
und dann war die Gesellschaft wieder bedroht. Man 
kriegte das Leben so satt, dass man Arbeit und 
alles andere gehen Hess, wie es ging. Man hungerte 
sogar, aber da musste auch die Oberklasse hungern, 
und das durfte nicht sein. 

Die Furcht vor der Hölle hörte auf, denn man 
glaubte schon die Hölle auf Erden zu haben ; schhm- 
mer konnte es jedenfalls nicht werden. Lasse und 



DIE INSEL DER SELIGEN 343 

Uffka sahen sich bald in die Notwendigkeit versetzt, 
einige zeitgemässe Änderungen in der Hölienlehre 
vorzunehmen. Die Priester mussten jetzt etwas 
mehr von der künftigen Freude des Himmels für 
alle, die im Leben gelitten und es schwer gehabt 
hatten, predigen. Dass einige iWiderspruchsgeister 
dabei die Vermutung aussprachen, Lasse und die 
Oberklasse, die es gut gehabt hatten, müssten folge- 
richtig in die Hölle kommen, hatte keinen Einfluss 
auf die Sache, denn die Widerspruchsgeister wurden 
auf Scheiterhaufen verbrannt und ihre Fragen un- 
beantwortet gelassen. 

Die Aussicht, in den Himmel zu kommen, wirkte 
jedoch erschlaffend auf die Zucht ein, und man 
musste an neue Mittel denken. Einige Taugenichtse, 
die nicht arbeiten wollten, verlockte Lasse dazu, zur 
Aufklärung der Unterklasse Lieder zu machen. Bald 
gab es eine ganze Schar von Poeten. Sie kleideten 
sich schlecht, obgleich sie es nicht nötig hatten, 
denn sie erhielten Lohn vom Staat; aber sie sollten 
durch ihr Äusseres auf die Unterklasse den Ein- 
druck machen, als seien sie aus den „Tiefen des 
Volkes" hervorgegangen. Sie liefen herum und 
sangen davon, dass das Leben so herrlich sei; dass 
man von allen Menschen Gutes glauben müsse; 
dass alle Lasses, Uffkas, Lahdeshauptleute, Eltern, 
Vormünder und Erzieher gut seien und das Wohl 
der Unterklasse wollten; dass alles Missvergnügen 
darüber, dass einige arbeiteten und andere anfassen, 
nur Neid und Schlechtigkeit sei ; dass alles gut gehe, 
was uns auch begegne, wenn jeder seine Arbeit tue; 
dass Erdarbeit und Handwerk keine Arbeit sei, son- 
dern dass die wahre Arbeit, die schwerste Arbeit 
von Gott der Regierung, der Kriegsmacht und den 
Uffkas auferlegt sei; dass man die Welt so nehmen 
müsse, wie sie ist (auch so, wie sie durch die 



344 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Schelmenstreiche der Lasses und Uffkas geworden 
war). 

Diese Schraube zog an. Man lernte die Lieder 
erst auswendig, dann sassen sie einem in den Ohren 
und schliesslich gingen sie in die Gedanken über. 

Bald aber zeigte es sich, dass die Unterklasse auch 
Lieder zu benutzen anfing, um gegen die Oberklasse 
zu donnern. Mit Entsetzen sah Lasse die drohende 
iWolke, er hatte aber nicht umsonst von der Ver- 
gangenheit gelernt. Zuerst versuchte er es damit, 
dass die Liedersänger vom Staate Gehalt bekamen. 

Das half eine Zeitlang; man wurde aber so von 
Liedersängem überlaufen, die Gehalt haben wollten, 
dass mehr Steuern erhoben werden mussten. 

Als nichts anderes half, sah Lasse sich in die 
harte Notwendigkeit versetzt, eine Clique einzu- 
richten. Siebzehn der schlechtesten Liedersängei^ 
wurden ausgewählt und für unfehlbar erklärt. Alle 
andern, die Lieder machen wollten, wurden für 
unfähig erklärt. Damit war der Sache abgeholfen. 
Das Volk, das die siebzehn bezahlte, um sich von 
ihnen ausschelten zu lassen, gewöhnte sich in den 
Schulen bald daran, die siebzehn als unfehlbar und 
alle andern als unfähig zu betrachten. Alle unzu- 
friedenen Liedersänger aber waren damit zum 
Schweigen gebracht, denn selbstverständlich wollte 
niemand singen, ohne wenigstens von den siebzehn 
gelobt zu werden: das machte, dass seitdem alle 
Lieder in einem und demselben Ton gesungen 
wurden. 

Als sich die Schulen vermehrten und es immer 
schwerer wurde, für alle Moralbücher zu schreiben, 
musste Lasse schliesslich doch trotz seiner Furcht, 
eine so gefährliche Erfindung loszulassen, eine 
Druckerei einrichten. Damit aber die gefährliche 



DIE INSEL DER SELIGEN 345 

Einrichtung sich nicht gegen ihn und sein Werk 
wende, Hess er sie unter königliche Aufsicht 
stellen. 

Das erste Erzeugnis der königlichen Buchdruckerei 
war eine Druckfreiheitsverordnung. In der geheimen 
Gesellschaft „Die Missvergnügten" hielt man eines 
Abends auf einem Heuboden Zusammenkunft, als 
gerade die neue Druckfreiheitsverordnung erschienen 
war. Paul Jäger hatte ein Exemplar bekommen 
und wollte es vorlesen, um es einer Kritik zu 
unterwerfen. Man setzte sich zurecht und lauschte. 

Paul begann zu lesen: 

Druckfreiheitsverordnung. § 1. Jeder Mitbürger 
hat volle Freiheit, sich im Druck zu äussern! 

— Hurra! antworteten die Missvergnügten. Es 
lebe die Freiheit! 

§ 2. Die reine evangelische Höllenlehre darf 
nicht ungehöriger Kritik unterzogen werden, da sie 
von Gott ist. 

— Oh! sagten die Missvergnügten. Die sollte 
ja zu allererst kritisiert werden, 

§ 3. Jeder Schriftsteller ist verpf Hebtet, sich lo- 
bend über Lasses, Uffkas, Landeshauptleute, Krieger, 
Schreiber, Kinderpeitscher und deren Freunde zu 
äussern. 

§ 4. Die Gesellschaft für gegenseitiges Lob oder 
die siebzehn Unfehlbaren können jede Schrift 
unterdrücken, die gegen die Moral gerichtet ist. 

Rudolf Köhler unterbrach den Vorleser: 

— Erinnern wir uns, was mit Moral gemeint ist! 
Paul Jäger erinnerte: 

-— Die Moral, das ist 1. dass alle Bauern und 
Handwerker dazu geboren sind, um für Lasse, 
Uffka usw. zu arbeiten; 2. dass sich niemand unter 
zwölf Morgen Land oder Uffkas Erlaubnis paaren 
darf. 



346 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

— Genug, genug, riefen die Missvergnügten; 
wir erinnern uns nur allzu gut. Fahr fort! 

§ 5. Niemand ausser der Gesellschaft für gegen- 
seitiges Lob darf sich über einen verstorbenen Lasse 
äussern. 

§ 6. Jeder Mitbürger hat volle Freiheit, sich im 
Druck zu äussern. 

Die Missvergnügten trennten sich, fest ent- 
schlossen, die neue Druckfreiheit bei der ersten 
besten Gelegenheit zu benutzen. 

Die Kinderpeitscher waren die ersten, welche die 
Erzeugnisse der Druckfreiheit bekamen, und das 
Moralbuch wurde in tausend Exemplaren gedruckt, 
in den Hütten angenagelt und unter die Unterklasse 
verteilt; denn die Oberklasse, die das Moralbuch 
erfunden hatte, konnte es schon auswendig. 

Lasse war mittlerweile müde und alt geworden, 
und er fühlte sein Ende nahen. Nachdem er zwei- 
tausend Krieger zusammengerufen hatte, Hess er 
einen Thronfolger wählen. Und siehe, die Wahl fiel 
auf seinen Sohn, dem sofort unter dem Namen 
Lasse II. Axel gehuldigt wurde. 

Lasse weinte vor Rührung, dass die Krieger 
seinem Hause einen so grossartigen Beweis ihrer 
Liebe erbrachten, und benutzte eine ungesuchte Ge- 
legenheit, um vorzuschlagen, Bibermütze und Stuhl 
sollte in seiner Familie erbUch werden. 

Als darob Missvergnügen unter den Landeshaupt- 
leuten zu spüren war, trat Uffka auf und wandte 
sich ans Volk, das weit entfernt am .Walde hinter 
den Kriegern stand. Das Volk, das die Krieger 
hasste und nur gehört hatte, dass sie nein ant- 
worteten, rief natürlich ja; da mussten die Krieger 
nachgeben. 

Lasse dankte für diesen neuen Beweis der Liebe 
des Volkes, und er hielt diese Rufe aus der „Tiefe 



DIE INSEL DER SELIGEN 347 

des Volkes" so hoch, als habe Gott selbst ge- 
sprochen; denn des Volkes Stimme sei Gottes 
Stimme; und Lasse II. beeilte sich, den ebenso 
hübschen wie unwahren Wahlspruch anzunehmen: 
Die Liebe des Volkes nächst meinem Lohn! 

Lasse, von so mannigfacher Bewegung erschüttert, 
legte sich aufs Totenbett, von Jahren und von Ehren 
satt. Nachdem er allen seinen Feinden ihre Ver- 
gehen verziehen und von Uffka die Versicherung, 
dass er in den Himmel kommen werde, empfangen 
hatte, schlief er ein. 

Alle die siebzehn Unfehlbaren schrieben Loblieder 
über sein tatenreiches Leben, und Uffka hielt eine 
Leichenrede über den Text: Selig sind die Toten, 
die im Herrn sterben. 

Lasse II. trocknete seine Tränen und bestieg den 
Thron. 



Neuntes Kapitel 

Lasse II. Axel war ein milder Herr, der Krieg 
nicht liebte, sondern für Gesittung und Wissenschaft 
schwärmte. 

Seine erste Regierungshandlung bestand darin, 
die Geschichte Lasses I. zu schreiben. Die siebzehn 
Unfehlbaren nahmen das Werk in Angriff, und es 
gelang ihnen, ein Meisterwerk von dauerndem Wert 
zustande iu bringen. Lasse wurde darin der Grosse 
genannt, und zwar mit Recht, denn er hatte das 
neue Gesellschaftssystem gegründet und stets das 
Wohl des Volkes als höchstes Ziel vor Augen ge- 
habt. 

Die Gesellschaft der Missvergnügten aber schrieB 
eine andere Geschichte von Lasse, in der er recht und 
schlecht „Der dumme Hulling'* genannt wurde. Sie 
erklärten, er habe die jetzige Sklaverei des Nährensi 
und Zehrens eingeführt, der Steuern für die Ar- 
beiter und der Steuerfreiheit für die Faulenzer. Er 
habe durch Gefängnisse und Kinderpeitscher die 
Jugend verdorben ; er sei ein Esel gewesen und sein 
Gesellschaftssystem sei albern. 

Das Buch wurde konfisziert und mit den Ver- 
fassern verbrannt; die Gesellschaft für gegenseitiges 
Lob setzte einen Preis von sechs Pfund Zink aus 
für den, der die schönste Gedächtnisschrift über 
Lasse I. Hugo, genannt der Grosse, verfasste. 



350 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Da indessen Lasse II. Axel einsah, dass die Un- 
zufriedenheit mit der Gesellschaft nicht so schnell zu 
unterdrücken sei, Hess er eine Geschichte des; 
Reiches verfassen. In der wurde, auf Grund des von 
Lasse, dem Vater, hinterlassenen Exemplars von 
Rudbecks Atlantica, zur Evidenz nachgewiesen, 
dass das jetzige Reich wirklich das vollkommenste 
von allen Reichen und in der Tat Atlantica oder die 
Insel der Seligen sei. Die Insel, welche die Vor- 
väter bewohnt hatten und auf der sie selig gewesen 
sein wollten, habe es niemals gegeben; das sei nur 
eine Erfindung der Missvergnügten, um das Volk 
missvergnügt zu machen. 

Und von einem Kinderpeitscher wurde ein neues 
Lehrbuch eingeführt, das hiess: „Lob des gegen- 
wärtigen Zustandes oder Die Vollkommenste der 
Gesellschaften." 

Inzwischen waren eine Menge Schreiberkinder 
und Kriegerkinder aufgewachsen. Um ebenso wie 
bei der Königswahl Zank und Entzweiung zu ver- 
meiden, führte man die Sitte ein, dass die Beschäf- 
tigungen erblich wnirden. Da sich aber Schreiber 
und Krieger unbehindert ohne zwölf Morgen Land 
paarten, denn sie standen natürlich über dem Gesetz, 
das sie gemacht, so war das Land bald von Kindern 
der Oberklasse, die keine Beschäftigung hatten, über- 
schwemmt. Sie wurden vom Staat durch Stipendien 
oder Belohnungen ernährt; Belohnungen, damit sie 
nicht zu stehlen oder zu morden brauchten; und 
für möglichst viele richtete man Beschäftigungen 
ein. 

Die keine Beschäftigung hatten, mussten doch 
auch etwas tun, und so erfanden sie eine Beschäf- 
tigung, die mehr loder weniger idiotisch war. Einer 
nahm sich vor, Knöpfe zu sammeln; ein anderer 
sammelte Zapfen von Fichte, Kiefer und Wacholder ; 



DIE INSEL DER SELIGEN 351 

ein dritter verschaffte sich ein Stipendium, um in 
die Welt hinauszufahren. 

Dieser letzte war heimgekehrt, nachdem er eine 
ausgestorbene Sprache entdeckt hatte, die auf hölzer- 
nen Tafeln geschrieben stand. Da der Schlüssel zur 
Sprache dabei war, war es leicht, sie zu entziffern. 
Der Entdecker aber, der sie die Schoschosprache 
nannte, war sehr stolz, eine Sprache zu können, 
die niemand anders konnte. 



Der Knöpfe sammelte, hatte schliesslich eine 
furchtbare Sammlung bekommen. Da er nicht 
wusste, wo er sie aufbewahren solle, erhielt er aus 
der Staatskasse Gelder, um ein Haus für Aufnahme 
der Sammlung zu bauen. Da setzte er sich nun 
hinein, um die Knöpfe zu ordnen. Sie waren auf 
mancherlei Weise einzuteilen: man konnte sie in 
Unterhosenknöpfe, Hosenknöpfe, Rockknöpfe usw. 
einteilen ; unser Mann jedoch verfiel auf eine künst- 
lerischere Art, die natürlich aber auch schwerer war. 
Dazu aber brauchte er Hilfe. Zuerst schrieb er 
eine Abhandlung über „Das Studium der Knöpfe 
vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt!" Darauf 
stellte er bei der Schatzkammer den Antrag, eine 
Professur für Knopfologie einzurichten, nebst zwei 
Assistentenstellen. Das Gesuch wurde bewilligt, 
mehr um beschäftigungslosen Leuten etwas Zeit- 
vertreib zu verschaffen, als um der Sache selbsi 
willen, deren Wert man noch nicht beurteilen konnte. 
Da der Mann, er hiess Hylling (man glaubte, er 
sei von einem HulHng ohne Uffkas Erlaubnis er- 
zeugt), zufällig zwei uneheliche Söhne hatte, für die 
er Aufpeitschungsmittel nicht bezahlen konnte, 
brauchten die Assistentenstellen nicht erst ausge- 
schrieben zu werden. 

Hylling sollte bald die Welt mit dem ersten voll- 
ständig wissenschaftlichen System der Knopfologie 



352 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

in Erstaunen setzen. In zwei Jahren hatte er es 
ausgearbeitet, und es war ein wunderbares Riesen- 
werk, denn in seine Klassen konnte man alle Knöpfe 
der Welt einordnen. Das System hatte folgendes 
Aussehen : 

Knöpfe 
Zink Kupfer Zinn Eisen Knochen Holz 

Mit Löchern 

1. Klasse: Mit 1 Loch 

2. „ „ 2 Löchern 

^' »> 11 ^ 11 

Ohne Löcher 

1. Klasse: Ohne 1 Loch 

2. „ „ 2 Löcher 
3« ,, 11 3 „ 

4 4 

Mit Ösen 

a) runde Ösen 

a) geriefte 
ß) ungeriefte 

b) ovale Ösen 

a) geriefte 

1) kurzgeriefte 

2) langgeriefte 

ß) ungeriefte 

1) vakant 

2) vakant. 

Dieses System erregte ein unerhörtes Aufsehen. 

Der aber Zapfen gesammelt hatte, wollte nicht 
zurückbleiben, und er überraschte bald die Welt mit 
einem grossen künstUchen System, das alle Zapfen 
in 67 Klassen, 23 Familien und 1500 Ordnungen 
einteilte. 



DIE INSEL DER SELIGEN 353 

Längst schon hatte man daran gedacht, die Unter- 
richtskurse zu erweitern; und da man es für un- 
gerecht hielt, dass die Kinder der Unterklasse eben- 
soviel lernen durften wie die der Oberklasse, be- 
schloss man eine Universität einzurichten. Man 
hatte bereits drei Wissenschaften: Schoschosprache, 
Knopfologie, Zapfologie; diese Wissenschaften wur- 
den fortan obligatorisch. 

Da aber die bemittelten Bauern und Handwerker 
auch ihre Kinder auf die Universität sandten, wurden 
Kolloquien oder Privatgespräche eingerichtet, zu 
denen nur die Kinder der Oberklasse Zutritt hatten, 
und ohne die man kein Examen machen konnte. 
Brachte es doch einmal ein Kind der Unterklasse 
fertig, durchs Examen zu kommen, kriegte es kein 
Amt, denn die Ämter waren erblich. 

Lasse. II. Axel starb — das war nicht zu ver- 
hindern. Nach dem Tode erhielt er den Namen 
Lasse der Weise. 

Der Sohn, der jetzt den Thron bestieg, nannte 
sich recht und schlecht Anders VII.; aus welchem 
Anlass, weiss man nicht; man glaubt aber, es sei 
wegen gewisser historischer Voraussetzungen. 

Unter seiner Regierung entstanden die schönen 
Künste. Ein Bäckerjunge stand nämlich eines Tages 
auf und knetete Teig; er wollte ein Brot machen, 
machte aber statt dessen eine Ziege. Der Professor 
in der Schoschosprache, der zufällig an dem Fenster 
vorbeiging, an dem der Junge stand und arbeitete, 
sah dessen grosse Begabung und Hess ihn eine 
Ziege aus Lehm statt aus Teig machen, die er dann 
in einem Ofen brannte. 

Mit der Erfindung der Malerkunst verhielt es sich 
anders. Man hatte in einer bestimmten abgeschlos- 
senen Gegend der Insel längst beobachtet, dass 
eine Menge beschäftigungsloser Köhlerburschen 

Starindberg, Kleine historisciie Romane 23 



354 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Kohlen nahmen und auf den Baumstämmen zeich- 
neten. Zuerst zeichneten sie Unanständigkeiten, dann 
aber zeichneten sie alles ab, was sie sahen. 

Man glaubte erst, eine Art Manie oder Idiotie 
sei ausgebrochen, denn es war wirklich kurios an- 
zusehen, wie eine Menge Jünglinge gleich Elstern 
umherliefen und alles, was sie sahen, abzeichneten. 
Sie zeichneten Tische ab, Stuhlbeine, Häuser, Bäume, 
Steine, Karotten, Schiebkarren, Hunde, Katzen — 
alles, was sie nur fanden. Vergebens suchten die 
Eltern sie dazu zu bringen, diese Grillen zu lassen 
und etwas NützUches zu tun; es war aber unmög- 
lich. Die Burschen weinten und sagten, sie wollten 
lieber hungern und sterben als das Zeichnen lassen. 
Es war wirklich eine Manie. 

Als die Sache vor Anders kam, wurde er zuerst 
sehr traurig, denn er liebte sein Volk, wie nur ein 
Fürst es lieben kann. Dann Hess er sie in ein Haus 
sperren, wo sie sich ungehindert ihrer Manie 
widmen durften und unter königHchem Schutz 
standen. Er stellte Versuche mit ihnen an, und eines 
Tages Hess er von fünfzig Maniaci ein und dasselbe 
Stuhlbein abzeichnen. Aber siehe da, nicht zwei 
Zeichnungen waren einander gleich. Philosophen 
wurden gerufen und die erklärten, das komme von 
der persönlichen Auffassung. Anders hatte nicht ge- 
glaubt, dass die persönHche Auffassung von einem 
Stuhlbein etwas Philosophisches sein könne; jetzt 
aber sah er seinen Irrtum ein und glaubte an die 
tiefe Bedeutung der Zeichnung als eines Momentes 
im Geistesleben, und er Hess den geschicktesten 
Zeichner zum Professor ernennen. 



Dieser Professor schrieb sofort eine Abhandlung 
über Inhalt und Form des Zeichnens. Aus dem gut 
gewählten Beispiel des Stuhlbeins deducierte er: 
der Inhalt des Stuhlbeins, das sei die persönHche 



DIE INSEL DER SELIGEN 355 

Auffassung; die Form des Stuhlbeins, das sei die 
Zeichnung. Wenn Inhalt und Form einander deckten 
oder ganz ineinander aufgingen, dann sei die Zeich- 
nung eine vollständige Zeichnung oder etwas Schönes. 
Alles, was gezeichnet ist, sei schön: eine mistende 
Kuh sei an sich unschön, denn die Natur sei un- 
schön; aber eine gezeichnete mistende Kuh sei 
schön, denn sie sei von der persönhchen Auffassung 
von einer mistenden Kuh durchdrungen. 

Eines Tages fand man eine hässHche Zeichnung 
von Anders VII. an der Fassadenwand des Zeichen- 
hauses. Leute, die vorbeigingen, lachten. Der 
Zeichner wurde gerufen und man befahl ihm, König 
Anders abzuzeichnen, aber . auf eine schöne Art. 
Der Zeichner behauptete, seine Zeichnung sei schön, 
denn sie sei von seiner persönhchen Auffassung vom 
König durchdrungen. Als ihm aber Titel und Gehalt 
eines Professors versprochen wurde, änderte er so- 
fort seine persönHche Auffassung von Anders VIL 
und wurde deshalb zum Hofmaler ernannt. 

Anders entschhef in seinem achten Regierungs- 
jahr und wurde von den siebzehn Unfehlbaren der 
Beschützer des Zeichnens genannt. 

Ihm folgte im Regiment Peter Erich I. 

Der war ein Herr von wildem Sinn, der nicht 
stillsitzen konnte. Er führte Krieg mit den Jägern 
und schlug selbst so viele tot, wie er konnte. 

Das Volk aber klagte über die Kriegslasten und 
konnte den Nutzen dieser Schlächtereien nicht ein- 
sehen. Um ihren dunklen Verstand aufzuklären, 
Hess Peter ein neues Lehrbuch verfassen, um es in 
die Schulen einzuführen. Es hiess „Das Königsbuch" 
und enthielt das Lob aller Könige von Lasse I. 
bis Peter Erich; besonders gelobt waren alle Über- 
fälle und Plünderungen in fremden Reichen. 

Die Kriegszüge nahmen unter Peter Erich kein 

23* 



356 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Ende, denn die Kriegsleute liebten die Ehre und be- 
sonders die Eroberung von fremdem Eigentum wie 
Pendulen, Tischservices und Münzen. 

Einer von der Gesellschaft Die Miss vergnügten 
schrieb darüber eine Broschüre mit dem Titel: „Ver- 
gleich zwischen den verschiedenen Arten von Dieb- 
stahl, privatem und öffentlichem, oder Dieberei aus 
staatsrechtHchem Gesichtspunkt, nebst einer Ober- 
sicht über die internationalen Diebstähle unter den 
letzten Königen vom Hause Hulling." 

Die Broschüre wurde wie gewöhnlich nebst dem 
Verfasser verbrannt. 

Peter Erich starb infolge von Trunkenheit und 
(wir sind als Geschichtsschreiber genötigt, uns an 
die schmerzliche Wahrheit zu halten) vielleicht auch 
infolge von etwas Unzucht. Er wurde von allen 
Kriegsleuten beweint und Der Heldenkönig oder Der 
Unvergleichliche genannt. 

Mit ihm erlosch das Geschlecht Hulling, das mit 
den Grossen Lasses begonnen hatte. Da dem er- 
wachsenen Geschlecht bereits eingebläut war, dass 
die Könige von Gottes Gnade seien, war es nicht so 
einfach, jetzt einen König unter den Eingeborenen 
zu wählen; denn das konnte man dem Volke doch 
nicht gut einreden, dass jemand, der gestern Kriegfs- 
führer war, heute vom Volke als von Gottes Gnaden 
gewählt werden konnte. Man schickte deshalb eine 
Expedition an fernwohnende Stämme und brachte 
wirklich einen Fürsten heim, der schnell getauft und 
gekrönt wurde. Um ihn beliebt zu machen, nannte 
man ihn Lasse III. und gab vor, er sei mit dem 
Geschlecht HuUing entfernt verwandt. 

Da er weder die Sprache des Landes konnte 
noch etwas von dem Lande, das er regieren sollte, 
wusste, fiel die Macht in die Hände eines Uffka 
(eines Nachkommens von Pastor Axonius). Der tat 



DIE INSEL DER SELIGEN 357 

alles, um die Höllenlehre einzuschärfen, und trug 
den Professoren im Zeichenhaus auf, die Hölle zu 
zeichnen; die wurde in allen Kirchen aufgehängt. 

Lasse verschied und wurde nach seinem Tod Lasse 
der Heilige genannt. 

Unter seinem Nachfolger Peter II. Erich flammte 
ein furchtbarer Religionskampf zwischen den Pro- 
vinzen auf. Ein Schwärmer war nämhch aufgetreten 
und hatte erklärt, dass die Unseligen in der Hölle 
nicht mit Zangen gekniffen, sondern mit Gabeln ge- 
stochen würden. Ein grosses KonziHum wurde zu- 
sammengerufen, und sechzehn Tage und sechzehn 
Nächte wurde über Zangen und Gabeln disputiert. 
Die Parteien erhielten danach die Namen Zangen 
und Gabeln. 

Die Frage wurde zugunsten der Zangen ent- 
schieden. Aber die Gabeln hielten standhaft an 
ihrem Glauben fest und gaben auch nicht der 
Drohung mit dem Scheiterhaufen nach. 

Nun aber begannen die Gabeln, die in einer Pro- 
vinz die Übermacht bekommen hatten, sich gegen 
die Gewalt der Zangen zu verteidigen. Die Zangen 
gerieten in die Klemme und sandten zu Peter II. 
Erich um Hilfe. 

Peter Erich rief das Volk zusammen und mit 
Tränen in den Augen beschwor er es, die reine 
Höllenlehre zu verteidigen oder das Leben zu 
opfern. So zog er hinaus in den Krieg. 

Der dauerte fünfzehn Jahre, und die eine Pen- 
dulenkiste nach der andern wurde heimgesandt; 
die eine Aushebung von Leuten folgte der andern; 
die eine Steuer nach der andern wurde erhoben. 

Aber die Gabeln verteidigten sich tapfer. 

SchUessHch kam eine furchtbare Todesbotschaft: 
Peter Erich war gefallen. 

Die Trauer Hess aber etwas nach, als man hörte, 



KLEINE HISTORISCHE ROMANE 358 

dass die Zangen zwei Provinzen, sechstausend 
Fahnen und Trommeln, fünfhundert Pendulen und 
drei Millionen in Gold und Silber genommen hatten. 

Peter Erichs Leiche wurde heimgebracht, und 
über seinem Staub eine Kirche mit folgender In- 
schrift errichtet: Dem Heldenkönig, Dem Verteidiger 
Der Reinen Höllenlehre. Starb Für Seine Zange. 
Sein Geist WahrscheinHch Bei Gott! 

Das war das schönste Blatt im Ruhmesbuche 
der HuUinge. 

Die Gabeln aber hielten an ihrem Glauben fest 
und setzten schhessUch freie Religionsübung durch. 
Ja, es gab sogar Leute (unter den Missvergnügten), 
die behaupteten, man habe sich um eine Bagatelle 
geschlagen: ob man in der Hölle mit Gabeln oder 
Zangen gezwickt werde, sei doch wohl einerlei, 
da man wisse, dass es überhaupt keine Hölle gibt. 

Peter Erichs Nachfolger war Johan I. Phihpp. 

Der führte Schauspiele ein, um die Missvergnügten 
bei guter Laune zu erhalten. 

Als aber die Missvergnügten auch Schauspiele 
machten, wurden diese für sündhaft erklärt; und 
man baute ein nationales Schauspielhaus, in dem 
Stücke aus dem Buche des Ruhms und dem Kriege 
der Zangen gegen die Ungläubigen gespielt wurden. 

Dadurch wurde das Volk daran gewöhnt, mit 
Ehrfurcht zu seinen „grossen Erinnerungen" auf- 
zusehen,, 

Unter dem Nachfolger Johan II. Peter wurde 
die Staatszeitung eingeführt. Die war teils von dem 
gärenden Missvergnügen hervorgerufen, teils von 
dem Bedürfnis, die Ansichten der Oberklasse so 
schnell wie möglich zu verbreiten. Die Aufgabe 
der Staatszeitung war: unaufhödich zu erklären, 
dass alles, was die Unterklasse denke, spreche und 
schreibe, Lüge sei; dass alle Handlungen der Unter- 



DIE INSEL DER SELIGf N 359 

klasse von niedrigen Beweggründen diktiert seien, 
von Eigennutz, Neid und Übelwollen; die jetzige 
Gesellschaft für die vollkommenste zu erklären, die 
alle zur Seligkeit führe; zu predigen, dass die 
Höllenlehre die mildeste, tiefste, geistreichste von 
allen Lehren sei, die niemals von irgendeiner andern 
ersetzt werden könne; dass alle andern Lehren 
dumm lind unsittlich seien usw. 

Diese Erfindung wurde mit Jubel begrüsst, und 
die Staatszeitung nahm darum den Namen Allge- 
meine Meinung oder Gesegneter Stillstand an. 



Zehntes Kapitel 

Die Gesellschaft hatte jetzt den Höhepunkt oder 
das Ideal von Verkehrtheit erreicht. Das NützHche 
war in Verachtung geraten, und das Unnütze war 
geehrt. 

Es war ehrenvoller, einen Apfel zu zeichnen, wo- 
für man Professor und Ritter wurde, als einen Apfel- 
baum zu pflanzen, wofür man nur zinspfHchtig 
wurde. Ein Stück zu spielen, genoss mehr Ansehen 
und war höher geehrt, als ein Stück zu schreiben; 
oft spannte sich das Publikum vor den Wagen einer 
Schauspielerin, um sie vom Theater nach Hause 
zu ziehen, wenn man ein wirklich gutes Stück ge-^ 
sehen hatte. Alle, welche die Gerechtigkeit hin- 
derten, einer Abrechnung mit dem elenden Zustande 
entgegenarbeiteten, die Not noch grösser machten, 
den Unschuldigen bestraften, wurden durch Ämter, 
Pensionen und Orden ausgezeichnet. 

Am idealsten entwickelte sich das Leben in den 
Städten. In der Königsstadt wohnten dreihundert- 
tausend Menschen auf einem Fleck, der nicht grösser 
war als einige Morgen. Man konnte also, wenn 
man dieses Steingrab sah, das der Stolz der Be^ 
wohner war, sofort ausrechnen, auf wieviel Fuder 
Dung es ruhte, denn nicht jeden Tag wurde die 
Stadt gereinigt. Und der Gestank, den die Städter 
nicht merkten, erzeugte Krankheiten. 

In hohem Grade trug dazu auch die ideale Bau- 



362 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

art bei. Man hatte nämlich, statt die Häuser in 
Terrassen nach der Sonnenseite anzulegen, sie in 
langen Strängen gebaut, zwischen denen Fusssteige 
liefen; und zwar so schmal, dass nur wenige von 
den Einwohnern Licht in ihren Zimmern hatten. 
Wie bei gewissen Völkern, die in Tälern zwischen 
hohen Bergen wohnen, entstand auch hier eine 
Krankheit, die unter dem Namen Kretinismus die 
Funktionen des Gehirns ändert und den Idiotismus 
erblich macht. 

Die Städter wurden denn auch so kretinös, dass 
ein Bauer nicht verstand, was sie sprachen. Ihre 
Begriffe hatten sich so verwirrt, dass die, welche 
es dazu hatten, am Tage schliefen und nachts assen 
und tranken; was natürUch noch mehr Krankheiten 
hervorrief. 

Auf einen kleinen Platz zusammengedrängt, lagen 
sie sich beständig in den Haaren; was ja nicht 
wunderbar war, da sie sich gegenseitig ja stören, 
stossen und treten mussten. 

Der zunehmende Kretinismus hatte eine Hilflosig- 
keit zur Folge, die sich dem Zustande der Kind- 
heit näherte. Viele tausend Mark Gold musste man 
darum an Wächter zahlen, die unter dem Namen 
Polizei auf den Strassen umhergingen. Betrunkene 
nach Hause brachten, Überfahrene heimtrugen. Ohn- 
mächtigen Wasser holten, alle Hausnummern wuss- 
ten; sagten, wo der Barbier wohnte, wo Freuden- 
mädchen hausten, wo Feuer war und so weiter. 

In dieses Idiotenheim strömten vom Lande alle 
Burschen und Mädchen, die keinen Grundbesitz zu 
erben hatten. Die Burschen wurden als Sklaven 
angenommen, die Mädchen suchten Stellung als 
Sklavinnen oder warteten auf die Gelegenheit, ent- 
ehrt zu werden. In der Stadt war es nämhch für 
junge Männer schwer, sich zii verheiraten, und darum 



DIE INSEL DER SELIGEN 363 

wurden mit der Erlaubnis der Polizei und ihrer 
eigenen alle Mädchen entehrt; deren Kinder aber 
konnten keine Ansprüche auf eine Beschäftigung 
oder ein Amt machen. 

UnglückUch, wie die Städter waren, suchten sie 
beständig ein Heilmittel in alkoholischen Getränken, 
die an öffentHchen Orten genossen wurden. Bei 
jedem Genuss einer grösseren Menge Alkohol, der 
nur in männlicher Gesellschaft erfolgte, pflegte man 
ein besonderes Glas auf seine Frau, die zu Hause 
gebheben war, weil sie die Kinder nicht allein 
lassen konnte, zu trinken, und ein Glas auf die 
Häushchkeit, in der ein Bett und ein Weib warteten. 
Bei ganz grossen Berauschungen begann man da- 
mit, dass man ein grosses Glas Alkohol auf den 
König und eines aufs Vaterland trank, manchmal 
auch eins auf die reine Höllenlehre. 

Diese ganze Idealgesellschaft von dreihundert- 
tausend Menschen behauptete, für das Wohl de$ 
Volkes zu arbeiten. Ging man aber morgens vor 
die Tore und auf den Markt, wo die Bauern ihnen 
Proviant brachten, konnte man sehen, wer sie er- 
nährte. 

Als Ersatz bekamen die Bauern etwas Geld, das 
zur Steuer draufging ; ferner bekamen sie Ölgemälde 
zu sehen, Vorlesungen und Schauspiele zu hören, 
für die sie jedoch nie Zeit hatten; das war aber 
ihre eigene Schuld, denn es stand ihnen ja frei, sie 
zu hören, wann sie wollten, natürhch gegen be-* 
sondere Bezahlung. 

Femer bekamen die Bauern Lehrer, die sie die 
Höllenlehre und das Ruhmesbuch lehrten, natür- 
lich gegen besondere Bezahlung; und Sonntags 
kriegten sie Schelte vom Pastor, der ihnen sagte, 
sie seien grosse Sünder; man werde sie verschnei- 
den, wenn sie die Steuern nicht bezahlten. 



364 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Dies alles, das man die gesegneten Früchte der 
Bildung nannte, bekamen die Bauern (gegen be- 
sondere Bezahlung) dafür, dass sie Proviant in die 
Stadt brachten für die, die verhungern w^ürden, 
wenn eines Morgens die Bauern nicht zum Markt 
kämen. 

Und das Hessen sich die Bauern gefallen! 

In der Stadt aber gab es stets Arme und Miss- 
vergnügte, und dieser musste man sich schliesslich 
annehmen, denn sie v^urden gefährlich. Man richtete 
für sie allgemeine Barmherzigkeitshäuser ein, die 
Gefängnisse hiessen; darin stellte man Versuche 
an, von wie wenig ein Mensch leben könne. Und 
als man das heraus hatte, entdeckte man, dass die 
Arbeiter schlemmten. 

Als sich die Arbeiter zu arbeiten v/eigerten, denn 
die Arbeit war frei, wurde die Arbeit unfrei ge- 
macht, und man zwang sie mit Waffengewalt zur 
Arbeit. 

Als schliesslich das Missvergnügen und die Gä- 
rung zu gross, die Steuern unerträgHch wurden, 
und man die ganze Schuld auf den Regenten warf, 
erfand dieser ein neues Regierungssystem, das nach 
vielen Umständen unter dem Namen parlamentari- 
sches System oder Verantwortungssystem ange- 
nommen wurde. 

Wie eine Menge Zeitungsredakteure durch das 
Gesetz über die Druckfreiheit gezwungen wurden, 
es dadurch zu umgehen, dass sie sogenannte Ver- 
antwortliche an ihre Stelle setzten, so wählte der 
König nun Minister aus, welche die Verantwortung 
für seine Dummheiten übernahmen. Dadurch war 
der König gegen jede Anklage geschützt. 

Die Verantwortung aber war nicht so gefährlich; 
ein Minister, der eine königliche Dummheit hatte 
auf sich nehmen müssen, erhielt den Abschied als 



DIE INSEL DER SELIGEN 365 

Landeshauptmann und Ordensritter. Diese verant- 
wortlichen Stellen waren infolgedessen sehr ange- 
nehm und sehr begehrt. 

In innigem Zusammenhang damit stand das 
Schwätzersystem oder die parlamentarische Regie- 
rungsart. Ein Haufe reicher Leute trat einmal im 
Jahr zusammen und suchte durch schlaue Reden 
das nächste Opfer auszuersehen, dem eine neue 
Steuer auferlegt werden sollte. Wenn sie einander 
zu schlau waren, einigten sie sich im guten, ent- 
weder einander keine neue Steuer mehr aufzuerlegen, 
oder sie tauschten und schacherten auch mit Steuer- 
lasten. 

Ein eigentümliches und in seiner Art gutes Bei-» 
spiel dieser Regierungsart war der parlamentarische 
Akt, der das Gerbereigewerbe behandelte. 

Sechs Geroer hatten fünfundzwanzig Jahre lang 
schlechtes Leder zu teuerem Preise gemacht. Eines 
schönen Tages nahmen sich die Jäger, die noch in 
der Nachbarschaft lebten, vor, gutes Leder zu billi- 
gem Preise einzuführen; das Volk jubelte über die 
Neuigkeit; die sechs Gerber aber, die in der Rede- 
kammer oder Parlament sassen, stellten den Antrag, 
Zoll auf das Leder der Jäger zu legen. Die ein- 
heimische Industrie müsste geschützt, die Landes- 
kinder dürften nicht aufgefressen werden usw. 

Sie setzten den Zoll durch! Wegen dieser sechs 
Gerber musste das Volk weiter schlechtes Leder 
zu teuerem Preise kaufen. 

T)iese Art hiess Schutzzoll, weil dadurch das Pri- 
vatinteresse auf allgemeine Kosten geschützt wurde. 

Der verantworthche Minister aber hielt die Ge- 
legenheit für günstig, einen Landeshauptmannsposten 
zu übernehmen ; heuchelte also grossen Verdruss und 
ging; erhielt die Stelle und zugleich den Cherubim- 



366 KLEINE HISTORISCHE ROMANE 

Orden, der sonst nur grossen Männern als Beloh- 
nung verliehen wurde. 

Aber das Traurigste von allem war, dass der 
Kretinismus nach und nach ein angeborenes Ge- 
brechen wurde wie die körperlichen Schwächen. 
Die Kretins, die sich den Intelligenzkreis (von in- 
telligere, einsehen) nannten, weil sie ihren Kretinis- 
mus nicht einsahen (lucus a non lucendo), waren 
allmählich so entartet, dass sie das Bewusstsein 
von ihrer Gehirnerweichung verloren und im Gegen- 
teil die Weisesten des Staates zu sein glaubten. 

Da sie die Kriegsmacht zu ihrer Verfügung hatten, 
begann die Gesellschaft beinahe einem Irrenhause 
zu gleichen, dessen Patienten sich empört und ihre 
Ärzte und Wächter eingesperrt hatten. Es kam zu 
den tollsten Auftritten. 

In der Redekammer wurden in vollem Ernste 
solche Ansichten verfochten, dass Atlantica, so 
hiess das Reich jetzt, obwohl es nur fünfzigtausend 
Krieger besass, sich gegen Aquilonia oder irgendein 
anderes Reich verteidigen könne, das zwanzigmal 
so viel Krieger zählte. 

Ein ander Mal verfocht man mit Erfolg die An- 
sicht, die Gesellschaft werde zusammenstürzen, 
wenn das Volk nicht gewissen Komödianten Steuer 
bezahlen wolle. 

Wieder ein Mal sollte der Staat in Gefahr sein, 
wenn das Volk einem Herrn, der eine grosse An- 
zahl Käfer an Zinknadeln aufgespiesst hatte, nicht 
Gehalt und Professur gebe. 

Die Folge davon, dass der Kretinismus jahraus 
jahrein gepflegt, bezahlt und begehrt wurde, war 
allmählich die, dass viele Unglückliche Kretins zu 
werden wünschten, um Ehre und Geld zu erhalten. 
Auch sollte der Kretinismus jetzt durch die Schulen 
verbreitet werden; das ging aber nicht so schnell, 



DIE INSEL DER SELIGEN 367 

denn das Volk hing mit der Erinnerung noch an 
dem Alten, das manches Vernünftige besessen hatte, 
ob es auch in vielen Stücken schlechter war. Wenn 
sie aber immer und immer wieder sahen, wie man 
nur dadurch Ansehen bekam, dass man die Ansichten 
der Mächtigen teilte, mussten sie gegen ihren Willen 
die anerkannten Ansichten wenigstens aussprechen, 
wenn sie sie auch nicht hegten; und als sie sich 
schliessHch zu der Meinung der Oberen hinauf- 
gearbeitet hatten, waren diese Gedanken bereits 
alt geworden. 

Es herrschte also eine unaufhörliche Hetzjagd, 
eine ewige Reibung und Unruhe in der Gesellschaft 
und ein niemals ermüdendes Mißvergnügen. Und 
wenn sich die Ohnmächtigen in Masse gegen die 
Mächtigen erhoben und ihnen die Macht raubten, 
erneute und wiederholte sich sofort das Alte; die 
eben unterdrückt gewesen, sahen sich nach der Er- 
hebung Unterdrücker werden. Das hätten sie sich 
nicht träumen lassen! 

Da werfen sich alle Denkenden mit Wut über 
die Frage der Verbesserung der Gesellschaft, und 
eine Menge Sekten entstehen, die ein heiliger Eifer 
entflammt, zu jedem Preise dem Unglück, der Not 
und dem Streite ein Ende zu machen. 

Eine Sekte, Maulwurfsfellschule genannt, verfocht 
die Ansicht, die Gemeinde müsse in Ruhe wachsen 
wie eine natüriiche Wiese, auf der Kraut und Un- 
kraut um die Bissen kämpfen müssten, auch auf die 
Gefahr hin, dass das Unkraut als das Stärkere herr- 
schen werde. 

Eine andere, die Gesellschaftler oder Vögelchen- 
schule, erstrebte einen allgemeinen Zusammenschluss 
der Kleinen, Kranken, Schwachen, Dummen und 
Trägen; das Recht der Schwachen, die Stärkeren 



368 JCLEINE HISTORISCHE ROMANE 

ZU unterdrücken, sollte die Heiligkeit eines Grund- 
gesetzes haben. 

Eine dritte Sekte, genannt die Quatschoman en, 
war der Ansicht, die einzige Rettung liege nicht in 
einer Lösung der Fragen, die unlösbar seien, son- 
dern in einer Generalsprengung des ganzen Planeten 
Tellus; als geschaffen aus nichts, werde er sicher 
zu seinem Ursprung zurückkehren. 

Während diese und andere Sekten um die Ober- 
herrschaft kämpften, blieb die Gesellschaft beim 
Alten, suchte in der Vergangenheit Beweise für die 
unvergleichliche Güte der Gegenwart, nahm ältere, 
abgelegte Formen wieder auf, diktierte Beschlüsse 
und machte Gesetze. 

Noch nie hatte eine solche Eintracht unter den 
leitenden Männern geherrscht, die deshalb der An- 
sicht waren und beweisen Hessen, dass dies die 
wahre Insel der Seligen sei, während die Regierten 
immer mehr in ihrem alten Glauben bestärkt wurden, 
dass es ganz sicher die Insel der Unseligen sei. 



ÜBERSICHT 

TSCHANDALA 

1. Das Gut Bögely 3 

2. Die Hausbewohner 17 

3. Der Diebstahl .27 

4. Beim Nachbar 47 

5. Adjunkt Bureus 59 

6. Magelone 73 

7. Der Kampf mit dem Barbaren 93 

8. Beim Richter 115 

9. Die Laterna Magica 139 

10. Der Tod des Paria 153 

EINE HEXE 

1. Thekla Degener 165 

2. Die Konfirmation 173 

3. Wechselfieber . . . . , 183 

4. Der Jüngling 191 

5. Die Pfingstfahrt 201 

6. Der Tod der Mutter . ^ 213 

7. Fräulein Ebba ...?'•...... 221 

8. Schloss Sandemar . . 7 237 

9. Baron Magnus 255 

10. Die Hexe 267 

DIE INSEL DER SELIGEN 

1. Die Ausfahrt 283 

2. Die Insel der Seligen 291 

3^Der Verlust des Gedächtnisses 299 

4. Der Untergang der Insel 305 

5. Die Insel der Unseligen . . . . . .315 

6. Die ersten Erfindungen 321 

7. Gesetze und Strafen 327 

8. Schule und Moral 339 

9. Wissenschaft und Kunst 349 

10. Stadt und Land 361 



Druck : Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn. 



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